I had a dream

I had a dream.

I had a dream that social scientists would be scientist.

I had a dream that social scientists would unite in the quest for knowledge.

Get up stand upI had a dream that they would rise and fight for freedom and fight those who want to use science for other purposes than acquiring knowledge.

I had a dream that social scientists would take their social responsibility seriously.

Und dann bin ich aufgewacht.

Und die Realität mit all ihrer grauen Phantasielosigkeit des deutschen universitären Alltags war zurück. All die Gestalten, die sich auf Lehrstühlen herumdrücken und darauf warten, dass sich die eine Idee einstellt, auf die sie nun schon seit Jahrzehnten erfolglos warten, all die Aktivisten, die Lehrstühle besitzen, um von der Ikea-Kanzel aus das Heil der Welt zu verkünden, und all die Opportunisten, die Wissenschaft nutzen, um sich in Positionen zu sonnen, die sie nicht einmal ausfüllen würden, wenn sie adipös wären, all sie, sie sind mir wieder in den Sinn gekommen.

Und nicht nur sie, auch die Professoren, die sich an Universitäten durchzudrücken versuchen, ohne ein klares Statement darüber zu geben, wie sie es mit den Versuchen, Universitäten zu Stätten, an denen man zu Straftaten aufrufen kann, oder den Versuchen, Universitäten zu Stätten institutionalisierter Diskriminierung von Männern zu machen, halten.

Sie schweigen lieber und nehmen in Kauf, dass man sie für Feiglinge und Drückeberger hält. Und das, das nehmen wir nicht mehr hin:

We have a dream, den Traum des erwachsenen, aufrechten, mutigen Sozialwissenschaftlers mit Rückgrat und sozialer Verwantwortung.

BeccariaNun sollte dieser Traum-Sozialwissenschaftler eigentlich die Norm sein, so dass man viele der derzeitigen Sozialwissenschaftler als Abweichung von der Norm, als Deviante ansehen muss. Das erleichtert die Aufgabe, die vor uns liegt. Denn: Auf dem Weg zum erwachsenen, aufrechten, mutigen Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung können wir uns Ergebnisse der Devianzforschung zu Nutze machen, die schon Cesare Beccaria im 18. Jahrhundert formuliert hat.-

Damit Akteure ihr abweichendes Verhalten unterlassen, muss man ihnen die Kosten für abweichendes Verhalten erhöhen und den Nutzen von nicht-abweichendem Verhalten deutlich machen oder steigern. Nun sollte die Vorstellung, als erwachsener, aufrechter, mutiger Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung erkennbar zu sein, eigentlich schon Nutzen genug sein, ist es aber nicht, wenn die Feigheit, die Angst davor, als erwachsener, aufrechter, mutiger Sozialwissenschaftler mit Rückgrat und sozialer Verantwortung erkennbar zu sein, größer ist.

Was also tun?

Zurück zu Beccaria: abweichendes Verhalten wird von denen gezeigt, die keine Entdeckungswahrscheinlichkeit fürchten, weil sie z.B. denken, die Position, die sie besetzen, schütze sie vor bestimmten Sanktionen, erlaube es ihnen z.B. eMails zu ignorieren, denn: in ihrer Position wähnen sie sich zu wichtig, als dass sie sich mit schnöden eMails von Personen beschäftigen würden, die ihnen aus ihrer (irrigen) Sicht und in ihrem verbeamteten Status keine Kosten verursachen können (selbst dann, wenn es sich dabei um Fachkollegen handelt oder wenn es Bürger sind, die mit ihren Steuermitteln die Position der entsprechenden Inhaber finanzieren).

Um diesen Fehlschluss aus falscher Selbstzuschreibung von Arroganz für diejenigen, die ihm erliegen, aufzuklären, ist es daher notwendig, das was Beccaria Härte und Geschwindigkeit der Strafe nennt, für die vorliegende Aufgabe zu operationalisieren, und zwar auf eine Weise, die geeignet ist, den Fehlschluss deutlich sichtbar und damit bearbeit- und beherrschbar zu machen.

