Was macht eigentlich die Antidiskriminierungsstelle?

Das haben wir uns gerade bei ScienceFiles gefragt. Anlass dafür, dass wir uns diese Frage gestellt haben, ist ein Beitrag, den wir vor einigen Tagen veröffentlicht haben und in dem die offene Diskriminierung von Männern in Ausschreibungen der Universität Bielefeld dargestellt wurde.

unibi_logoDie Universität Bielefeld gefällt sich derzeit ganz offensichtlich in der Diskriminierung männlicher Bewerber, was seinen Niederschlag in der folgenden sprachlichen Formulierung findet:

Für die Professur ist voraussichtlich eine Förderung durch das Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder möglich. … Die Stellenausschreibung dient der Berufung von Frauen, die noch keine W3-Stelle wahrnehmen.

Die entsprechenden Stellenausschreibungen finden sich hier und hier

Eine Stellenausschreibung, die ausschließlich der Berufung von Frauen dient, kann kaum als “offene Ausschreibung” bezeichnet werden, und vor allem kann sie nicht als Ausschreibung bezeichnet werden, die den Anforderungen des “Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG)” gerecht wird, heißt es doch in diesem Gesetz:

§1: Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts… zu beseitigen.

Man kann schwerlich argumentieren, dass die exklusive Ausschreibung einer W3-Professur nur für Frauen, keine Benachteiligung von Männern darstellt. Und in §2 Abs. 1 Satz 1 des AGG, heißt es:

Benachteiligungen aus einem in §1 genannten Grund sind nach Maßgabe dieses Gesetzes unzulässig in Bezug auf: 1. die Bedingungen, einschließlich Auswahlkriterien und Einstellungsbedingungen, für den Zugang zu unselbständiger und selbständiger Erwerbstätigkeit, unabhängig von Tätigkeitsfeld und beruflicher Position, sowie für den beruflichen Aufstieg”.

ADSSo wie man schwerlich argumentieren kann, dass die Bielefelder Ausschreibung keine Benachteiligung von Männern aufgrund ihres Geschlechts darstellt, so kann man schwerlich argumentieren, dass die entsprechende Benachteiligung nicht im Hinblick auf “Einstellungsbedingungen für den Zugang zu unselbständiger … Erwerbstätigkeit” erfolgt. Mit anderen Worten, die Ausschreibungen aus Bielefeld verstoßen gegen das AGG, und deshalb haben wir beschlossen, uns an unseren guten alten Bekannten Dr. Alexander Sopp zu wenden und ihn aufzufordern, dem männerdiskriminierenden Treiben an der Universität Bielefeld einen Riegel vorzuschieben.

Wir rufen alle auf, die sich für Gleichberechtigung in Deutschland oder auch nur für Rechtskonformität unserer öffentlich finanzierten Institutionen engagieren wollen, unseren im Folgenden abgedruckten, kurzen Text (man soll Beamte nie mit Text überfordern) zu kopieren oder ihn als Anregung für einen eigenen Text zu benutzen und ihrerseits an Dr. Sopp von der Antidiskriminierungsstelle zu schicken, und wer auf eine Unterstützerliste eingetragen werden will, möge uns zudem eine Email schicken.

Hier nun die Mail an Dr. Alexander Sopp:
email: Beratung@ads.bund.de

Sehr geehrter Herr Dr. Sopp,
wir bitten Sie in Ihrer Eigenschaft als Refrent im Referat Grundsatzangelegenheiten und Beratung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gegen die folgenden Stellenausschreibungen der Universität Bielefeld vorzugehen:

http://www.uni-bielefeld.de/%28en%29/Universitaet/Aktuelles/Stellenausschreibungen/wiss2026.html

http://www.uni-bielefeld.de/Universitaet/Aktuelles/Stellenausschreibungen/wiss2027.html

In beiden Ausschreibungen ist der folgende Passus enthalten:

“Für die Professur ist voraussichtlich eine Förderung aus dem Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder möglich (www.bmbf.de/foerderungen/20980.php). Die Stellenausschreibung dient der Berufung von Frauen, die noch keine W3-Stelle wahrnehmen.”

Damit wird männlichen Bewerbern eindeutig vermittelt, dass sie sich nicht zu bewerben brauchen, da für die Besetzung der Stelle nur weibliche Bewerber in Frage kommen, denn nur sie werden vom Professorinnenprogramm finanziert. Dies stellt einen eklatanten Verstoß gegen §1 und §2 Abs 1 Satz 1 des AGG dar und enthält für Sie von Amts wegen die Verhaltensaufforderung,  die Ausschreibung zu unterbinden.

Hilfsweise bitten wir Sie darum zu prüfen, ob bereits das Professorinnenprogramm einen Verstoß gegen das AGG darstellt, da durch das Professorinnenprogramm Positionen geschaffen werden, von deren Besetzung trotz gleicher Qualifikation Menschen männlichen Geschlechts bereits im vorhinein ausgeschlossen sind.

