Blackfacing: Antirassisten sind die wahren Rassisten

Jim KnopfJim Knopf und Lukas der Lokomotivführer - wer kennt sie nicht? Und seit Augsburger sich in Wetten, dass ...?verkleidet als Jim Knopf eingefunden haben, kennen auch diejenigen, die bislang gar nicht wussten, wer Molly ist, Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer. Mehr noch: Sie wissen, sich als Jim Knopf zu verkleiden, ist Rassismus, es kann gar nichts anderes sein, darin sind sich die Antirassisten einig, denn in den Vorkriegs-USA gab es Minstrels, am ehesten als Balladensänger zu übersetzen, die quer durchs Land aufgetreten sind, und sie waren maskiert, mit durch Kork geschwärztem Gesicht sind sie aufgetreten. Und wenn sich Weiße im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als Schwarze verkleidet haben, dann kann das nur Rassismus sein, nur zu dem Zweck erfolgt sein, Schwarze lächerlich zu machen. Deshalb ist das Black Face, das Markenzeichen dieser Minstrels, Rassismus pur, und wer im 21. Jahrhundert in einer Saalwette dazu aufruft, dass sich Augsburger das Gesicht schwärzen, um als Jim Knopf aufzutreten, kann nur ein Rassist sein. Soweit die logisch falsche Argumentation (Fehlschluss der Bejahung des Konsequens). Nun zu dem, was tatsächlich ist.

Wissenschaftstheoretische Vorrede

GarfinkelEs gibt Zeitgenossen, deren Haupttätigkeit besteht darin, durch die Welt zu gehen und andere bei Rassismen zu erwischen, von denen diese anderen bis dahin gar nichts gewusst haben. Daran ist zunächst nichts auszusetzen. Leser von ScienceFiles werden sich erinnern, dass wir zuweilen Erschütterungsexperimente einsetzen, um implizite Prämissen und Alltagsüberzeugungen, die Handeln anleiten und sich quasi automatisch  “ausdrücken”, offenzulegen. Diese Form der Ethnomethodologie, mit der mich Heike Diefenbach nicht nur in Theorie, sondern auch in Praxis vor nunmehr einigen Jahrzehnten vertraut gemacht hat, ist ein sehr wirkungsvolles Mittel, um die Selbstverständlichkeiten des Alltags, die kleinen Unhinterfragtheiten aufzuzeigen. Aber: Enthnomethodologie, der theoretische Instrumentenkasten, in den das Erschütterungsexperiment gehört, endet nicht umsonst auf “Methodologie”,. Der Ausgangspunkt von Erschütterungsexperimenten sind allgemeine Überlegungen, aus denen Hypothesen über z.B. implizite Prämissen, die Handeln anleiten, abgeleitet werden. Das Verfahren ist deduktiv. Vor diesem Hintergrund wäre das einzige, was man aus der Gestaltung der Saalwette entnehmen kann, die Tatsache, dass die Wetter der Ansicht sind, dass die deutsche Alltagskultur eine weiße Alltagskultur ist. Mehr nicht.

Nun gibt es die oben angesprochenen Zeitgenossen, die Dritte beobachten und aus dem Beobachteten weitreichende Schlüsse ziehen. Aber es bleibt nicht bei der Beschreibung von Verhalten und der Ableitung von Konklusionen, nein, das Verhalten muss gewertet werden. Hier findet sich dann der Hauptunterschied zu dem, was wir als Erschütterungsexperiment betreiben. Wir beginnen nicht bei Wertungen und suchen die Welt nicht nach denen ab, die unseren Wertungen nicht entsprechen. Wir tragen keine Werterwartungen an Dritte heran und bewerten deren Verhalten dann als konform oder abweichend. Wir tun das deshalb nicht, weil wir Wissenschaftler und keine Moralapostel sind.

Moralapostel

darwin-greatMoralapostel gibt es in Deutschland vornehmlich in der Form von Gutmenschen, die ihr Leben damit bestreiten, Defizite bei Dritten zu entdecken und diese Dritten dann mit dem richtigen Glauben zu missionieren. Antirassisten sind häufig derartige Gutmenschen, die Rassismus überall wittern, wo von Migranten, Schwarzen oder Afrikanern die Rede ist. Auch Feministen, die überall wo Kritik an Frauen geäußert wird, Sexismus sehen, sind derartige Gutmenschen, und mit den beschriebenen Antirassisten verbindet sie eine unsägliche Gemeinsamkeit: Sie sind die schlimmsten Rassisten!

Warum sind sie die schlimmsten Rassisten? Deshalb: Sie tragen ihre eigenen Vorurteile an die Handlungen Dritter heran und bewerten diese Handlungen vor ihrem eigenen Hintergrund. Ich bin mir ziemlich sicher, dass keiner derjenigen, die sich als Jim Knopf verkleidet haben, jemals etwas von Minstrels oder von Black Face oder Blackfacing gehört hat. Sie fanden es vermutlich lustig, sich als Jim Knopf zu verkleiden und ihr Gesicht zu schwärzen.

