Wer hat Angst vorm MuselMann?

Bertelsmann StiftungMehrheit fühlt sich vom Islam bedroht“, so eine Überschrift im ARD Onlineangebot heute. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, die von Mitarbeitern des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung sowie der Universitäten Erfurt und Frankfurt erstellt wurde, hat für diese Überschrift Pate gestanden, wobei es sich bei der Studie wohl eher um eine schlichte Befragung handelt. Genaues weiß man wie so oft bei der Bertelsmann-Stiftung erst dann, wenn man die Studien-Katze im Sack und vom Bertelsmann-Verlag gekauft hat. (Wo der Kommerz anfängt. hört bekanntlich die Stiftung auf…). Entsprechend muss man derzeit glauben, dass die Ergebnisse auf einer “repräsentativen” und “international vergleichenden” Untersuchung basieren.

Wie auch immer die Ergebnisse zu Stande gekommen sein mögen, 61% der Befragten in der Bertelsmann-Studie sind der Ansicht, “der Islam passe nicht in die westliche Welt”, und von den “54-Jährigen fühlen sich 61 Prozent durch den Islam bedroht, von den unter 25-Jährigen hingegen nur 39 Prozent. Die Angst vor dem Islam ist am stärksten dort, wo die wenigsten Muslime leben”, so die Bertelsmann-Stiftung, für die offensichtlich klar ist, dass eine Verbindung zwischen Islam und Muslimen bestehen muss.

world muslim populationFür eben diese Muslime zeigt die selbe Studie, wie die ARD zitiert, dass sie “mehrheitlich fromm und liberal zugleich” sind. Aber ganz offensichtlich hat die Angst vor “dem Islam” nichts mit Muslimen  zu tun, bestenfalls mit Muslimen, die medial als Islamisten oder Vertreter mit Alleingeltung für eine Religion aufgebaut werden, die weltweit 1,57 Milliarden Gläubige unter ihrem Dach versammelt.

Es ist sicher nicht falsch, wenn man feststellt, dass es die Mehrheit der 1,57 Milliarden Muslime nicht in die Nachrichten schafft. Die Tariqs und Ahmeds, die in Kairo versuchen, ihren Lebensunterhalt zu bestrieten, bleiben unerwähnt. Muslime haben als Person keine Existenz, sie kommen in deutschen Medien entweder als Attentäter oder Gotteskrieger oder religiöse Fanatiker vor, die man instrumentalisieren kann, um sie zum Gegenstand von Angst und in einem klassischen Fehlschluss zu einer repräsentativen Auswahl des Islams zu machen.

Der Islam, vor dem Deutsche Angst haben. Was ist dieser Islam eigentlich?

Zunächst einmal ist eine Frage wie die, die in der Studie der Bertelsmann-Stiftung offensichtlich gestellt wurde: “Fühlen Sie sich durch den Islam bedroht”, eine sozialforscherische Katastrophe, denn wer weiß schon, was sich ein beliebiger Befragter unter “dem Islam” vorstellt? Wie viele Befragte kennen wohl “den Islam”? Wie viele Befragte haben auch nur eine blasse Ahnung davon, was im Koran steht? Wie viele Befragte haben schon einmal davon gehört, dass Jesus ein von Muslimen anerkannter Prophet ist, den sie verehren, dass, mit anderen Worten, Muslime und Christen wenn es um die religiösen Inhalte geht, nicht allzuviel trennt?

Anders formuliert: Was fragt man eigentlich, wenn man Befragte fragt, ob sie sich von “dem Islam” bedroht fühlen?

Niemand kann sich von etwas Abstraktem bedroht fühlen, auch wenn die Bundesregierung sich das einbildet. Bedrohung geht nicht von der Mafia aus, nicht von der Bundesregierung, nicht von der Wehrmacht und auch nicht von der Sportgemeinde Edesheim. Bedroht kann man sich nur von konkreten Personen fühlen, von Al Capone, post-hum, von den Häschern des Finanzamts, die im Auftrag des Finanzmininsters Jagd auf ihren Souverän machen, von Major Trapp oder von Peter Ludwig.

