Warum man mit vielen Deutschen alles machen kann

Gestern haben wir nach dem Punkt gefragt, ab dem sich bei manchen Deutschen oder den meisten Deutschen Leidensfähigkeit in Handlung übersetzt, d.h. ab wann sie denken, sie müssten etwas an einem Missstand ändern. Einige Reaktionen auf dieses Post haben einmal mehr gezeigt, warum man mit manchen Deutschen so ziemlich alles machen kann. Doch der Reihe nach.

Beispiel 1:

Vor 12 Jahren als die ersten Reaktionen auf unseren Beitrag “Bringing Boys Back In” eingetroffen sind, haben wir uns zum ersten Mal verwundert angeschaut und versucht, eine groteske Situation zu verstehen. Die groteske Situation ist diese:

Wir berichten in einem wissenschaftlichen Beitrag davon, dass Jungen im deutschen Schulsystem erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen haben und dass diese Nachteile um so geringer ausfallen, je höher der Anteil männlicher Grundschullehrer und je geringer die Arbeitslosenquote ist.
Hurrelmann BildungsverliererNun sollte man denken, die Tatsache, dass Jungen in ihrem schulischen Erfolg hinter Mädchen zurückbleiben, sei ein Faktum, das zu intensiven Debatten darüber anreizt, wie man diese Nachteile beseitigen kann. Weit gefehlt. Statt über die Nachteile von Jungen zu diskutieren, haben es etliche Kommentatoren vorgezogen, von einer Feminisierung der Schule, die wir angeblich festgestellt hätten, zu fabulieren. Noch intensiver wurde darüber diskutiert, ob Lehrerinnen prinzipiell schuld sein können oder ob nicht Lehrerinnen als Vertreter des weiblichen Geschlechts bar jeglichen negativen Einflusses auf die sie umgebende Welt seien. Und während derart wichtige Fragen von Schuld und Intention diskutiert werden, leben die Fakten unbeeindruckt weiter: An der Situation von Jungen hat sich seit 2002 wenig bis nichts verändert. Noch immer haben sie erhebliche Nachteile gegenüber Mädchen.

Beispiel 2:

Wir berichteten gestern und nicht zum ersten Mal darüber, dass Deutsche von ihrem Staat ausgenommen werden. Nicht alle Deutsche, nein, nur diejenigen, die erwerbstätig sind und bei denen etwas zu holen ist. Das Zauberwort hier heißt Umverteilung, gewöhnlich ergänzt durch die Phrase “soziale Gerechtigkeit”. Beide zusammen sind u.a. Begründung dafür, dass dem Durchschnittsarbeitnehmer rund 53% seines Bruttoverdienst weggesteuert wird (ohne Verbrauchsssteuern) und dafür, dass dem Durchschnittsrentenbeitragszahler nur rund 40% der Beiträge, die er abführt, zu Gute kommen.

Die Umverteilung, die z.B. im Rentensystem stattfindet, führt dazu, dass Männer im Durchschnitt nach Renteneintritt mit 39,7% des Einkommens rechnen können, das sie während ihrer Erwerbstätigkeit erwirtschaftet haben. während Frauen mit 42,8% ihres ehemaligen Einkommens (aus Transferzahlungen oder Arbeit) rechnen können (Metzger & Schoder, 2013: 268). Es führt weiter dazu, dass langjährige Versichterte, also solche, die 35 Wartejahre zusammenbekommen haben, diese auf Basis von 8 Ausbildungsjahren, 12 Jahren der Kindererziehung, die als Berücksichtigungszeiten gelten, ergänzt um 3 Jahre für Arbeitslosigkeit und 12 Wartejahre, die über eine Teilzeittätigkeit erwirtschaftet wurde, erreichen können und als Folge eine Rente beziehen, die der Rente entspricht, die ein Vollzeiterwerbstätiger, der nie mehr als den Bruttodurchschnittslohn verdient hat, erhält. Eine deratige Bevorzugung bestimmter Lebensweisen, noch dazu von Lebensweisen, die nur geringe Beiträge zur Rentenkasse bringen, ist ein Affront gegen jede Form von Gerechtigkeit und man sollte denken, dass darüber eine intensive Debatte entsteht.

Aber, Groteske Nr. 2, nein, wir diskutieren nicht darüber, ob die Verteilung von Rentenbeiträgen und Steuergeldern über den Bundeszuschuss zur Rente gerecht ist, sondern darüber, ob Mutter sein, eine erhabene Tätigkeit ist, die von Liebe und der Suche nach Wahrheit getragen wird.

Es ist zum Haare ausraufen. Wann immer in Deutschland ein Missstand aufgezeigt wird, der mit Fakten belegt ist und entsprechend nicht weggeredet werden kann, dauert es nicht lange, und die Diskussion wird über affektive geladene Inhalte geführt, die mit dem Missstand nur vermittelt, wenn überhaupt etwas zu tun haben.

black hole spiralWir haben schon mit unserer Theorie der Diffamierungs-Spirale gezeigt, wie einfach es in Deutschland ist, eine Diskussion von den Fakten, über die diskutiert werden muss, loszulösen und mit affektiven Inhalten zu füllen. Nun ist es an der Zeit, unsere Theorie der Diffamierungs-Spirale mit ein paar sozialpsychologischen Grundlagen zu unterfüttern.

