Anti-Genderismus: Ein Gespenst geht um in Europa

Kritische Uni KasselEin Gespenst geht um in Europa, nein, nicht in Europa, in Deutschland, genauer in Kassel, an der “Kritischen Uni Kassel”. Aber: An der Kritischen Uni Kassel wird reagiert, gegen das Gespenst Stellung bezogen, und zwar mit einer Solidaritätsbekundung, die “angefeindeten” Wissenschaftlern, nein falsch: “angefeindeten Wissenschaftler*innen” gilt: Ehrlichen und wackeren, aufrechten und innovativen, guten und fähigen Wissenschaftlern (wir haben die Adjektive, die die Kritischen aus Kassel sich nicht auszusprechend trauen, ausgesprochen), deren Arbeit

“… in der Reihe eines kritischen Verständnisses von Wissenschaft [steht]. Sie nehmen kritische Distanz zu der Alltagsgewissheit einer vermeintlichen Normalität des heterosexuellen Begehrens und geschlechtlicher Zuschreibungen ein…”.

Was hier so wortreich in Kauderwelsch gepackt wird, der den Feigen als Schutz vor ihren eigenen Absichten dient, die sie sich auszusprechen nicht trauen, ist Folgendes:

Pirincci

Akif Pirincci hat es hier für seine Verhältnisse vornehm und seriös auf den Punkt gebracht, worin die “kritische Distanz zur Normalität des heterosexuellen Begehrens” besteht, darin, Analverkehr in Schulen zu lehren – unter anderem. Das nämlich fordert Elisabeth Tuider, die Kasseler Professorin, deren Namen niemand mehr in den Mund nehmen mag, mit der sich kein noch so großer Solidaritätsbekunder in zu enger namentlicher Nähe sehen lassen will. Entsprechend bleibt sie ungenannt, auch in jener Solidaritätsadresse, mit der eine vorgeblich “Kritische Uni Kassel” dafür wirbt, doch solidarisch zu sein. Solidarisch womit ist nicht ganz klar, solidarisch wogegen, dagegen schon: Gegen den Anti-Genderismus.

Caspar the friendly ghostDer Anti-Genderismus, für alle, die es nocht nicht wissen, ist eine “Bewegung”, eine “Anti-Genderismus-Bewegung”, die offensichtlich die Genderisten das Fürchten lehrt. Die Anti-Genderismus-Bewegung ist jenes Gespenst, von dem Eingangs die Rede war, jenes Gespenst, das in den Geistern der ins Bockshorn Gejagten die mannigfaltigsten Alp-Formen annimmt, die alle eines gemeinsam haben: Sie fragen nach der Berechtigung des Genderismus, der, wie man der Solidaritätsadresse aus dem kritischen Teil der Universität Kassel entnehmen kann, mit dem Feminismus deckungsgleich ist.

Dieser Anti-Genderismus macht nach Ansicht der angeblich kritischen Kasseler Stimmung, und zwar mit “Vehemenz”. Er “tituliert” und “verbrämt”, er “diffamiert” und “hetzt”, er findet vornehmlich in “sozialen (!sic) Medien” statt, und “schmäht” in “schockierendem Ausmaß”. Das alles schreiben die Kasseler Kritischen auf einem Blog, mithin einem sozialen Medium, und sie schreiben es, um den Anti-Genderismus, das Gespenst, das sie nicht loswerden, zu schmähen, zu diffamieren, dagegen zu hetzen.

Ja, soweit sind wir mittlerweile gekommen, soweit, dass angebliche Wissenschaftler, nein angehende Wissenschaftler, die sich schon jetzt als kritische Wissenschaftler ausgeben, eine Solidaritätsadresse voller derogativer Formulierungen packen, für die nicht ein einziger Beleg erbracht wird – in ganz und gar unkritischer Tradition.

Die Behauptungen stehen losgelöst im Raum und warten auf den Leichtgläubigen, der sie glaubt und solidarisch ist. Ebenso losgelöst stehen die unzähligen “*” und Hochkommata im Raum, von denen man nicht so wirklich weiß, was sie sollen. Scheinbar sind sie eine Art Geheimsprache, die sich nur dem Sektenmitglied erschließt. Von Wissenschaftlern, auch von angehenden Wissenschaftlern, selbst von solchen, die über dieses Ausgangsstadium wahrscheinlich nie hinauskommen, hätte man erwartet, dass sie ihre Solidarität begründen, dass sie erklären und nicht mit der Inbrunst der eigenen Überzeugung, die natürlich wahr, wahrer als wahr und in jedem Fall unhinterfragbar ist, schwadronieren. Dass ausgerechnet “selbsternannte” kritische Wissenschaftler eine derartige Solidaritätsbekundung verfasst haben, transformiert die Angelegenheit von lächerlich zu traurig.

