ScienceFiles-Kommentar: Schwaben-Bashing – Darauf haben Hysteriker gewartet

Derzeit ist ein Teil von Polit-Deutschland empört. „Flugblatt weckt üble Erinnerungen“, heißt es im SWR und Klaus Sturm, seines Zeichens ein Berliner weiß: „Auch Schwaben sind Berliner“. Anlass für die üblen Erinnerungen Schwabenhassund den Sturm-Kommentar gegen „Schwabenhass“, ist ein Flugblatt, das nach Erkenntnissen des SWR „offenbar bereits seit Monaten … im Umlauf“ ist, und zwar in Berlin.

Im Flugblatt werden Schwaben als „gierig, geldgeil und ohne Skrupel“ beschrieben. Der Schwabe, so zitiert der SWR weiter, falle „wie Ungeziefer über unschuldige Berliner her“, zwinge sie unter seine Gewaltherrschaft, habe dabei seine Klauen im Weltmarkt und bedrohe nun die kulturelle Identität des Berliner Kiezes.

Nicht genug mit diesem Flugblatt. In der Nacht zum Samstag (4. Mai) haben Unbekannte im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg den Boykottaufruf „Kauft nicht bei Schwab’n“ „mit Farbe an die Wand geschmiert“. Es ist dies wohl das erste Grafiti, das in kürzester Zeit republikweite Bekanntheit erreicht hat. Berlins Bürgermeister Wowereit hat das Grafiti als „unsägliche Aktion, für die es keine Begründung gibt“, bezeichnet, und Frank Henkel (CDU) brilliert in der SWR-Meldung mit seinen Ortskenntnissen und der davon ausgelösten besonderen ad-hoc Betroffenheit, steht doch ein anderer Anti-Schwaben-Spruch (Schwabe verpiss Dich!) in nur 200 Metern Entfernung zu einer Synagoge.

Bei so viel ad-hoc Hypothesen und Betroffenheit ist es richtig wohltuend, dass der Redakteur, der üble Erinnerungen angesichts des Anti-Schwaben-Flugblattes hatte, sich am Ende seines Textes noch zu zwei Sätzen durchringen kann, mit denen er versucht, eine rationale Erklärung für das Schwaben-Bashing zu geben:

Der anonyme Unmut regt sich gegen die Schwaben, weil sie angeblich die Besonderheiten des Stadtviertels [Prenzlauer Berg] verändern und die Preise auf dem Wohnungsmarkt in die Höhe treiben. In Berlin leben schätzungsweise 300.000 Schwaben.

Soweit, so gut.

Es ist ganz sinnvoll, die Fakten einmal von der Bewertung zu trennen.

capitalistAnscheinend gibt es in Berlin Witzbolde, die ein Flugblatt verbreiten, das mit „Stoppt die Schwaben“ überschrieben ist, und in dem „der Schwabe“ als gierig, geldgeil, skrupellos, als Ungeziefer und den Berlinern überlegen dargestellt wird (sonst wäre er keine Gefahr und könnte sich nicht gegen Berliner durchsetzen), als internationaler Großkapitalist der dem Berliner Kiez wesen-, weil kulturfremd ist. Die Art der Stereotypisierung und die dazu verwendeten Symbole, lassen wenig Zweifel darüber zu, in welchem ideologischen Umfeld sich die/der Urheber dieses Flugblattes bewegen/bewegt. Und hätte es nicht „die Schwaben“, sondern „die Banker“ getroffen, die allgemeine Aufgeregtheit, die nunmehr durch die öffentlichen Medien pulsiert, hätte sich in engen Grenzen bewegt, so es sie überhaupt gegeben hätte.

Aber: Dieses Flugblatt kursiert nach Erkenntnissen des SWR schon seit Monaten in Berlin. Bislang war es dem SWR nicht berichtenswert, oder seine Wirkung war so begrenzt, dass außerhalb des Prenzlauer Berges kaum jemand etwas davon wusste. Und mit einem Mal ist alles anders: Ein Grafiti macht es möglich: „Kauft nicht bei Schwab’n“ hat geschafft, was „Stoppt die Schwaben“ nicht geschafft hat, es hat öffentliche Aufmerksamkeit erreicht. Und quasi im Huckepack des Grafiti erfreut sich jetzt auch das „Stoppt die Schwaben“-Flugblatt einer erhöhten öffentlich-rechtlichen Nachfrage.

Und weil es von der öffentlichen Aufmerksamkeit bis zur öffentlichen Erregung und Hysterie nur ein kurzer Weg ist, finden sich nun alle chronisch sich-in-Öffentlichkeit-Aufregenden ein, um die „unsägliche Aktion“ als „nicht begründbar“ zu bezeichnen [Ich wette, die Aktion ist begründbar, und ich wette, Herr Wowereit kämpft hier mit der deutschen Sprache und meint „nicht zu rechtfertigen“ oder so etwas. Es ist ja auch nicht leicht, die eigene Betroffenheit über ständig wechselnde Inhalte ständig in die richtigen, aber nicht immer selben Worte zu fassen. Das überfordert Kognition und das Betroffenheitszentrum im Gehirn, das manche zu haben scheinen.], die örtliche Nähe zu einer Synagoge [ich wusste gar nicht, dass Schwaben in Synagogen gehen] zu lamentieren und lauthals zu verkünden: Auch Schwaben sind Berliner … Schwaben mögen Schwaben sein, aber sie sind dennoch Berliner, so kann man diesen logischen Unfug weiterführen.