Muslime

Public Viewing I

Bislang ist kein Fall bekannt, in dem “der Islam” jemanden erschossen hätte. Es ist kein Fall bekannt, indem “das Christentum” gemordet hätte, es ist nicht einmal ein Fall bekannt, in dem der Kommunismus Konzentrationslager eingerichtet hat. In jedem Fall waren es konkrete Individuen, die gehandelt haben. Stalin hat den Gulag in Sibirien einrichten lassen und Willige gefunden, die das für ihn tun. Attentäter, die von sich behaupten, sie wollten, was auch immer für den Islam erreichen, verdingen sich als Mörder und es war Bernhard von Clairvaux, der Brandreden gehalten hat, um Kreuzzüge vorzubereiten.

Warum fragen dann angebliche Forscher nach dem Bedrohungspotential “des Islam” und warum titeln Journalisten “Mehrheit fühlt sich vom Islam bedroht”?

Zwei Ursachen: Dummheit oder Brandstiftung.

Dummheit bei den angeblichen Forschern drückt sich in einer vollkommenen Unkenntnis der Methoden der empirischen Sozialforschung im Allgemeinen und der Befragung im Besonderen aus, Methoden, die Kurt Holm bereits im Jahre 1975 und im Hinblick auf stereotype Formulierungen wie folgt dargelegt hat:

“Stereotype Formulierungen lassen sich im hier erörterten Zusammenhang als eine besondere Art suggestiver Formulierung begreifen. Es handelt sich dabei um Worte oder Wortkombinationen (Floskeln), deren positive oder negative Wertbesetzung für bestimmte Befragte so hoch ist, dass ihre inhaltliche Bedeutung dahinter zurücktritt, und der Befragte statt auf den gemeinten Inhalt nur noch auf den Reiz des bloßen Wortes reagiert, und zwar nahezu mechanisch und auf voraussagbare Weise. Beispiele hierfür sind die Worte ‘Kapitalismus’, ‘die Kommunisten'” (Holm, 1975: 60) oder heute “der Islam”.

Christen

Public Viewing II

Stereotype Formulierungen, also krude Verallgemeinerungen, sind nicht nur in vielen Fällen suggestiv, und deshalb werden sie von gewissenhaften Sozialforschern vermieden, sie sind auch so unbestimmt, dass es keinen Zweck hat, nach ihnen zu fragen, denn man hat nicht die Spur einer Chance herauszufinden, woran die Befragten gerade gedacht haben, als sie “den Islam” als Bedrohung eingeordnet haben. Die Bertelsmann-Forscher sind entsprechend keine gewissenhaften Forscher, sondern von Unkenntnis Getriebene oder, – sofern sie wissen, was sie tun: Brandstifter, die versuchen, Ergebnisse in ihrem Sinne herbei zu manipulieren.

Und was ist von Journalisten zu halten, die titeln “Mehrheit fühlt sich vom Islam bedroht“?

Alternative 1:

Nichts – einfach nur nichts. Sie sind fehl am Platze. Ihnen fehlt jegliche Befähigung zum kritischen Denken und damit jegliches Urteilsvermögen. Letzteres ist jedoch für Journalisten zwingend erforderlich, schließlich setzen sie die Ergebnisse ihres vermeintlichen Denkprozesses vielen Lesern vor.

Alternative 2:

Nichts – denn sie wissen was sie tun und verwischen mit Bedacht und Bösartigkeit den Unterschied, der zwischen einem allgemeinen Begriff wie “Islam” und 1,57 Milliarden Muslimen besteht. Letztere sind Muslime und nicht der Islam (immer vorausgesetzt, man kann überhaupt des Islams im Gewirr der unzähligen Schulen habhaft werden), und der Islam ist etwas anderes als die 1,57 Milliarden Muslime. Wenn zwei Attentäter ein Büro eines islamkritischen Satirejournals überfallen, dann hat das ebenso wenig mit “dem Islam” zu tun, wie es mit dem Christentum zu tun hat, dass katholische Priester sich in doch recht großer Zahl an Jungen vergangen haben.

