Hate-Speech-Neurotizisten erkennt man an der Sprache

TrollJeder Blogger kennt Sie, die anonymen Kommentatoren, deren Wortbeitrag in einer Beleidigung besteht. Jeder, der Content ins Internet setzt, der sich kritisch mit einem Gegenstand politischer Korrektheit auseinandersetzt, der kennt sie, die Shit-Stormer, deren einzige Motivation darin zu bestehen scheint, denjenigen, der sich als kritisch erwiesen hat, zu beschimpfen. Facebook, Twitter, Blogs und andere Formen so genannter sozialer Netzwerke sind voller Kurzkommentare, wie z.B. dem folgenden Kommentar, den wir einem Kommentatoren verdanken, der sich Antje Schrupp nennt:

“Ihr habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Jungen werden in dieser Gesellschaft nicht benachteiligt, das sind immer noch die Mädchen! Dass Jungs schlechtere Noten bekommen – da sind sie selbst schuld.”

Sozialpsychologen und Linguisten versuchen schon lange, aus den Äußerungen, die eine Person tätigt, aus den Worten, die sie benutzt oder aus z.B. der Form der Äußerungen, die die entsprechende Person macht, Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der fraglichen Person zu ziehen. Bislang mussten diese Versuche regelmäßig mit einem experimentellen Setting und entsprechend geringen Probandenzahlen kämpfen, doch nun gibt es eine Untersuchung, die H. Andrew Schwartz und 10 Ko-Autoren durchgeführt haben.

Die Untersuchung beruht auf rund 75.000 Probanden und vor allem auf deren Äußerungen, die sie auf Facebook in ihrer oder einer fremden Timeline machen. Die Forscher haben die Äußerungen in Worten, Begriffen und Ausdrücken gesammelt und geklumpt, um herauszufinden, welche Worte, Begriffe und Ausdrücke am häufigsten benutzt werden. Dieser von ihnen als offener Vokakabular-Ansatz benannte Ansatz erlaubt es, keine Vorgaben, keine Struktur an das empirische Material heranzutragen und entsprechend zu untersuchen, welche Worte, Begriffe und Ausdrücke, die Probanden wirklich benutzt haben. Natürlich hat ein solches Vorgehen auch Nachteile, der wohl offenkundigste Nachteil hat mit der Vielzahl der Information zu tun.

So hatten es die Autoren, nachdem sie ihre Analyse beschränkt haben, und zwar auf Personen, die z.B. Englisch als Muttersprache angeben, zwischen 13 und 65 Jahren alt waren und mindestens 1000 Worte in ihren Status-Updates auf Facebook geschrieben haben, mit 74.941 Personen zu tun, die 309 Millionen Worte verteilt über 15.4 Millionen Status-Updates geschrieben haben.

Schwartz_neuroticicmWas die 74,941 Personen geschrieben haben, wurde, wie gesagt, gezählt und der besseren Übersichtlichkeit halber in Wortwolken dargestellt. Zwei solcher Wortwolken finden sich in diesem Absatz, und zwar die Wortwolken für neurotizistische Persönlichkeiten, also emotional Instabile sowie ihr Gegenpart, emotional Stabile. Die beiden Wolken sind Ergebnis einer ersten Analyse, in der die Autoren u.a. untersucht haben, ob man den Worten, die bestimmte Personen benutzen, deren Persönlichkeit ablesen kann. Ergebnis: Man kann. Auf Grundlage der Big-Five-Personality Traits, die mit einem Standardtest erhoben wurden, wie man ihn z.B. hier findet, haben die Autoren untersucht, ob und wenn ja, welche besonderen Wortgebrauche sich für bestimmte Persönlichkeiten finden. Und es finden sich bestimmte Besonderheiten:

“For example, we make the novel discovery that mentions of an assortment of social sports and life activities (such as basketball, snowboarding, church, meetings) correlate with emotional stability …” (4).

Ein Blick auf die hier wiedergegebene Abbildung, die neurotizistische Personen links und emotional stabile Personen rechts angeordnet hat, zeigt noch andere interessante Ergebnisse:

  • Emotional stabile Personen scheinen durch ein generelles Interesse an Sport und vor allem eine positive Lebenseinstellung ausgezeichnet zu sein, während
  • emotional instabile und neurotizistische Personen offensichtlich mit ihrem Leben nicht zufrieden sind, sich schlecht oder ganz schlecht fühlen, alles um sich herum hassen, und sich einer Sprache bedienen, die vornehmlich darauf ausgerichtet ist, andere zu beleidigen oder zu diskreditieren.

ZimbardoWir finden hier also die funktionale Entsprechung zum Ausdruck “Ihr habt doch nicht mehr alle Tassen im Schrank” und müssen daraus und auf Grundlage der Ergebnisse von Schwartz et al. (2013) den Schluss ziehen, dass wer immer hinter Antje Schrupp steckt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine neurotizistische Persönlichkeit ist. Dieser Schluss trifft nicht nur auf die Persönlichkeit hinter Antje Schrupp zu, der Schluss trifft auf alle zu, die sich durch das Internet surfen, immer auf der Suche nach einem “Aufreger”, der, wie bei Pawlows Hund, dann eine Reaktion, in Form eines beleidigenden Kommentars oder einer derogativen Phrase nach sich zieht.

In seinem Standardwerk zur Psychologie beschreibt Philip Zimbardo (1995) neurotizistische Persönlichkeiten als “ängstlich, empfindlich, zu Schuldgefühlen neigend” (480). Die Analyse von Schwartz et al. (2013) zeigt deutlich, dass neurotizistische Persönlichkeiten, ihre Angst oder ihre Schuldgefühle durch eine aggressive und beleidigende Sprache zu kompensieren versuchen. Und so steht am Ende dieses Posts nicht nur eine Erklärung dafür, warum man zuweilen mit “Persönlichkeiten” konfrontiert ist, die eine Beleidigung loswerden müssen, es steht auch am Ende dieses posts, dass man Mitleid mit diesen ängstlichen und von Schuldgefühlen geplagten Persönlichkeitchen haben muss, denn sie sind offensichtlich zu wenig anderem als zu Beleidigungen im anonymen Internet fähig, sehen sich im täglichen Leben weitgehend von feindlichen Horden umstellt und haben entsprechend wenig Freude an ihrem neurotizistischen, fast schon paranoiden Dasein.

 

Schwartz, H. Andrew et al. (2013). Personality, Gender, and Age in the Language of Social-Media: The Open-Vocabulary Approach.

Zimbardo, Philip (1995). Psychologie. Berlin: Springer.

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