Anti-Ökonomisierung – Die neue romantische Schwärmerei

Warum ist Ökonomisierung eigentlich von den Darmstädter Wortfetischisten noch nicht zum Unwort des Jahres benannt worden? Ich meine das durchaus ernst. Wer die Agenda der Gutheit vertreibt, wie dies die Darmstädter für sich in Anspruch nehmen, muss auch etwas an dem Begriff “Ökonomisierung” auszusetzen haben – oder? Tieck tickÖkonomisierung beschreibt nämlich für die deutsche Seele die Abkehr von der Reinheit, reiner Reinheitsbeziehungen, die reiner als rein sind, also altruistisch, selbstlos, ohne Eigeninteresse, liebevoll, caring, sozial, helfenden und wie die ganze Litanei weitergeht. Der Nukleus all dieser reinen Liebesbeziehungen, die deutsche Romantik des 21. Jahrhunderts, ist nicht mehr in der Natur, im Wald oder in der grünen Au zu finden, in der der schwache und gesellschaftlich verunreinigte Mensch eins wird mit der Natur und seine Rationalität beim Hören des Gebirgsbächleins aufgibt, um nackt über die Wiese zu hüpfen und “Heisa” zu rufen, sondern in der Reinheit des Sozialen am besten symbolisiert im Kindlein. Das Soziale unbeschmutzt von Gesellschaft und Interessen, ist die neue Natur der neuen Romantik des 21. Jahrhunderts. Ihm gehört alle Aufmerksamkeit. Es ist das Reine, das Anti-Rationale, dem die Ökonomisierung mit all ihren rationalen Interessen gegenübersteht.

Ökonomisierung zerstört die romantische Idylle, sie bringt Interessen ins Spiel. Sie zerstört den schönen Schein und hat die Realität zum Gegenstand. Sie weckt den Träumer und holt ihn zurück in die Welt seiner täglichen Bedürfnisse, die nun dummerweise gar nicht von fliegenden Gurken bevölkert ist. Und weil niemand gerne und abrupt geweckt werden will, richtet sich der ganze Ärger, der sich an den Bedingungen des Daseins entzündet und die Notwendigkeit von Arbeit zur Lebenserhaltung zum Gegenstand hat, gegen die “Ökonomisierung”.

DonorAwarenessWeek2012Die Ökonomisierung, so weiß die Wikipedia, die immer auf dem neuesten Stand ideologisch verbrämter Weltbetrachtung ist, “bezeichnet die Ausbreitung des Marktes samt seinen Prinzipien und Prioritäten auf Bereiche, in denen ökonomische Überlegungen in der Vergangenheit eine eher untergeordnete Rolle spielten bzw. die solidarisch oder privat organisiert waren. Das führt dazu, dass die Wirtschaft in andere Subsysteme (Familie, Medien, Politik, Recht, Medizin, etc.) vordringt und dort ihre spezifischen Operationen vornimmt”.  Wie furchtbar diese Ökonomisierung sozialer Beziehungen doch sein muss, zeigt ein Blick auf das, was an deutschen Universitäten PakiKidneysgelehrt zu werden scheint, ein Blick, den man am besten anhand dessen vornimmt, was im Grin-Verlag an studentischen Ergüssen veröffentlicht wird. So weiß Karina Müller von der “Ökonomisierung der Sozialen Arbeit” zu berichten. Timo Evers hat gar die “Ökonomisierung der Moderne” untersucht. Abermals die “Ökonomisierung der Sozialen Arbeit” haben Klaus B. Oker und Klaus Bäcker in einer gemeinsamen (!) Diplomarbeit bearbeitet. Michael M. Fleißer hat die “Ökonomisierung der Jugendarbeit” zu beklagen, Brit Fender abermals die “Ökonomisierung der Sozialen Arbeit”, Guido Diederich ist über die “Ökonomisierung des Lebens(wertes) von Menschen mit Behinderung” schockiert, Michael Mayerosch fragt sich, was passiert, wenn “Bildung zur Ware wird” usw. Wissenschafliche Publikationen sind erstaunlich unison: Jens Bergmann fragt sich und seine Leser “Ökonomisierung des Privaten?”, Edwin Czerwick sieht eine Ökonomisierung des Öffentlichen Dienstes, Sabine Lederle schreibt über die Ökonomisierung des Anderen und Lukas Slotala über die Ökonomisierung der Sozialen Pflege. Dies alles macht sehr deutlich, dass der Neue Fetisch, den die Romantik des 21. Jahrhunderts anbetet, der Fetisch des reinen Sozialen ist.

