Die Vorzüge des aufrechten Gangs (oder von Rückgrat)

scinexxBei Scinexx, dem Wissenschaftsmagazin, mit dem u.a. der Springer-Konzern seine wissenschaftlichen Zeitschriften bewirbt, findet man derzeit einen Beitrag, der unter dem dummen Titel “Warum Bonzen tatsächlich unehrlicher sind” steht. Der Titel ist nicht nur dumm und sagt mehr über den geistigen Zustand desjenigen aus, der den Beitrag auf Scinexx verfasst hat, er steht auch im krassen Widerspruch zu der Forschung, die im Anschluss berichtet wird. Bonzen, so wird im Titel suggeriert, seien unehrlicher, weil sie Bonzen sind, ein klassicher Essentialismus, wie man ihn in Deutschland häufig findet, ein Essentialismus, der mit einer bestimmten Geisteshaltung, aber nicht mit der Realität und schon gar nicht mit den Studien von Andy Yap und Kollegen vereinbar ist, von denen im Beitrag berichtet wird.

Wie gesagt, der Bericht bezieht sich auf Studien, die Andy Yap und nicht näher genannte Kollegen durchgeführt haben, über die sie in einem wissenschaftlichen Beitrag berichten, den sie, so behauptet es der Beitrag auf Scinexx, in Psychological Science, einer von Sage herausgegebenen Zeitschrift veröffentlicht haben. Allein, in Psychological Science findet sich kein entsprechender Beitrag, an dem Andy Yap beteiligt ist. Entsprechend muss man zunächst glauben, was auf Scinexx behauptet wird.

Zwei Experimente haben Yap und Kollegen durchgeführt:

  • In Experiment 1 haben sie 88 Passanten auf der Straße willkürlich ausgewählt und die Hälfte von Ihnen gebeten, eine kauernde, die andere Hälfte eine gestreckte Haltung einzunehmen. Versprochen haben sie den Passanten 4 Dollar, wenn sie das mitmachen, gegeben haben sie den Passanten aber nur 3 Dollar. Beschwert haben sich 78% der Passanten, die zuvor eine gestreckte Haltung eingenommen haben und 38% der Passanten, die zuvor eine kauernde Haltung eingenommen haben.
  • In Experiment 2 mussten Probanden ein Puzzle zusammenbauen, die Hälfte von ihnen musste sich dabei strecken, weil der Schreibtisch, auf dem das Puzzle zusammengebaut werden sollte, groß war, die andere Hälfte nicht. Die die sich strecken mussten, schummelten bei einem anschließenden Test häufiger als diejenigen, die sich nicht strecken mussten.
Power Yoga

Siehe “Warrior Pose I – III” – Virabhadrasana (Hinweis v. Dr. habil. Heike Diefenbach)

Diese beiden Experimente haben den Verfasser des Beitrags auf Scinexx zu dem Titel “Warum Bonzen tatsächlich unehrlicher sind” veranlasst. Der Titel mag im Einklang mit dem Zeitgeist stehen, er mag reißerisch sein, aber eines ist er nicht, eine akkurate Beschreibung der Ergebnisse der Experimente von Andy Yap und Kollegen, von denen ich hier einfach einmal annehme, dass sie richtig beschrieben sind. Diese Annahme scheint mir gerechtfertigt, denn die berichteten Experimente stimmen von der Versuchsanlage und vom Forschungsgegenstand in etwa mit dem überein, was Yap und Kollegen in der Vergangenheit geforscht haben.

So berichten Yap, Mason und Ames in der Zeitschrift “Journal of Experimental Social Psychology” von einem Experiment, in denen sie Probanden wahlweise sich machtvoll bzw. machtlos fühlen ließen. Dabei zeigte sich, dass Probanden, die sich machtvoll fühlten, systematisch die Größe einer Zielperson unterschätzten, während die Probanden, die sich machtlos fühlten, die Größe der Zielperson systematisch überschätzten.