Wir haben die perfekte Möglichkeit gefunden, den vom Fehlschluss Betroffenen zu helfen und fordern hiermit alle unsere Leser auf, uns bei der Therapie zur Hand zu gehen.

Wie?

Ganz einfach.

Im folgenden haben wir zwei Textbausteine erstellt.

Textbaustein 1 enthält die eMail-Adressen der Professoren, bei denen der oben beschriebene Fehlschluss das längst fällige Coming-Out verhindert.

Textbaustein 2 enthält den eMail-Text mit den Fragen, die wir von den entsprechenden Professoren beantwortet haben wollen. Wie sich Stammleser erinnern werden: Es geht darum, dass eine Untersuchung nachgewiesen hat, dass männliche Bewerber auf einen Lehrstuhl in der Soziologie diskriminiert werden. Wir verlangen einfach nur eine Stellungnahme von den Positionsinhabern, die den Vorstand der deutschen Gesellschaft für Soziologie besetzen.

Die Therapie besteht nun darin, so viele wie nur möglich eMails mit dem Bausteintext von oben, an die Positionsinhaber zu schicken, um sie von ihrer irrigen Vorstellung, sie seien zu wichtig, als dass sie sich mit berechtigten Fragen von außen auseinander setzen müssten, zu heilen.

Hier die Cut und Paste-Textbausteine

Textbaustein 1: eMail-Adressen:

peter.berger@uni-rostock.de; nicole.burzan@fk12.tu-dortmund.de; stephan.lessenich@soziologie.uni-muenchen.de; michaela.pfadenhauer@univie.ac.at; uwe.schimank@uni-bremen.de; Paula.Villa@soziologie.uni-muenchen.de ;vobruba@sozio.uni-leipzig.de; sciencefiles@textconsulting.net

Textbaustein 2: eMail-Text:

Sehr geehrte Mitglieder des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie,

Mark Lutter und Martin Schröder vom Max Planck Institut für Gesellschaftsforschung in Köln haben eine Vollerhebung der Berufungen auf Lehrstühle der Soziologie, die im Zeitraum von 1980 bis 2013 besetzt wurden, durchgeführt und auf Grundlage dieser Daten, für 1.260 Soziologen die Variablen bestimmt, die einen Effekt auf die Besetzung eines Lehrstuhls haben (Veröffentlicht als MPIfG Discussion Paper 14/19 unter dem Titel: “Who Becomes a Tenure Professor, and Why”).

Dabei haben sie eine systematische Diskriminierung von männlichen Soziologen festgestellt, die jedem Wissenschaftler, der sich mit Diskriminierung oder mit sozialer Ungleichheit oder mit der Erforschung von Stereotypen, Vorurteilen und darauf basierenden Ismen, wie Rassismus oder Sexismus beschäftigt, den blanken Schrecken ins Gesicht treiben muss.

Hier ein Auszug der wichtigsten Ergebnisse.

1. Weibliche Bewerber werden schneller berufen als männliche Bewerber. Männer müssen zwei Jahre länger auf eine Berufung warten als Frauen.

2. Weibliche Bewerber, die auf eine Professur berufen werden, haben deutlich weniger publiziert als männliche Bewerber: “… by the time, men get a tenure, they have published 1.8 times as many SSCI-articles … 1.7 times as many non-SSCI-articles …, 1.4 times as many books …, 1.3 times as many edited volumes …, 1.4 times as many book chapters …, and 1.8 times as much ‘gray’ literature as women”.

3. Für männliche Bewerber ist es schädlich, wenn sie ihre Sozialisation an einer renommierten Universität, z.B. in Heidelberg, Mannheim oder (früher) in München erfahren haben. Dieser Stallgeruch reduziert ihre Wahrscheinlichkeit, eine Professur zu erhalten.

Diese Ergebnisse beschreiben eine unhaltbare Situation systematischer und insofern wohl institutioneller Diskriminierung von männlichen Bewerbern. Dass eine solche Situation ausgerechnet in der Soziologie mit ihrer Tradition der Erforschung von Diskriminierung und sozialer Ungleichheit eingetreten ist, kann man wohl nur als Ironie der Geschichte bezeichnen.