Das reine Soziale wiederum beschreibt menschliche Beziehungen bar jeglichen Kalküls. Die Pflege, um des zu Pflegenden willens, die öffentliche Bürokratie um der Bürger willen, die ärztliche Behandlung um der Patienten willen, die soziale Arbeit um der sozial Bearbeiteten willen. Man merke: Reinheit erfordert Altruismus und keine interessengeleiteten Hintergedanken, so dass die soziale Leistung unbefleckt bleibt. Um den Schein von Reinheit und Unbeflecktheit, die Illusison einer Möglichkeit sozialer Beziehungen ohne ökonomischen Unterton aufrecht zu erhalten, sind deutsche Neo-Romantiker bereit, so ziemlich alles zu übersehen. Ärtze, die mit Organen handeln, ändern nichts daran, dass der Dienst an der Gesundheit, ein emotionaler und sozialer Dienst bar ökonomischer Gedanken ist. Altenpfleger, die Alte mehr quälen als pflegen ändern nichts daran, dass die Bediensteten in der Altenpflege alle reine und hingebungsvolle Menschen sind, die ihren Beruf aus Liebe zu den Alten und nicht aus Erwerbszwecken gewählt haben. Und natürlich sind alle diejenigen, die es zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben, sich um soziale Problemfälle zu kümmern, Streetworker, Pädagogen, Lehrer, Kindergärtner, Zirkusclowns und vor allem Beschäftigte im Ministerium für FSFJ nur deshalb in ihrem Beruf, weil sie die Arbeit mit Kindern (Senioren, Straffälligen, Drogensüchtigen usw.) lieben und natürlich nicht, um ihre ökonomische Interessen zu befriedigen.

sea-monsterDer Mythos vom selbstlosen, nicht ökonomisch-interessierten Menschen ist, wenn man so will, die inhaltliche Bestimmung, die der Fetisch des Sozialen erfährt. Und, wie uns der Ausschnitt aus der Wikipedia, der oben zitiert wurde, lehrt, ist der Teufel, der Feind, derjenige, der das Soziale entsozialisiert und zur Ökonomisierung verurteilt, der Markt. Der Markt ist eine Krake, die aus den Tiefen kapitalistischer Meere auftaucht, um die Barken des sozialen Glücks zu kapern und in seine Tentakeln zu nehmen. Der Markt, so weiß wiederum Wikipedia dieses Mal in erstaunlicher Klarheit, ist ökonomisch betrachtet ein Ort, an dem Angebot und Nachfrage zusammentreffen und, so liest man weiter, soziologisch betrachtet, ist er der Ort, an dem Tausch als soziale Interaktion zu finden ist.