Die Gleichsetzung von Individuen mit einem abstrakten Begriff dient enstprechend dazu, eine Menschengruppe in Bausch und Bogen zu verteufeln und als unwert zu deklarieren, und sie passt in eine Zeit, in der eine Horde von Verrückten der Ansicht ist, es gäbe “die Männer” und “die Frauen” und alle unter dem Begriff “die Männer” oder “die Frauen” Eingeordneten seien sich so furchtbar ähnlich, während zwischen Männern und Frauen ein so großer Unterschied bestehe, dass man keine Gemeinsamkeit mehr finden könne.

Wer nicht mehr in der Lage ist, den Unterschied zwischen Peter Schmidt und Männer oder den Unterschied zwischen Ahmed Saad al-Din und Islam zu erkennen, der kann im normalen Leben nicht mehr funktionieren und sollte sich schnellstens in eine geschlossene Anstalt einliefern lassen.

Hochschulmarketing: Wolkenkuckucksheim herbeireden

Manche (?) Themen aus der Betriebswirtschaft zeichnen sich durch eine gewisse Diskrepanz zwischen dem Wortwohlklang, der z.B. in Arbeiten zu Marketing und Management entfaltet wird, und dem, was sich in der Realität niederschlägt, aus.

dreamworldEinmal davon abgesehen, dass viele Texte, die im Bereich des Human Resource Management produziert werden, bestenfalls einen Einblick in die Auseinandersetzung des Verfassers mit jenem unbekannten, teils gefährlichen, regelmäßig faulen und immer falsch motivierten Wesen, dem Arbeitnehmer zu geben im Stande sind, fragen wir uns regelmäßig, wann z.B. die Freundlichkeitsoffensive, die in Lehrbüchern und Texten zum Kundenmanagement (oder Customer Relationship Management) oder sonstigen wolkigen Werken, die dem Ungeübten erklären, wie er mit dem anderen unbekannten Wesen der BWL-Literatur, dem Kunden, umzugehen hat, in der Wirklichkeit ankommt, wann also Kunden mit netten, informierten und freundlichen Gegenüber konfrontiert werden.

Und natürlich fragen wir uns, wann die professionelle Führung von Unternehmen, wie sie in der entsprechenden Literatur gepredigt wird und wie sie mit dem Neuen Steuerungsmodell angeblich in Verwaltungen Einzug gehalten haben soll, dazu führt, dass man zu normalen Zeiten den zuständigen Sachbearbeiter ans Telefon bekommen kann und nicht erfahren muss, dass er gerade in Elternzeit, im Urlaub oder nur von 9 bis 12 Uhr am Arbeitsort anzutreffen ist.

Wie auch immer, es gibt eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was in betriebswirtschaftlicher Literatur daher fabuliert wird und dem, was in der Realität zu finden ist. Und diese Diskrepanz, die findet sich auch beim Hochschulmarketing.

Hochschulmarketing wird seit einigen Jahrzehnten beschworen und definiert, nämlich z.B. als “Übertragung des Marketingverständnisses vom Profit-Bereich auf den Non-Profit-Bereich” (Meffert & Müller-Böling, 2007: 1-2). Warum auch nicht. Diese Übertragung ist angeblich notwendig, weil Hochschulen immer mehr mit einander konkurrieren: weil sie um Studenten, um “kluge Köpfe” und um finanzielle Mittel konkurrieren.

Und natürlich darf auch die Bedarfspredigt nicht fehlen, die sich in so vielen Arbeiten bei den Verlagen, die in Wiesbaden erscheinen und mittlerweile alle Springer gehören, findet: Also: Die Globalisierung und der zunehmende Wettbewerb und der Bologna-Prozess und die geringer werdende öffentliche Förderung und die Notwendigkeit, Kapital von Dritten einzuwerben, und die Konkurrenz von Hochschulen aus dem Ausland und nicht zuletzt, die vielen Rankings, die Hochschulen vergleichbar machen (angeblich), das alles hat die Folge, dass wir jetzt Hochschulmarketing brauchen.