Mit freundlichen Grüßen,
Dr. habil. Heike Diefenbach
Michael Klein

Unterstützer

  • Prof. Dr. Günter Buchholz
  • Arne Hoffmann
  • Dr. Andreas Krausser
  • Robert Nitsch
  • Benjamin Rossmann
  • Stefan Schröder
  • Udo Steinbach
  • Marcel Theler
  • Carsten Thumulla

Werden wir immer dümmer? Untersuchung zeigt: Evolution der Intelligenz geht in die falsche Richtung

Über den Beitrag, den Michael A. Woodley, Jan te Nijenhuis und Raegan Murphy gerade in “Intelligence” veröffentlicht haben, kann bereits jetzt gesagt werden, dass sich die Geister an ihm scheiden werden. Der Beitrag ist mutig, er ist politisch unkorrekt, er greift ein heiles Thema auf, und er stellt einen Mythos, nach dem alles immer besser, größer und schöner wird, und natürlich intelligenter, in Frage. Doch der Reihe nach:

Der Beitrag ist mutig und greift ein heikles Thema auf.

Kein Zeitalter hat dermassen viele, große Veränderungen gesehen wie das Viktorianische Zeitalter von 1837 bis 1901.

“The Victorian era was a period of immense industrial, cultural, political, and military change in Western Europe marked by an explosion of creative genius that strongly influenced all other countries in the world.” (1)

Queen_VictoriaViele Grundlagen, von denen wir heute zehren, wurden im Viktorianischen Zeitalter gelegt, die Anzahl der Innovationen per capita, die im Viktorianischen Zeitalter zu verzeichnen sind, ebenso wie die Fortschritte in Wissenschaft und Technik sind bis heute unerreicht. Explodierende Bevölkerungszahlen in den westlichen Ländern haben im Viktorianischen Zeitalter nicht zu Hungersnöten geführt, und die Errungenschaften in Medizin und Hygiene die Lebenserwartung der Menschen massiv erhöht. Um diese Errungenschaften zu erreichen, ist – so die Autoren und ich vermute, niemand wird ihnen widersprechen – Intelligenz notwendig. Je intelligenter Menschen sind, desto produktiver, desto zielstrebiger und effizienter sind sie.

Vor dem Viktorianischen Zeitalter, so die Autoren weiter, war “Überleben” eine Frage von Intelligenz und sozialem Status. In evolutionistischem Klartext: Die Dummen und Armen haben seltener überlebt als die Reichen und Intelligenten. Diese Annahme muss man nicht teilen, aber man sollte sie einfach einmal hinnehmen, um die Reise, auf die die Autoren ihre Leser mitnehmen, auch genießen zu können.

Der Boom im Viktorianischen Zeitalter ist nach Ansicht der Autoren somit ein Ergebnis der soeben beschriebenen Eugenischen Fertilität. Mit der Zunahme der Bevölkerung, der Steigerung der Lebenserwartung und der Chancen, auch als nicht-Intelligenter zu überleben, stellt sich ein “dysgenic trend” ein:

“Dysgenic trends result from socially valued and heritable traits, such as intelligence, declining within populations over time due to the effects of selection operating against those traits” (2).

Mit anderen Worten, wenn sich die Lebensbedingungen in der Weise verbessern, dass auch nicht-Intelligente eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben, dann reduziert sich, auf Ebene der Gesellschaft die durchschnittliche Intelligenz, die Intelligenz “der Gesellschaft als Ganzer” wird geringer.

Der Beitrag gibt eine politisch unkorrekte Erklärung.

iq-test-megaUntersuchungen, die sich mit Intelligenz beschäftigt haben, sind über die letzten Jahrzehnte immer mit einem Paradoxon konfrontiert gewesen: Einerseits ergab sich auf der Ebene von Gesellschaften/Nationen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der so genannte Flynn Effekt, d.h. gesamtgesellschaftlich betrachtet, war eine Zunahme der Intelligenz zu verzeichnen, andererseits fanden Untersuchungen, die auf der Individualebene angesiedelt waren, aber den “dysgenic trend” in der Form, dass mit der Anzahl der Kinder und der Größe der Familien die Intelligenz, der IQ gesunken ist. Zudem konnten in einer Reihe von Analysen Indizien dafür gefunden werden konnte, dass Intelligenz zu 50% bis 60% vererbt wird. Folglich hätte die zu beobachtende Zunahme der Fertilität auch auf Ebene der Gesamtgesellschaft zu einem Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz führen müssen. Wo also liegt der Fehler?

Woodley, te Nijenhuis und Murphy geben eine politisch unkorrekte Antwort, die zu Kontroversen führen wird, aber vielleicht auch dazu, dass die demographischen Prozesse der letzten Jahrzehnte mit anderen Augen gesehen werden. Die Autoren gehen zum einen davon aus, dass bisherige Studien, Intelligenz nicht adäquat gemessen haben und zum anderen davon, dass der Zeitraum, der betrachtet wurde, z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg, zu kurz ist, um aussagekräftige Ergebnisse liefern zu können.

