Schule und Persönlichkeit: kein Effekt

An Universitäten, aber nicht nur dort, ist ein Typ Sozialforscher verbreitet, den man als Datenhuber bezeichnen kann. Er lebt für seine Daten. Ein SPSS-Befehl bereitet ihm große Freude und ein signifikanter Wert als Output einer Regression macht ihn fast ekstatisch.

SOEP 658Regelmäßig startet der Datenhuber, wenn wir diesen Typus einmal sterotypsieren dürfen, mit großen Erwartungen in seine Datenhuberei, keine theoretischen Erwartungen, nein, das wäre zu wenig empirisch, Erwartungen, Ergebnisse aus seinen Daten zu kitzeln, die gesellschaftlich relevant sind, aus denen man Schlüsse ziehen kann, die für die Gesellschaft Gutes bewirken, die von Politikern berücksichtigt werden müssen, die – ja, einfach zu wichtig sind, als dass man sie links liegen lassen könnte, Schlüsse wie den folgenden:

“Put differently, our findings may therefore point to the necessity for educational policies to take the impact of educational changes on personality traits into consideration” (Dahmann & Anger, 2014: 38).

Das ist das Mindeste, eine Empfehlung an die Politik, eine Empfehlung, die natürlich die Regelung eines Bereiches zum Gegenstand hat und die auf dem Ergebnis der eigenen Anstrengungen basiert, der Datenhuberei.

Sarah Dahmann und Silke Anger sind wohl angehende Datenhuber, jedenfalls muss man das ihrem Beitrag mit dem Titel “The Impact of Education on Personality – Evidence from a German High School Reform” entnehmen.

Der Beitrag startet mit Ambitionen. Die deutsche “High School Reform”, also die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahren in fast allen Bundesländern (Thüringen und Sachen hatten nie mehr als 12 Jahre und Rheinland-Pfalz hat sich bislang nur an manchen Schulen zum Abitur in 12 Jahren durchringen können), diese Reform, wenn man es denn Reform nennen will, habe das Curriculum unverändert gelassen, so Dahmann und Agner. Gleiches Curriculum in weniger Zeit, so ihre Überlegung, muss zu mehr “workload” führen, also für sie zu mehr Stress bei Schülern (Ob die Arbeitsbelastung tatsächlich gestiegen ist bzw. ob Schüler nach der Reform nicht einfach ausgelasteter waren als davor, prüfen die Autoren nicht).

Gleichzeitg, so die Autoren weiter, gehe die verkürzte Schulzeit mit mehr Unterricht einher, d.h. mit mehr Zeit in der Schule. Und da Schule gut ist, muss auch mehr Zeit in der Schule gut sein, mehr Interaktion zwischen Schülern und zwischen Schülern und Lehrern zur Folge haben. Das ist auch gut, führt zu Kooperation und vielen anderen von den Autoren als positiv bewerteten Dingen.

Die zentrale Hypothese lautet somit: Die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur wirkt sich positiv und negativ aus.

Die Frage ist, worauf wirkt sich die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur positiv und negativ aus? Die naheliegende Antwort lautet wie immer: die Schüler. Nun kann man Schüler nicht messen und Datenhuber wollen ja vor allem eines: Messen, Daten miteinander in Verbindung bringen und Zahlen in andere Zahlen transformieren, die man dann interpretieren kann oder auch nicht.

causation 3Zum Glück für Datenhuber gibt es das Konzept der BIG FIVE Persönlichkeitsfaktoren, das Costa und McCrae im Jahre 1988 dadurch popularisiert haben, dass sie das NEO PI-R, ein Persönlichkeitsinventar eingeführt haben, das es erlaubt, die fünf Persönlichkeitsfaktoren, von denen angenommen wird, sie reichten aus, um alle Menschen dieser Erde zu klassifizieren, über fünf Sub-Faktoren zu messen. Dahmann und Anger haben die Daten des SOEP zur Verfügung und entsprechend nur drei Subfaktoren, aber man muss die Daten nehmen, die man bekommen kann.

