Queer, links, feministisch und anti: Der gute Mensch aus Merseburg

Was haben sich Sozialpsychologen abgestrampelt, um die Grundlagen von Vorurteilen deutlich zu machen. Vorurteile haben sie als Urteile auf Basis von Null- bis keiner Information beschrieben, Urteile aufgrund irrelevanter Merkmale, die eben einmal absolut gesetzt werden, Urteile aufgrund von Emotionen.

Benz Legenden Luegen VorurteileVorurteile sind ein Shortcut, der genutzt werden soll, um sich in der Welt zurecht zu finden. Insofern entsprechen sie dem Stereotyp. Sie unterscheiden sich jedoch in einer Reihe von Punkten von Stereotypen, die im Gegensatz zu Vorurteilen nützliche kognitive Verkürzungen darstellen, die Orientierung geben. Dagegen hindern Vorurteile bei der Orientierung, denn sie sind (1) auch durch empirische Fakten nicht zu korrigieren, basieren (2) auf affektiven Reaktionen, die keiner sachlichen Diskussion zugänglich sind und werden (3) ohne Ansehen der Person auf Angehörige einer bestimmten Gruppe übertragen.

Pastorino und Doyle-Portillo haben diese Unterscheidung zwischen nützlichen Stereotypen und unnützen Vorurteilen wie folgt beschrieben:

“One way to conceptualize prejudice is as a stereotype gone awry. A stereotype can be thought of as the cognitive component of an attitude or the knowledge you have stored in memory about some group of people. Stereotypes become problematic when we generally apply them to all members of a group without regard to those individuals’ unique characteristics. Furthermore, when a stereotype contains biased and negative information about a particular group of people, the stereotype begins to look like a prejudice. Finally, when a biased negative stereotype becomes coupled with a negative affect or emotional reaction towards all (or most) people belonging to that group, a prejudice results” (Pastorino & Doyle-Portillo, 2010, S.375).

Auch Assmann hat die oben berichteten Unterschiede zwischen einem Stereotyp und einem Vorurteil sehr klar zusammengefasst:

„Prejudice cannot be explained – as stereotype can – on a cognitive basis alone; it is charged with collective emotions together with norms that are hidden behind values and taboos. It is not a tool for understanding the world, but a weapon in power and identity politics. This explains one characteristic of the prejudice: It is incorrigible. It can, on the contrary, be defined as a mental strategy to block the process of learning, which involves constant readjustment and reconstruction of preconceived ideas in the light of new experience and information. Instead of reconstructing the stereotype to accommodate the new evidence, the prejudice is constructed to block and destroy evidence. While the stereotype is adapted to the world, prejudice adapts the world to itself” (Assmann, 2009, S.9).

Man kann also feststellen:

  • Vorurteile sind nicht veränderbar und gegen jede Art von falsifizierenden Fakten resistent.
  • Sie werden als Wall gegen die Realität errichtet, um keine falsifizierenden Fakten zur Kenntnis nehmen zu müssen.
  • Sie basieren auf Emotionen und sind deshalb keiner Veränderung zugänglich.

Entsprechend stellen sich die Träger von Vorurteilen als unfähig und unwillig dar, mit einer komplexen Umwelt umzugehen und sich an die Veränderungen der sie umgebenden Umwelt anzupassen.

Seltsamerweise finden wir viele Personen, die mit Vorurteilen hantieren, als hinge ihr Überleben an deren Aufrechterhaltung, ausgerechnet unter denen, die von sich behaupten, sie seien offen, sozial, gut, fortschrittlich, an der Emanzipation aller interessiert und wollten nur das Beste, jedenfalls für sich und ihresgleichen.

Heinz-Jürgen Voß, der an der Hochschule Merseburg eine Professur für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung besetzt, schein jemand zu sein, der so in der Welt seiner Vorurteile gefangen ist, dass alle Versuche, ihn nicht nur sexuell, sondern auch intellektuell zu befreien, zum Scheitern verurteilt zu sein scheinen.

