Hartz IV Empfänger sind gar nicht faul

Diese Erkenntnis verdanken wir Philip Frieg und Rebekka Schulz aus dem “Projektteam Testentwicklung 2014”, die unter Mitarbeit von Alexander Weisel aus dem Jobcenter Kaufbeuren zu diesem Wissen gelangt sind. Und weil ihr Beitrag so kurzweilig, ja gute Laune verbreitend ist, wollen wir ihn hier näher besprechen.

Die Überschrift des Beitrag lautet: “Hartz-IV-Empfänger nicht ‘faul’ – Eine Studie zur berufsbezogenen Persönlichkeit von Arbeit Suchenden und Berufstätigen”. Die Überschrift besteht also aus einer Allaussage, bezieht sich auf alle Hartz-IV-Empfänger!

Hartz IV nicht faulFrieg und Schulz beginnen ihre Studie unter Mitarbeit von Weisel damit, dass sie das Bild, das Medien von Hartz-IV-Empfängern zeichnen, kritisieren: Es sei falsch und basiere auf “Äußerungen und Verhaltensweisen einzelner Personen, die in der Regel nicht auf die Allgemeinheit übertragbar sind” (2). Stattdessen, so erfahren wir weiter, bilden sich mit “Vorurteilen behaftete Stereotypen” (2). Wenn also in öffentlichen Medien von “Hartz-IV-Schnorrern” die Rede sei oder von faulen und unwilligen Arbeitslosen, dann sei dies eine “ungerechtfertigte Verallgemeinerung” (2).

Die Neuentwicklung vorurteilsbehafteter Stereotype hat uns besonders gefreut, und wir empfehlen sie allen Sozialpsychologen, die sich damit abquälen, die weitgehend nützlichen Stereotype von den weniger sinnvollen Vorurteilen zu unterscheiden. Wozu? Alles der gleiche Brei, vorurteilsbehaftete Stereotype oder stereotypisierte Vorurteile oder so…, irgendwas halt!

Aber weiter im Text. Was tut man, wenn man zeigen will, dass die “vorurteilsbehafteten Stereotype” (einfach zu gut diese Nominalkonstruktion, fast so gut wie überordnungsbehaftete Hierarchie oder erwärmende Verbrennung…), also, dass die “vorurteilsbehafteten Stereotype” eben vorurteilsbehaftete Stereotype, somit falsch, also halt Vorurteile, stereotypische, sind. Man vergleicht Arbeitslose und Arbeitende und folgert aus der Tatsache, dass Letztere arbeiten und erstere nicht, dass erstere wohl faul sind. Nein. Das war jetzt gemein. Natürlich kann man aus der Tatsache, dass jemand nicht arbeitet, nicht schließen, dass er faul ist. Was hieße dies für all die Hausfrauen? Eben!

Hartz IV SchmarotzerWie also, findet man heraus, ob jemand nicht arbeiten will und es sich statt dessen lieber in der sozialen Hängematte bequem macht? Gar nicht so einfach, denn für die Frage: “Wollen Sie lieber auf Kosten von anderen leben als arbeiten?” wird man sicherlich nur wenig Zustimmung ernten. Wie also untersucht man Faulheit und mithin ein Verhalten?

Nun die beiden vom “Projektteam Testentwicklung, 2014” unter Mitarbeit von Alexander Weisel sitzen an der Ruhr Universität in Bochum (Alexander Weisel, der Mitarbeiter, sitzt in Kaufbeuren). An der Ruhr Universität Bochum gibt es ein Testzentrum, in dem u.a. das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung (BIP) entwickelt wurde. Auf dem Inventar hat nunmehr Hogrefe die Hand, d.h., wer es nutzen will, der muss dafür bezahlen. Und damit es auch jemanden gibt, der für das Inventar bezahlen will, gibt es Marketingmaßnahmen wie diejenige von Frieg und Schulz unter Mitarbeit von Weisel, Alexander.