Nicht so die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V., von der ich mir nicht so sicher bin, ob sie für oder gegen schwarze Menschen in Deutschland agitiert. Diese Initiative hat einen offenen Brief geschrieben, an das ZDF, und sich bitterlich über das Blackfacing, jenen Ausdruck von Rassismus aus den USA des Antebellum beklagt. Nicht nur das, die Schreiber verlangen eine Entschuldigung vom ZDF. Sie verweisen darauf, dass Blackfacing “Symbol für das Trauma des Rassismus und der Sklaverei” sei, also deutsche Schwarze Menschenvertreter verweisen auf etwas, was sie nur vom Hörensagen kennen. Sie werfen dem ZDF vor, rassistische Stereotype zu reproduzieren und behaupten, dass “rassistisches Handeln auch dann passiert, wenn dieses nicht intendiert war”.

Soweit, so gut. Fassen wir bis dahin zusammen: Es gibt eine Reihe von Zuschauern von “Wetten, dass…?, die in der Saalwette Rassismus erblicken, die Blackfacing schon einmal gehört haben und die ihr Wissen nun anderen als Intention unterstellen. Soviel zum Thema, es gehe nicht um Intentionen, denn ginge es nicht um Intentionen, was wäre einfacher, als die Handlung deskriptiv als “sich verkleiden” zu beschreiben. Nein, die Anti-Rassisten tragen ihre eigenen Stereotype, denn sich als Schwarzer zu verkleiden kann nur Rassismus sein, an Dritte heran, unterstellen ihnen niedere Motive und schreien lauthals danach, diesen Rassismus, den sie durch ihre Interpretation erst geschaffen haben, zu bekämpfen. Irrsinn – oder?

Black Faced Comedians

Behind the cork maskDer ganze Vorwurf des Rassismus basiert auf der Annahme, dass weiße Komödianten Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts allesamt rassistische Schweine waren, die sich das Gesicht schwarz angemalt haben, um Schwarze zu diffamieren. Das ist eine starke Annahme, und sie ist schlicht falsch, wie ein Blick in das Buch von William J. Mahar “Behind the Burnt Cork Mask” zeigt. Gleich vorweg: Es gab auch Rassisten unter den Black Faced Comedians, aber die Realität ist wie so oft deutlich komplexer als diejenigen, die alles so genau wissen und vor allem Rassismus sofort erkennen, denken.

“Even though racism was its underlying reason for exploiting the low status of African Americans as a comic device, blackface comedy stressed the use of caricatures and stereotypes because they provided the best vehicles for criticizing the differences between what society promised and what it delivered. The sketches overemphasized the importance of perceived and real racial differences to ridicule the contradictions lower- or middle-class Americans found in their daily lives …” (186).

Man kann Star Trek ansehen und einen Aktionfilm sehen, man kann in Star Trek auch als ein Beispiel für Wissenschaftstheorie und Philosophie in Filmform sehen. Ebenso ist es mit den black faced Minstrels. Man kann ihre Travestie als Gesellschaftskritik lesen, man kann sie auch als wüsten Rassismus werten. Letztlich ist die entsprechende Wertung oder Sichtweise eine Frage der Intelligenz und, wie Mahar schreibt, gibt es keine Belege für die Annahme, dass die US-Amerikaner des späten 18. Jahrhunderts so dumm waren, wie die Antirassisten das heute sind:

“No one knows for sure what audiences believe; there are fewer than a dozen testimonials in the literature indicating that individual white observers were duped, whereas the antebellum audiences numbered in tens of thousands. As the sketches show, blatant racism sometimes led to the denigration of African Americans, but just as often the comedians offered messages that had little to do with the costumes they were wearing. If the burnt cork comedians were accepted as surrogate black persons, there is no good explanation of why so little of what blackface characters did or said could be identified as African American Life” (192)

Kurz: Es mag Komödianten gegeben haben, die ihre Verkleidung genutzt haben, um sich über Schwarze lustig zu machen, aber die Mehrheit der Komödianten, die als black face unterwegs waren, hat die Maske genutzt, um der Mittelschicht den Spiegel vorzuhalten, um die gesellschaftlichen Zustände in den USA zu veralbern und um Gesellschaftskritik zu üben. Dass es heute ausgerechnet Mitglieder der deutschen Mittelschicht sind, die das Blackfacing zum ausschließlich rassistischen Gegenstand stilisieren wollen, ist vor diesem Hintergrund mehr als makaber.

P.S. Es sind genau diese Angehörigen der Mittelschicht, die sich in der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland e.V. zusammengefunden haben, um die deutsche Welt für schwarze Menschen in Deutschland zu verbessern – also für andere schwarze Menschen, nicht für einen selber, denn man selbst ist ja integriert in die deutsche Gutmenschen-Mittelschicht. Und dieser Anbindung entsprechend finden die Mitglieder der Initiative dann auch nichts dabei, die eigenen Vorurteile Dritten zu unterstellen und noch dazu in Anspruch zu nehmen, man spräche für alle schwarzen Menschen in Deutschland, denn so wie klar ist, dass blackfacing nur rassistische Motive haben kann, ist klar, dass alle schwarzen Menschen in Deutschland durch “Wetten, dass …?” beleidigt wurden. Mehr Anmaßung ist kaum möglich.

Mahar, William J. (1999). Behind the Burnt Cork Mask. Early Blackface Minstrelsy and Antebellum American Popular Culture. Chicago: niversity of Illinois Press.

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