Hass (oder Angst) essen Verstand auf?

Die Diskussionen, wenn man es denn so nennen kann, der letzten Tage haben einen Eindruck bei uns hinterlassen – keinen guten, so fürchten wir.

Wo soll man beginnen?

Dabei, dass es tatsächlich Zeitgenossen gibt, die denken, wenn Attentäter und Mörder sich auf eine Religion, den Islam im vorliegenden Fall, berufen, dann führe dies dazu, dass nicht die Attentäter und Mörder als die Individuen, die sie nun einmal sind, für ihre Tat verantwortlich sind, sondern die Religion, auf die sie sich berufen?

Metallica_Master_Of_Puppets
Überhaupt: Nicht der Prophet, sondern Metallica sind Master of Puppets!

Oder soll man da beginnen, wo es notwendig die Prämisse dieser Zeitgenossen ist, dass der Islam sich dirigistisch und determinierend auf die Handlungen von Individuen auswirkt, was zweierlei zur Konsequenz hat: einerseits fragt man sich, was für diese Zeitgenossen in ihrem eigenen Leben eigentlich normal ist, schließlich können sie es sich vorstellen, dass mehr als eine Milliarde Menschen von einer Religion an der Leine geführt werden? Andererseits fragt man sich, wie es kommt, dass die Mehrzahl der an der Leine geführten Muslime, dennoch willentliche Entscheidungen treffen, andere leben zu lassen und nur ein verschwindend geringer Teil mit Gewalt agiert?

Oder wie wäre es mit der weltfremden und völlig irren Annahme, dass 1,37 Milliarden Muslime, wenn sie die Lehre des Islam hören, dasselbe verstehen und nichts anderes – wobei man sich abermals fragt, wenn alle Muslime dasselbe verstehen, warum morden und töten dann nur wenige von ihnen, wenn der Islam tatsächlich das religiöse Brainwashing ist, das diese Zeitgenossen darin sehen?

Oder soll man von dem missionarischen Eifer erschreckt sein, mit dem manche Kommentatoren uns das Dashboard zumüllen und die Mailbox gleich mit, weil sie unbedingt eine akribische Aufstellung loswerden wollen, die Links umfasst, die zeigen sollen, dass Muslime alle böse, gewalttätig und mies sind oder eine Aufstellung der Eroberungskriege, die im Namen des Islam ab dem 7. Jahrhundert ungefähr in der Weise geführt wurden, wie sie ab dem 11. Jahrhundert im Namen des Christentums geführt wurden.

Der Eifer, mit dem manche Kommentatoren versuchen, ihre Mission, ihre heilige Botschaft, dass der Islam des Teufels ist, von einem Mörder zusammengeschrieben wurde, weshalb diejenigen, die sich auf den Islam berufen alle nur Mörder sein können, zu verbreiten, ist erschreckend und provoziert die Frage: Was steckt dahinter?

Ist es Hass auf andere, die aus welchen Gründen auch immer, als Bedrohung empfunden werden?

Ist es Angst vor anderen, die nicht nur als Bedrohung, sondern auch als Konkurrenz empfunden werden?

Wir haben intensiv über diese Fragen diskutiert und sind zu einem Ergebnis gekommen, das man am Beispiel der Kommentare von Michael Bürger exemplifizieren kann.

Michael Bürger findet zunächst einmal den Vergleich zwischen den katholischen Priestern, die Jungen missbraucht haben, und den beiden Attentätern, die in Paris elf Menschen umgebracht haben, ungehörig. Warum? Weil es “ein ziemlicher Unterschied [ist], ob Menschen morden und sich dabei guten Gewissens auf schriftlich fixierte, allgemeine Handlungsanweisungen ihres Propheten bzw. ‘Allah’ berufen können. Oder ob sie gegen die Gebote ihrer Religion verstoßen …”.

Hier finden wir die Frontstellung zum ersten Mal, die wie ein roter Faden die Auseinandersetzung über den Islam in einer angeblich säkularen Welt durchzieht: Der Islam ist demnach eine böse Religion, die von einem Propheten gegründet wurde, der ein Mörder ist, und das Christentum ist die Religion der Menschenliebe, die nur Gutes will (wie man unschwer an den nächstenlieben Kommentaren sehen kann :)). Im einfachsten Fall des Arguments behauptet Bürger, dass eine Religion, in der Gewalt formuliert ist, ihren Anhänger als “role model” dient, so dass sie munter morden können.

Wenn dem so ist, dann ist das schlecht für das Christentum:

    • god of old testamentDer christliche Gott bringt alle Lebewesen, mit Ausnahme derer, die Noah um sich versammelt hat, um, vom Neugeborenen bis zum kleinen Lämmchen. Genesis, 6: 7, 17
    • Derselbe Gott bringt alle Bewohner von Sodom und Gomorrah um. Genesis, 19: 24
    • Moses bringt einen Ägypter um, Exodus, 2: 11-12.
    • Der christliche Gott bringt alle Rinder in Ägypten um, Exodus, 9: 19-20.
    • Der christliche Gott bringt alle Erstgeborenen in Ägypten um, Exodus, 12: 29.

Das ist nur eine kleine Auswahl der Morde, die dem christlichen Gott oder seinen Schergen in der Bibel zugeschrieben werden. Nach der Logik von Herrn Bürger muss man sich daher vor Christen in Acht nehmen, denn sie können sich jederzeit auf die intentional böse Religion der Bibel berufen, die zu Mord und Gewalt aufruft, die Mord und Gewalt verherrlicht (bis heute hat sich keine christliche Kirche vom Alten Testament distanziert und bis heute hat kein Muslim gefordert, dass sich Christen gefälligst von dem Mordgott des Alten Testaments distanzieren.).

