Medienpropaganda und die Pervertierung von Wissenschaft (nicht nur durch Journalisten):

Ein Beispiel mit Bezug auf den Zusammenhang zwischen Homosexualität und Selbstmordgefährdung

Wir alle glauben es zu wissen: Die Medien, besonders die so genannten Alten Medien, erfüllen schon lange nicht mehr die Funktion, Menschen möglichst korrekt zu informieren, sondern stehen im Dienst der Manipulation oder gar der systematischen Propaganda für die (Um-/)Erziehung, die diejenigen, die derzeit politische Ämter besetzen, ihren Bürgern gerne angedeihen lassen würden, um die gesellschaftliche Utopie zu erreichen, die ihnen vorschwebt. Wenn diese Vermutung mehr sein soll als eine Verschwörungstheorie, die der psychologischen Hygiene dient insofern als man alles Missliebige, was man in den Medien zu hören oder zu lesen bekommt, als Manipulationsversuch oder schlichte Lüge abtun kann, dann kommt man nicht umhin, empirische Belege für die Existenz solcher Manipulationsversuche in den Medien  zu bringen.

ManipulationstechnikenIrrtümliche Berichterstattung oder die Verbreitung falscher Informationen aufgrund schlechter Recherche hat es wohl immer gegeben. Wenn man sich in den Medien aber auf wissenschaftliche Studien beruft, die man nicht eingesehen oder nicht verstanden hat, und behauptet, diese Studien hätten just gezeigt, was zu bestimmten Partei- oder Regierungsideologien bzw. –politiken passt, dann darf man wohl davon ausgehen, dass es sich hier um echte Täuschungsversuche handelt, die eigentlich den Tatbestand des Betrugs erfüllen.

Ein Beispiel hierfür ist der Missbrauch einer wissenschaftlichen Studie über den Zusammenhang von Homosexualität und Suizidgefährung, die im Februar 2013 in den deutschsprachigen Printmedien die Runde gemacht hat und vielleicht (und u.a.) dafür verantwortlich ist, dass es eine Menge Leute gibt, die meinen, sie seien über diesen Zusammenhang unterrichtet und könnten sich deshalb über ihn äußern – wie dies gerade in der Petitionenschlacht im Zusammenhang mit dem Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg der Fall ist.

Unser Beispiel-Text stammt aus dem schweizerischen Tagesanzeiger vom 22.02.2013, dessen Wortlaut wir hier wiedergeben:

„Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet

Gemäss einer neuen Studie hat jeder fünfte Homosexuelle einen Suizidversuch hinter sich. Besonders gefährdet sind junge Homosexuelle zum Zeitpunkt des Coming Out.“

“Junge Homosexuelle sind eine Risikogruppe für Suizid: Jeder Fünfte hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen, zeigt eine Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai. Letztere fordert mehr Aufklärung zur sexuellen Orientierung in den Schulen.

Die Analyse untersuchte Daten von drei Studien aus dem Jahr 2002 zur Gesundheit von Jugendlichen allgemein, Rekruten und Homosexuellen. Sie zeigt, dass die Hälfte der Suizidversuche noch vor dem zwanzigsten Lebensjahr verübt werden. Sie geschähen häufig zum Zeitpunkt des Coming Out, wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde, sagte Mitautor Jen Wang von der Universität Zürich vor der Presse.

Sexuelle Orientierung nicht systematisch erhoben

Einer von drei jungen Schwulen mit Suizidgedanken versucht demnach, sich das Leben zu nehmen. Bei den Heterosexuellen sei es nur einer von 34, fügt Wang hinzu. Der Wissenschaftler bemängelt, dass in Studien zur öffentlichen Gesundheit in der Schweiz nicht systematisch nach der sexuellen Orientierung gefragt werde, wie dies in den USA und Grossbritannien der Fall sei.

«Sich selbst als Homosexuellen zu akzeptieren, erzeugt eine enorme Spannung, die im Moment des «Coming Out» verstärkt wird: Die Angst, zu missfallen und von seinen Nächsten abgelehnt zu werden, können jemanden zum Suizid verleiten», erklärte Michael Häusermann von Dialogai.

Risiko bleibt auch später

Das erhöhte Suizid-Risiko verschwindet nicht mit der Zeit. Gemäss der Studie bleibt es bei Homosexuellen oder Bisexuellen höheren Alters genauso hoch.