Ich nehme diese Situation zum Anlass, um Sie als Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Soziologie zu bitten, die folgenden Fragen zu beantworten:

1. War Ihnen bekannt, dass männliche Bewerber auf eine Professur in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

2. Halten Sie die systematische Diskriminierung von männlichen Bewerbern im Verlauf einer universitären Karriere für hinnehmbar?

3. Wenn ja, warum?
4. Wenn nein: Was gedenken Sie dagegen zu unternehmen?

5.Was raten Sie männlichen Abiturienten, die sich mit dem Gedanken tragen, Soziologie zu studieren?

6. Was raten Sie männlichen Absolventen, die sich mit dem Gedanken tragen, eine wissenschaftliche Karriere in der Soziologie anzustreben?

7. Was halten Sie von der Tatsache, dass männliche Bewerber in der Soziologie systematisch diskriminiert werden?

Ich bedanke mich für Ihre Antworten und verbleibe mit freundlichen Grüßen,

Wir haben die eMail-Adresse von ScienceFiles zum Zweck der Generierung von Leverage angefügt, wie man das im Englischen nennt.

“If you are a big tree, we are a small axe, ready to chop you down, to chop you down.”

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About Michael Klein

… concerned with and about science

24 Responses to I had a dream

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] I had a dream | netzlesen.de

  2. fdominicus says:

    Ich hab’ mal mitgehebelt. Erwarte aber nichts. Warum auch, ist soch so schön kuschelig bei den Inhabern der einzigen Warheheit.

    • Vielen Dank.
      Wir werden sehen, was daraus wird. Ich, wäre ich einer der Angeschriebenen, wollte jedoch nicht als Befürworter von Diskriminierung erscheinen oder gar als Feigling, der sich nicht traut, sich öffentlich gegen Missstände zu wenden.

      • Schlimm ist, dass diese Leute ihr Fehlverhalten scheinbar überhaupt nicht als solches wahrnehmen. Die sind derartig fest in ihrer PC-Bubble eingeschlossen, dass sie möglicherweise noch nicht einmal verstehen, was denn diese “bösen Leute” jetzt auf einmal alle wollen? Da sie auch noch politische und mediale Rückendeckung bekommen, fehlt ihnen jeglicher Sinn für Einsicht.

  3. mdma1984 says:

    E-Mail ist unterwegs, mal gucken ob es diesmal eine Regung gibt. 🙂

  4. munkmack says:

    Warum zitieren Sie nicht gleich aus der Zusammefassung von Lutter/Schröder (2014:3)? Das lässt doch auch auf Deutsch nichts an Deutlichkeit missen:

    “Frauen, so das weitere Ergebnis der Untersuchung, benötigen im Schnitt 23 bis 44 Prozent weniger Publikationen als Männer, um einen Erstruf zu erhalten. Unter sonst gleichen Faktoren liegt ihre Chance auf eine Professur um das 1,4-fache höher als die ihrer männlichen Kollegen.” That’s it!

    Die Soziologie/Unis könnten sich nun allenfalls noch darauf herausreden, dass hier nichtintentionale Handlungsfolgen in ihrer Summe gemessen wurden, aber auch da hätte ich meinen Zweifel: Wenn es schon rechnerisch signifikante Effekte gibt.. 😉

    Einziges Manko der Studie ist das Fehlen einer (wenigstens groben) Längsschnittauswertung (d.h. ob sich die beobachteten Diskriminierungs-Effekte in den zurückliegenden Jahren verstärkt haben gegenüber den 80ern) – dann könnte man dies klarer als Ideologieeffkt sichtbar machen.