Beiden Bestimmungen ist gemeinsam, dass etwas getauscht wird. Wenn nun aber Markt einen Ort oder eine soziale Handlung des Tausches beschreibt, dann fragt man sich, was an der Ökonmisierung, die als Ausbreitung ökonomischer Prinzipien auf andere gesellschaftliche Bereiche definiert ist, so schlimm ist. Ja, was nur? Wer lang genug nachdenkt, kommt zu dem Schluss, dass es mit Effizienz zusammenhängen muss. Ökonomen behaupten, dass Märkte effizient in der Allokation von Ressourcen sind (Eugene Fama zum Beispiel), und in jedem Fall effizienter als staatliche Lenkung. Entsprechend kann man die Methode und die Effizienz der Methode, mit der Ressourcen zugewiesen werden, als erstes Kriterium identifizieren, das den Neo-Romantikern des 21. Jahrhunderts ideologische Probleme bereitet. Ein weiteres Kriterium ist die oben bereits angesprochene Behauptung, dass in nicht von Märkten durchdrungenen Bereichen der Gesellschaft, im Sozialen, keine Interessen, sondern reiner Altruismus herrscht, eine Behauptung, die von denen aufgestellt wird, die regelmäßig vom angeblichen Altruismus profitieren, was nicht nur oberflächlich betrachtet ein Widerspruch ist. Schließlich wurden Märkte als Orte des Tausches bestimmt, des ökonomischen oder sozialen Tausches. Die nicht-Markt-Bereiche des Sozialen müssen entsprechend Orte sein, an denen nichts getauscht wird, was mit dem Mythos vom Altruismus vereinbar ist, der den sich aufopfernden Helfer dem das Opfer dankbar entegegen nehmenden zu Helfenden gegenübersieht.

effizienzUnd damit bin ich zurück zur romantischen Schwärmerei, die den Anfang dieses posts gemacht hat. Es ist (1) offensichtlicher Unfug, wenn behauptet wird, in sozialen Beziehungen fände kein Tausch statt. Jede Interaktion zwischen Individuun ist ein irgendwie gearteter Tausch von was auch immer. Soziales Handeln wurde von Max Weber nicht umsonst als auf andere gerichtetes Handeln definiert. Ohne Tausch und andere Menschen gibt es kein “Soziales”. Wenn aber (2) in sozialen Beziehungen getauscht wird, dann sind notwendig Interessen an diesen sozialen Beziehungen beteiligt und das ist mit dem Altruismus, der so gerne in Anspruch genommen wird, regelmäßig von Personen, die mit z.B. Sozialarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen, nicht vereinbar. Jeder, der an einer sozialen Beziehung teilnimmt, verfolgt damit ein ureigenes Interesse. Somit bleibt (3) die Allokation von Ressourcen, und über die Frage, ob Märkte oder gelenkte Systeme besser sind, wenn es um die Allokation von Ressourcen geht, streite ich nicht mehr. Die Beispiele sozialistischer Experimente, die nur Armut und Elend über der Erde verbreitet haben, sollten hier genügen und da selbst öffentliche Behörden unter dem Stichwort des New Public Management versuchen, die eigene starre und ineffiziente Bürokratie mit ökonomischen Prinzipien zum Funktionieren zu bringen, ist jede Diskussion unnötig.

Was bleibt also für diejenigen, die die Ökonomisierung beklagen? Nichts. Nur irrationale Schwärmerei, die sich soziale Beziehungen wünscht, die nicht auf Tausch und Effizienz gerichtet sind. Aber warum sollte man das wollen? Warum sollte man sich soziale Beziehungen wünschen, die nicht effizient sind, und die entsprechend im besten Fall keinen Nutzen haben (und im schlechtesten Fall mindestens einem daran Beteiligten schaden)? Eine Antwort, die mir dazu einfällt: Weil es dann möglich ist, Menschen auszunutzen, denn soziale Beziehungen, die nicht an Kriterien von Effizienz und Tausch gemessen werden, sind asymmetrische Beziehungen, die nur einem daran Beteiligten etwas bringen. Entsprechend muss man die Frage verändern und nunmehr fragen: Wer hat ein Interesse daran, dass soziale Beziehungen nicht auf ihre Effizienz und nicht auf ihren Tauschnutzen für alle daran Beteiligten hin bewertet werden? Die Antwort auf diese Frage, stelle ich den Lesern dieses blogs anheim: Füttert mich mit Euren Antworten, damit meine Vorleistung in einem effizienten sozialen Austausch endet, von dem auch ich etwas habe (bitte in der entsprechenden Form, siehe: Grundsatzprogramm).

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