Die Hassgesellschaft

In der ARD ist Toleranzwoche.

Gegenstand der Toleranzwoche ist, seltsamerweise deren Gegenteil, die Intoleranz. So zum Beispiel in einem Beitrag von Martin Walter, der vielsagen mit “Die Hassgesellschaft” überschrieben ist. “Woher rührt der wüste Umgang” im Netzt, so fragt Walter gleich im ersten Absatz und angesichts der “wüsten” Verallgemeinerung, mit der er seinen Beitrag überschrieben hat, möchte man ihm beipflichten und fragen: Woher rührt der wüste Umgang, der schon in Überschriften eine ganze Gesellschaft diskreditiert?

Dabei ist Walters Beitrag ein gut gemeinter und in Teilen nicht einmal schlechter Beitrag, dessen Anlass all diejenigen sind, die im Internet unterwegs sind, um sich dort auszuleben. Trolle, wie es so schön heißt, wobei auch der Begriff des Trolls von Walter nicht differenziert benutzt wird, der Welt der Trolle schlicht nicht gerecht wird, und schon gar nicht der Tatsache, dass Institutionen ihre eigenen Trolle finanzieren, wie z.B. das Europaparlament, um Diskussionen im Internet zu übernehmen oder, wie dies bei Wikipedia der Fall ist, bestimmte Sichtweisen auf Dinge festzuschreiben.

Wenn Walter von Trollen schreibt, dann meint er diejenigen, die in ihren Kommentaren und mit ihren Wortmeldungen ihre eigenen psychologischen Probleme verarbeiten, diejenigen, die nicht anders können, als Dritte zu beleidigen, weil sie nämlich über keinerlei Argument verfügen.

trollsWarum trollen diese Trolle?, so fragt Walter und gibt eine offensichtliche Antwort, die Dr. Christiane Eichenberg aussprechen darf: Anonymität. Anonymität, so die Aussage, die Walter Eichenberg zuschreibt, führe dazu, dass Nutzer sich “freier” und “emotional ehrlicher” fühlten und sich “rauer” verhielten. Sie hätten eben keine soziale Kontrollinstanz und ließen ihren Impulsen freien Lauf. Mit anderen Worten: Es sind pathologische Beleidiger, die sich im Internet ausleben und dort rauslassen, was sie in der realen sozialen Welt, die sie umgibt, sich nicht auszusprechen trauen – Kranke eben.

Eine andere Theorie hat Dirk von Gehlen, wie Walter weiß: Es gebe keine Diskussionskultur in Deutschland. Dafür gebe es Personen wie Thilo Sarrazin, die mit ihrem provokanten Verhalten ein Vorbild geben würden, wohl für die Beleidiger, die sich in Foren und Kommentarspalten tummeln sollen. Den Kranken von oben gesellen sich also die Nachahmer zu, die selbst nie auf die Idee kämen, zu provozieren und sich von z.B. Sarrazin verführen lassen: die dummen Nachahmer also.

Kranke Psychopathen und dumme Nachahmer, das ist die Erklärung, die der Text von Walter dafür anbietet, dass es im Internet von “wüssten Kommentaren” vermeintlich wimmelt, dass “provoziert, beleidigt, angeraunzt und angepampt” wird. Nähme man den Titel des Textes nun ernst, Hassgesellschaft, war der Titel, man müsste konstatieren, dass die deutsche Gesellschaft aus kranken Psychopathen und dummen Nachahmern besteht, die Feigheit als gemeinsame Klammer um sich haben. Und man müsste sich fragen, als was Walter sich qualifiziert, da er ja auch Teil der deutschen Gesellschaft ist.

Absurd.

Also kann Walter mit seinem Titel “Hassgesellschaft” nicht meinen, was er schreibt. Offensichtlich geht es ihm nur um Teile der Gesellschaft, diejenigen, die sich in Kommentarspalten gegen “Systempresse”, “Feminismus” und “Homosexuelle” und die “GEZ-Mafia” wenden, diejenigen, die beleidigen und provozieren, z.B. so, wie Walter es tut, wenn er die beleidigenden Psychopathen mit bestimmten Themen verbindet, wenn er in einer Weise verallgemeinert, die dem Gegenstand nicht angemessen ist und den Eindruck erweckt, das Internet sei voller Beleidiger und Hassprediger, die durch Foren ziehen, um sich zu erleichtern und zudem so tut, als gäbe es die entsprechenden Hassprediger und Beleidiger nur wenn es um bestimmte Themen geht. In dem Walter hier berechtigte Kritik gegen z.B. Feminismus und Systempresse eben einmal pauschal abqualifiziert, zeigt er, dass er Teil des Problems ist, das er bearbeitet, denn:

Seine Antwort ist falsch und verkürzt das Problem in unzulässiger Weise.

