Im Krefelder Rathaus grassiert der Wahnsinn

KrefeldEin Leser von ScienceFiles, dem wir an dieser Stelle herzlich danken, hat uns ein besonderes Kleinod zugespielt, ein Kleinod, das den Wahnsinn, der in öffentlichen Verwaltungen endemisch zu sein scheint und der sich in “Programmen” niederschlägt, die auch den standhaftesten Leser durch ihre logischen Fehler, den darin enthaltenen, gesammelten Unsinn und den allgegenwärtigen Kampf mit den Fällen der deutschen Sprache niederstrecken, in komprimierter Weise vorführt.

Nun ist das “Programm zur Chancengleichheit” der Stadt Krefeld, das “Maßnahmen zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern bei der Stadtverwaltung Krefeld” enthält und damit schon im Titelblatt zu erkennen gibt, dass die Schreiber des Programms, genauso wie diejenigen, die es verabschiedet haben, nicht wissen, wovon sie reden, die Grundlage der Einstellungen, die die Stadt Krefeld als Dienstleister vornimmt.

Krefeld ChancengleichheitInsofern ist die Vermengung von Chancengleichheit und Gleichberechtigung vielleicht kein Zufall, denn Chancengleichheit hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun da erstere z.B. auf gleiche Chancen beim Zugang zu Positionen abzielt, während letztere die Behandlung von Bewerben auf Positionen beschreibt. Chancengleichheit baut somit auf vorhandenen individuellen Merkmalen, während Gleichberechtigung auf zugewiesenen kollektiven Merkmalen basiert und damit notwendigerweise indivdiuelle Merkmale diskriminiert. Die weitere Lektüre des Programms zeigt jedoch, dass die Vermengung vermutlich nicht intentional ist, denn die Schreiber des Programms sind nicht nur der deutschen Sprache hoffnungslos ausgeliefert, sie führen auch und ganz offensichtlich einen Kampf mit Begriffen und versuchen, Leser durch die Verwendung möglichst vieler zumindest für sie gelehrt klingender Begriffe zu erschlagen.

Aus diesem Bemühen resultieren dann so aufschlussreiche Sätze wie: “Diversity Management ist in erster Linie ein ‘Human-Ressource-Ansatz'”. Boah ey! Die Hülse, die man auch als Grumpf ist in erster Linie ein Mampf-Ansatz umschreiben kann, hakt indes daran, dass der Schreiber sich, wie Buridans Esel, nicht zwischen deutscher und englischer Sprache entscheiden kann. Entsprechend ist Diversity Management entweder in erster Linie ein “Human-Resource-Approach” oder ein “Human-Ressourcen-Ansatz”.

Das bringt uns zum Thema deutsche Sprache.

Der verlorene Kampf mit der Sprache

Duden GrammatikDer Kampf mit der deutschen Sprache ist allgegenwärtig im Krefelder Programm zur Chancengleichheit der Verwaltungs-Legastheniker, die man ja auch nicht diskriminieren darf, nur weil sie nicht wissen, wie man z.B. Konjunktionen richtig verwendet:

“Familienfreundlichkeit der Kommune nach außen und innen trägt dazu bei, sowohl ihr Ansehen in der Bevölkerung als auch ihre Attraktivität als Arbeitgeberin zu erhöhen und gleichzeitig als Vorbild für andere (auch private) Arbeitgeber/innen zu sein (24).”

Möglicherweise könnte Heidegger dieser Seinsbetrachtung etwas abgewinnen, wenn er noch leben würde. Als normaler Sprecher der deutschen Sprache muss man jedoch darauf bestehen, dass das dritte “als” nicht vom infinitiv erweiterten Sein gefolgt wird oder, wenn man auf das Sein besteht, ersatzlos entfällt.

Auch Relativsätze haben es schwer im Programm der Krefelder:

“Da das Programm zur Chancengleichheit auf einem Ratsbeschluss beruht, haben sich auch die Stadt Krefeld und die Fraktionen an ihn gebunden” (10).

Dass man grammatikalisch männlichen Personalpronomen in einem Programm zur … Sie wissen schon, ablehnend, ja fast feindlich gegenübersteht, rechtfertigt nicht, sie willkürlich einzusetzen. Oder wollen die Schreiber tatsächlich betonen, dass die Stadt Krefeld und die Fraktionen sich an die Beschlüsse halten, die sie selbst treffen? Wohl kaum. Wahrscheinlicher ist, dass der Schreiber abermals von den Möglichkeiten der deutschen Sprache überwältigt wurde. Vielleicht war es ihm auch peinlich, den Ratsmitgliedern zu sagen, dass sie für den Unsinn, der im Programm zur Chancengleichheit steht, verantwortlich sind.

Der verlorene Kampf mit der Logik

Was die Schreiber an Defiztiten in der Verwendung der deutschen Sprache offenbaren, machen sie quasi wieder wett, durch einen umfassenden Einsatz logischer Fehler. Aber: Sprache hat etwas mit Logik zu tun. Wäre dem nicht so, man hätte Schwierigkeiten, sich zu verständigen. Etwas solche:

“Und es geht doch: Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden, Achim Exner, hat einige Zeit sein Amt in Teilzeit ausgeübt, um sein Kind selbst betreuen zu können” (16).

