Studie zeigt: Work-Life-Balance ist ein Hirngespinst

Kinder sind ein öffentliches Gut geworden. Staaten kümmern sich darum, dass die private Entscheidung, ein Kind in die Welt zu setzen, von allen finanziert wird. Familienleben ist eine staatsbürgerliche Pflicht geworden. Staaten kümmern sich darum, dass Eltern ein ausgewogenes Dasein führen, ein Dasein im Gleichgewicht zwischen Arbeit und Familie. Arbeitsplätze sind zur Verfügungsmasse politischer Eingriffe geworden. Staaten intervenieren in Arbeitsabläufe und zwingen Unternehmen, Arbeitsplätze auf Eltern auszurichten und nicht etwa auf die vielen unverheirateten und kinderfreien Arbeitnehmer, die Unternehmen bevölkern. Kurz: Die Durchsetzung der staatsfeministischen Agenda, nach der sich uniforme Wesen an Arbeitsplatz und Kinderbett die Tür in die Hand geben und in exakt fifty-fifty geteilten Zuständigkeiten interagieren, ist in vollem Gange.

getting-your-work-life-balanceEines der Instrumente, die diese Dystopie herbeiführen sollen, verbirgt sich hinter dem englischen Begriff “Work-Life-Balance” und seiner deutschen Entsprechung “Vereinbarkeit von Beruf und Familie”. Der Vereinbarkeitsreligion werden jährlich Milliarden Euro geopfert. Gerade erst hat der Deutsche Bundestag 580,5 Millionen Euro für eine “[b]essere Vereinbarkeit von Familie und Beruf”, für den Ausbau von Krippenplätzen bereitgestellt. Nicht genug, wie die DGB Frauen finden, die ansonsten wissen, dass “[j]unge Frauen und Männer … Erwerbsarbeit und Familie vereinbaren wollen”, eine Kenntnis, die in erheblichem Widerspruch zur Geburtenrate steht, die mit gerundet 1400 Kindern auf 1000 Frauen nicht erst seit kurzem zu den niedrigsten Geburtenraten in Europa zählt. Ganz offensichtlich wollen nicht alle jungen Menschen, wie die DGB Frauen dies beschwören, Beruf und Familie vereinbaren.

Diese Realität hindert die Generalsekretärin der SPD, Andrea Nahles, nicht daran, die 30-Stunden-Woche für Eltern zu fordern, denn, wie die Generalsekretärin aus nicht benannten Quellen weiß: “Einerseits gibt es viele Frauen, die stärker aus ihrem Beruf rausgehen müssen, als sie es wollen. Und wir haben auf der anderen Seite Männer, die gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen würden.”

Wie gesagt, ich weiß nicht, woher Frau Nahles ihre Informationen bezieht. Ich will auch nicht ausschließen, dass es den Papa gibt, der gerne weniger arbeiten will und die Mama, die gerne mehr arbeiten will, irgendwo wird es die beiden schon geben, die Frage ist indes, gibt es mehr von den beiden und wenn ja, wieviele, und vor allem: ist es zu rechtfertigen, Eingriffe in unternehmerische und individuelle Freiheiten vorzunehmen, nur weil man ein eigenes Hirngespinst, das bei Frau Nahles die Form der Behauptung annimmt, Eltern wollten weniger arbeiten und die freiwerdende Zeit mit den Kindern verbringen, eben einmal generalisiert, um ihm  Folgen für andere folgen zu lassen [Eine Form der Selbstwirksamkeit für Wortakkrobaten.].

Zertifikat-audit-berufundfamilieWie üblich gleicht die Forschungslandschaft in Deutschland, dann, wenn es darum geht, empirisch zu untersuchen, ob das, was Politiker behaupten, auch zutrifft, einer Brache. Abgesehen von Auftragsforschung, die von den Institutionen (Ministerien und Organisationen) finanziert wird, die eine Agenda verfolgen, die zufälliger Weise den Hirngespinsten, wie sie z.B. Frau Nahles in die Welt redet, entspricht und nicht als wissenschaftliche Forschung durchgeht, gibt es in Deutschland kaum etwas, was man als Forschung ernstnehmen könnte. Das ist in den USA anders. Die USA sind nicht nur ein El Dorado der Datensätze, sondern auch eine Fundgrube für empirische Untersuchungen, die sich mit den Lieblingsthemen deutscher Staatsfeministen auseinandersetzen.

Nun sind manche der US-Forscher nicht unbedingt frei vom staatsfeministischen Virus, der sich regelmäßig in versteckten Prämissen zeigt. Aber in den USA gibt es im Gegensatz zu Deutschland noch eine funktionierende wissenschaftliche Öffentlichkeit, so dass man es sich nicht leisten kann, Datensätze unter Verschluss zu halten, Ergebnisse zu unterdrücken oder z.B. durch Auslassung zu manipulieren. Entsprechend kommen zuweilen Beiträge wie der im folgenden besprochene zustande, bei dem die Autoren Ergebnisse präsentieren müssen, die ihnen ganz offensichtlich nicht behagen, weil sie einem Grundaxiom des Staatsfeminismus widersprechen.