Jeder Blogbetreiber kann ein Lied davon singen, dass es bestimmte Themen gibt, die die Wutbürger aus ihren Löchern treiben. Wenn man darauf hinweist, dass Sozialismus eine Ideologie der Angsthasen ist, Feminismus, die Ideologie der Freiheitsverlierer, Kinderbesitz, die ultimative Form staatlichen Kostgangs oder Meinungsfreiheit etwas ist, das nicht nur für politisch korrekte Inhalte gilt und erst dann relevant wird, wenn es um politisch nicht korrekte Inhalte geht, dann kann man sich ruhig zurücklehnen und der beleidigenden Kommentare harren, die da kommen, um sie dann, einen nach dem anderen, dem Vergessen, das im Dashboard mit “trash” überschrieben ist, zu überantworten.

Die Antwort auf die Frage, warum Beleidiger im Internet vorkommen, hat demnach nichts mit dem Thema zu tun.

Es gibt sie nämlich in allen Varianten und zu allen Themen. Die Antwort hat vielmehr etwas damit zu tun, dass es in Deutschland in der Tat keine Diskussionskultur gibt, dass sich ein angeblicher Diskutant in Deutschland nicht der Lächerlichkeit preisgibt, wenn sein Beitrag nur aus Gefühlen und Bewertungen besteht, wenn er sich der in der Mittelschicht so gerne praktizierten Nero-Methode bedient, die einen Text eben einmal einschätzt, egal, ob der Einschätzende auch nur den Funken von Verständnis hat, worum es in diesem Text geht.

definition-of-political-correctnessDie Antwort lautet: Fast jeder denkt, er könne zu allem gleich informiert seinen Senf geben. Deutschland ist ein Volk voller selbsternannter Experten, die denken, der Kunstdruck-Miro an der Wand mache sie zum Kunstexperten, die denken, dass sie es auf die Position “Professor” an einer Universität geschafft haben, mache sie zum Gebildeten, die der Meinung sind, die Flasche Pinot Grigio mache sie zum Weinexperten und der Urlaub in Hurghada zum Experten in Fragen des mittleren Ostens oder die glauben, das Hochdienen in Parteien verleihe ihnen irgend eine Form von Qualifikation.

Dass sie das denken können, ist Resultat einer öffentlichen Kultur, in der diskutiert wird, ohne zu diskutieren, denn Diskussionen haben keine Fakten und Argumente zum Gegenstand, über die man diskutiert und bei denen man entscheiden kann, wer recht hat und wer nicht. Nein, Diskussionen in Deutschland werden fast ausschließlich mit Bewertungen und Gefühlen und ohne Argumente geführt und ad hominem, um Personen entweder zu verdammen oder rein zu waschen, je nach Weltanschauung. Diskussionen werden zumeist nicht dazu geführt, eine Frage zu entscheiden, sondern dazu, sich durchzusetzen oder sich zu erleichtern, Diskussionen sind in Deutschland in der Regel kein Austausch von Information, keine Interaktion zwischen mindestens zwei Personen, sondern eine Form narzistischer Meinungs-Exposition, bei der das Gegenüber als Statist dient und deren Ziel darin besteht, sich zu produzieren.

Dass dem so ist, daran sind öffentlich-rechtliche Medien mit ihrem Vermeiden kontroverser Themen, mit ihrer Abwertung politisch nicht-korrekter Inhalte, mit ihrer prätentiös paternalistischen Kultur nicht unschuldig. Und einmal ehrlich, was ist der Unterschied zwischen einem Beleidiger im Internet, der keine Argumente hat und proletet und Claus Heinrich, der keine Argumente hat und auf Tagesschau.de proletet?

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... concerned with and about science

9 Responses to Die Hassgesellschaft

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Die Hassgesellschaft | netzlesen.de

  2. Der rüde Umgang im Ton ist keine Einbildung, dass ist richtig. Es gibt sehr deutliche Unterschiede im Niveau der einzelnen Kommentare. Wenn es den Toleranzwächtern darum ginge das Diskussionsniveau zu heben, hätte ich auch keine Einwände. Dieses Anliegen halte ich jedoch vor vorgeschoben. Denen geht es primär um die Diffamierung jeglicher, eben auch fundierter Kritik.
    Beispiel gefällig? Bitteschön:

    http://www.welt.de/kultur/article131905819/Was-Facebooks-Gender-Wahl-ueber-unsere-Welt-verraet.html

    “Wer in der Wirklichkeit ein muffig riechender Loser ohne Freunde ist, aber in Foren und Kommentarspalten unter Pseudonymen wie “Islamdurchschauer” selbstbewusste geopolitische Analysen ablässt, der hat wahrlich kein Recht zu lachen, weil jemand anderes sich im Netz als Inter*weiblich definiert.”

    Die Diffamierung kritischer Stimmen ist diesem kurzen Ausriß deutlich zu entnehmen.

