Land der Phantasten und Affektredner

Aus dem Land der Dichter und Denker ist das Land der Phantasten und Affektredner geworden.

Bereits in der Vergangenheit haben wir in einem Beitrag einen Punkt angetippt, den wir als Nukleus der Zerstörung einer auch in Deutschland noch rudimentär vorhandenen Wissenschafts- und demokratischen Kultur ansehen: Die Ausbreitung von Affektrednern nun auch in Universitäten, nachdem Sie bereits weite Bereiche des öffentlichen Lebens durchsetzt haben.

Affektredner, das sind für uns Menschen, die Behauptungen aufstellen, die ihnen (a) gut gefallen, an denen sie (b) emotional hängen oder von denen sie sich (c) einen Vorteil versprechen und von denen sie (d) keinerlei Ahnung haben, ob sie richtig sind.

Logik der ForschungDer entscheidende Punkt an dieser Definition ist Punkt (d). Er beschreibt das mutwillige Aufstellen von Behauptungen, für die nicht einmal die Spur eines Beleges vorhanden ist: Vollmundiges Angeben hat man das früher genannt, von Menschen, die den Mund zu voll nehmen, hat man früher gesprochen. Heute scheint das den-Mund-zu-voll -Nehmen die Normalität geworden zu sein, und was besonders fatal ist, es scheint die Normalität in der Wissenschaft geworden zu sein.

Wer sich mit den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Themen beschäftigt, von Fragen der Bildung über soziale Ungleichheit, von politischer Ideologie bis zur Ökonomie, von Managementlehren bis zu Fragen erneuerbarer Energien, der kommt über kurz oder lang nicht umhin eine Gemeinsamkeit zu finden, die alle Bereiche überspannt: Empirische Untersuchungen, in denen eine Fragestellung entwickelt und geprüft wird, sind Mangelware. Wenn es sie überhaupt gibt, dann finden sie sich zumeist in grauen Papieren oder internationalen, nicht jedoch oder so gut wie nicht, in deutschen wissenschaftlichen Zeitschriften.

An dieser Beobachtung ändert auch der häufiger anzutreffende Versuch nichts, Daten in welcher Form auch immer in eine Arbeit einzubauen. Die entsprechenden Versuche sind in der Regel von keinerlei Sachverstand über Fragen der Datenerhebung getrübt. An die Stelle des entsprechenden Sachverstands tritt die Überzeugung, dass man eklektizistisch ein paar Dinge aus der Empirie entnehmen könne, um die eigene Behauptung zu bestätigen. Mit empirischer Sozialforschung hat dies soviel zu tun wie das Morgengebet im Vatikan mit wissenschaftlichem Fortschritt.

An Stelle empirischer Arbeiten, die einer Fragestellung und der Prüfung gewidmet sind, findet man eine typisch deutsche Version vermeintlich wissenschaftlicher Arbeiten, die von einem Anliegen des Schreibers getrieben sind und keinerlei Versuch unternehmen, dieses Anliegen mit empirischen Fakten zu konfrontieren. Diese Form deutscher vermeintlicher Wissenschaft gibt es als Verlautbarungswissenschaft und als Affektwissenschaft.

Verlautbarungswissenschaft kommt regelmäßig in dem Tenor daher: “Ich aber sage euch” (und ihr glaubt es gefälligst). Verlautbarungswissenschaft nimmt ihre Legitimation daraus, dass der Verlautbarer denkt, er habe eine wissenschaftliche Position inne und müsse entsprechend Wissenschaftler sein. Das bedeutet, dass er dem, was er von sich gibt, einen höheren Stellenwert zuweist, als dem, was ein Normalbürger von sich gibt. Wodurch diese Arroganz gerechtfertigt ist, ist unklar, denn Verlautbarungswissenschaftler können in der Regel keinen Grund angeben, warum das, was sie sagen, relevanter sein soll als das, was andere, die keine wissenschaftliche Position inne haben, sagen.

SokalUm über diesen Umstand hinwegzutäuschen, bedienen sich die Verlautbarungswissenschaftler einer Sprache, die so gesteltzt ist, dass selbst sie beim nächsten Lesen Schwierigkeiten haben, zu benennen, was sie eigentlich in den vielen von ihnen benutzen Worten ausdrücken wollten. Sätze wie: “In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansätzen verfolge ich ein Verständnis, das Diskurse als institutionalisierte Regelsysteme von Bedeutungen und Wissen versteht, die sich als handlungsleitend für Subjekte konstituieren und sowohl Macht strukturieren als auch institutionell materiell werden” (Claus, 2014, 102). Bei solchem verbalen Unsinn hat man regelmäßig den Eindruck, der Autor verfolge im wahrsten Sinne des Wortes einen Ansatz, allerdings ohne ihn jemals einzuholen.

Die treibende Kraft hinter Verlautbarungswissenschaftlern ist ihr Auftrag. Dabei handelt es sich entweder um einen ideologischen Auftrag, der sich in der entsprechenden Gesinnung niederschlägt oder um einen Auftrag, der ihnen von einer sie bezahlenden Institution zugewiesen wurde.