Weiteres Glück steht in der Tatsache bereit, dass Cunha und Heckman im Jahre 2007 ein Modell entwickelt haben, das die Entwicklung einer Persönlichkeit als Hinzufügen neuer Erfahrungen zu bereits vorhandenen Erfahrungen beschreibt. Und je weniger Erfahrung man bereits hat, desto wichtiger ist neue Erfahrung, was wiederum Kinder und Jugendliche zu interessanten Forschungsobjekten macht und eine Verbindung zur Schule als institutioneller Form der Erfahrungsvermittlung herstellt, sofern man annimmt, dass in der Schule tatsächlich Erfahrungen gemacht werden.

Fehlt noch der Schluss des Kreises: Persönlichkeit formiert sich auf der Grundlage von Erfahrung (manche wie z.B. der oben zitierte McCrae behaupten zudem, dass Persönlichkeit einen genetischen Anteil hat, aber das stört nur beim Datenauswerten, weil man es kaum messen kann, deshalb lassen wir das einfach beiseite) und schuwpp-die-wupp haben wir die Hypothese, dass Schule sich auf Persönlichkeit auswirkt und dass dann, wenn man an der Variable “Schule” etwas ändert, man deterministisch wie die Beziehung nun einmal ist, auch etwas an der Variable “Persönlichkeit” ändert.

Geändert wurde die Zeit, die bis zum Abitur zur Verfügung steht. Und daraus konstruieren die Autoren die Vermutung, dass sich dieses eine Jahr und vor allem der hohe “workload” auf die Persönlichkeit der betroffenen Schüler auswirkt. Warum? Wegen des höheren workload! Warum? Niemand weiß es.

Doch weiter im Text und zu den Big Five. Die großen Fünf setzen sich aus der Offenheit für Neues, der Umgänglichkeit (agreeableness), der Gewissenhaftigkeit (conscientiousness), der Extrovertiertheit (extraversion) und dem Neurotizismus zusammen (auch als emotionale Stabilität bekannt bzw. als Fehlen derselben). Mit diesen fünf Faktoren rechnen die Autoren. Zudem rechnen sie mit “locus of control”, einem Konzept von Julian Rotter, von dem sie annehmen, dass es von u.a. dem höheren worklaoad negativ beeinflusst wird (12). Und das ist dann das Letzte, was wir vom locus of control gehört haben, jedenfalls in der Arbeit von Dahmann und Anger.

Und dann ergibt sich ein Problem. Wenn sich die Verkürzung der Schulzeit auf die Persönlichkeit auswirken soll, dann wird damit eine kausale Beziehung behauptet. Kausalität in Daten zu finden, ist jedoch ein schwieriges bis fruchtloses Unterfangen. Aber man kann zumindest so tun, als würde man Kausalität messen, etwa so:

Reform formel

causation 2cartoonDie zentrale Variable “Reform” nimmt den Wert 1 an, wenn die Person, für die Angaben ausgewertet werden, im Alter von 17 Jahren an einem Gymnasium war, an dem das Abitur mit 12 Jahren abgelegt wurde, der Wert 0 wird zugewiesen, wenn das Abitur erst nach 13 Jahren erreicht wurde/werden konnte. Geschätzt wird dann nicht mehr und nicht weniger als eine Korrelation zwischen z.B. Alter oder Geschlecht oder Bildung des Vaters (Xi), unter Kontrolle des Bundeslands und des Jahres der Einschulung. Was das Ganze mit Kausalität zu tun hat, wie die Autoren behaupten, ist nicht nachvollziehbar, schon weil keine theoretische Fundierung vorhanden ist.

Aber es muss auch nicht nachvollzogen werden, weil die Sterne, die das Herz von Datenhubern erfreuen, weil sie eine signifikante Korrelation (!sic) beschreiben, in den Tabellen, in denen die Ergebnisse präsentiert werden, weitgehend durch Abwesenheit glänzen und keines der Modelle mehr als 7% der gesamten Varianz erklärt. Und so bleibt den Autoren nur festzustellen, dass nach der Reform

  • männliche Schüler umgänglicher sind als weibliche Schüler,
  • ostdeutsche Schüler weniger umgänglich sind als westdeutsche und zudem neurotizistischer,
  • Schüler aus einer nicht-intakten Familie (was auch immer das sein mag) offener und extrovertierter sind als Schüler aus einer intakten Familie,
  • eine arbeitende Mutter sich negativ auf die Offenheit von Schülern auswirkt und
  • Schüler mit Migrationshintergrund gewissenhafter sind als Schüler ohne Migrationshintergrund.