    Meinem Kinde würde ich heute von einem Soziologiestudium an deutschen Unis (unabhängig vom Geschlecht) nachdrücklich abraten, wohl aber zur persönlichen Lektüre soziologischer Klassiker (Simmel, Weber, Pareto, etc.) unbedingt zu(!)raten! Es gibt schliesslich unproblematischere Formen, sich ins Heer der akademischen Funktionseliten im Postdemokratismus einzureihen…

  5. Jean Poisson says:

    Soeben abgeschickt.
    […]

    Denke für die Hinweise, SF

  6. Man sollte vielleicht “Sie haben die Chance auf 10.000 €, wenn sie folgende Fragen beantworten” in die Betreffzeile schreiben, damit die Empfänger die e-mail überhaupt lesen.

  7. Martin Gäckle says:

    Das ganz oben haben Sie echt mal schön gesagt, auf den Punkt gebracht – Reschpekt!

  8. Konrad Kugler says:

    Ein echt alter Meckerer sagt:
    Ich habe mich mit 67 ins Rentnerdasein verabschiedet und mich reif genug fürs Internet erklärt. Aus meiner Schulklasse mit vier Jahrgangsstufen ist einer aufs Gymnasium gegangen und zwei sind Bankdirektoren geworden. Ohne Abitur, aber erfolgreich. Kein Institut pleite. Jetzt mit 72 muß ich mich anpflaumen lassen, wegen fehlender Englischkenntnisse. Alle tun so, als ob sie die Gescheitheit mit dem Löffel gefressen hätten, aber nirgends finde ich Hinweise, wo ich die Zwischenablage wiederfinde.

    Zum Thema: Läßt es sich machen, daß Aktionen wie die obige so organisiert werden, daß ich ohne paste and copy und weiteren Klicks mit ein paar Eingaben das Anliegen unterstützen kann.

    Sie sind ziemlich einsam auf diesem Feld.
    Wenn man an 80 Millionen denkt.

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  10. Michel Houellebecq says:

    Die werden die ganze Sache aushocken. So wie sie Stimmen “von aussen” immer ignorieren: Sie sind ja drinnen, warum sollte sie denn auf die hören, die draussen sind?

  11. einer von wenigen says:

    “erlaube es ihnen zb. Emails zu ignorieren”

    Da fiel mir direkt dieses kurzes Possenstück der EU ein:

    (der Mister regt sich auf, er habe 400 Mails von Wählern in den letzten Tagen bekommen und müße sich nun damit beschäftigen, seine Zeit mit dem Löschen selbiger zu verschwenden).

    Bei Ministerien ist es aber auch nicht viel anders. Ich warte jetzt zb. seit drei Monaten auf eine Antwort vom Haus der Frau Nahles. Diese Antwort übrigens – ich verlangte sie per Mail – könne mir auch nur postalisch zugestellt werden, weil … ist so.

    Den 1. Platz in Bunkermentalität hat aber, denke ich, das Arbeitsamt verdient. Die rufen einen auch als ALG-I Empfänger nur mit unterdrückter Nummer an, Rückfragen sind grundsätzlich nur über die zumeist ziemlich nutzlose “Service”-Hotline möglich, Sachbearbeiter, Jobcoaches und wie sie nicht alle heißen geben bisweilen nicht mal ihren richtigen Namen an, sondern irgend eine kryptische Nummern-und-Buchstaben-Folge, das ganze dann “im Auftrag” einer anderen Nummernfolge. Ich hatte nur drei Monate lang das Pech, mich mit denen rumärgern zu müßen, werde die nun aber für den Rest meines Lebens verachten und hassen und mache ihnen außerdem gerade ihre Arbeit madig, weil ich ganz, ganz viele Fragen bezüglich deren Arbeitsweise habe. Soviel DDR mitten im Jahr 2014/15 hätte ich nie für möglich gehalten, wie mir aus diesem Amt entgegenkam.

    Ich finde eure Aktion daher sehr gut, habe aber noch eine Frage, bevor ich was versenden kann: wer genau sind die oben aufgeführten Personen in Textbaustein 1 und warum wurden gerade die ausgewählt? Ich vermute mal, die sind der Vorstand der Deutschen Soziologischen Gesellschaft, oder wie auch immer der Verein heißen mag?

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