WHO-Strategie gegen Alkohol: Bars und Restaurants verbieten?

Angefangen hat alles gestern Abend, als ich über eine Studie mit dem Titel “Alcohol-selling outlets and mortality in Switzerland – the Swiss National Cohort” gestolpert bin. Bereits ein Titel, wie der vorliegende, legt OLYMPUS DIGITAL CAMERAmittlerweile meine Stirn in Falten. Das vor allem deshalb, weil ich Aggregatdatenanalysen oder von empirischen Analysen, die auf Basis von aggregierten Daten durchgeführt werden, nützlich finde. Und genau deshalb reagiere ich empfindlich auf Unsinn der mit Aggregatdaten angestellt wird, und die vorliegende Analyse von Adrian Spoerri, Marcel Zwahlen, Radoslaw Panczak, Matthias Egger und Anke Huss durchgeführt und in “Addiction” veröffentlicht, ist Unsinn.

Die Autoren haben viel Zeit und vermutlich auch viel Geld in die Analyse eines Zusammenhangs gesteckt, den man, würde man einen Moment lang nachdenken, nicht einmal im Traum untersuchen würde. Doch der Reihe nach.

Zunächst haben die Autoren Daten für 4 376 873 Schweizer zusammengetragen (aus dem Swiss National Census) und darunter für den Zeitraum vom 5. Dezember 2000 bis zum 31 Dezember 2008 8602 “alkoholbedingt” verstorbene Schweizer gefubdeb. Im nächsten Schritt haben sie Cox Regressionen berechnet, eine Form der Sterbetafelanalyse, mit der das Risiko für verschiedene Merkmalsträger unter Kontrolle bestimmter Faktoren berechnet werden kann, im vorliegenden Fall: “alkoholbedingt” zu versterben. Angesichts der Individualdaten, die die Autoren zur Verfügung hatten, hätte ich nun erwartet, dass sie versuchen die Lebensgewohnheiten, die Lebensbedingungen, den Lebensalltag zu modellieren, um z.B. herauszufinden, welche individuellen Faktoren das Risiko, “alkoholbedingt” zu versterben, erhöhen. Weit gefehlt.

Die Autoren haben sich Geo-Daten für die Örtlichkeit von Bars und Restaurants zusammengesucht und für jeden Schweizer in ihrem Datensatz untersucht, wie große die Dichte von Bars und Restaurants in seinem direkten Wohn-Umfeld ist, wobei sein direktes Wohnumfeld einen Umkreis von 1000 Metern hat. Sodann haben sie für jeden Schweizer berechnet, wie weit er laufen muss, um zur nächsten Bar, zum nächsten Restaurant zu kommen, sie haben ihre Individualdaten also aggregiert.

Und dann haben sie Cox-Regressionen gerechnet. Und was ist dabei herausgekommen? Wenig Überraschendes:

“…we observed that alcohol-related mortality was associated with the distance of an individual’s residence to the nearest alcohol-selling outlet as well as with the density of outlets in the immediate neighborhood” (8).

WelschDa diese Zusammenfassung immer noch da war, nachdem ich sie dreimal gelesen habe, muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass das wirklich die Konklusion ist, die die Autoren nach dem Einsatz von viel finanziellen und Zeit-Ressourcen gezogen haben. Das ist erstaunlich und überraschend zugleich, denn, was die Autoren hier messen, ohne es zu merken, ist ein klassisches Artefakt. Im vorliegenden Fall nennt man es “Stadt”. Städte haben die Angewohnheit, nicht nur Menschen zum dort leben anzuziehen, sondern auch alle Formen sonstiger Agglomerationen herzustellen. So finden sich selbst in schweizer Städten immer mehr Schulen, Universitäten, Läden, Supermärkte, Bäcker, Schwimmbäder, Krankenhäuser und eben auch Bars und Restaurants, als z.B. in Ulmitz oder Laupen. Das liegt in der Natur der Sache. Und da man in Ulmitz oder Laupen deutlich weiter laufen muss, um auch nur in die Nähe einer Restaurant- und Bar-Dichte zu kommen, wie die, die sich einem Berner bietet, ist es nicht verwunderlich, dass die Cox-Regression zeigt, dass mit der die Dichte von Bars und Restaurants die Anzahl der alkoholbedingt Verstorbenen steigt. Das hat auch damit zu tun, dass in Städten gewöhnlich mehr Leute leben als in einem Weiler im Berner Oberland. Insofern haben die Autoren hier ein astreines Artefakt produziert, das man mit der Entfernung zu und Dichte von Bäckern, Hautärzten, Parteizentralen und Universitätsangestellten jederzeit wiederholen kann. Wobei ich schon gern wüsste, wie die Autoren das Ergebnis interpretieren, dass sich die Dichte von Hautärzten und die Entfernung zum nächsten Hautarzt positiv auf die Wahrscheinlichkeit auswirkt, alkoholbedingt zu versterben. Aber lassen wir das. Viel interessanter ist, was die Autoren mit ihrem Artefakt machen.

