Wider die Expertenschwemme

So, wie viele in Deutschland denken, sie hätten nicht nur zu allem eine Meinung, sondern könnten diese Meinung auch in Diskussionen einbringen, selbst wenn sie das, was sie für Ihre Meinung halten, nicht einmal im Entferntesten begründen können, so sind viele der Überzeugung, sie seien Experten für dies oder das. Experten schießen zu allen Gelegenheiten und wie Pilze aus dem Boden:

  • expert opinionVermeintliche Experten erstellen Expertisen, wahlweise für die eine oder die andere politische Stiftung und sollen oder wollen damit die Grundlage für den ideologischen Kampf der entsprechenden Stiftung oder ihren jeweiligen Kampf gegen politisch Andersdenkende liefern.
  • Vermeintliche Experten, die sich einen wissenschaftlichen Anstrich geben, erstellen “Gutachten” für Ministerien, die man dann nutzen kann, um von den eigenen Maßnahmen oder Politiken zu behaupten, sie seien begutachtet und für gut befunden worden.
  • Vermeintliche Experten, von denen noch nie jemand etwas gehört hat, tauchen in den Medien auf, erklären sich für kompetent, um über dieses oder jenes Thema zu sprechen, und machen für die Medien die Schmutzarbeit, ein bestimmtes Thema als genau auf eine Art und Weise darstellbar zu erklären.

Wir haben in der Vergangenheit eine Reihe von Beiträgen zum Schindlunder gebracht, das mit dem Begriff Expertise getrieben wird, haben gerade vor kurzem auf eine kleine Schar selbsternannter Experten aufmerksam gemacht, die für sich entschieden haben, was sie tolerieren wollen und was nicht und wie sie das, was sie nicht tolerieren wollen, kriminalisieren wollen, eine kleine Schar Experten, die für die EU nützlich sind (hoffentlich wurden sie gut bezahlt) und sich prima einsetzen lassen, um weiter Freiheitsrechte hinweg zu harmoniseren und die Europäer in allem, selbst in dem, was sie sagen dürfen und was sie nicht sagen dürfen, gleichzuschalten.

GannonWir wollen heute nicht danach fragen, was diese angeblichen Experten dazu veranlasst, sich in den Dienst anderer zu stellen, für diese die Schmutzarbeit zu machen, sondern eine begriffliche Klarheit herbeiführen und aufzeigen, wo die begriffliche Verwirrung herkommt, die dazu geführt hat, dass jeder, der es von sich behauptet oder dem es von wem auch immer zugeschrieben wird, als Experte durchgehen kann.

Auf der Suche nach der Ursache der Verwirrung darüber, was ein Experte ist, sind wir, wie so häufig, in der interpretativen Soziologie angekommen, bei der (kleinen) Gruppe derer, die denken, die Welt bestehe aus Askriptionen und aus Konstruktionen über die Realität und mehr nicht. Diese Richtung der Soziologie ist für viel Verwirrung zuständig, hat sie doch eine Reihe von vermeintlichen Forschern hervorgebracht, die tatsächlich denken, sie konstruieren, also seien sie. So war Konstruktivismus, jedenfalls ernstzunehmender Konstruktivismus, aber nie gedacht.

Konstruktivismus basiert auf der Wahrnehmung einer Trennung zwischen Realität und Geist. Erstere ist einfach da, zweiteres tragen wir an Erstere heran. Die Frage, die sich nun ergibt, lautet: Wie stark stimmen beide miteinander überein? Wie richtig ist die Vorstellung, die wir uns über die Realität machen? Diese Frage, die als Problem der Gewissheit von Aussagen diskutiert wird, hat skeptische Antworter gefunden, z.B. David Hume, der der Ansicht war, die Eindrücke in unseren Hirnen seien in keiner Weise als richtige Repräsentationen der Außenwelt beweisbar.

Objektive ErkenntnisSie hat optimistische Antworter gefunden, wie Karl Raimund Popper, der davon ausgegangen ist, dass man zwar nicht mit Sicherheit (oder Gewissheit) sagen kann, dass eine Aussage über die Realität richtig ist, dass man aber mit Gewissheit prüfen kann, ob eine Aussage zumindest nicht falsch ist, und sie hat pragmatische Antworter gefunden, die der Ansicht sind, man könne zwar nicht aus dem Gefängnis seines Geistes ausbrechen, aber es sei dennoch möglich, Übereinstimmung mit der Realität herzustellen, ob die dann gewiss oder tatsächlich seien, sei etztlich egal, so lange die anscheinende oder offensichtliche Übereinstimmung funktioniere.

Allen Positionen ist eines gemeinsam: Sie gehen davon aus, dass es eine Realität gibt und dass es möglich ist, mit dieser Realität in Kontakt zu treten, sie wahrzunehmen und vielleicht sogar zu erkennen. Niemand, der selbst ernst genommen werden wollte oder will, hat je angenommen, dass alles konstruiert, alles eine Einbildung des Geistes ist oder dass die soziale Konstruktion, wie wir sie in unseren Gehirnen vornehmen, die Realität zu etwas anderem machen könnte, wie dies z.B. Genderisten glauben. Letztere glauben doch tatsächlich, dass die Art und Weise, wie man über Dinge spricht, diese Dinge zu verändern im Stande ist. Wer das auch glaubt, möge versuchen, eine Wand, die ihm im Weg ist, zur Straße zu erklären und sehen, was passiert, wenn er die konstruierte Straße befährt.