Die autoritäre Persönlichkeit, die Adorno und andere in ihrem epischen Werk zur Erklärung des nationalsozialistischen Gefolgsmann konstruieren, zeichnet sich durch zwei markante Eigenschaften aus: Die autoritäre Persönlichkeit hat keinerlei Ambiguitätstoleranz, wie Wilhelm Heitmeyer das später nannte. Sie ist nicht in der Lage, Grautöne in ihrem Schwarz-Weiß-Bild wahrzunehmen.

In den Kommentaren von Michael Bürger findet sich dieser Punkt im Vorwurf, wir seien Relativierer und Verharmloser, weil wir darauf hinweisen, dass der Islam nicht mehr oder weniger eine böse Religion ist als das Christentum. Und vor allem weisen wir darauf hin, dass Menschen Herren über ihre eigenen Entscheidungen sind, dass Menschen einen freien Willen haben und sich entsprechend entscheiden können, etwas zu tun oder etwas zu lassen.

Das wiederum ist ein Gedanke, den Bürger in guter Tradition der autoritären Persönlichkeit nicht zu kennen scheint. Er kennt nur die deterministische Beziehung zwischen der Obrigkeit, die sich im Islam ausdrückt und der Gefolgschaft, die vom Islam zu Gewalttaten dirigiert wird. Deshalb ist es für ihn unerlässlich, dass die Frage geklärt wird, “inwieweit die islamische Religion … Gewalt fördert oder erzeugt”.

Neben der autoritären Persönlichkeit treffen wir hier abermals die absurde Vorstellung, eine Lehre, eine Idee, eine Religion, was auch immer, könne die Handlungen von Individuen determinieren, eine Idee, die an die Beschwörungsformeln des Mittelalters erinnert, mit denen aus Stroh Gold herbeigesprochen werden sollte. Zauberformeln, es ist offensichtlich, haben für manche Zeitgenossen ihren Reiz nicht verloren, und weil dem so ist, deshalb beschwören Sie das Böse, das sich im heiligen Buch der Fremdgruppe offenbaren soll.

anti-balakaDas bringt uns wieder zurück zu der Frage, was die rationale Bestandsaufnahme dessen, was gerade von manchen angeblich im Namen des Islam durchgeführt wird, behindert. Warum denken manche lieber, eine Religion sei die Ursache von Handlungen, als dass sie den naheliegenden Gedanken fassen, dass Mörder und Attentäter, die mit ihrer Aktion Aufmerksamkeit erreichen wollen, das Vehikel nutzen, auf das die westliche Presse nur allzu gerne springt: den Islam?

Eine Beziehung zum Islam herzustellen, das macht aus einem Mord einen besonderen Mord. Berufung auf den Islam garantiert publicity, macht aus einer der vielen unbekannten Terrorgruppen, eine besondere Terrorgruppe, namens Boko Haram. Sähe Boko Haram sich christlich, animistisch oder ideologisch, niemand würde sie einer Bemerkung würdigen, so wie das dereit mit Anti-Balaka, einer christlich-animistischen Terrorgruppe in Zentralafrika oder dem “National Socialist Council of Nagaland“, einer maoistischen Terrorgruppe in Indien der Fall ist.

Letztlich ist es also die große Aufmerksamkeit, die den Terrorgruppen gewidmet wird, die sich auf den Islam berufen, wofür der Islam jedoch nichts kann, die dazu führt, dass sich Personen wie Michael Bürger nicht nur vom Islam bedroht fühlen, sondern ein Feindbild entwickeln, das konstitutiv für die eigene Identität zu sein scheint und somit wichtig, um sich abgrenzen zu können.

Damit kommen wir abermals zur autoritären Persönlichkeit, die Adorno et al. in ihren Studien gefunden haben, jener autoritären Persönlichkeit, die nicht in der Lage ist, sich positiv zu definieren, und weil sie das nicht ist, deshalb kann sich die autoritäre Persönlichkeit nicht ausstehen, und weil sie sich nicht ausstehen kann, braucht sie jemanden, auf den der Hass auf sich selbst, auf das eigene Scheitern projiziert werden kann, ein Feindbild, das nicht konkret sein darf, denn wenn es konkret ist, dann kann es sich schnell als falsch erweisen. Besser ist ein amorphes, ein unkonkretes und weitläufiges Feindbild, eines, das man füllen kann, wie man will: der Islam, das Judentum, die Rechten, was auch immer, Hauptsache es hilft dabei, die eigene Unfähigkeit, eine Persönlichkeit zu entwickeln, zu überdecken.

Wir hätten nie gedacht, dass wir einmal auf die psycho-analytische Erklärung von Frenkel-Brunswick zurückkommen. So kann man sich täuschen…

Die Katastrophe besteht nicht darin, dass autoritäre Persönlichkeiten sich am Islam abarbeiten, um etwas zu werden. Die Katastrophe besteht darin, dass autoritäre Persönlichkeiten so einfach zu manipulieren sind. Man kann ihnen die wahrnehmbare Welt auf Islamismus reduzieren, man kann ihren Hass und Ärger auf den Islam und alle, die ihm zuordenbar sind, richten und sie am Nasenring durch die Manege führen.

Zu sehen, wie leicht sie sich ausgerechnet von Islamisten instrumentalisieren lassen, zu sehen, wie einfach sie die hingeworfene Brotkrume fressen und ihre Menschlichkeit vor lauter Hass auf den Islam vergessen, jene Menschlichkeit, die ihnen eigentlich sagen sollte, dass die meisten Menschen, welchem Glauben auch immer sie angehören, ihre Ruhe und ein angenehmes Leben wollen, das ist erschreckend.

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