Voss Web 20Immerhin ist Heinz-Jürgen Voß (zwar mit einigen Jahren Rückstand, aber doch immerhin) im von ihm so bezeichneten Web 2.0 angekommen.

Und im Web 2.0, da wird diskutiert. Diskussionen haben nun den unangenehmen Beigeschmack, dass man Gefahr läuft, mit abweichenden Meinungen, mit gegensätzlichen Meinungen konfrontiert zu werden, mit Meinungen, die den Emotionen, auf denen die eigenen Vorurteile basieren, nicht passen (eine unangenehme Nebenwirkung der Meinungsfreiheit). Deshalb müssen die entsprechenden Meinungen in Bausch und Bogen diskreditiert werden. Deshalb werden die Träger der Meinungen diskreditiert und der Inhalt der Meinungen gar nicht berücksichtigt. Deshalb ist der Fehlschluss ad hominem ein so guter Indikator für einen mit Vorurteilen Beladenen.

Also schreibt Heinz-Jürgen Voß,  in der Funktion eines Professors, und somit in einer Position, von der aus er den offenen Diskurs über Ideen und Meinungen fördern sollte:

“Es geht also darum, dass mensch sich zwar nicht Debatten von Maskulinisten und anderen Leuten der extremen Rechten aufdrängen lassen sollte, aber dass mensch in Blog-Diskussionen durchaus auch immer wieder feministische, queere und gegen Rassismus gerichtete Positionen einbringen sollte.”

“Mensch” ist die Bezeichnung für die Guten, diejenigen, die dieselbe Meinung teilen, die Voß teilt, die er wiederum für der Wahrheit letzten Schluss zu halten scheint. Es ist dies die Meinung der Glaubenskongregation der Gutmenschen, nein, in diesem Fall von “mensch” als solchem. Und, so macht er deutlich, “Maskulisten und andere Leute der extremen Rechte” sind keine Menschen. Das an sich ist schon heftig und in Nähe zum Faschismus, aber es reicht noch nicht, meint Voß doch, er könne seinen Vorurteilen freien Lauf lassen und Maskulisten, wer immer sie auch sein mögen, mit Rechtsextremisten gleichsetzen.

Und beide sind natürlich böse. Die Guten, das sind Feministen, Queere und alle, die sich vermeintlich gegen Rassismus richten. Rassismus, so hat Dr. habil. Heike Diefenbach gerade deutlich gemacht, basiert auf der behaupteten Überlegenheit einer Gruppe von Menschen über eine andere Gruppe von Menschen, ganz so, wie Voß dies hier für Queere und Feministen nahelegt, die aus seiner Sicht Maskulisten und Rechtsextremen überlegen sind, womit er sich in die Reihe derer, die man entsprechend dieser Definition als Rassisten bezeichnen müsste, stellt.

Nun sind gute Menschen wie Heinz-Jürgen Voß immer bemüht, die Wahrheit, die ihrer Gutheit zugrunde liegt, unter die Menschheit zu bringen und andere zum Heil zu bekehren. Wie wir schon von Lann Hornscheidt wissen, erfolgt die Verbreitung der Gutheit über eine Form der Missionierung, die sich nicht darauf beschränkt, mit dem Wachturm an der Straßenecke zu stehen, die vielmehr Interventionen umfasst. Und wie wir vom letzten Zitat wissen, ist es Voß ein Dorn im Auge, dass es Rechtsextremisten und Maskulisten, die ein und dasselbe für ihn sind, überhaupt gibt, dass diejenigen, der in Bausch und Bogen als rechtsextreme Maskulisten klassifiziert, überhaupt die Möglichkeit haben, ihre Meinung zu äußern. Also fordert er seine Gefolgschaft auf, Folgendes zu tun:

Heinz J voss“Lasst uns vornehmen, dass wir alle(!) jeweils pro Woche zwei Kommentare, die gegen Rassismus, gegen Sexismus, gegen Heterosexismus gerichtet sind, in Online-Diskussionen einbringen! Wenn wir alle das machen, dann tauchen in den Kommentarspalten zumindest auch immer kurz emanzipatorische Inhalte als kurze Brechung auf.”