Und so ist es mir eine Freude, die Ergebnisse der gerade erst veröffentlichten Untersuchung mit dem Titel “Relieving the Time Squeeze? Effects of a White-Collar Workplace Change on Parents”, die von Rachelle Hill, Eric Tranby, Erin Kelly und Phyllis Moen durchgeführt wurde, zu präsentieren.

Die Ergebnisse kann man auf den folgenden Nenner bringen: Eltern, vor allem Mütter, nutzen durch flexible Arbeitsarrangements neugewonnene Zeit nicht dazu, um mehr Zeit mit Kindern zu verbringen.

Man erinnere sich: das heilige Mantra der Staatsfeministen, immer dann, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, lautet: Frauen und Männer wollen mehr Zeit mit Kindern verbringen, und die starren Regime am Arbeitsplatz erlauben dies nicht. Deshalb fordert Frau Nahles die 30 Stunden Woche, um es den Eltern zu ermöglichen, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern. Deshalb werden Arbeitgeber zu Ausgaben gezwungen, um elterngerechte Arbeitsplätze etwa in der Weise bereitzustellen, wie sie in den 1970er und 1980er Jahren behindertengerechte Arbeitsplätze bereitstellen mussten. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass als nächstens Homosexuellen-gerechte Arbeitsplätze bereit gestellt werden müssen.

Doch nun zur Untersuchung. Die Untersuchung nimmt ihren Ausgangspunkt bei dem, was man in den USA als Time Squeeze bezeichnet, der Beobachtung, dass viele Eltern angeben, sie würden gerne mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, was sie aber aufgrund ihrer Arbeitverpflichtungen nicht können. Das interessante am Time Squeeze ist nun, dass er im Zeitverlauf erhalten geblieben ist, obwohl Eltern nach eigenen Angaben immer mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Wer eine Ausbildung in Methoden der empirischen Sozialforschung hinter sich gebracht hat, nimmt hier zum ersten Mal den unverkennbaren Geruch einer sozialen Erwünschtheit auf. [Soziale Erwünschtheit bezeichnet ein Antwortverhalten, bei dem Befragte antworten, was sie glauben, dass von ihnen als Antwort erwartet wird. Wenn eine Kultur Eltern damit überfordert, dass sie 24/7 für Ihre Kinder verfügbar sein sollen, dann ist es kein Wunder, wenn Eltern regelmäßig sagen, sie hätten gerne mehr Zeit für ihre Kinder, um quasi zu entschuldigen, dass sie nicht 24/7 für ihre Kinder verfügbar sind.]

KuckuckAber gut. Die vier Autoren riechen nichts entsprechendes und messen munter drauf los. Letzteres kann man verstehen, denn sie haben wirklich gute Daten. Ein US-amerikanisches Unternehmen, dessen Namen die Autoren nicht verraten, hat nämlich beschlossen, einem Teil seiner Belegschaft die freie Einteilung der Arbeitszeit zu ermöglichen. Diese Möglichkeit besteht natürlich nur für Angestellte mit Tätigkeiten, die für das Unternehmen nicht lebenswichtig sind. Techniker, Hausmeister oder Handwerker, die da sein müssen, wenn sie gebraucht werden, sind natürlich davon ausgenommen, wie die gesamte Work-Life-Balance natürlich nicht für Müllfahrer gilt oder für Fernfahrer oder für Schiffskapitäne oder für Berufssoldaten. Nein, Work-Life-Balance, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nur eine Option für verzichtbare Mitarbeiter, im Fall des US-Unternehmens für Verwaltungsangestellte, Marketeers und Manager.

225 (118 Väter und 107 Mütter) der Arbeitnehmer, die die neue Arbeitsplatzfreiheit genossen haben, eine Freiheit, die es ihnen erlaubt hat, ihre Arbeitszeit frei einzuteilen und zu entscheiden, ob sie zuhause oder im Büro arbeiten wollen, haben an der Untersuchung der vier Autoren teilgenommen. Sie wurden u.a. die folgenden vier Fragen zu zweit Zeitpunkten (ein Monat vor der Arbeitszeitflexibilisierung und 4 Monate danach) gefragt:

  • Wie würden Sie die Zeit einschätzen, die sie mit ihren Kindern verbringen? (0 überhaupt nicht ausreichend bis 10 fast immer ausreichend),
  • Wie würden Sie die Zeit, in der die Familie zusammen sein kann, einschätzen? (0 überhaupt nicht ausreichend bis 10 fast immer ausreichend),
  • Wie viele Stunden verbringen Sie im Durschnitt in einer Woche damit, sich um ihr/e Kind/er zu kümmern?
  • Wie viele gemeinsame Abendessen nehmen sie im Durchschnitt im Verlauf einer Woche mit ihrem/n Kind/ern ein?