Neben den Verlautbarungswissenschaftlern, die ihren Unsinn in wortreiche Satzkonstruktionen durchsetzt mit Nomen und nominalen Konstruktionen verpacken, so dass naive Zeitgenossen der Meinung sind, hier handle es sich um wichtige Gedanken (Wohl niemand hat den Affektrednern so sehr die Luft abgelasen wie Karl Raimund Popper in seiner Übersetzung von Habermas, gibt es noch Affektwissenschaftler. Sie nutzen ihre Texte dazu, um einem vermeintlich tiefen Empfinden, das sie zu haben sich einbilden, von dem sie aber nicht wissen, warum sie es haben, Ausdruck zu verleihen, und damit eine Leserschaft zu beglücken, in der niemand weiß, was ihm die emotionalisierte Anekdote sagen will, sofern er nicht selbst von einer tiefen Emotion, die gerade anschlussfähig ist, weggespült wird.

Diese beiden Formen von institutionalisierten Wissenschaftlern, bei denen es sich nicht um Wissenschaftler, sondern um Scharlatane handelt, finden sich zu Hauf an deutschen Universitäten (Beispiele finden sich z.B. hier und hier). Die Verbreitung der “wie es mir beliebt” oder “wie kommt mir die Welt vor” oder “was mir gefällt” Wissenschaft hat zur Folge, dass wissenschaftliche Standards sinken und jeder, der schreiben kann, meint, er habe zu bestimmten Themen etwas mitzuteilen, sei deshalb ein Experte mit Expertise, weil ihm der Auftrag erteilt wurde, eine Expertise zu erstellen.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat in einem Kommentar sehr deutlich gemacht, dass gerade das, was das Erstellen eines interessanten und informierten wissenschaftlichen Textes erst möglich macht, nämlich das Vorhandensein von Expertise, von Wissen und Erfahrung beim Schreiber, in Deutschland kaum mehr mit einem wissenschaftlichen Text  oder einer Expertise in Verbindung gebracht wird. Wie viele Begriffe, so ist auch der Begriff der Expertise völlig sinnentlehrt. Folglich kann ein Student der Genderwissenschaft, der alle Kenntnisse über Methoden und wissenschaftliche Standards vermissen lässt, dem Glauben anheimfallen, er sei Experte und könne wissenschaftliche Texte verfassen, die sich durch Expertise auszeichnen.

AndreskiDie Aushöhlung der Begriffe und die damit notwendig verbundene Beseitigung von Standards hat bereits dazu geführt, dass man in Deutschland Texte als wissenschaftliche Beiträge veröffentlichen kann, die in anderen Ländern und in der dortigen Wissenschaftscommunity lediglich zu Erheiterung führen würden. Die Konsequenzen dieser Zerstörung von Normen und Standards sich jedoch weitreichender.

Die Konfrontation von Aussagen mit der Wirklichkeit ist der einzige Weg, um überhaupt etwas zu lernen, um Fortschritt und Erkenntnis zu erzielen. Wer diese Konfrontation meidet oder gar nicht weiß, was man von ihm will, wenn man ihn nach Belegen für seine Behauptungen fragt, nimmt entsprechend einen mentalen Regress. Eine Gesellschaft, in der die Standards so weit gefallen sind, dass es möglich ist, unfundierte Behauptungen als wissenschaftliche Aussagen auszugeben, eine Gesellschaft, in der der Öffentliche Diskurs nicht darüber geführt wird, ob eine Behauptung mit der Realität im Einklang steht, sondern darüber, ob eine bestimmte Behauptung ideologisch wünschenswert und gut ist oder nicht, in einer solchen Gesellschaft vollziehen sich ein kognitiver Regress und ein Brain-Drain der besonderen Art: Diejenigen, die die alten Standards noch kennen und auf Übereinstimmung mit der Wirklichkeit Wert legen, wandern ab oder äußern sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Als Folge degeneriert der öffentliche Diskurs weiter. Konsequenterweise finden sich Leute ein, die behaupten, um des Behauptens Willen. Schließlich wird eine Gefahr Wirklichkeit, die kein Demokratietheoretiker thematisiert hat: In kognitiv regressiven oder degenerierenden Gesellschaften, in Gesellschaften in denen der Diskurs von spontan verbalisierenden Affektrednern berherrscht wird,  herrschen Unvernunft und Unverstand. Sie regieren gegen die Wirklichkeit an, mit allen Konsequenzen, die dies für diese Gesellschaften hat und solange es sich eben durchhalten lässt.

Insofern machen sich die Wissenschaftler, die am Rande stehen und der Zerstörung ihrer Wissenschaft durch Ideologen, Genderisten, Sozialisten, durch Verlautbarungs- und Affektwissenschaftler zusehen, nicht nur an der Wissenschaft, sondern an der Gesellschaft als Ganzer schuldig. Aber: Schweiger ist der meisten deutschen Wissenschaftler beste Rolle. Österreicher, zum Beispiel, bringen den Mund auf, wo deutsche Wissenschaftler schweigen, schweigen, weil sie zwar nicht den Mund, dafür aber die Hosen voll haben.

©ScienceFiles,2014

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