Und damit die richtige Ernsthaftigkeit beim Leser geweckt wird, das richtige Maß an Entrüstung und Hysterie erreicht wird, hat man beim SWR eine ganz besondere Wortwahl parat: „In Berlin ist nach SWR-Recherchen offenbar bereits seit Monaten ein Flugblatt im Umlauf, in dem Unbekannte gegen Schwaben hetzen. Der Aufruf mit dem Titel „Stoppt die Schwaben“ überschreitet alle satirischen Grenzen und hinterlässt mehr als einen bitteren Beigeschmackt“ [Die Karriere, die das Verb „hetzen“ in den letzten Jahren gemacht hat, ist wirklich erstaunlich und die Nominalverbindungen, die „hetzen“ eingeht, sind schier ohne Grenze, es soll sogar schon „Hetzblogs“ geben.]

Was ist mehr als ein bitterer Beigeschmack? Wie steigert man bitteren Beigeschmack? Aber lassen wir das und kommen wir zu dem, was alle die sich jetzt aufregen, mit all jenen, über die sie sich aufregen, gemeinsam haben: Ihren Kollektivismus und ihre Lust zu stereotypisieren. Keiner der Aufgeregten stellt die Prämisse der Aufreger in Frage, nach der „Schwabe“ eine zuordenbare Eigenschaft ist und „die Schwaben“ eine homogene Gruppe konstituieren.. Niemand fragt sich, wer „die Schwaben“, die gestoppt werden sollen, eigentlich sind. Niemand untersucht,  ob der Verfasser des Flugblatts nicht eine private Fehde mit seinem Nachbarn aus Schwaben ausficht, so wie der Grafiti-Schreiber eine neue Methode ausprobiert, um sich lästige Konkurrenz vom Hals zu schaffen. Allen teilen die Auffassung, dass man „die Schwaben“ identifizieren und ihr Verhalten homogenisieren könne.

StereotypeStereotypisierung, also die Bildung einer Gruppe und die Zuschreibung homogener Eigenschaften an alle Mitglieder der Gruppe, einigt Aufreger und Aufgeregte. Sie alle gehen davon aus, dass es die homogene Gruppe der Schwaben gibt. Sie unterscheiden sich lediglich in der Bewertung. Die Aufreger mögen wohl keine Schwaben, die Aufgeregten denken, sie müssten Schwaben jetzt mögen. Besonders skurril wird diese Gemeinsamkeit von SWR Redakteur Klaus Sturm ausgelebt, der von sich sagt: ich bin ein Berliner, weil er in Berlin geboren wurde, und weil er in Berlin geboren wurde, weiß er, was Berliner (alle Berliner) wirklich denken:

„Wir Berliner, also die, die wir in dieser Stadt geboren wurden und deren Eltern und vielleicht Großeltern auch schon dort geboren wurden, wir haben nun wirklich gar nichts gegen neue Leute in der Stadt, egal ob sie nun aus Schwaben, Bayern oder aus der Türkei kommen … Ich habe deshalb das ungute Gefühl, dass diejenigen, die am lautesten gegen die gerade aktuellen Neu-Berliner wettern und hetzen noch gar nicht ganz so lange dabei sind“.

Da haben wir den Salat. Weil Sturm sich im Grunde mit den Flugblatt-Verfassern einig ist, kann er sie nur inhaltlich, nicht formal verurteilen, und entsprechend fährt er die alte Abstammungslehre auf, die bereits die Nazis aufgefahren haben (galt nicht als Arier, wer mindestens in dritter Generation Deutscher ist?). Sind die „richtigen Berliner“ auf diese Weise erst einmal bestimmt, dann weiß uns Sturm mitzuteilen, dass die „richtigen Berliner“ selbst Schwaben, Bayern und Türken in ihrer Stadt begrüßen. Wer das nicht tut, ist kein richtiger Berliner (und wird es wohl auch nie). Berlin, so lernen wir weiter, ist nicht nur eine Abstammungs-, sondern eine verschworene Gemeinschaft, bei der man „dabei“ ist (, wenn man lange genug in Berlin lebt) und in der eine Zuzugshierarchie herrscht, die Schwaben, Bayern und Türken am unteren Ende sieht, aber selbst Schwaben, Bayern und Türken werden von richtigen Berlinern akzeptiert. Wie nett.

Es ist in der Sozialpsychologie seit Jahrzehnten bekannt, dass Stereotype und Vorurteile sich besonders häufig bei bestimmten Persönlichkeitstypen finden. In dieser Hinsicht kann man nur feststellen, dass die Flugblatt-Verfasser und der Grafiti-Ersteller sich mit denjenigen, die nun öffentlich ihre Stereotype und Vorurteile sowie ihre Erregung bloßstellen, gesucht und gefunden haben.