    Meine Meinung zu diesem “Journalisten”:

    http://karstenmende.wordpress.com/2014/09/04/die-welt-steht-kopf-oder-die-welt-steht-kopf/

  3. Unkultur says:

    Ich glaube Sie leiden an Wahrnehmungsstörungen, diese Hass- und Neidgesellschaft ist doch nicht nur auf das Internet beschränkt. Mobbing, Stalking, Beleidigungen und Beschimpfungen ziehen sich durch ALLE gesellschaftlichen Lebensbereiche und durch ausnahmslos alle gesellschaftlichen Schichten. Die Unterschicht schimpft auf die Bonzen, Politiker bezeichnen Arbeitslose als “ungewaschene” und “unrassierte”, “dekadente Schmarotzer”. Es gibt tausende Beispiele dieser öffentlichen Entgleisungen und dem offensichtlichen Verfall gesellschaftlichen Anstandes und Sitte.

  4. Unkultur says:

    Da ich gerade so schön in Stimmung bin möchte ich noch mal nachsetzen: Gehen Sie doch mal in den Supermarkt um die Ecke, fällt ihnen die geheuchelte/zwanghafte Freundlichkeit der Mitarbeiter dort auf? Das ist kein Einzelphänomen, sondern Standard. Das ist typisch “Gutmenschentum”, immer schön nett und freundlich bleiben, aber ja niemanden den Rücken zudrehen. Erinnert irgendwie an Nordkorea. 😉

    • Chaeremon says:

      Da Sie in den vergangenen zig Jahren jedesmal an jeder Mitarbeiterschulung bei Ihren Supermärkten teilgenommen haben, und zudem bei jedem Kontrollgesprächen der “Testkäufer” (zur ständigen unangemeldeten Qualitätskontrolle und Personalbewertung) mit dabei waren, haben Sie wohl so einen riesigen Haufen an ausgeflippt esoterischem Unwissen angesammelt dass Sie hier im Forum einfach mal darüber schreiben müssen?

    • BeFree says:

      Was Freundlichkeit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft von Verkaufsmitarbeitern anbelangt, gehen Sie mal nach Japan, Sie würden staunen. Dort kennt man den zu Recht peiorativen und ganz anderswo als im Supermarkt zu verortenden Begriff des Gutmenschen gar nicht, aber den guten Verkäufer.

  5. qed says:

    Ach ja. Gerade erklären die Heuchler der Aftermedien, weshalb sie bald entweder die Kommentarfunktion ganz abschalten oder nur noch Jubelperser zulassen. Nichts Neues unter der Sonne. Es scheinen mir eh nur noch als Masochisten, die z.B. bei Enddarmbewohnern wie der ZeitIn- Journaille versuchen, einen Kommentar unterzubringen. Methodisch längst von solch seichten Blättchen wie dem ‘Handelsblatt’ unter der Fuchtel eines ‘Speichel’- Afterfreunds übernommen.

    Derlei sollte uns nicht kümmern, solange es noch Seiten wie diese gibt!

    Einen schönen Gruß vom qed, der gerade einem heftigen Tropenschauer in Indonesien träge zuschaut.

  6. BeFree says:

    “Dass dem so ist, daran sind öffentlich-rechtliche Medien mit ihrem Vermeiden kontroverser Themen, mit ihrer Abwertung politisch nicht-korrekter Inhalte, mit ihrer prätentiös paternalistischen Kultur nicht unschuldig.”
    1. Die letzten zwei Worte müssten ersetzt werden durch: schuldig.
    2. ÖR-Medien wären zu ergänzen um: Mainstream- bzw. Systemmedien.
    3. Kultur (drittletztes Wort) wäre richtigerweise zu ersetzen durch: Unkultur der Bevormundung unmündiger, retardierter, völlig unwissender und bekanntermaßen grenzdebiler Konsumenten der ÖR-Propaganda unter stillschweigender, dauerhafter Aussserkraftsetzung von Art. 5 GG in vorauseilendem Gehorsam gegenüber der political correctness – gerne auch als GGneo bezeichnet -, welche die Väter des GG-Originals glücklicherweise (noch) nicht kannten.

    ÖR-Medien sind schuldig im Sinne der Anklage, deren Inhalt war bzw. hätte sein müssen:”Anklage wegen des Vorwurfs der dauerhaften, vorsätzlichen Volksverdummung sowie Bürger- und Zuseherentmündigung – aus niedrigen, durch die weisunggebenden Eliten in Politik und Parteien getriebenen, Beweggründen – durch Lüge, Desinformation, Verdunkelung, bewußte, konspirative Falschdarstellung sowie einseitige, stets unausgewogene Verzerrung von Tatsachen. Zudem durch bewußte Zensur von Lesermeinungen zu den jeweiligen Themen in nicht unerheblichem Umfang, wiederum unter dauerhafter, vorsätzlicher Verletzung Art. 5. 1. GG, letzter Satz ‘Eine Zensur findet nicht statt’.”

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

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