Die Vereinigung hält es für unerlässlich, die sexuelle Vielfalt bereits in den Schulen zu thematisieren. Homo- und bisexuelle Beziehungen seien dabei als gleichwertige Lebensformen darzustellen wie heterosexuelle. Pilotprojekte in den Kantonen Genf und Waadt in diese Richtung seien ermutigend. Sie müssten in der ganzen Schweiz gefördert und ausgebaut werden, sagte Häusermann.

Die drei analysierten Studien sind die Smash-Studie zur Gesundheit von Jugendlichen in der Schweiz, CH-X, eine eidgenössische Befragung von Rekruten zu Gesundheitsfragen, und die Gesundheitbefragung schwuler Männer in Genf. Gemäss Wang ist die Schweiz Pionierin in Europa, indem sie sich bereits Anfang der Nullerjahre mit diesen Fragen beschäftigt hat.

Die Studie ist im Fachblatt «Journal of Psychiatric Research» erschienen.(mw/sda)

JPsyResWir haben uns auf die Suche nach der „Analyse der Universität Zürich und der Vereinigung Dialogai“ gemacht, die „im Fachblatt «Journal of Psychiatric Research» erschienen“ ist, und mit Erleichterung haben wir festgestellt dass es sie tatsächlich gibt: Es handelt sich um eine Studie von Jen Wang, Michael Häusermann, Hans Wydler, Meichun Mohler-Kuo und  Mitchell G. Weiss aus dem Jahr 2012 mit dem Titel „Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Probability Surveys“, und erschienen ist die Studie in Band 46, Heft 8 des Journal of Psychiatric Research.

Vergleicht man die Darstellung im Tagesanzeiger mit dem Inhalt der Studie, dann stellt man allerhand Fragwürdigkeiten und Falschheiten in der Darstellung im Tagesanzeiger fest.

Sie beginnen bereits mit der Überschrift: „Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet“ wirft die Frage auf: häufiger als wer?, denn „häufiger“ ist ein zweistelliger Funktor, der als solcher ohne Aussage ist, wenn nicht angegeben wird, wer mit wem verglichen wird. Der Folgetext im Tagesanzeiger bringt hier keine Klärung. Man kann plausiblerweise vermuten, dass es hier um den Vergleich junger Schwuler mit jungen Nicht-Schwulen geht, aber geschrieben wird das im Tagesanzeiger nirgendwo. Ließe sich das an den Daten in der Studie ablesen?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man wissen, dass in der Studie insgesamt drei verschiedene Stichproben berücksichtigt und ausgewertet wurden, nämlich Daten des ersten Geneva Gay Men’s Health Survey (GGMHS) aus dem Jahr 2002, des Swiss Multicenter Adolescent Survey on Helath (SMASH) aus demselben Jahr und des zweiten Schweizerischen Rekruten-Survey (Swiss Recruit Survey; ch-x) aus 2002/2003 (Wang et al 2012: 981/982). Im ersten Geneva Gay Men’s Health Survey (GGMHS) sind überhaupt keine heterosexuellen Männer vertreten, weshalb sich ein Vergleich der Suizidgefährdung von Homo- und Heterosexuellen logischerweise nicht auf die Daten aus dem GGMHS beziehen kann.

Bleiben noch die beiden anderen Stichproben. Und wenn man sie betrachtet, kann man tatsächlich in der Studie die Ergebnisse finden, die mit der Aussage in Einklang stehen, sie aber in der Allgemeinheit  („Junge Schwule …“) nicht rechtfertigen, denn in diesen beiden Stichproben haben sich nur jeweils relativ wenige Befragte als Nicht-Heterosexuelle identifiziert, nämlich jeweils 1,6 Prozent der Befragten (Wang et al. 2012: 982), und wenn man unter diesen Befragten diejenigen betrachtet, die von Selbstmordgedanken, -plänen oder –versuchen berichten, dann ist deren Zahl noch kleiner. Wie viele genau das sind, ist der Studie nicht direkt zu entnehmen, die durchgängig mit der Angabe prozentualer Anteile arbeitet.

Voodoo ScienceWarum sie das tut, wird verständlich, wenn man die absoluten Anzahlen auf der Basis der von den Autoren mitgeteilten prozentualen Anteile errechnet: Dann zeigt sich, dass neun von 64 der homo- oder bisexuellen Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren im SMASH irgendwann in ihrem noch kurzen Leben nach eigener Angabe einen Selbstmordversuch gemacht haben, und 15 der 296 homo- oder bisexuellen Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren im ch-x. Diese wenigen Befragten werden jeweils mit denjenigen Befragten verglichen, die in derselben Altersklasse, aber heterosexuell sind, und heraus kommt tatsächlich, dass heterosexuelle junge Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren zu geringeren prozentualen Anteilen irgendwann in ihrem Leben einen Selbstmordversuch gemacht haben. (Mit Bezug auf Selbstmordversuche in den vergangenen 12 Monaten verringern sich diese Fallzahlen noch mehr; so haben nur zwei der Homo-/Bisexuellen im SMASH angegeben, sie hätten in den vergangenen 12 Monaten einen Selbstmordversuch gemacht, im ch-x trifft dies wohl auf keinen der Homo-/Bisexuellen zu, was die Autoren in der Studie unter dem „NA“ für „not available“ versteckt haben, was wiederum normalerweise für fehlende Daten steht, aber nicht für die Tatsache, dass kein Befragte/r in die entsprechende Kategorie fällt.