Sie haben den oben zitierten Aufhänger “Hartz-IV-Empfänger nicht ‘faul'” genutzt, um ihr BIP, also das Bochumer Inventar zur berufsbezogenen Persönlichkeitsbeschreibung benutzen zu können. Mit anderen Worten, die Frage, ob jemand faul ist, also eine Frage nach dem Verhalten, wollen sie mit Einstellungen, damit ob jemand z.B. von sich sagt, er komme leicht mit anderen ins Gespräch oder er kämpfe auch für seine Meinung, wenn er in der Minderheit sei und so, beantworten. Was genau im Rahmen des BIP gefragt wird, das darf nicht verraten werden, denn der Hogrefe-Verlag, will damit Geld verdienen, dementsprechend ist allzu genaues Wissen hinderlich.

Verraten wird, dass das Inventar so interessante Dimensionen umfasst wie Gestaltungsmotivation, Führungsmotivation, Gewissenhaftigkeit, Flexibilität, Kontaktfähigkeit und Teamorientierung. Und diese Dimensionen haben die beiden aus Bochum und ihr Mitarbeiter aus Kaufbeuren für Arbeitslose und Berufstätige erhoben und verglichen und gezeigt, dass “Arbeitslose … in gleichem Maße freundlich und verträglich sowie entgegen der weitläufigen Meinung durchaus in der Lage [sind], sich zu begeistern. Auch in Bezug auf weitere für den beruflichen Erfolg wichtige Eigenschaften, wie z.B. Durchsetzungsfähigkeit oder Selbstbewusstsein zeigen sich keinerlei Unterschiede zwischen Berufstätigen und Arbeit Suchenden” (10).

Wir erinnern uns, dass sich die beiden Autoren und ihr Mitarbeiter zu Beginn ihrer Arbeit vehement gegen Verallgemeinerungen von wenigen Fällen fauler Hartz-IV-Empfänger gewendet haben. Sie scheinen es vergessen zu haben, denn sie verkünden ihre Ergebnisse vollmundig für alle Arbeitslosen und sind ja auch im Titel ihres Beitrags nicht davor zurückgeschreckt festzustellen, dass alle Hartz-IV-Empfänger nicht faul sind. Die vollmundige Aussage wird umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die Ergebnisse von Frieg und Schulz unter Mitarbeit von Weisel auf den Angaben von 407 Personen basiert, darunter 131 Arbeitslose, also auf einer eher bescheidenen Befragtenbasis, die zudem das Problem mit sich bringt, ausschließlich aus Arbeitslosen aus Kaufbeuren zu bestehen, die breit waren, am Test teilzunehmen. Eher nicht das, was man eine repräsentative Auswahl nennt. Aber kein Hinderungsgrund für die Autoren, den Fehler zu begehen, den sie anderen, der Bildzeitung zum Beispiel anlasten – in ihren Worten: vorurteilsbehaftete Stereotypisierung.

Hartz IVDamit nicht genug, der Marketing-Gag, als der die vorliegende “Studie” wohl gedacht ist, denn mal ehrlich, was hat die Tatsache, dass die Einschätzungen, die Arbeitslose im Hinblick auf ihre Person vornehmen, sich von denen, die Erwerbstätige vornehmen, nur wenig unterscheiden (Betonung auf wenig!), mit der Frage, ob Hartz-IV-Empfänger faul sind zu tun? Nichts. Die gezwungene Verwendung des BIP dient somit nicht dazu, die Frage nach der Faulheit zu beantworten, der Aufhänger mit der Faulheit wird vielmehr von den beiden Bochumer Autoren und ihrem Kaufbeurener Mitarbeiter dazu benutzt, um Aufmerksamkeit zu erregen und das BIP zu bewerben.

Und zu diesem Zweck gehen die Autoren eben einmal über die eigenen Ergebnisse hinweg, die bei Arbeitslosen eher “problematische BIP-Profile” zeigen (10), die sich durch eine unterdurchschnittlich ausgeprägte Gewissenhaftigkeit, Soziabilität, Teamorientierung und Sensitivität auszeichnen. Das alles ist aus der untersten Schublade der Sozialforschung und sollte schnellstens eingestampft werden, schon weil sicher niemand im Testzentrum in Bochum mit “vorurteilsbehafteter Stereotypisierung” in Verbindung gebracht werden will.

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