Ja.

Und was bedeuten diese Ergebnisse?

Causation1Nun, Sie zeigen, dass bestimmte Persönlichkeitsfaktoren nach der Schulreform einen bestimmten Wert annehmen. Mehr nicht. Es sei denn, man will die oben abgebildete Formel unbedingt kausal interpretieren und einen Effekt der Reform herauslesen, wobei Kausalität sich daraus ergeben soll, dass Schüler, die vor der Reform Abitur gemacht haben, sich in ihren Angaben zu den Big Five von Schülern unterscheiden, die nach der Reform Abitur gemacht haben. Daraus eine Kausalität zu konstruieren, ist dem Versuch gleich, ein Sternenbild für den Charakter von unter ihm Geborenen verantwortlich zu machen, aber bitte, es ist nichts, was Datenhuber davon abhält, eben dieses zu tun:

“Our estimates show that shortening the high school track, which was associated with a compression of the curriculum, caused [!sic] students to be more extroverted and less emotionally stable” (37)

Kausalität, so muss man dieser Interpretation entnehmen, ist eine Konstruktion im Kopf von Datenhubern, was insofern mit den Ergebnissen von David Hume übereinstimmt, als dieser auch der Meinung war, dass abstrakte Konstrukte wie Kausalität in keinerlei Verbindung zur Realität stehen. Aber die fehlende Verbindung hindert Dahmann und Anger nicht daran, weitreichende Schlüsse für “educational policies” zu ziehen.

Wenn diese Studie eine Empfehlung begründet zur Folge hat, dann die Empfehlung, Logik, Statistik und Methodenlehre zur Pflicht an Universitäten zu machen.

 

Costa, Paul T. & McCrae, Robert R. (1988). Personality in Adulthood: A Six Year Longitudinal Study of Self-Reports and Spouse Ratings on the NEO Personality Inventory. Journal of Personality and Social Psychology 54(5): 853-863.

Cunha, Flavio & Heckman, James (2007). The Technology of Skill Formation. American Economic Review 97(2): 31-47.

Dahmann, Sarah & Anger, Silke (2014). The Impact of Education on Personality – Evidence from a German High School Reform. Berlin: DIW, SOEP-Papers #658

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9 Responses to Schule und Persönlichkeit: kein Effekt

  1. A. Behrens says:

    Zitat “Our estimates show that shortening the high school track, which was associated with a compression of the curriculum, caused [!sic] students to be more extroverted and less emotionally stable”

    Meine persönliche Vermutung wäre: 12-Jahres-Abiturienten sind jünger/jugendlicher und somit unruhiger und unsicherer –> sie reagieren auf Eindrücke extrovertiert und emotional unstabil.

    Eine Meta-Frage: Gibt es eine Statistik darüber, wie oft Wissenschaftler den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität vergessen?

  2. heureka47 says:

    Man muß davon ausgehen, daß die meisten Erkenntnisse des mainstreams der Wissenschaft im Bereich der Geistes- / Gesellschaftswissenschaften falsch oder lückenhaft sind – weil die betreffenden Wissenschaftler (ebenso wie bekanntermaßen die große Mehrheit der Bevölkerung) wahrnehmungs- / erkenntnisgestört sind und wesentliche Faktoren überhaupt nicht wahrnehmen, die aber wesentlichen Einfluß haben(können / könnten).

    Der wesentliche STÖR-Faktor ist in der Soziologie am besten als (die) “Kollektive Neurose” bekannt, deren wahre Tiefe / Schwere / Tragweite jedoch von der großen Mehrheit derer, die davon wissen, nicht erkannt wird bzw. wird verharmlost oder gar schöngeredet.
    Warum?
    Verständlicherweise aus Gründen der eigenen Befallenheit / Beeinträchtigung.
    WAHRE Erwachsene, die nie von der Störung befallen waren oder die grundlegende Heilung vollzogen haben, können sich der – zugegeben: unbequemen – Wahrheit stellen.