Zwei Fragen messen eine subjektive Einschätzung durch Eltern, und zwei Fragen versuchen, eine objektive Tätigkeit von Eltern zu messen. Alle vier Fragen wurden an Eltern gestellt bevor und nachdem die oben beschriebene neue Flexibilität am Arbeitsplatz eingeführt wurde. Hier die wichtigsten Ergebnisse aus dem Vergleich beider Befragungszeitpunkte:

  • Für Mütter zeigt sich ein deutlicher Effekt in der subjektiven Einschätzung der Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen. Mütter sind zufriedener und beurteilen die Zeit, die sie mit Kindern verbringen als adäquater nachdem die Flexibilität am Arbeitsplatz eingeführt wurde. Für Väter zeigt sich keine Veränderung
  • Obwohl Mütter die Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringen, nach der Flexibilisierung der Arbeitszeit als adäquater einschätzen, ergibt sich keinerlei Zugewinn an Zeit, die die Mütter mit ihren Kindern verbringen. Vor und nach der Flexibilisierung berichten Mütter nahezu identische Zeiten, die sie mit ihren Kindern verbringen. Für Väter ergibt sich auch hier kein Unterschied.

Mit anderen Worten: Die Flexibilisierung von Arbeitszeit hat eine psychologische Wirkung auf Mütter, die sich nach eigener Ansicht adäquater um ihre Kinder kümmern können, wobei die Betonung auf “können” liegt, denn sie tun es nicht. Dieses Ergebnis, das wieder einmal einen zentralen Bestandteil der staatsfeministischen Religion, die ja Mütter als instinktgeleitete Herdentiere ansieht, die es in jeder freien Sekunde zum eigenen Nachwuchs zieht, als den Unsinn entlarvt, der er nun einmal ist, liegt den vier Autoren schwer im Magen. Vermutlich sehen sie sich schon mit Horden aufgebrachter Staatsfeministen konfrontiert, die sie beschimpfen, ob des begangenen Daten-Sakrilegs und des damit verbundenen Einbruchs der Realität in die heile Welt der Ideologie. Entsprechend winden sich die Autoren, versuchen Sie, den nicht vorhandenen Zugewinn, also das, was sie gemessen haben, durch etwas, was sie nicht gemessen haben, zu relativieren, nämlich die Behauptung, dass Mütter ja vielleicht qualitativ höherwertige Zeit statt mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen oder ihre Kinder dann sehen, wenn sie es wollen und nicht, wenn die Zeit es erlaubt und so weiter

(Hier rächt es sich, dass die Autoren die Prämisse der Staatsfeministen, nach der Frauen sich um ihre Kinder in jedem Fall mehr kümmern wollen, geschluckt und sich um keine theoretischen Unterfütterung ihrer Untersuchung bemüht haben. Und so wie sie nicht sagen können, warum man annehmen sollte, dass Mütter freiwerdende Arbeitszeit automatisch mit Kinderbetreuung füllen, so können sie auch nicht sagen, warum der angenommene und nicht begründete Automatismus sich als nicht extistent herausstellt.)

Eigentlich machen sie mit ihren seichten Versuchen, ein Ergebnis, das sie produziert haben, wegzureden, alles nur noch schlimmer, denn sie ersetzen das weibliche, sorgende Herdentier der Staatsfeministen durch einen egoistischen Planer, der sich kümmert, wenn es ihm passt.

bigfoot-chasing-shadowsIn jedem Fall kann an dieser Stelle abermals festgehalten werden, was schon mehrfach festgehalten wurde: Menschen, weibliche Menschen in diesem Fall, passen in der Regel nicht in die einfachen Schablonen, die ihnen Staatsfeministen zudenken. Wie Staatsfeministen nun, da sie mit individuellen Wahlen konfrontiert sind, die nicht zu ihrem Bild des weiblichen, sorgenden Herdentiers passen, reagieren werden, ist derzeit noch eine offene Frage. Mein Tipp wäre: Sie versuchen die Realität weiterhin zu ignorieren, und entsprechend wird Frau Nahles auch im Jahr 2040 noch glauben und natürlich behaupten, dass Frauen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen.

Hille, Rachelle, Tranby, Eric, Kelly, Erin & Moen, Phyllis (2013). Relieving the Time Squeeze? Effects of a White-Collar Workplace Change on Parents. Journal of Marriage and Family 75(August 2013): 1014-1029 (online first).

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