Nun kann man sagen, dass Selbstmordversuche die harte Form der Suizidgefährdung darstellen. Für die Frage nach Suizidplänen sieht das Bild aber noch düsterer aus: Hier sind fast nur „NA“s angegeben, und selbst bei Suizidgedanken als weichem Indikator für Suizidgefährdung sind die Fallzahlen dort, wo kein „NA“ steht, sehr gering: So stehen hinter den 29,2 Prozent homo-/bisexueller junger Männer aus dem SMASH, die in den vergangenen 12 Monaten Suizidgedanken hatten, 19 Befragte.

Wenn der Tagesanzeiger also titelt „Junge Schwule sind häufiger suizidgefährdet“ (als junge Heterosexuelle), dann kann man das aufgrund der Studienergebnisse mit viel gutem Willen zwar nachvollziehen, d.h. es ist nicht direkt falsch, aber völlig irreführend, wenn man sich vergegenwärtigt, wie gering die Fallzahlen sind, auf denen der Vergleich in der Studie basiert.

Die Aussage, nach der „[j]eder fünfte Homosexuelle einen Suizidversuch hinter sich“ hat, ist ebenfalls nachvollziehbar, aber so nicht zutreffend: Erstens handelt es sich um Homosexuelle in einem bestimmten Datensatz, nämlich dem GGMHS, zweitens würde „jeder fünfte“ 20 Prozent entsprechen, aber die entsprechende Angabe in der Studie lautet 18,6 Prozent, und drittens müsste es korrekt heißen: 18,6 Prozent der im Rahmen des GGMHS befragten homosexuellen Männer haben angegeben, irgendwann in ihrem Leben einmal einen Selbstmordversuch gemacht zu haben; die entsprechenden Selbstmordversuche sind nicht auf irgendeine Weise zu objektivieren versucht worden.

Wenn der Text fortfährt: „Junge Homosexuelle sind eine Risikogruppe für Suizid: Jeder Fünfte hat bereits einmal versucht, sich das Leben zu nehmen“, dann werden die beiden oben berichteten Befunde unzulässig kombiniert, so dass die Aussage einfach falsch ist. Nirgendwo wird für „junge Homosexuelle“, also gemäß der Logik der Studie für Homosexuelle von 16 bis 20 Jahren, ein Prozentsatz von 20 Prozent (oder etwas weniger) ausgewiesen, die im Verlauf ihres Lebens einen Selbstmordversuch gemacht hätten (und selbst wenn das so wäre, wäre das Ergebnis aufgrund der niedrigen Fallzahlen von Homosexuellen mit  Selbstmordversuchen nicht aussagekräftig).

Wenn im Bericht des Tagesanzeigers suggeriert werden soll, dass diese Daten die Grundlage dafür sein könnten, dass die Vereinigung Dialogai „mehr Aufklärung zur sexuellen Orientierung in den Schulen“ fordere, dann grenzt dies an das Lächerliche oder ist tatsächlich böse Täuschungsabsicht (was einem das Lachen im Hals stecken bleiben ließe).

Die Aussage, dass die Suizidversuche vor dem 20. Lebensjahr „häufig zum Zeitpunkt des Coming Out [geschähen], wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde“, mag einer der Autoren der Studie, Jen Wang, zwar „vor der Presse“ tatsächlich geäußert haben. Dann stellt sich aber die Frage, wie sich diese Äußerung zu dem verhält, was in der Studie steht, nämlich: „Given the stigmatization of homosexuality, men do not always report homosexual attraction or activity until they have largely completed the process of coming to terms with a stigmatized identity. The median age for initial disclosure of homosexual orientation in GGMHS is 21 years which means that less than half of the men in the 16-20 year age group have reached that point” (Wang et al 2012: 984).