Die Prediger von Heilslehren haben sich immer als Herren über eine Minderheit dargestellt, eine erleuchtete Minderheit von Jüngern, denen die Wahrheit eingesalbt wurde, damit sie in die Welt gehen und Gutes tun, bevor sie Eingang in das Himmelreich finden.

Und immer haben die Prediger von Heilslehren für sich in Anspruch genommen, emanzipativ zu wirken, eine befreiende Botschaft zu verbreiten. Auch nicht neu ist, dass sich die Heilsbringer nicht mehr darauf beschränken, Ihr Heil zu verkünden, sondern andere, die aus ihrer Sicht einer anderen und somit falschen Heilslehre anhängen, zu bekämpfen.

Wir finden entsprechende Auseinandersetzungen im Mittelalter, wir finden sie in der Weimarer Republik in den Straßenkämpfen, die zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten geführt wurden, und wir finden sie heute in einem anderen Gewand, im Gewand des nicknames, hinter dem man sich mit seinen “emanzipatorischen Inhalten” verstecken kann.

Und wir finden sie als Aufruf zur Sabotage:

“Gleiches gilt für Amazon. Auf Grund der schlechten Arbeitsbedingungen kauft mensch dort zwar keine Bücher. Dennoch beeinflusst Amazon stark die Sicht auf Bücher. Daher: Lasst uns dort jeweils ein Profil haben und jeweils wöchentlich zwei Bücher positiv oder negativ besprechen. Dazu reicht ein Dreizeiler völlig aus. Das wirkt den häufig schlechten Bewertungen linker und emanzipatorischer Bücher entgegen. Gleichzeitig machen viele knappe Rezensionen letztlich immer deutlicher, dass Leute sich auf die Bewertungen bei Amazon nicht verlassen können.”

Das muss man sich jetzt wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Da besetzt ein Heinz-Jürgen Voß einen Lehrstuhl, der mit öffentlichen Mitteln finanziert wird und nutzt die Ressourcen eines Blogs, das an der Humboldt-Universität Berlin angesiedelt ist und ebenfalls aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, um politische Agitation zu betreiben, um die wahre Lehre des guten linken Menschen zu verbreiten.

Nicht nur das: Er ruft in einer Art und Weise, die man nicht anders als hinterhältig bezeichnen kann, zur Sabotage einer Serviceleistung auf, die ein privates Unternehmen seinen Kunden bietet, Kunden, von denen der gute Mensch aus Merseburg offensichtlich denkt, dass sie allesamt Idioten sind, die sich kein Urteil über die Qualität einer Buchrezension bilden können – vor allem wenn sie drei Zeilen umfasst.

Hochschule MerseburgUnd obwohl der gute Mensch aus Merseburg nie bei Amazon kaufen würde, weil die Arbeitsbedingungen bei Amazon schlecht sind, was er vermutlich nicht weiß, weil er dort gearbeitet hat, sondern vom Hörensagen, also dem, was David Hume die Vorstellungen des menschlichen Geistes genannt hat, hat er doch kein Problem damit, die Infrastruktur, die Amazon zur Verfügung stellt, zu benutzen, um seine politischen Ziele zu verfolgen. Und diese politischen Ziele bestehen nicht darin, Rezensionen zu platzieren, deren Zweck es ist, den Eindruck zu vermitteln, den man beim Lesen eines Buches hatte, sondern darin, ein Buch, das dem eigenen Lager zugerechnet wird, in drei Zeilen zu loben, damit den häufig schlechten Bewertungen “linker und emanzipativer Bücher” etwas entgegen zu setzen.