worship with usWas das Solidaritäsgebettel jedoch völlig diskreditiert, ist der Duktus der Aufgeregtheit, der sich nur einzustellen vermag, wenn das Heiligtum eines Kults gefährdet ist, wenn es jemanden gibt, der die zugewiesene Heiligkeit des Fetisches in Frage stellt, jemand, der ein Sakrileg, eine Häresie begeht, etwas noch nicht Dagewesenes, etwas, das die eigene Existenz, die Existenz derjenigen, die seit Jahren und ohne dass sie sich rechtfertigen müssen, an deutschen Universitäten auf Kosten von Steuerzahlen ein sattes Dasein führen und sich die Zeit mit dem Sinnieren über Analverkehr und die Einrichtung eines Bordells vertreiben, in Frage stellt. In der Anthropologie nennt man das eine Tabu-Verletzung und dass angebliche kritische Wissenschaftler sich von einer Tabu-Verletzung gefährdet fühlen, dass sie besorgt darauf reagieren, wo sie doch selbst für Tabu-Verletzungen z.B. im Hinblick auf den Analverkehr 14jähriger stehen, ist doch sehr seltsam, nein: kindisch.

Und jetzt gibt es plötzlich Widerstand.
Jetzt gibt es plötzlich Wissenschaftler, die fragen nach der wissenschaftlichen Fundierung des Genderismus und damit nach seiner Berechtigung, an einer Universität betrieben zu werden.

Unerhört und entsprechend von Genderisten boykottiert.

Jetzt gibt es plötzlich Wissenschaftler, die untersuchen, was Genderisten nur behaupten, und dabei kommen sie zu Ergebnissen, die dem bisherigen Nutznießen, das Genderisten so gut betreiben, im Wege stehen.

Sie zeigen z.B., dass es kein Gender Pay Gap gibt, so wenig wie es eine Gläserne Decke gibt. Sie zeigen, dass Genderismus erhebliche Folgen für das gesellschaftliche Miteinander hat, das gesellschaftliche Klima vergiftet und eine Vielzahl von Opfern zurücklässt.

Auf ein derartiges wissenschaftliches Hinterfragen der Grundlagen des Genderismus reagieren die angeblich so kritischen Genderisten aufgeregt. Wie ein Hühnerhaufen laufen sie durcheinander. Fast, dass man seinen Spass daran hätte, wären es nicht Lehrstuhlbesetzer und sonstige Insassen von Hochschulen, die hier zetern und Behauptungen aufstellen und unterschreiben, die jeden wirklichen Wissenschaftler vor Scham im Boden versinken lassen:

“Beispielsweise werden die empirisch auffindbaren Einkommensunterschiede zwischen Frauen* und Männern* geleugnet, die Benachteiligungen von Frauen* abgestritten und im Gegenteil in Benachteiligungen von Männern* gewendet, die Gleichstellung als Männerhass interpretiert, Verunreinigungen der Sozialwissenschaften im deutschsprachigen Raum konstatiert und vielfältige Lebensweisen und Sexualitäten offen diskriminiert. Das Ausmaß und die Vehemenz der diskriminierenden, homofeindlichen und rassistischen Äußerungen sind nicht nur erschreckend, sondern ein offener Angriff auf die Menschenwürde.”

AnonymityNiemand leugnet Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen, jedenfalls niemand, der mit zwei Beinen in der Realität steht. Die Behauptung ist somit falsch. Die Benachteiligung von Frauen wird dagegen in der Tat und wissenschaftlich begründet bestritten, ja als Lüge zwecks rent seeking entlarvt. Benachteiligung ist eine aktive Zurücksetzung von Frauen gegenüber Männern. Bislang ist es den Genderisten noch nicht gelungen, ein systematische Benachteiligung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts zu belegen. Die Behauptung mag Genderisten zweckdienlich sein, aber sie ist nicht fundiert. Und so geht es weiter in einem Klagelied, das man seinerseits nur beklagen kann. Denn offensichtlich verfügen die Autoren dieses Solidaritätsaufrufs, die sich bezeichnender Weise hinter dem Namen “Cäs Per” verstecken, über keinerlei Belege, die ihre Aufgeregtheit und ihre Behauptungen zu stützen im Stande sind. Ein Gespenst geht eben um in Europa, und vor allem in Kassel.