Wir stellen die Hypothese auf, dass man mit vielen Deutschen deshalb alles machen kann, weil sie in einer Welt der affektiven Begriffe leben, die mit der faktischen Welt im besten Fall eine Schnittmenge gemein hat, im ungünstigsten Fall überhaupt nichts.

Für kaum einen Begriff, über den öffentlich diskutiert wird, gilt, dass über seinen Tatsachengehalt und nicht über seine affektive Ladung diskutiert wird.  Der Grundkonsens unter vielen Deutschen scheint darin zu bestehen, dass man die Welt in absolut gut und absolut böse einteilen müsse. Die entsprechende Einteilung ist von der jeweiligen Gesinnung abhängig und wird im Verlaufe der Sozialsation operand konditioniert, d.h. innerhalb seiner Bezugsgruppe lernt ein Deutscher, was er von bestimmten Begriffen zu halten hat, er lernt den richtigen emotionalen Reflex entsprechend seiner Gesinnung, was er nicht lernt, sind Bedeutung und Tatsachengehalt der Begriffe:

Homosexualität ist gut für Linke, böse für Rechte, Migranten sind gut für Linke, böse für Rechte. Feminismus ist gut und links, wer gegen Feminismus ist, muss entsprechend böse und rechts sein – oder umgekehrt. Europa ist gut und links, Europakritik böse und rechts – oder umgekehrt. Öffentliche Diskussionen sind Diskussionen über die richtige Gesinnung, und sie sind eines nicht: Diskussionen über Fakten. Fakten treten sofort in den Hintergrund, sofern sie überhaupt eine Rolle spielen. An ihre Stelle tritt die Zuordnung der eigenen Person zur richtigen Seite, denn diese Zuordnung ist es, die den Sinn im Leben ausmacht.

Carrot and stickAffektiv dominierte Deutsche, die viel Emotion haben und in Begriffshülsen predigen, weil sie keine Argumente haben, sind Deutsche, die es nicht geschafft haben, sich einen eigenen Lebensinn zu geben, weil sie entweder nicht über die kognitiven Fähigkeiten verfügen, eine eigene Weltsicht zu entwickeln oder nicht über die Persönlichkeit, dies zu tun. Viel lieber ordnen sie sich zu, gewinnen sie ihren Selbstwert daraus, dass sie sich mit aus ihrer Sicht guten Begriffen schmücken. Dann werden sie zu etwas, zum Anitifaschisten (was auch immer das sein mag), zum Europäer (wodurch sich der Europäer auch immer auszeichnen mag), zum Deutschen (was auch immer den Deutschen charakterisieren mag).

Mit diesem Bedürfnis lässt sich prima arbeiten. Man wirft Begriffe in den Ring und kann darauf vertrauen, dass einem Horden von Sinnsuchern zulaufen, die nur darauf gewartet haben, für Homosexuelle einzutreten, obwohl sie keine Ahnung haben, was es bedeutet, homosexuell zu sein; die nur darauf gewartet haben, sich gegen Überfremdung zu wehren, obwohl es keinerlei empirische Hinweise auf eine solche gibt, eher spricht alles für eine Renaissance des kleinbürgerlich-linken Mief. Worin auch immer der Inhalt bestehen mag, affektiv Dominierte springen dann, wenn er zur eigenen Gesinnung passt auf ihn und gewinnen einen Lebenssinn, sie werden zu Kämpfern für die Sache der Entrechteten oder gegen schädliche Einflüsse.

Die entsprechenden Feindbilder sind Legion, sie reichen von der US-amerikanischen Hochfinanz über die mehr ordinären Banker, über Unternehmen, die vermeintlich Profit vor Umwelt stellen, über Hater und Antifeministen, bis hin zu Rechtsextremen, die besonders geeignet sind, um eine moralische Panik zu inszenieren. Bereits 15 versprengte Gestalten in Springerstiefeln reichen aus, um Meuten von Antifaschisten auf den Plan zu rufen und unbeteiligtes Eigentum im Kampf für das Gute zu zerstören.

Und ganz nebenbei wird jegliche Möglichkeit der Verständigung zerstört. Da irrationale Gefühle immer als reine Gefühle daherkommen, ist kein Platz für die Relativität der Welt, dafür, festzustellen, dass Homosexualität nicht nur gut ist, sondern Risiken wie AIDS umfasst, dafür, festzustellen, dass Migranten nicht nur gut oder nur böse sind, weil Migranten Menschen sind, mit allen ihren Vorzügen und Fehlern oder dafür, festzustellen, dass nichts getan werden kann, ohne damit unbeabsichtigte und unbedachte Nebenfolgen zu produzieren, Nebenfolgen, die man bedauern mag, oder Nebenfolgen, die positiv überraschen.

Kurz: Für das ganz normale Leben ist in der Sinnsuche affektiv Dominierter kein Platz, denn das Leben ist zu komplex, als dass es in ihre schale Welt, in der alles in zwei Schubladen eingeordnet werden muss, passen würde. Man könnte auch sagen, affektiv Dominierte haben es nicht aus dem Kindheitsstadium in ein Erwachsenenalter geschafft. Sie sind in der Infantilität verblieben und hadern damit, dass von ihnen verlangt wird, ein eigenverantwortliches Leben zu führen und eine entsprechende Urteilsfähigkeit, die auf der Wahrnehmung und Gewichtung von Fakten basiert, zu entwickeln.

Aber das ist eine Hypothese, die noch empirisch geprüft werden muss. Vielleich findet sich ja ein mutiger Sozialwissenschaftler.

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