Nun, sie merken gar nicht, dass sie ein Artefakt produziert haben und ziehen daher munter Schlussfolgerungen, die mich erbleichen lassen:

“Our study supports the recommendation by the World Health Organization that community-level interventions reducing alcohol outlet density are useful measures that complement existing interventions”.(8)

Genau das, was die Autoren hier behaupten, zeigen ihre Ergebnisse nicht. Sie zeigen lediglich, dass man durch die Abschaffung von Städten dazu beitragen könnte, dass man weiter laufen muss, um zur nächsten Verkaufsstelle von Alkohol zu kommen und vermutlich könnte man dann eine Cox-Regression rechnen, die zeigt, dass mit der Entfernung zur nächsten Verkaufsstelle das Risiko steigt, von einem Auto überfahren zu werden.

WHOLogoUnd wenn einem der Unsinn, den die Autoren hier verbreiten, nicht schon den Blutdruck in die Höhe getrieben hat, dann schafft das der Verweis auf die busybodies bei der Weltgesundheitsorganisation mit Sicherheit. Die guten Menschen dort sind ja täglich um unser aller Wohl bemüht und erfinden daher täglich neue Formen der Bevormundung. Eine besonders dreiste findet sich in dem 125 Seiten starken Bericht Evidence for the Effectiveness and Cost-Effectiveness of Interventions to Reduce Alcohol-Related Harm”, der von der WHO fianziert und veröffentlicht, sich der Frage widmet, wie man Menschen daran hindern kann, Alkohol zu trinken und auf den Seiten 65 bis 70 die Notwendigkeit, die Anzahl der Verkaufsstellen und deren Öffnungszeiten zu begrenzen, diskutiert. Am besten wir verbieten Bars und Restaurants und untersagen das Verkaufen von Alkohol in Supermärkten zwischen 8 Uhr morgens und 24 Uhr nachts.

Haben Sie eigentlich diese Herrschaften bei der WHO damit beauftragt, sich um Ihre Gesundheit zu kümmern und ihnen vorzuschreiben, was sie wo zu kaufen haben, wie leicht es ihnen fallen darf, an Alkohol heranzukommen und wie viel sie davon trinken dürfen? Ich kann mich nicht erinneren, einen entsprechenden Auftrag erteilt zu haben. Um genau zu sein, ich nehme es sehr negativ, wenn man versucht, mir Vorschriften darüber zu machen, wie ich mich zu verhalten habe. Und besonders negativ nehme ich entsprechende Versuche, wenn sie von selbsternannten Wächtern über meine Gesundheit und ihren willigen, wenngleich methodisch unfähigen Helfern an Universitäten kommen, wie im vorliegenden Fall.

Ich brauche weder die WHO noch Untersuchungen, die mir zeigen, wie einfach es ist, ein statistisches Artefakt zu schaffen. Entsprechend schlage ich vor, die WHO aufzulösen, den Autoren des hier verarbeiteten Beitrags Nachhilfestunden in Statistik zu geben und darüber hinaus jeden Versuch, in vorgeblich guter Absicht in das Leben anderer zu intervenieren, unter Strafe zu stellen. Wer es dennoch tut, muss eine Woche lang Werbefilme und Werbematerialien der WHO über sich ergehen lassen, die mit WHO-freundlichen angeblich wissenschaftlichen Beiträgen unterfüttert sind und anschließend wird er direkt in eine geschlossene Anstalt überführt, wo er sich dann mit der Mehrzahl der Mitarbeiter der WHO zum gepflegten Austausch zusammensetzen kann.

Und ich hoffe, dieser Vorschlag findet die Unterstützung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), denn immerhin sind es seine Mitglieder, denen es an die Existenzgrundlage geht, wenn die WHO und ihre Helfershelfer sich mit ihren abstrusen Forderungen durchsetzen können.

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