Yap et alKritische Geister werden sich nun fragen, wie haben Yap und seine Kollegen Probanden sich machtvoll oder machtlos fühlen lassen. Diese Frage kann auf der Grundlage eines Experiments beantwortet werden, dessen Ergebnisse Carney, Cuddy und Yap im Jahre 2010 in Psychological Science veröffentlicht haben. Die rechte Abbildung zeigt vier Posen, die die Probanden einzunehmen gebeten wurde. Die beiden oberen Posen gelten dabei als “high-power” Posen, die beiden unteren als “low-power” Posen. Von Probanden, die eine der beiden oberen Posen eingenommen haben, wird nun erwartet, dass sie sich machtvoller fühlen, während die unteren beiden Posen zu einer Empfindung der Machtlosigkeit führen sollen.

In einem nachfolgenden Experiment wurde versucht, die Wirkung und die Konsequenzen der verschiedenen Posen zu bestimmen. Dabei zeigte sich, dass für “high-power” Poser einen Anstieg des Testosteronlevels und ein Sinken des Cortisol-Levels (Cortisol ist ein steroides Hormon, das z.B. bei Stress ausgeschüttet wird) zu beobachten war, die deutlich über dem entsprechenden Anstieg bei low-power Posern lagen. Gleichzeitig konnten Carney, Cuddy und Yap zeigen, dass die high-power Poser risikobereiter waren als die low-power Poser.

Aus ihren Ergebnissen leiten die Autoren folgende Schlussfolgerung ab:

“By simply changing physicial posture, an individual prepares his or her mental and physiological systems to endure difficult and stressful situations, and perhaps to actually improve confidence and performance in situations such as interviewing for jobs, speaking in public, disagreeing with a boss, or taking potentially profitable risks. These findings suggest that, in some situations requiring power, people have the ability to ‘fake it’ ’till they make it.’ Over time and in aggregate, these minimal postural changes and their outcomes potentially could improve a person’s general health and well-being”. (Carney, Cuddy & Yap, 2010, S.1367)

JammerlappenDas ist nun genau das Gegenteil, was der Schreiber bei Scinexx durch seinen dummen Titel suggerieren will. Es ist nicht so, dass Bonzen mehr Macht ausstrahlen, weil sie Bonzen sind und sich am Schreibtisch lümmeln, weil sie Bonzen sind, vielmehr haben die Ergebnisse von Yap und seinen Kollegen zum einen überhaupt nichts mit Bonzen zu tun und beschreiben zum anderen die umgekehrte Kausalität. Die Autoren sehen durch ihre Experimente die Aussage gerechtfertigt, dass die Körperhaltung, die man einnimmt, Auswirkungen auf das Niveau von Macht, das man fühlt, auf das Selbstbewusstsein in anderer Formulierung hat. Wer also den aufrechten Gang pflegt und Rückgrat beweist, ist selbstsicherer, sieht sich im Besitz von mehr Macht, hat ein größeres Vertrauen in sich und seine Selbstwirksamkeit und lässt seltener mit sich den Affen machen.

Also, Ihr Männer in der Männerbewegung, die ihr täglich jammert, wie übel Euch die Welt mitgespielt hat: Rücken gerade, Brust raus: Übt den aufrechten Gang und das Selbstbewusstsein kommt als Konsequenz gleich mit, wenn Yap und Kollegen Recht haben. Und all ihr Anonymen, die ihr Euch nicht traut, offen zu sagen und zu dem zu stehen, was ihr denkt, nicht immer gekrümmt vor dem Computer sitzen! Aufstehen! Strecken! Hinsetzen und die Dinge und sich selbst beim Namen nennen.

Nachtrag 1:

Dass die Körperhaltung einen Einfluss auf die Gesundheit, das Selbstbewusstsein oder die empfundene Macht hat, ist keine neue Idee. Die gesamte Lehre von Yoga beruht auf der Überzeugung, dass ein Zusammenhang zwischen körperlicher Haltung und Beweglichkeit und mentalen Fähigkeiten besteht (Hinweis von Dr. habil. Heike Diefenbach).

Nachtrag 2:

Die beschriebenen Vorzüge aus einem aufrechten Gang ergeben sich natürlich auch für all diejenigen, Möchtegern-Wissenschaftler, die derzeit denken, sie müssten die Wissenschaft dem Genderismus opfern und ihre Selbstbestimmtheit gegen Brownie-Points eintauschen, in dem sie der herrschenden Ideologie des Staatsfeminismus nach dem “Maul” schreiben. Mit dem aufrechten Gang, mag sich in diesen Fällen zuweilen gar eigenständiges Denken einstellen .