Natürlich kommt Voß keinen Moment auf die Idee, dass die schlechten Bewertungen “linker und emanzipativer Bücher” etwas damit zu tun haben könnten, dass die entsprechenden “linken und emanzipativen Bücher” schlecht sind. Nein, eine derartige Idee kann nur haben, wer sich auf Fakten und die Realität einlässt, wer die Welt nicht aus einer von Vorurteilen gefärbten Brille betrachtet. Das, so zeigt sich, tut Voß nicht.

Und ganz uneigennützig scheint der gute Mensch aus Merseburg auch nicht zu sein, finden sich doch unter den Büchern, die er vermutlich für “links und emanzipativ” hält, Bücher, die er selbst (mit-)verfasst hat. Bücher wie dieses, dessen Bewertungen zu 50% aus Jubel und zu 50% aus schlechter Bewertung besteht.

Aber natürlich ist der gute Mensch aus Merseburg nicht wegen der schlechten Bewertungen, die u.a. seine “emanzipativen und linken” Bücher erhalten, tätig geworden. Perish the thought! Er, der gegen ausbeuterische Unternehmen wie Amazon agitiert, selbst wenn sie seine Bücher verkaufen, er spendet den Erlös aus dem Verkauf seiner Bücher mit Sicherheit einem guten Zweck – wetten?

Wir haben uns ja schon an einiges gewöhnt. An Lehrstuhlbesetzer, die Studenten offen zu politischen Agent Provocateur machen wollen. An Lehrstuhlbesetzer, die zu Straftaten aufrufen. Nun an Lehrstuhlbesetzer, die zur Sabotage von Serviceleistungen privater Unternehmen aufrufen. Was kommt als nächstes? Wir wissen es nicht, ebenso wenig wie wir wissen, was Personen wie Heinz-Jürgen Voß an einer Hochschule zu suchen haben.

Aber eines wissen wir aus Erfahrung: Es kommt selten etwas Besseres nach, und wir sind schon ganz unten – aus unserer Sicht jedenfalls.

Albert TraktatDa Wissenschaft gerade nicht mit der Überzeugung eigener Überlegenheit kraft Offenbarung der korrekten Heilslehre vereinbar ist, wie unter anderem Hans Albert sehr deutlich gemacht hat, müssten wir jetzt eigentlich fordern, dass Heinz-Jürgen Voß wie das Hornscheidt von der Hochschule entfernt wird, da er sich offensichtlich als politischer Aktivist und nicht als Hochschullehrer oder gar Wissenschaftler sieht.

Aber das würde bedeuten, dass wir der Ansicht sind, an der Hochschule Merseburg wäre noch etwas zu retten.

Derzeit sind wir dieser Ansicht nicht, wir lassen uns aber gerne von Argumenten überzeugen. Derweil bitten wir lieber unsere Leser darüber abzustimmen, ob politische Aktivisten wie Heinz-Jürgen Voss von Steuerzahlern dafür finanziert werden sollen, dass sie an Hochschulen einen Lehrstuhl besetzen, um dort politisch aktiv zu sein.

Ist Heinz-Jürgen Voß ein Professor, der die Steuermittel, aus denen er finanziert wird, rechtfertigt?

Wo wir gerade bei Argumenten sind: Wo unterscheidet sich das, was Heinz-Jürgen Voß predigt, von dem, was ein angeblicher islamistischer Hassprediger predigt?

Schließlich haben wir Amazon.de eine eMail geschrieben und den CEO des Unternehmens darauf hingewiesen, dass er eine Reihe von Büchern, die Heinz-Jürgen Voß (mit-)verfasst hat, im Sortiment führt. Da Heinz-Jürgen Voß die Arbeitsbedingungen bei Amazon als “schlecht” bezeichnet hat und deshalb bei Amazon nie kaufen würde, da er zudem zur Sabotage eines Serviceangebots von Amazon aufruft, haben wir den CEO gebeten, sich zu überlegen, ob er die Bücher von Heinz-Jürgen Voß nicht komplett aus dem Sortiment von Amazon nehmen will, denn Herr Voß will sicherlich nicht von den “schlechten” Arbeitsbedingungen bei Amazon bzw. den Serviceleistungen von Amazon profitieren.

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