Vermeintlich Kritische Wissenschaftler verstecken sich also hinter einem Pseudonym, das eher an Kasper als an Wissenschaftler erinnert, und diese anonymen Personen, rufen anonym zu einer Solidaritätsbekundung für nicht näher genannte, also anonyme Personen auf, die von genauso anonymen, weil ungenannt bleibenden Personen, angeblich diffamiert werden, wobei der Wortlaut der Diffamierung auch anonym ist. Kann man Wahnsinn eigentlich steigern? Wenn ja, wie? Z.B. dadurch, dass man diesen anonymen Firlefanz mit Namen unterschreibt und damit zu erkennen gibt, dass man prinzipiell mit etwas solidarisch ist, auch wenn man nicht weiß, was es ist?

Bleibt die Vehemenz. Sicher nimmt jemand, der bislang ein unbesorgtes und von Ressourcenknappheit ungetrübtes Leben geführt hat, eine gewisse Vehemenz wahr, wenn ihm abverlangt wird, er solle sein Dasein nunmehr begründen und zeigen, was dieses Dasein für die Gesellschaft an Positivem und Produktivem bringt. Ob es zur Abwehr dieser Aufforderung ausreicht, zu behaupten, man sei “diskriminierenden, homofeindlichen und rassistischen Äußerungen” ausgesetzt [wo, so fragen wir, ist der Sexismus, wo die Berücksichtigung von Trans- und Intersexuellen, man darf doch wohl von Anhängern des Gender-Glaubens erwarten, dass sie ihr Glaubensbekenntnis fehlerfrei aufsagen können], bleibt abzuwarten. In jedem Fall kann festgestellt werden, dass der Katechismus des Genderismus immerhin auf Homosexuelle (als bessere Männer und Frauen?) erweitert wurde.

Besonders gut hat uns dieser Teil gefallen:

“So werden nicht nur Wissenschaftler*innen aus den Bereichen der kritischen Geschlechter- und Sexualwissenschaften diffamiert und bedroht, sondern auch Kampagnen über das Netz gestartet, die mit bemerkenswerten Verdrehungen von empirischen Forschungsergebnissen den Gender Studies an Universitäten ein Ende setzen wollen.”

– wird hier doch deutlich, worum es eigentlich geht, nicht um diese Frau Tuider, die niemand außer uns beim Namen zu nennen bereit ist. Nein, die Genderisten haben Angst. Sie haben Angst als die Blender erkannt zu werden, die sie nun einmal sind, als Behaupter ohne Begründung, als Forscher ohne Gegenstand, als Ausleber der eigenen Grillen, die manch andere als Perversion bezeichnen.

Um so wichtiger ist unsere Petition, die der öffentlichen Finanzierung von Genderismus an Schulen und Hochschulen ein Ende setzen will, um so wichtiger ist die Frankfurter Erklärung, die sich gegen Gleichstellung und Rent seeking durch Quoten richtet, fast ist man geneigt zu sagen, nie waren beide wichtiger als heute, heute, da die Genderisten vor Angst durch den Hühnerhof flattern und sich fragen, ob sie morgen noch einen Wirt finden, der sie finanziert.

Join the Anti-Genderism-Movement

Join the Anti-Genderism-Movement

Unsere Petition (nicht Kampagne) ist im Gegensatz zur Solidaritätsadresse begründet und hier zu finden, für alle, die den Unterschied zwischen Wissenschaft und Genderismus erkennen können. Außerdem stehen wir mit unserem Namen zu unserer Kritik, ganz im Gegensatz zu den angeblich so kritischen und doch anonymen Wissenschaftlern aus Kassel.

Bleibt abschließend anzufügen, dass wir nicht wissen, was dieser gesamte Firlefanz nun eigentlich soll. Wenn die angeblichen kritischen Wissenschaftler aus Kassel der Ansicht sind, Genderismus werde angefeindet, was wäre einfacher als Argumente dafür zu bringen, dass Genderismus als Wissenschaft eine Begründung hat und Erkenntnisse bringt, die nützlich sind? Nicht nur wir, sondern alle Mitglieder der heute gegründeten Anti-Genderismus-Bewegung sind außer Stande, den Nutzen, der von Genderismus ausgeht, auch nur ansatzweise zu erkennen. Was steht der entsprechenden Erhellung von uns Ungläubigen nur im Wege? Die Fragen, die an Genderisten gestellt werden und deren Beantwortung jeden Zweifel daran, dass Genderismus eine Wissenschaft ist und Sinnvolles produziert, beenden würde, liegen auf dem Tisch – bislang unbeantwortet. Deshalb hier noch einmal die Fragen, die Genderisten bislang nicht zu beantworten willens oder im Stande sind:

Brauchen wir Professuren für Genderforschung an deutschen Hochschulen?