Entsprechend schlagen sie vor, Reaktionszeit als Maß für generelle Intelligenz zu werten:

“Reaction Time (RT) is in fact a biological marker of mechanisms fundamental to the operation of general intelligence, such as neurophysiological efficiency” (2).

IQ trainerDies ergebe sich aus einer Reihe von Studien, die die Autoren berücksichtigt haben und die große Gemeinsamkeiten zwischen Reaktionszeit und genereller Intelligenz aufgezeigt hätten. Die Operationalisierung von Intelligenz über die Reaktionszeit ermöglicht es den Autoren, auf einen Datensatz zurückzugreifen, in dem insgesamt 14 Untersuchungen zur Reaktionszeit enthalten sind, die den Zeitraum von 1884 bis 2004 überspannen. Über alle Untersuchungen rechnen die Autoren sodann eine “Meta-Regression” (gegen Zeit), die zu einem signifikanten Ergebnis gelangt, d.h. zeigt, dass die durchschnittliche Reaktionszeit in westlichen Gesellschaften von 1884 bis 2004 insgesamt von 194,06 Millisekunden auf 275,47 Millisekunden angestiegen ist und definitionsgemäß die durchschnittliche Intelligenz gefallen sein muss. Analysen getrennt nach Geschlecht ergeben für Männer eine Verlangsamung der Reaktionszeit von 183 Millisekunden (1884) auf 253 Millisekunden (2004) und für Frauen von 188 Millisekunden (1884) auf 261 Millisekunden (2004). Die Autoren fassen ihre Ergebnisse wie folgt zusammen:

“In the present study we used the data on the secular increase of simple RT described in a meta-analysis of 14 age-matched studies from Western countries conducted between 1884 and 2004 to generate estimates of the rate of IQ decline. The decline estimate of – 1.23 IQ points per decade from the present study falls within the range of those produced in previous studies employing the magnitude of the dysgenic effect on IQ as the basis for estimating declines.” (6)

Seit 1884 ist die durchschnittliche Intelligenz in westlichen Gesellschaften entsprechend den Berechnungen der Autoren um 14,8 IQ Punkte gesunken. Damit gibt das Ergebnis der Vorstellung, dass moderne Gesellschaften ihren Vorgängern in nahezu allen Belangen überlegen seien, einen heftigen Knick, und es verweist auf die Folgen sozialpolitischer Praktiken, die Fertilität zu einem Unterfangen machen, das jeder betreiben kann, ohne sich um die Folgen und vor allem die Kosten seiner Fertilität zu kümmern. Die Untersuchung von Woodley, te Nijenhuis und Murphy reiht sich somit in eine Diskussion ein, die vor allem in den USA unter dem Stichwort des Downbreading geführt wird und deren verschämte Ausläufer in Deutschland im Versuch, Akademikerinnen zur Fortpflanzung zu bewegen, zu finden sind.

PalusiMan kann eine Reihe von methodischen Fragen an die Untersuchung von Woodley, te Niejenhuis und Murphy stellen, z.B.: Wie wurden in den 14 Studien die Befragten ausgewählt? Wie akkurat und verlässlich ist eine Messung von Intelligenz über die Reaktionszeit? Aber man muss den Autoren in jedem Fall zu Gute halten, dass sie mutig genug waren, das heilige Kalb der Fertilität aufzugreifen und in seinen (unbeabsichtigten) Folgen zu beschreiben, man muss ihnen zu Gute halten, dass ihre Ergebnisse im Einklang stehen, mit den Ergebnissen, die regelmäßig eine mit der Kinderzahl abnehmende Intelligenz (auf welcher Meßebene auch immer) feststellen, und man muss ihnen zu Gute halten, dass sie im häufig tristen Alltag wissenschaftlicher Beiträge für einen bunten Schimmer gesorgt haben, einen Schimmer, den man zum Ausgangspunkt der Untersuchung einer Reihe von Fragestellungen nehmen kann, z.B. der folgenden

Der Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz geht mit dem Aufkommen moderner Staaten und vor allem der Einführung einer Schulpflicht einher. In welchem Zusammenhang stehen beide und welche Rolle spielt die Tatsache, dass die liberale Gesellschaftverfassung der Viktorianischen Zeit durch wenig liberale und als abwechselnd demokratisch bzw. totalitär bezeichnete Systeme ersetzt wurde?

Viel Food for Thought. Das zeichnet einen guten wissenschaftlichen Beitrag aus.

Woodley, Michael A., te Nijenhuis, Jan & Murphy, Raegen (2013). Were the Victorians Cleverer than Us? The Decline in General Intelligence Estimated from a Meta-Analysis of the Slowing of Simple Reaction Time. Intelligence (online fist). http://dx.doi.org/10.1016/j.intell.2013.04.006

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