Aber in der Gesellschaftswissenschaft, im sozialen Leben, so die Genderisten, da sei dies alles ganz anders als in unseren Beispiel mit der Wand. Im sozialen Leben werde Realität konstruiert, so sagen Sie, und verweisen regelmäßig auf entweder Herbert Blumer oder auf Erving Goffman. Aber, weder Blumer noch Goffman waren dumm. Beide haben die Existenz einer realen Außenwelt nicht in Frage gestellt, sondern lediglich gesagt, dass die Art und Weise, wie wir die Außenwelt wahrnehmen, sozial geprägt ist. Also: Nicht die Realität wird durch die Wahrnehmung verändert, sondern die Realität wird unterschiedlich wahrgenommen. Genderisten sehen z.B: überall Sexualität, während normale Menschen eher mit schlichten Dingen wie Berufsrollen zugange sind. Und so erweckt derselbe Elektriker je nachdem, ob er einem Genderisten oder einem normalen Menschen gegenüber steht, ganz unterschiedliche Wahrnehmungen/Assoziationen. Dies ändert jedoch nichts daran, dass es sich um einen Elektriker handelt, dessen Sexualität nicht seine Essenz ausmacht.

Das bringt uns zurück zum Experten und zu Definitionen des Experten, die die Tür geöffnet haben für Willkür und Unsinn en masse. Eine solche Definition haben Meuser und Nagel zu verantworten, die

einen Experten als jemanden definieren, der (1) „in irgendeiner Weise Verantwortung trägt für den Entwurf, die Ausarbeitung, die Implementierung und/oder die Kontrolle einer Problemlösung“ und der (2) damit über einen “privilegierten Zugang zu Informationen über Personengruppen, Soziallagen, Entscheidungsprozesse, Politikfelder usw. verfügt“ (Meuser & Nagel, 2010, S.470).

Das macht jeden, der nicht mit seinen Händen arbeitet, zum Experten. Wer vom Bundesministerium für alle außer Männern Mittel dafür zugeschustert bekommt, dass er ein Fortbildungsprogramm für Lehrer aufstellt, das “Geschlechterreflektierende Pädagogik als Prävention von Rechtsextremismus” zum Gegenstand hat, ist damit automatisch Experte: Er hat die Verantwortung dafür, etwas zusammenzuschreiben, was als Entwurf für eine Fortbildung durchgeht, er muss den Entwurfe ausarbeiten (lassen) und die Fortbildung selbst durchführen und hat entsprechend “Kontrolle über eine von ihm behauptete Problemlösung”, und er hat einen privilegierten Zugang zu allen, die in seiner Fortbildung auftauchen (müssen), also z.B. zur Personengruppe der Lehrer, die regelmäßig aus der Mittelschicht stammen (Soziallage) und Einfluss auf z.B. die Grundschulempfehlung für Schüler haben. Eh voilá, ein Experte ist geboren, kraft der Mittelzuweisung durch ein Ministerium und kraft eigener Behauptung.

placeboDas ist radikaler und naiver Konstruktivismus (oder Hochstapelei), der Expertenstatus gewährt, ohne dass der Experte einen Eindruck auf die Realität, einen Niederschlag in der Realität finden muss oder sich selbst auf die Realität beziehen muss (er kann also irgendeinen Unsinn erzählen) und ohne dass der angebliche Experte eine Kompetenz in dem Gebiet, auf dem er “expertet” nachweisen muss. Mit diesem Trick gelingt es dann, Hochschulabsolventen zu Experten für das, was gerade ideologisch nützlich ist, zu erklären, es gelingt, unbekannte Personen zu Experten in aktuellen und zumeist emotional aufgeladenen Fragen zu erklären und es gelingt, fünf Juristen, die zu Kriegsrecht, Völkerrecht und öffentlichem Recht etwas zu sagen wissen, zu Experten für Fragen der Toleranz, also eher philosophische Fragen zu erklären.

Und irgendwie scheinen alle, die mit vermeintlichen Experten konfrontiert sind, deren Expertenstatus zu akzeptieren und nicht zu fragen, auf Grund welcher Kompetenz ist der vermeintliche Experte eigentlich Experte?

Damit endlich ein Diskurs darüber geführt wird, wer zum Experten taugt und wer nicht, hier unsere Definition eines Experten:

Ein Experte ist jemand, der (1) aufgrund langjähriger Erfahrung über bereichsspezifisches Wissen/Können verfügt, (2) er ist jemand, der dieses Wissen in der Realität auch anwenden kann und angewendet hat, (3) er ist jemand, der in der Lage ist, Lösungen für reale Probleme zu erarbeiten, jemand der in der Vergangenheit Problemlösungen erarbeitet hat, die sich in der Realität bewährt haben, der (4) entsprechend über Urteilsvermögen verfügt, und (5) bereit ist, die Konsequenzen aus empirischen Fakten zu ziehen auch wenn sie seiner bisherigen Auffassung widersprechen und der bereit ist, diese Konsequenzen auch dann zu ziehen, wenn sie seinem Auftraggeber vorhersehbar nicht gefallen werden. Diese Bereitschaft zeigt sich darin, dass er in nicht emotionaler Weise zu sprechen in der Lage ist, Gegenpositionen sachlich zu diskutieren bereit ist und dass ihm Erkenntnis wichtiger als Bekenntnis ist.

Literatur

Meuser, Michael & Nagel, Ulrike (2010). Experteninterviews – wissenssoziologische Voraussetzungen und methodische Durchführung. In: Friebertshauser, Barbara, Langer, Antje & Prengel, Annedore (Hrsg.). Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim: Juventa, S.457-472.

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