Fragen zur wissenschaftlichen Fundierung von Genderismus.

Grundsätzliche Fragen zur Wissenschaftlichkeit von Genderismus.

Wenn es bereits eine verwerfliche Praxis darstellt, Fragen zu stellen, wenn Kritik als Verunglimpfung und Diffamierung dargestellt wird, dann hat sich die Wissenschaft in Deutschland und vor allem die kritische Wissenschaft bereits in die Fänge der Gender-Gläubigen begeben und der Idee von Wissenschaft abgeschworen, sie mit opportunistischem Gender-Glauben ersetzt. Und wie es mit der Menschenwürde vereinbar ist, zu versuchen, Kritiker mundtot zu machen, sie zu diffamieren und zu ächten, ist eine Frage, die die Kritischen Kasseler zusätzlich zu den oben zusammengestellten Fragen sicher gerne beantworten, schließlich wollen sie kritisch sein.

P.S.

Es wäre interessant zu erfahren, wie der Rektor der richtigen Universität Kassel zu der Aktion der kritischen Universität Kassel, die auf seinen Verantwortungsbereich zurückfällt,  steht, vor allem wie er die Anonymität von Aufrufen, die im Namen der “Kritischen Universität Kassel”, die man leicht mit der richtigen Universität Kassel verwechseln kann, sieht. Vielleicht fragt ihn jemand und berichtet uns die Antwort.

Fremdschämen: Einbildung ist auch eine (moralische) Bildung

Wir schämen fremd (Präsens, Plural, Indikativ); Ich schäme fremd (Präsens, Singluar, Indikativ); Du schämest fremd (Präsens, Singular, Konjunktiv I); Wir schämten fremd (Präteritum, Plural, Indikativ); Fremdschämend (Partizip I); Fremdzuschämen (Infinitiv); Schäme Dich fremd (Indikativ).

Haben Sie sich schon einmal fremd geschämt?

Seit 2009 ist das in korrektem Deutsch möglich und seit 2010 sogar mit einer entsprechenden Belobigung, war das Wort “Fremdschämen” doch Wort des Jahres 2010 in Österreich.

Fremdschämen besteht darin, dass man sich z.B. für etwas schämt, was ein anderer getan hat, der sich nicht notwendiger Weise selbst dafür schämt. Fremdschämen kann auch dann gegeben sein, wenn man sich schlicht für jemand anderen schämt. Der (sprachliche) Zweck des Fremdschämens besteht also offensichtlich darin, sich schämen zu können ohne sich eigentlich zu schämen, ohne die Verwantwortung für den Anlass des Schämes übernehmen zu müssen.

Fremdschaemen

Undeutsches Verhalten?

Schämen (de)light, wie man auch sagen könnte, denn das, was die Scham eigentlich ausmacht, nämlich die persönliche Involviertheit, die persönliche Betroffenheit vom dem, was die Scham verursacht, die eigene Verantwortung für das Beschämende, diese Verantwortung kann beim Fremdschämen abgegeben werden. Entsprechend wird das Fremdschämen zu einer Form der Surrogatexistenz, in der man seine Identität nicht mehr durch Grenzen für die eigene Handlung zieht, sondern dadurch, dass man Grenzen für die Handlungen anderer zieht, sich angeblich für das schämt, was andere getan haben, auch wenn man diese Anderen nur vom Hörensagen kennt und in den wenigsten Fällen auch nur ansatzweise negative Externalitäten durch den vermeintilch beschämenden Akt hat.

Im Gegenteil: Fremdschämen hat den Vorteil, dass man sich nicht peinlich berührt in ein Loch verkriechen will, ob einer beschämenden eigenen Aktion, nein, man kann sich durch fremdschämen moralisch erhöhen und gleichzeitig Handlungen Dritter als beschämend deklarieren, ob sie das nun sind, oder nicht.

Fremdschämen scheint entsprechend der neueste Versuch einer sich zur moralischen Elite zählen wollenden Bevökerungsschicht, ihre moralische Überlegenheit dadurch zu demonstrieren, dass sie andere erniedrigt, sich stellvertretend für diese anderen und angeblich schämt.

Angeblich deshalb, weil die Fremdschämer natürlich eines nicht tun: sich schämen. Wer sich schon einmal geschämt hat, der weiß, dass man froh ist, wenn die Umwelt die Ursache der eigenen Scham wieder vergessen hat oder doch zumindest keinen Anlass gibt, zu denken, sie wäre sich des Beschämenden noch bewusst. Wie ist also eine Scham zu werten, die in die Welt posaunt wird, die anderen aufgenötigt wird, ohne dass sie das wissen wollten, darum gebeten hätten?

