Geschlechter im Klimawandel oder Hey, Macker gib’ mal Geld

Geschlechter im Klimawandel, so heißt ein Text, auf den uns ein Leser von ScienceFiles hingewiesen hat.

GAIANun ist Geschlecht nicht unbedingt das Erste, das einem in den Sinn kommt, wenn man an den Klimawandel denkt, der eher mit Eis in der Antarktis oder mit noch mehr Regen in Wales verbunden ist. Was also hat Klimawandel mit dem Geschlecht zu tun?

Nachdem wir in der Vergangenheit bereits einen Unsinns-Text, der zum schulischen Curriculum in Deutschland gehört, behandelt haben, und zwar einen mit dem unsagbar dummen Titel: “Ist der Klimawandel ein Mann”, haben wir natürlich Schlimmstes befürchtet.

Wir sind nicht entäuscht worden.

Geschlechter im Klimawandel ist ein 2014 in der Zeitschrift “GAIA” veröffentlichter Text, den Sybille Bauriedl verbrochen hat. Er zeichnet sich in erster Linie durch sperrige, aufgeblasene Sätze voller Nomen aus, in zweiter Linie dadurch, dass die Autorin eine unglaubliche wissenschaftliche Naivität offenbart, die an Ahnungslosigkeit grenzt oder diese Grenze überschreitet und in dritter Linie durch Widersprüchlichkeit.

Nominale Konstruktionen:

Bauriedl im Original: “Dabei sind sozialwissenschaftliche Fragestellungen genau so relevant bei der Definition von Klimawandelproblemen und Klimaanpassungslösungen. Hier werden gesellschaftliche Prämissen festgeschrieben,die wesentlichen Einfluss auf Anpassungspotenziale haben und unter Umständen nicht nachhaltige gesellschaftliche Naturverhältnisse festschreiben.”

SprechblasenDas ist eine klassische Leerformel. Ein Gehalt der beiden Sätze ist auch nach mehrmaligem Lesen nicht erkennbar, was auch daran liegt, dass mit dem “Hier” ein Adverb im Satz verbaut wurde, von dem nicht klar ist, worauf es sich bezieht: Auf Deutschland, die Erde, das Universum oder auf den Raum, in dem Bauriedl saß, als sie “Hier” schrieb.

Wie auch immer, wir werden die Definition der Klimawandelprobleme und Klimalösungen vertagen müssen, schon weil Probleme nicht definiert, sondern geschaffen werden und zuweilen auch entstehen und weil Lösungen gefunden werden müssen, und nicht, wie man in feministischen Kreisen wohl zu denken scheint, herbeidefiniert werden können.

Aber es ist eine amüsante Idee. Stellen Sie sich vor, Sie sind Statiker, sollen eine Brücke über einen Fluss planen und stehen vor einem entsprechenden Problem. Wie lautet die Bauriedl’sche Lösung: Definieren Sie ihre Brücke einfach so lange, bis das Problem verschwunden ist, also einfach den Fluss weg definieren – oder so. Immer in der Hoffnung, dass die Brücke nicht gebaut wird.

Wissenschaftliche Borderline zwischen Naivität und Ahnungslosigkeit

Was hat Geschlecht mit Klimawandel zu tun, so haben sich manche bestimmt schon gefragt? Oder: Wieso sollte Geschlecht mit Klimawandel etwas zu tun haben? Manche mögen auch ihre schlimmsten Befürchtungen wieder entdecken haben und sich sagen: “Ich habe es immer gewusst, dass Männer mehr Regen abbekommen als Frauen” oder “Frauen profitieren vom Klimawandel, denn sie haben häufiger Bürojobs und entsprechend werden sie seltener nass …”.

Bauriedl sieht nicht nur eine Verbindung zwischen Geschlecht und Klimawandel, sie sieht gleich drei Verbindungen: Vulnerabilität, Essentialismus und eine nicht essentialisierende Verbindung

Vulnerabilität als Verbindung zum Klimawandel sieht Frauen als Gesamt und formuliert entsprechend Weisheiten für alle Frauen: Alle Frauen sind vulnerabel, denn sie haben weniger Zugang zu und weniger Kontrolle über finanzielle Ressourcen als Männer und zwar weil sie Sorgearbeit leisten. Und deshalb wird die Armut feminisiert, und zwar durch den Klimawandel, der Frauen besonders hart trifft. Warum? Weil Frauen vulnerabler sind als Männer. Und wer mit Tautologien zufrieden ist, der mag dieses Kreisgestotter akzeptieren und sich damit zufriedengeben.

Oder wie Albert Einstein einmal sinngemäß gesagt hat: Alles sollte so einfach wie nur möglich dargestellt werden, aber nicht zu einfach.