Logik f dummiesMan kann nur vermuten, dass mit dem trotzigen “Und es geht doch”, etwas gezeigt werden soll, was von den Schreibern des Programms positiv bewertet wird. Also nicht, was sie zeigen, nämlich dass Achim Exner nach der Teilzeit, die er genommen hat, um “sein Kind selbst betreuen zu können”, zum “ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden” geworden ist. Demnach, wäre “es geht doch” als Möglichkeit gemeint, Oberbürgermeister, die sich nur mit halber Kraft ihrem Amt widmen, loszuwerden.

Aber so wird es vermutlich nicht gemeint sein. Vielmehr soll Exner vermutlich als Beispiel für die Möglichkeit der zumindest kurzfristigen Ämterführung in Teilzeit angestrengt werden. Und damit stellt sich die Frage: Und? Das Beispiel zeigt, dass Achim Exner Teilzeit Oberbürgermeister war – mehr nicht. Soll es mehr zeigen? Nun, wenn das die Absicht hinter “es geht doch” ist, dann handelt es sich hier um einen individualistischen Fehlschluss, denn aus der Tatsache, dass Exner Teilzeit-OB war, ergibt sich schlicht und ergreifend nichts, was sich auf andere Oberbürgermeister oder wen auch immer übertragen ließe.

Nicht nur den individualistischen Fehlschluss beherrschen die Schreiber des Programms zur Chancengleichheit der Stadt Krefeld, nein, auch den ökologischen Fehlschluss beherrschen sie:

“Frauen haben in der Regel die besseren Bildungs- und Ausbildungsabschlüsse. Mit externen Ausschreibungen kann dieses Potenzial auch für die Stadtverwaltung Krefeld erschlossen werden.” (14)

Der ökologische Fehlschluss ist unter Genderisten allseits beliebt, doch ändern die Vielzahl der Fehlschließerinnen nichts daran, dass es sich um einen Fehlschluss handelt. Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass 70% der Beschäftigten der Stadt Krefeld in der Lage sind, die deutsche Sprache in ausreichendem Maße als Instrument so zu handhaben, dass eine Verständigung mit ihnen im Prinzip möglich ist, während dies für 30% der Beschäftigten nicht der Fall ist. Greifen wir nunmehr einen wahllosen Beschäftigten heraus. Können wir sicher sein, dass er die deutsche Sprache in ausreichendem Maße beherrscht und entsprechend nicht an der Formulierung des Programmes zur Chancengleichheit beteiligt war? Nein, denn die Wahrscheinlichkeit, einen nicht des Deutschen mächtigen Beschäftigen zu erwischen, beträgt 30%.

Jetzt wird es schwierig. Wie kann man die gewonnene Erkenntnis auf die zitierte Textstelle übertragen?Wenn Frauen in der Regel bessere Bildungsabschlüsse erreichen als Männer, dann ist dies eine Aussage im Aggregat, die nicht gewährleistet, dass die Frau, die sich gerade bei der Stadt Krefeld bewirbt, auch einen besseren Bildungsabschluss hat als männliche Bewerber (vielmehr mag das Krefelder Programm als Hinweis darauf dienen, dass es sich eher umgekehrt verhält). Und einmal mehr erweist sich ein Satz im Programm als Unsinn.

Die Wahrheit

Die Wahrheit findet sich auf S.18 des “Programms”, hier räumen die Schreiber mit “Missverständnissen” auf – ein für alle Mal:

“Entgegen vielen Missverständnissen sorgt die Gleichstellungsstelle nicht dafür, dass Frauen nur aufgrund ihres Geschlechts bevorzugt werden” [Hervorhebung durch uns]

TruthNa bitte. Damit sind hoffentlich all diejenigen, die fabulieren, dass Frauen nur wegen ihres Geschlechts bevorzugt werden, ruhig gestellt. Allerdings stellt sich nunmehr die Frage, wegen was Frauen in Krefeld sonst noch bevorzugt werden. Leider gibt es im “Programm zur Chancengleichheit” hierzu keine weiteren Ausführungen, so dass wir den Ball an unsere Leser weiterspielen müssen und deren investigative Fähigkeiten anfragen:

An alle Leser:

Bitte finden Sie heraus, durch was, außer durch ihr Geschlecht, Frauen, die bei der Stadt Krefeld beschäftigt sind oder sein wollen noch (vermutllich gegenüber männlichen Bewerbern und Angestellten) bevorzugt werden.

Bleibt abschließend noch festzustellen, dass im Zeitalter des Employer Brandings (So ist das nicht, wir können auch mit Begriffen werfen…) die Stadt Krefeld für normal intelligente Menschen kein attraktiver Arbeitgeber ist, muss man als normal intelligenter Mensch doch nicht nur damit rechnen, mit unsinnigen und unlogischen Programmen konfrontiert zu werden, sondern auch mit Ratsherren und einer Verwaltungsspitze, die diesen Unsinn verabschiedet haben und sich nun “daran gebunden” fühlen.

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