    -> “Kollektive Zivilisations-Neurose”

  3. alphachamber says:

    Die Sozialwissenschaften sind ideale Brutstätten für Ihre “Datenhuber”, weil sich dort Daten in infinitiver Weise ziehen lassen und willkürlich interpretierbar sind. Irgendeine Kausalität lässt sich schon herausquetschen.
    Nach jahrelanger internationaler Sozialforschung an tausenden Versuchsobjekten ergab sich dieses Bild: Die überwiegende Mehrheit der Menschen sind lieber schön und reich als arm und doof. Die Zahlen lügen nicht 🙂

    • A. Behrens says:

      Zitat: “Die überwiegende Mehrheit der Menschen sind lieber schön und reich als arm und doof. Die Zahlen lügen nicht”

      Wenn die überwiegende Mehrheit der Menschen (also Frauen) lieber klug wären, dann würden Frauenzeitschriften Experimentieranleitungen für physikalische Experimente und Logikrätsel abdrucken. Tun sie aber nicht.

      Statt dessen bezahlt die überwiegende Mehrheit der Menschen wöchentlich/monatlich für die Information, dass Frau hässlich ist und dringend eine Bikinifigur benötigt.

      Damit wäre bewiesen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen es bevorzugt dumm, hässlich und arm zu sein. Zahlen lügen nicht. 🙂

      • Alexander says:

        Wiederum zeigen Statistiken, dass Dummheit und Dreistigkeit zu mehr Erfolg und mehr Vermögen/Einkommen führt also müssen wir daraus schließen, dass die Mehrheit der Menschen dumm und reich sein will.

  4. Philipp Gampe says:

    Erinnert mich an: “Der Rassismus der Stickstoffdioxid Moleküle” http://scienceblogs.de/zoonpolitikon/2014/05/30/der-rassismus-der-stickstoffdioxid-molekuele/

    Aber wenn man “Strukturellen Rassismus” (also ohne handelndes Subjekt) messen möchte, dann stören Dinge wie kausaler Zusammenhang nur. Schließlich könnte es sein, dass man sonst nur rassistische Individuen findet 😉

    Aber Datenhuber ist ein toller Begriff 🙂

  5. hans dampf says:

    Braucht es 12 oder 13 Jahre ein Abitur zu erreichen? Der Datenhuber sagt: Ja, bei 12 Jahren hat der Schüler mehr “workload”, ist somit … (können Sie sich aussuchen, z.B.: diskriminiert, benachteiligt, schlecht drauf, hat zu wenig Zeit für sein Smartphone etc.).
    Ich meine 13 Jahre für ein Abitur bedeutet 1 Jahr vergeudete Lebenszeit.
    Rational betrachtet kann man definitiv den Lernstoff auch in 12 Lernjahren unterbringen. Ob die Schüler damit zurechtkommen hängt vielmehr von der Qualität des Lehrpersonals ab als von der Dauer der Lehre. Überhaupt macht jedwede, auch die von Herrn Klein angeführte Arbeit von Sarah Dahmann und Silke Anger, den Fehler die Qualität der Lehre als Isotrop anzusehen. Genau das ist sie aber nicht (ich spreche hier aus eigener reicher Erfahrung).
    Scheisse für den Datenhuber, diese, meineserachtens existentielle Variable, hat er ja garnicht eingerechnet. Nicht weil er nicht konnte, weil es nicht politisch oportun ist.
    Oder möchte jemand tatsächlich behaupten dass die Teilnahme an möglichst VIEL Jahren sozial-liberaler Erziehung möglicherweise schlecht für denjenigen ist der sie genossen hat und dass dieser Makel eventuell an der Qualität der sozial-liberalen Gutmenschen-Lehrerschaft liegen könnte?

  6. Pingback: Wie sich Schulzeitverkürzung auf die Persönlichkeitsstruktur von Schülern auswirkt | Basedow1764's Weblog

  7. Pingback: Scheidung und Scheidungsfolgen – Viel Gerede und kein Wissen | Kritische Wissenschaft - critical science

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