median_mean_modeGemäß des GGMHS liegt der  Median des Coming outs bei 21 Jahren, also nicht vor dem 20. Lebensjahr, und deshalb können Suizidversuche, -pläne oder –gedanken, wenn sie so häufig vor dem 20. Lebensjahr zu beobachten sind, auch nicht auf das Coming Out zurückgeführt werden, ganz davon abgesehen, dass auch dann, wenn die Zahlenwerte andere wären, dennoch nur eine Korrelation und keine Kausalität auf der Grundlage der Daten behauptet werden könnte. (Allerdings wundert man sich einigermaßen darüber, dass die Autoren hier den Median als Lagemaß angegeben haben; der Median gibt an, bei welchem Wert die beobachtete Verteilung in zwei gleich große Hälften geteilt wird, hier: bei 21 Jahren, und es bleibt unklar, warum nicht der Modus als der Wert, der in einer Verteilung der häufigste ist, oder der Mittelwert, also der Durchschnittswert des Alters des Coming Out angegeben sind.)

Weil außerdem sowohl die Erhebung von Homosexualität und Bisexualität als auch die Messung der Suizidgefährdung in den drei verschiedenen Datensätzen, die von den Autoren benutzt werden, unterschiedlich ist, und weil jede der drei Stichproben eine spezifisch selegierte Stichprobe ist, lassen sich die Stichproben kaum aufeinander beziehen, so dass wir uns hier im wundersamen Reich der Kaffeesatz-Leserei befinden.

Jedenfalls kann die Behauptung, dass Suizidversuche vor dem 20. Lebensjahr „häufig zum Zeitpunkt des Coming Out [geschähen], wenn die sexuelle Orientierung publik gemacht werde“, nicht (auch nur einigermaßen) zuverlässig durch die Daten gestützt werden.

Ebenso verhält es sich mit den vom Tagesanzeiger zitierten Bemerkungen eines anderen Mitautoren, Michael Häusermann von der Vereinigung Dialogai: Seine Spekulationen über die „enorme Spannung, die im Moment des ‚Coming Out‘ verstärkt“ werde, und die ebenso wie „[d]ie Angst, zu missfallen und von seinen Nächsten abgelehnt zu werden“ „jemanden zum Suizid verleiten können“, mögen einem plausibel erscheinen oder auch nicht, jedenfalls sind sie durch die Studie in keiner Weise gestützt, weil in den für die Studie verfübaren Daten keine Ängste, missfallen oder abgelehnt zu werden, fügbar sind (oder berücksichtigt worden sind).

Der Text von Wang et al. enthält lediglich eine Passage, in der die Autoren Ergebnisse einer anderen Studie von Wang und Häusermann sowie einem anderen Kollegen nennen und diese Ergebnisse in einen Zusammenhang bringen mit den Werten (Mediane), die sie in ihrer aktuellen Studie für den ersten Selbstmordversuch und für das Coming Out – wohl gemerkt: alle aus unterschiedlichen Stichproben – ermittelt haben. Sie konstruieren aus diesen aus völlig unterschiedlichen Stichproben stammenden Lagemaßen einen “life-course approach“ (Wang et a. 2012: 984), also eine Sequenz im Lebensverlauf, zu der sie schreiben: „This sequence appears [!] to suggest [!] that the circumstances and stress encountered at each milestone may trigger depression and/or suicidality among some [!] gay men“ (Wang et al 2012: 985).

Dem kann man zustimmen: Ja, es scheint, dass es bei einigen so sein kann, womit die Aussage nahzu ohne jeden Inhalt ist. Es sei angefügt, dass nirgendwo im Text, nicht in diesem Abschnitt, nirgendwo vorher und auch nicht in den Schlussfolgerungen, die Worte „Diskriminierung“, „Vorurteile“, „Benachteiligung“  „Stigma“ o.ä. vorkommen. Und die Autoren erklären selbst auf S. 984:„Addressing the multiple risk factors for increased suicidality among gay men lies beyond the scope of the current paper“ (Wang et al. 2012: 984). Als Leser wünscht man sich, sie hätten die Konsequenz hieraus gezogen und nicht versucht, auf methodologisch völlig inakzeptable Weise und indirekt einen Zusammenhang zu konstruieren, der es irgendwie erlauben könnte, Rückschlüsse auf einen der „multiple risk factors“, die im übrigen von den Autoren nicht einmal benannt und durch Literaturhinweise angezeigt werden, zu ziehen.