Carney, Dana R., Cuddy, Amy J. C. & Yap, Andy J. (2010). Power Posing: Brief Nonverbal Displays Affect Neuroendocrine Levels and Risk Tolerance. Psychological Science 21: 1363-1368.

Yap, Andy J., Mason, Malia F. & Ames, Daniel R. (2013). The Powerful Size Down. The Link Between Power and Estimates of Others’ Size. Journal of Experimental Social Psychology 49(3): 591-594.

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5 Responses to Die Vorzüge des aufrechten Gangs (oder von Rückgrat)

  1. Die Wissenschaft rettet man sicher nicht, indem man den Mist, den andere machen, säuberlich einsammelt. Das hat nämlich kein Ende. Selbst Maßstäbe setzen. Positive Entwicklungen zeigen oder selbst starten. Sonst geht nichts.

    Carsten

    http://www.nichtlustig.de/toondb/080116.html

  2. Exphilosoph says:

    Wieviele der Passanten aus Experiment 1 haben eigentlich das Kauerspiel mitgemacht? Ich könnte mir vorstellen, daß anteilig weniger beim Kauern als beim Aufrechtstehen mitgespielt haben. Und die, die es taten, waren vielleicht eine negative Auslese: Menschen mit geringerem Selbstwertgefühl, die sich eher zum Affen machen lassen. Stramm dastehen für 4 Euro ist sicherlich weniger entwürdigend und wird vielleicht auch eher von selbstbewußten Menschen mitgemacht. Das in der negativen Auslese schon vor dem Experiment geringere Selbstwertgefühl wäre dann bei der beobachteten geringeren Beschwerdequote mit zu berücksichtigen.
    Demgebegenüber steht die Beobachtung, daß besonders selbstbewußte Menschen gelegentlich weniger Probleme haben, lächerliche Dinge zu tun, da sie ihr Selbstwertgefühl aus sich selbst und nicht der Meinung anderer schöpfen.
    Solcherlei Experiment mögen durchaus interessant sein, aber die Interpretation ist so kompliziert, die Kriterien so weich, daß ich mich wundern muß, wie selbstverständlich Schlüsse gezogen und mit superlativen Schlagzeilen versehen werden.

    • A. Behrens says:

      Ja. 🙂

      Ähnlich zweifelhaft kommt mir das Auto-Experiment vor. Da ich ein jahrelang mit einem sehr großem Auto unterwegs war: Wenn man 300 PS hat und an Ampeln garantiert “gewinnt”, wird Rasen langweilig. Viel wichtiger sind andere Vorzüge großer Autos: Navi, Tempomat, Abstandsradar, Klimaanlage einschließlich Sitzheizung und -lüftung, perfektes Audiosystem, der Innenraum ist so leise, dass man Motor und Reifen nicht mehr hören kann. Also alles Sachen die dazu führen das Mensch sich entspannt.

      Das Dickschiffe auf Autobahnen schnell(er) unterwegs sind, hat eine einfache Ursache. Sie können es. Im Gegensatz etwa das Auto meiner Frau (ein Kia?). 120 km/h ist die Obergrenze.

      Wirkliche Raser sind aber nicht Schnellfahrer, sondern Leute die in gefährlichen Situationen (Baustellen, schlechtes Wetter) unangemessen schnell fahren. Und an Baustellen braucht es nicht viel PS um zu rasen.

      Nicht umsonst ist eine Vollkasko-Versicherung für die Golfklasse teurer als für etwa für einen viermal so teuren VW Phaeton.

      • Exphilosoph says:

        Es geht leider auch anders. Seitdem ich etwas stärker motorisiert unterwegs bin, fahre ich schon um einiges riskanter (aber auch mit mehr Freude).

        • A. Behrens says:

          Und was für ein Auto? Die Korrelation soll ja sein “Abstand Fahrer Windschutzscheibe” mit Unehrlichkeit.

          Die Stärke des Motors ist dabei erstmal gar nicht wichtig, auch wenn große Fahrzeuge meist einen starken Motor haben. Relevant ist aber primär die Größe des Fahrzeugs.

          Ansonsten: Bist Du jetzt unehrlicher als früher? (*)

          (*) Es gibt IMO Fragen, die zwar stellen kann, auch eine Antwort bekommt, aber die Antwort zwangsweise immer bezweifelt werden muss. Das ist eine davon.

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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