Warnung: Geistiger Durchfall auf dem Weg nach Deutschland

Die Presselandschaft in den USA und im Vereinigten Königreich, die ja bekanntermaßen manchen deutschen Journalisten die Vorlagen liefert, die sie dann übersetzen und als ihr eigenes Werk ausgeben, berichtet derzeit von einem Beitrag, der tatsächlich in “Science” veröffentlicht wurde, tatsächlich weil “Science” bislang als wissenschaftliche Zeitschrift gegolten hat, und Science auch nicht, im Gegensatz zum British Medical Journal dafür bekannt ist, seine Leser in einer bestimmten Ausgabe zu veralbern.

Science AAASDer Beitrag, von dem uns nicht klar ist, zu welchem Genre er gehört, wurde von Sarah-Jane Leslie, Andrei Cimpian, Meredith Meyer und Edward Freeland erstellt und trägt den Titel “Expectations of Brilliance Underlie Gender Distributions Across Academic Disciplines”. In deutscher Übersetzung: Erwartungen an Genialität liegen der unterschiedlichen Geschlechtsverteilung in akademischen Fächern zu Grunde.

Der Beitrag hat eine einfach Aussage: Manche Vertreter eines Faches sind der Ansicht, ein gewisses Maß an Genialität sei notwendig, um sich kompetent im entsprechenden Fach zu betätigen. Und je mehr die Vertreter eines Faches dieser Ansicht sind, desto geringer ist der Frauenanteil in diesem Fach.

Diskriminierung!

Diskriminierung von Frauen, denn, so erklärt Andrei Cimpian, einer der Autoren dieses Textes, dessen Genre nach wie vor nicht geklärt ist, es gebe in der Literatur überzeugende Argumente, dass die intellektuellen Kapazitäten von Männern und Frauen nicht unterschiedlich seien. Deshalb sei es am wahrscheinlichsten, dass die Unterrepräsentation von Frauen in den Fachbereichen, in denen manche der Vertreter Genialität als nützlich ansehen würden, das Ergebnis von wahrgenommenen, angenommenen oder zugeschriebenen Unterschieden zwischen Männern und Frauen im Hinblick auf Genialität sind.

Konkret: Frauen gelten als seltener genial und haben deshalb geringere Chancen in einem Fachbereich, in dem Genialität hoch im Kurs steht, Aufnahme zu finden. Vielleicht ist es auch so, so gibt Cimpain an anderer Stelle zu bedenken, dass es nicht die Fachvertreter sind, die die Frauen, die ihren Ansprüchen an Genialität nicht gerecht werden, aussperren, sondern dass sich Frauen selbst ausschließen, weil sie Opfer der Genialitäts-Bedingung werden und das Urteil ihrer geringeren Genialitätsneigung mit den Fachvertretern teilen.

Oder so ähnlich.

Die Grundlage dieser Ansammlung von Behauptungen ist eine Korrelation mit der Einschätzung der Bedeutung von Genialität für einen Fachbereich auf einer Seite und dem jeweiligen Frauenanteil auf der anderen Seite.

Man kann die Schlagzeilen, die demnächst die deutschen Printmedien schmücken werden, schon vor seinem geistigen Auge sehen: Frauen wird mangelnde Genialität unterstellt! Männer halten Frauen für wenig genial.

Nicht nur das, die Forderung nach einer Genialitätsoffensive, die darin besteht, dass in Fachbereichen, die durch besondere Genialität und geringen Frauenanteil auffallen, Genialitäts-Gründungslehrstühle nur für Frauen eingerichtet werden, folgt den entsprechenden Beiträgen bestimmt als nächstes nach.

Und keiner der aktiven Hysteriker, die sich dann als Helfer von zu Unrecht der Nicht-Genialität bezichtigten Frauen aufplustern werden, wird sich fragen: Warum sollte man annehmen, dass die Einschätzung der Notwendigkeit von Genialität etwas mit dem Frauenanteil zu tun hat? (Die einzige Antwort, die uns dazu einfällt lautet: Weil man denkt, Frauen seinen per se nicht genial.)

