von Dr. habil. Heike Diefenbach und Michael Klein
Was aber ist Wissenschaft?
Wissenschaft ist eine Methode.
Karl Raimund Popper hat sich über Jahrzehnte gemüht, die Methode „Wissenschaft“ in den Köpfen derer, die Wissenschaftler sein wollen, zu verankern.
Demnach ist die wissenschaftliche Methode eine Methode, die Theorien benutzt, um daraus Sätze abzuleiten, die wiederum eine entscheidende Eigenschaft aufweisen müssen: Sie müssen etwas über die Wirklichkeit aussagen, einen empirischen Gehalt haben und dementsprechend müssen sie sich als falsch erweisen können. Letzteres, die Forderung der Falsisifizierbarkeit, ist das Kritierum, das Wissenschaft von Metaphysik bei Karl Popper und von Ideologie bei uns unterscheidet.
Probleme sind somit der Ausgangspunkt von Wissenschaft. Probleme begründen die Fragestellung, in unserem Fall: Woran liegt es, dass Jungen im deutschen Bildungssystem schlechter abschneiden als Mädchen?
In letzter Zeit haben wir eine Reihe von „korrelativ angelegten Studien“ auf ScienceFiles besprochen, die anders vorgegangen sind und die mit vermeintlichen Ergebnissen aufwarten, Ergebnissen wie: Je mehr Zeit Schüler in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen, desto schlechter ihre schulische Leistung oder: je größer das Verhältnis zwischen Gesichtsbreite und Gesichtshöhe, desto aggressiver, desto a-sozialer sind Männer.
So lange diese Fragen nicht beantwortet sind, verharrt die Korrelation im Stadium des Problems, so lange ist das entsprechend „Ergebnis“ nichts anderes als eine Beobachtung, deren wissenschaftliche Bedeutung ungeklärt ist. Um sich dies zu verdeutlichen, ein kleines Beispiel:
Wenn ein Astrologe behauptet, dass sich Sternzeichen auf die Lebenschancen auswirken und Charaktereigenschaften beeinflussen, dann hat diese Behauptung exakt den Stellenwert der Korrelation zwischen im Schulbus verbrachter Zeit und schulischer Leistung. Sie ist ein Explanadum, von dem man sich fragen muss, wie man es erklären kann.
In beiden Fällen müsste man sich entsprechend fragen, wie der behauptete Zusammenhang erklärt werden, wie er theoretisch unterfüttert werden kann. Für den Astrologen bedeutet dies ebenso wie für den Schulbusverweildauer-Effekt-Forscher, dass sie eine Theorie finden müssen, die die beiden Seiten ihres Explanandums miteinander zu verbinden in der Lage ist: Also: Der Zusammenhang zwischen Sternzeichen und Charaktereigenschaften ergibt sich, weil der Gott des Charakteres immer dann, wenn der Stier aktuell ist, Vernunft und immer dann, wenn die Waage aktuell ist, Unvernunft in menschliche Charaktere einfüllt. Oder: Der Zusammenhang zwischen im Schulbus verbrachter Zeit und schulischer Leistung kann darauf zurückgeführt werden, dass Kinder, die mehr Zeit im Schulbus verbringen, Platthintern entwickeln und entsprechend dem schulischen Unterricht nicht mehr mit dem selben Sitzfleisch folgen können, wie Kinder, die kürzer oder gar nicht im Schulbus gesessen haben.
Erst mit diesen beschriebenen Arbeitsschritten ist es möglich, ein wissenschaftliches Ergebnis vorzuweisen. Und deshalb sind induktive Aussagen, die auf willkürlichen Zusammenhängen basieren, keine Wissenschaft. Wissenschaft liegt erst dann vor, wenn sich die Forscher, die Korrelationen auffinden, dazu herablassen, die entsprechenden Korrelationen theoretisch zu unterfüttern und empirirsch zu prüfen.
Also:
Beobachtung oder Problem: Jungen haben Nachteile in der Schule.
Theorie:
Schulische Leistung wird durch Fähigkeiten, Fertigkeiten, Institutionen und Lehrer beeinflusst.
Hypothesen:
Die deutsche Gesellschaft ist eine geschlechtsgeile Gesellschaft, die vor der Leistung das Geschlecht des Leistenden berücksichtigt. Wenn das Geschlecht vor der Leistung berücksichtigt wird, dann schlägt sich dies z.B. darin nieder, dass Jungen trotz gleicher Leistungen wie Mädchen eine schlechtere Grundschulempfehlung erhalten.
In der deutschen Gesellschaft wird Geschlechtszugehörigkeit bewertet und eine traditionelle Männerrolle als negativ eine „moderne“ oder, sagen wir: nicht traditionelle Männerrolle als positiv angesehen. Wenn Geschlecht eine Kategorie ist, die vor Leistung berücksichtigt wird und wenn es zudem der Fall ist, dass in der deutschen Gesellschaft nur bestimmte Formen der Ausgestaltung einer Männerrolle akzeptiert werden, dann haben Jungen eine höhere Wahrscheinlichkeit, schlechter bewertet zu werden als Mädchen.
Prüfung:
Beide Hypothesen sind empirisch prüfbar und auch empirisch geprüft worden. Die Hamburger Lau-Studien und die Berliner Element Studien haben gezeigt, dass Jungen trotz gleicher oder besserer Leistungen schlechtere Grundschulempfehlungen erhalten als Mädchen. Ein Blick in schulische Curricula und ein Blick in die Literatur zur Schulforschung zeigt, dass Jungen, die sich als traditionell männlich inszenieren, im deutschen Schulsystem nicht geduldet werden.
Damit ist in aller Kürze beschrieben, wie Wissenschaft geht, und warum nicht jede Behauptung, die sich als Ergebnis geriert, das Forscher in Daten gelesen haben, selbst dann, wenn sie von einem Wissenschaftler vorgebracht wird, Wissenschaft oder wissenschaftlich ist.