 Und vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass zwar nirgendwo in der Studie davon die Rede ist, dass „die sexuelle Vielfalt bereits in den Schulen zu thematisieren“ wäre – warum auch? auf die Daten lässt sich eine solche Forderung nun wirklich und beim besten Willen nicht gründen. Aber just dies wird von der Vereinigung Dialogai „für unerlässlich“ gehalten, wie der Tagesanzeiger berichtet. Immerhin gehört einer der Autoren der Studie der Vereinigung an!

TagesanzeigerMan muss davon ausgehen, dass der Tagesanzeiger, wenn nicht seine Leser bewusst  täuschen wollte, so sich doch bereitwillig vor den Karren der Vereinigung Dialogai und der Anliegen der anderen Autoren der Studie hat spannen lassen, die sie selbst am Ende ihres Textes wie folgt beschreiben: „Additional European research and monitoring on this issue would be particularly welcome, given possible regional differences and the modest evidence base to date. More urgently, we hope such findings will motivate key stakeholders to support measures addressing suicidality among sexual minorities. Gay organizations need to continue their efforts in raising awareness about this issue both inside the gay community as well as among policy and professional stake-holders. Suicide prevention and mental health programs need to address the relevance of sexual orientation in their work”.

Park Junk ScienceDass die Studie selbst all dies in keiner Weise zeigt oder unterstützt, sollte inzwischen klar geworden sein. Dass die Autoren der Studie dies großzügig übersehen und damit ihren eigenen Daten Gewalt antun, kann nicht dem Tagesanzeiger angelastet werden. Verantwortlich ist der Journalist/sind die Journalisten beim Tagesanzeiger aber zumindest dafür, dies alles für bare Münze genommen zu haben, obwohl ihm/ihnen mehr oder weniger klar gewesen sein muss, dass hier eine wissenschaftliche Studie dazu missbraucht werden soll, Lobby-Arbeit zu betreiben, so dass eine besonders kritische Prüfung des Inhaltes der Studie angezeigt gewesen wäre. Diese Prüfung ist aber nicht erfolgt oder lag außerhalb der Kompetenzen des/der Journalisten, der/die es problemlos in Kauf genommen hat/haben, die Leser des Tagesanzeigers in die Irre zu führen.

Es scheint, dass sowohl auf die Autoren dieser Studie (und viele andere Autoren vieler anderer Studien) als auch auf den/die Journalisten, der/die den Artikel im Tagesanzeiger (und viele andere Journalisten in vielen anderen Medien) zutrifft, was Schnurr und Steinacker über Soziale Arbeit bzw. Pädagogik im Dritten Reich geschrieben haben:

Erziehungsverhaeltnisse NS„Gefragt waren vor allem solche (sozial-) pädagogischen Arrangements, in denen Erkenntnis wenig, Erlebnis und Bekenntnis aber alles waren. Zur Realisierung der weitreichenden utopischen Phantasien einer ‚Vergesellschaftung‘ durch Erziehung wurden Erziehungsansprüche und Erziehungsversuche in die Alltagssphären des volksgemeinschaftlichen Lebens ausgedehnt“ (Schnurr & Steinacker 2011: 259; Hervorhebung im Original).

Auch den Autoren der Studie und dem/den Journalisten des Tagesanzeigers ging es offensichtlich eher um Bekenntnis als Erkenntnis, und wer ein „guter“ Medienrezipient ist, der fragt nicht lange und akzeptiert, was er aufgetischt bekommt, denn einem „guten“ Medienrezipienten geht es ebenfalls eher um ein Bekenntnis als um Erkenntnis. Und es ist insofern erfreulich, dass immer weniger Menschen konsumieren wollen, was ihnen in den Alten Medien aufgetischt wird.

Von ihnen werden sich viele fragen: Aber wie verhält es sich denn nun tatsächlich mit dem Zusammenhang zwischen Homosexualität und mentaler Gesundheit bzw. Krankheit und Suizidgefährdung? Diese Frage wird – aus gegebenem Anlass – Gegenstand eines der nächsten Beiträge auf ScienceFiles sein.

Literatur:

Schnurr, Stefan & Steinacker, Sven, 2011: Soziale Arbeit im Nationalsozialismus – Auslese und Ausmerze im Dienste der Volkspflege. S. 253- 274 in: Horn, Klaus-Peter & Link, Jörg-W. (Hrsg.): Erziehungsverhältnisse im Nationalsozialismus. Totaler Anspruch und Erziehungswirklichkeit. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Wang, Jen, Häusermann, Michael, Wydler, Hans, Mohler-Kuo, Meichun & Weiss, Mitchell, G., 2012: Suicidality and Sexual Orientation Among Men in Switzerland: Findings from 3 Probabilty Surveys. Journal of Psychiatric Research 46,8: 980-986.

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