Ziemlich schwierig diese “Warum-Frage” mit dem, was die Wissenschaft nach wie vor ausmacht, nämlich einer Theorie zu unterfüttern, einer Genialitäts-Gap-Diskriminierungstheorie, die erst noch zu entwickeln wäre, wobei es wieder einmal angebracht erscheint, darauf hinzuweisen, dass das Entwickeln einer Theorie nichts mit dem Zusammenfaseln von ad-hoc aufgestellten Behauptungen zu tun hat.

Die Entwicklung einer Theorie ist ein methodischer Prozess, bei dem zunächst allgemeine Sätze aufgestellt werden, die nach Möglichkeit in einer logischen Beziehung zueinander stehen und dann eine Prüfung der Theorie durch aus ihr abgeleitete singuläre Sätze erfolgt, die wiederum unabhängig von der Theorie prüfbar sein müssen.

junk scienceWenn man eine Korrelation zwischen der Behauptung von Fachvertretern, im Fach sei Genialität wichtig, und dem Frauenanteil findet und behauptet, die Korrleation an sich sei die Theorie, wie dies hier der Fall ist, wenn behauptet wird, dass das Ausmaß der Zuschreibung von Genialität die Erklärung für den geringeren Frauenanteil ist, dann begeht man damit einen leider allzu häufig zu beobachtenden Kurzschluss. Wir sprechen hier nur noch von Kurzschlüssen, weil kein logischer Schluss vorliegt, die entsprechende Behauptung vielmehr nur durch ein Durchbrennen neuronaler Verbindungen zu Stande gekommen sein kann (vielleicht auch durch fehlende Genialität bei Psychologen?).

Der Kurzschluss besteht formal darin, dass das, was zu erklären ist: nämlich die Verbindung, zwischen der Genialität zugewiesenen Bedeutung und dem Frauenanteil mit sich erklärt wird, also der Frauenanteil über die zugewiesene Bedeutung von Genialität. Auf diese Art und Weise kann man jeden Blödsinn an vermeintlichem Zusammenhang erklären:

Die Menge an getrunkenem Bier korreliert mit dem Anteil von Männern in Kneipen. Kneipen, in denen Bier ausgeschenkt wird, sind frauenfeindlich.

Die meisten Patente werden von Männern angemeldet. Frauen finden den Weg in das Patentamt nicht.

Beide hier dargestellten Korrelationen sind mit der identsich, die Leslie, Cimpian, Meyer und Freeland in Science veröffentlicht bekommen haben. Kaum jemand wird behaupten, die beiden Korrelationen seien durch die nachfolgenden Sätze erklärt. Und doch verhalten sich die nachfolgenden Sätze in ihrem Erklärungsgehalt äquivalent zu der angeblichen Erklärung, die man derzeit in Science bewundern kann. In allen Fällen wird eine willkürliche Beobachtung gemacht, von der man nicht weiß, warum sie interessant sein soll (oder wie kommt man auf die Idee, die zugewiesene Bedeutung von Genialität mit dem Frauenanteil zu korrelieren?), die Beobachtung wird dann al gusto interpretiert und die Interpretation als Erklärung verkauft. Daher unterscheidet sich derartige vermeintliche Forschung in keiner Weise vom Kaffeesatzlesen, wobei Kaffeesatzlesen immerhin auf physisch vorhandenen Fakten (Kaffeesatz) basiert.

Bleibt noch anzumerken, dass der um sich greifende Virus, der angebliche Forscher dazu veranlasst, Aggregatdaten wild miteinander zu korrelieren, ohne Rücksicht auf etwaiige Verluste durch ökologische Fehlschlüsse oder nicht vorhandene theoretische Unterfütterung, ein erschreckendes Bild von einer immer mehr degenerierenden Wissenschaft zeichnet.

Leser, die Beiträge in Online-Zeitungen finden, die sich mit dem Text von Leslie, Cimpian, Meyer und Freeland befassen, also einen Beitrag von dpa, der identisch von den vermeintlich unabhängigen Tageszeitungen abgedruckt wird, können uns gerne den entsprechenden Link schicken.

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