Die Antwort ist offensichtlich: Fremdschämen hat nichts mit Scham, aber viel mit dem Versuch, sich selbst eine moralische Oberhoheit gegenüber allem, was einem gerade nicht passt, einzuräumen. Es ist abermals einer dieser jämmerlichen Versuche, sich ohne eigene Leistung und auf Kosten Dritter zu profilieren und sich eine moralisch überlegene Position zuzuweisen. Dies wird schnell deutlich, wenn man z.B. die Einträge durchstöbert, die sich bei #fremdschämen auf Twitter angesammelt haben:

Ein weiteres wird deutlich, wenn man diese beiden Beispiele betrachtet. Fremdschämen hat ein kollektives Fundament, denn wie sollte man sich für andere schämen, wenn man keine seltsame, transzendente und über eingebildete Variablen bestehende Verbindung herstellen würde? Man schämt sich fremd, weil man sich einer Gruppe zuordnet (z.B. der Gruppe der Schweizer) und nun denkt, das Verhalten aller, die zu dieser Gruppe gezählt werden (von wem auch immer), falle auf einen zurück.

Wie kommt man auf die Idee, man müsse sich für das Verhalten von anderen, unbekannten anderen, räumlich getrennten anderen, für die man nicht verantworlich ist, schämen? Man kann deren Verhalten kritisieren, man kann es bedauern, aber man kann sich nicht dafür schämen. Man muss schon eine stark übersteigerte soziale Identität ausgebildet haben, wenn man denkt, das Verhalten von Gruppenmitgliedern, die ein Merkmal aufweisen, das man selbst auch trägt, wirke auf einen selbst zurück. Das erinnert fast schon an den Hexenglauben des Mittelalters oder Erzählungen über den bösen Blick.

Fremdschämen, das ist der Schluss, zu dem wir kommen, spricht zwei soziale Störungen an, die durch das Fremdschämen behoben werden sollen:

  • Fremdschämen-ist-wie-körperliche-Schmerzen

    Wanna feel the difference?

    Einerseits soll die eigene Identität darüber geschaffen werden, dass man sich durch das Fremdschämen zu einer moralisch höheren Existenzform erklärt. Fremdschämen als Mittel sozialer Differenzierung, das die Unmöglichkeit, die eigene Identität positiv, durch eigene Leistung und vor allem mit eigener Verantwortung zu definieren, vertuschen soll.

  • Andererseits ist das Fremdschämen Ausdruck eines übersteigerten Zugehörigkeitsbewusstseins zu einem Kollektiv, das fast schon als Paranoia zu bezeichnen ist, was letztlich dazu führt, dass man aus Gründen der Differenzierung vorgibt, zwar unausweichlich zum entsprechenden Kollektiv zu gehören, aber sich dafür zu schämen, dass manche aus diesem Kollektiv sich verhalten, wie sie das tun.

Kurz: Wer sich fremdschämt, der hat ein Problem.

Und wie immer, wenn in der deutschen Sprache affektbeladene Worte auftauchen, werden sie genutzt, um alles, was einem nicht passt, zu diskreditieren.

Ein paar Beispiele:

Ein Journalist der Jungen Welt fremd schämt sich für ein Video der Thüringer Linksjugend.

Ein Journalist des Kölner Stadtanzeigers findet ein Video, in dem Christiano Ronaldo Werbung für eine japanische Kosmetikfirma macht, zum Fremdschämen.

Ein Journalist des Westens findet den Iserlohner Stadtwald zum Fremdschämen.

Sabine Hockling findet auf ZEIT Online Tipps, die den Erfolg von Präsentationen sichern sollen und dabei z.B. auf eine Fahrradklingel setzen, vermutlich um die Zuhörer zu wecken, zum Fremdschämen.

Schließlich lädt die Berliner Zeitung ihre Leser unter der Überschrift, “Für Geld zum Affen gemacht” zum Fremdschämen ein, und treibt damit die Unlogik auf die Spitze, denn wenn Fremdschämen darin besteht, sich vermeintlich peinliche Situationen anderer anzusehen und sich darüber zu ereifern, dann ist Fremdschämen von Schadenfreude oder schlichter Missgunst kaum mehr zu unterscheiden. Einzig der Versuch, sich selbst und dadurch, dass man sich für andere angeblich schämt, als moralisch überlegen zu klassifizieren, bleibt als Unterschied, quasi der Versuch des kleinen Wichts, seine Fiesheit als etwas Besseres auszugeben. Das nennt man auch Heuchelei.

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