Wozu? Damit die Kapazitäten an Hochschulen auch ausgelastet werden, wie z.B. Reckenfelderbäumer und Kim (2006: 193) schreiben, die offensichtlich noch nie einen hoffnungslos überfüllten Vorlesungs- oder Seminarraum an einer deutschen Hochschule gesehen haben.

Aber die demographische Entwicklung ist natürlich nicht von der Hand zu weisen und vielleicht will Hochschulmarketing ja vorbeugen, für die Zeit, wenn der Bevölkerungsschwund einsetzt und die entstehenden Lücken mit ausländischen Studenten füllen. Und dann muss man sich natürlich von seiner besten Seite zeigen, durch Hochschulmarketing – sofern es eine beste Seite gibt.

hochschulmarketingHochschulen bieten Lehre und sie bieten Forschungsergebnisse als Dienstleistungen bzw. Produkte an. Die Qualität beider steht und fällt mit dem Angebot, das Professoren und Dozenten bereitstellen. Will man als Hochschule erfolgreich sein, dann hilft es ungemein, wenn man auf ein hervorragendes Lehrangebot und herausragende Forschungsergebnisse verweisen kann. Dazu – wiederum – benötigt man die entsprechenden wissenschaftlichen Angestellten, und die kommen nur, wenn das Angebot an der Hochschule im Hinblick auf Bezahlung und Arbeitsmöglichkeiten ihren Vorstellungen entspricht.

Kurz: Alles steht und fällt mit den Verhältnissen an einer Hochschule, mit den Professoren und Dozenten, mit dem Lehrangebot, mit der technischen und finanziellen Ausstattung, mit der Qualität der Lehre uvm. was für Lehre und Forschung von Wichtigkeit ist. Irgendwie setzt Hochschulmarketing das alles voraus, denn es macht keinen Sinn, für eine Hochschul-Klitsche mit überfüllten Hörsälen, schlechter Lehre, desinteressierten Dozenten, baufälligen Gebäuden, bei denen es z.B. durch das Dach regnet, zu werben, deren Ausstattung nicht einmal die Volkshochschule in Wanne-Eickel geschenkt übernehmen würde.

Und vielleicht ist dies ja der Grund dafür, dass in Deutschland Marketing so beliebt ist, denn man kann sich im Marketing Wolkenkuckucksheime bauen und blühende Landschaften vorstellen, wo man, bei Hinsehen, die triste Wirklichkeit des von der Wand fallenden Putzes zur Kenntnis nehmen muss.

Man kann Universitäten zu Stätten von Exzellenz und Spitzenforschung erklären, die sich bestenfalls dadurch hervortun, dass sie Zentren für Genderforschung unterhalten, deren Daseinszweck letztlich darin besteht, die Beschäftigten von der Straße zu holen und durchzufüttern.

Man kann Hochschulen zu Elite-Universitäten erklären, an denen ganze Fachbereiche noch kein Wort nach draußen haben dringen lassen, das auch nur den Anschein erweckt hätte, hier spräche eine Elite oder hier sprächen Experten für was auch immer und, last but not least, kann man Hochschulen zu Stätten der Bildung stilisieren, an denen Studenten Wissen vermittelt wird, obwohl alles, was ihnen vermittelt wird, weder mit Wissen noch mit Bildung etwas zu tun hat und krude als Ideologie bezeichnet werden muss.

hochschulmarketing2Das also ist der Reiz des Marketings im Allgemeinen und des Hochschulmarketings im Besonderen: Man kann sich wegträumen und in Worten einen Zustand beschreiben, den es in der Realität nicht gibt, ganz in der Tradition derer, die an die Wirkung von Beschwörungsformeln glauben. Wenn man nur lange genug Exzellenz, Elite und Bildung beschwört, dann kommt Exzellenz, Elite und Bildung ganz von selbst, mit einem Puff und ganz viel Rauch.

Deshalb brauchen wir Hochschulmarketing!

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