VulnerabilityVon der Vulnerabilität geht es zum Essentialismus, der sich durch eine Essentialisierung auszeichnet, dadurch, dass Frauen als Gruppe, dass alle Frauen zusammengefasst werden, ungeachtet individueller Unterschiede. Das ist zwar bereits bei der Vulnerabilität der Fall, aber sei’s drum, für Bauriedl macht es offensichtlich einen Unterschied. Wenn man also Männer und Frauen nunmehr als Essentialismus zu homogenen Gruppen zusammenfasst, dann kann man sie “empowern”. Wofür man das sollte und warum man das sollte, das fragt man sich vergebens, schon weil der Essentialismus-Absatz mit der folgenden unverdaubaren Phrase beendet wird:

“Konstruktivistische Zugänge zur Geschlechterforschung sehen in dieser Praxis eine Vergeschlechtlichung von Klimaanpassungshandeln.”

Wer mittlerweile noch keinen spitzen Hut aufgezogen hat und durch seine Wohnung tanzt, dem sei gesagt, dass “diese Praxis” abermals im bereits unter Vulnerabilität beklagten und im Vergleich zu Männern geringeren Zugang von Frauen zu finanziellen Ressourcen besteht.

Belibt noch die nicht essentialisierende Anpassungsforschung, die dieses Mal beklagt, dass “Fragen zu sozialer Differenz sowie differenzproduzierenden Strukturen, Normsetzungen und Narrativen kaum gestellt werden”, was daran liegen mag, dass die meisten, die diese Fragen stellen könnten, dabei sind, sich eine Narration zu überlegen, die nicht als Normsetzung betrachtet werden muss, soll oder darf und der Tatsache ihrer differenzproduzierenden sozialen Differenz zu entkommen versuchen, und zwar durch Nominalkonstruktionen, die niemand versteht, der bei normalem Verstand ist. Alles klar?

Die nicht essentialisierende Anpassungsforschung betrachtet Männer und Frauen als “Kollektivsubjekte”, also wie gehabt als homogene Gruppen, also wie der Essentialismus oben und wie Vulnerabilität noch weiter oben. Und während Vulnerabilität und Essentialismus Frauen und Männer kennen, kennt die nicht-essentialistische Sichtweise, dicke und dünne Männer und Frauen, rassistische und nicht rassistische Männer und Frauen, alte und nicht alte Männer und Frauen, also die “zentralen Machtachsen von Ungleichheit”. Das macht den ganzen Unterschied.

Wir haben entsprechend aus Sicht der Vulnerabilität , Frauen, die wegen Sorgearbeit zu wenig Geld haben.

Wir haben aus Sicht des Essentialismus Frauen, die wegen Sorgearbeit zu wenig Geld haben.

Und wir haben aus nicht essentialisierender Sicht Frauen, die auch alt sind.

Und dann gibt es noch den Klimawandel, von dem Frauen besonders betroffen sind. Warum? Weil sie Sorgearbeit leisten und zu wenig Geld haben. Ist doch einfach – oder?

Warum Bauriedl einen derartigen Popanz aufbaut, wo die Aussage: “Hey, Macker gib’ mal Geld!”, ausgereicht hätte, ist uns nicht ganz nachvollziehbar, aber wir haben ihrer Verwendung von eingeführten Begriffen einige Neuerungen entnommen: Liest man nämlich Blauriedl’s implizite Prämissen mit, dann ergibt sich das Bild von Frauen, die vom Wesen her vulnerabel sind und weil sie vom Wesen her vulnerabel sind, also Opfer qua Geburt und Geschlecht, und das obwohl Geschlecht sozial konstruiert ist, deshalb gilt: “Hey, Macker gib’ mal Geld.

Bleiben noch die Widersprüche:

Wenn Frauen, wie Bauriedl schreibt, vom Wesen her, also z.B. aufgrund ihres genetischen Make-ups geborene Opfer (vulnerabel) sind, dann kann man sie nicht empowern, das ist vergebene Liebesmüh, denn die Essenz, das Wesen ist stärker, eben das Wesen, wäre dem nicht so, dann wäre es kein Wesen und der ganze Essentialismus wäre für die Katz’.

Bleibt noch zu fragen, warum es notwendig ist, derart viele Worte zu machen, um zu sagen: “Hey, Macker gib’ mal Geld!”? Nun, derart kurze Aussagen sind zu einem verständlich und klingen gar nicht gezwungen intellektualistisch und zum anderen druckt GAIA keine Beträge, die nur aus einem Satz bestehen, selbst wenn sie inhaltlich nur aus einem Satz bestehen.

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