EU-Referendum: Macht die Formulierung der Frage einen Unterschied?

Während in Deutschland die Frage danach, ob die Bevölkerung Deutschlands die Möglichkeit haben soll, über Verbleib in oder Austritt aus der EU zu entscheiden, von offizieller Seite nicht ernsthaft erwogen, ja, nicht einmal thematisiert wird, werden im Vereinigten Königreich derzeit Pläne darüber geschmiedet, wie die Frage lauten soll, die im Rahmen des EU-Referendums, das die alte und die neue Tory-Regierung durchzuführen angekündigt hat, gestellt wird.

In der britischen Presse wird berichtet, dass David Cameron die Frage “Should the UK remain a member of the EU?” erwäge, und weiter hieß es bei der BBC am 27. Mai 2015: “The prime minister is said to believe this would allow those who want Britain to remain in the EU to style themselves as the Yes campaign”. Matt Qvortrup, der Professor für angewandte Politikwissenschaft an der Coventry University ist, betrachtet dies als “an attempt to be the positive campaign because nobody likes to be seen as negative”.

Wenn es stimmen sollte, dass jeder oder zumindest die Mehrheit der Menschen lieber zustimmt als widerspricht, jeder lieber “ja” sagt als “nein”, lieber die Bereitschaft signalisiert, ein Projekt (neu) anzugehen, als es zu beenden, dann erscheint es wichtig, dass die Frage, die im Rahmen des EU-Referendums gestellt wird, so formuliert wird, dass nicht über den Austritt aus der EU, sondern über den Verbleib in ihr zu entscheiden ist. Wenn man sich wünscht, dass am Ende des Referendums eine Mehrheit für den Verbleib in der EU steht, würde man seinem Ziel also ein Stück näher kommen, wenn man fragt: “Soll das Vereinigte Königreich [oder Deutschland …] ein Mitglied der EU bleiben?”, statt zu fragen: “Soll das Vereinigte Königreich [oder Deutschland …] seine Mitgliedschaft in der EU beenden?” oder “Soll das Vereinigte Königreich [oder Deutschland …] aus der EU austreten?”.

Die Frage ist, ob es tatsächlich so ist, dass die Mehrheit der Menschen lieber “ja” sagt als “nein” und ob dies in allen möglichen Situationen zutrifft oder nicht. Im Vereinigten Königreich gibt es Leute, die das so sehen, einfach, weil sie die Erfahrungen aus der Vergangenheit entsprechend interpretieren. So wurde die britische Bevölkerung im Jahr 1975 gefragt “Do you think the UK should stay in the European Community (Common Market)?”, zu Deutsch: “Sind Sie der Ansicht, dass das Vereinigte Königreich in der Europäischen Gemeinschaft … bleiben sollte?”. Damals hat sich eine Mehrheit der Bevölkerung für den Verbleib ausgesprochen, also die “ja”-Option statt der “nein”-Option gewählt. Aber was gibt es aus Sicht der empirischen Sozialforschung dazu zu sagen?

Tatsächlich ist die Tendenz von Personen, einer Frage oder Aussage in Befragungen zuzustimmen oder sie positiv zu bewerten, bereits im Jahr 1946 von Lee J. Cronbach in einem Aufsatz über “Response Sets and Test Validity” berichtet worden. In diesem Aufsatz beschreibt Cronbach die Ergebnisse einiger methodischer Experimente, die er mit Studierenden durchgeführt hat, und unter dem Stichwort “Bias; acquiescence” schreibt er:

“When students are offered two alternatives, as ‘True’ versus ‘False’, ‘Like’ versus ‘Dislike’, ‘Agree’ versus ‘Disagree’, etc., some use one more than the other. This effect has been demonstrated in the true-false test and in personality and attitude tests … Individual differences in asquiescence (tendeny to say ‘Yes’ or ‘True’) are reliable by split-half and parallel-test-with-elapsed-time methods …” (Cronbach 1946: 479-480).

Eine Zustimmungstendenz bedeutet, dass jemand eine Präferenz dafür hat, “ja” zu sagen oder zuzustimmen oder etwas positiv zu bewerten, unabhängig vom Inhalt der Frage. Fragt man also nach Zustimmung zur Aussage “Deutschland hat von der Mitgliedschaft in der EU überwiegend Vorteile”, dann wird eine Person mit Zustimmungstendenz ihr zustimmen, statt ihr nicht zuzustimmen oder sie abzulehnen, und dasselbe wird sie tun, wenn man sie nach ihrer Zustimmung zur Aussage “Deutschland hat von der Mitgliedschaft in der EU überwiegend Nachteile” fragt.

Schnell hill esserSeit Cronbachs Veröffentlichung (und einer bekannten Folgeveröffentlichung im Jahr 1950) und einer entsprechenden, sehr bekannt gewordenen Untersuchung von Berg und Rapaport aus dem Jahr 1954 ist die so genannte Zustimmungs- oder Ja-Sage-Tendenz in der methodischen Literatur über empirische Sozialforschung immer wieder untersucht worden, und die Diskussion hat sich längst dahingehend entwickelt, dass nicht mehr direkt die Frage nach der Existenz der Zustimmungstendenz gestellt wird, sondern danach gefragt wird, ob die Zustimmungstendenz als Persönlichkeitseigenschaft bzw. als Antwortstil einer Person aufzufassen ist, oder ob die Zustimmungstendenz der Befragungssituation geschuldet ist oder den Eigenschaften der in der Befragung verwendeten Messinstrumente. Ebenfalls diskutiert wird, ob Zustimmungstendenzen kulturell bedingt sind und entsprechend in verschiedenen Kulturen – meist werden aber tatsächlich Angehörige verschiedener Staaten, nicht Kulturen, untersucht – unterschiedlich stark ausgeprägt sind, was für die Zuverlässigkeit von Ergebnissen aus interkulturell oder international vergleichenden Studien von erheblicher Bedeutung ist (vgl. z.B. Herk et al. 2004).

Auch, wenn diese Diskussionen (noch) nicht beendet und die entsprechenden Fragen (noch) nicht geklärt sind, kann man versuchen, die Zustimmungstendenz zu identifizieren und ihr idealerweise entgegenzuwirken. So gilt die Formulierung von so genannten ungleichgerichteten Aussagen, wie sie von Converse und Presser 1986 vorgeschlagen wurde, im Rahmen von Fragebatterien als gute Praxis in der empirischen Sozialforschung. Bestimmte Überzeugungen werden im Rahmen einer Reihe von Fragen erhoben, die sich in der Richtung der Formulierung unterscheiden. Wenn Personen konsistente Überzeugungen zu einer bestimmten Sache haben, sollten sie diese Überzeugung auch bei in der Formulierung unterschiedlich gerichteten Fragen äußern. Bei einem Referendum wird aber aus Gründen der Klarheit und aus Kostengründen nur eine einzige Frage zu der Sache gestellt, über die entschieden werden soll, so dass diese Lösung bei einem Referendum nicht in Frage kommt.

Alternativ könnte man eine so genannte “balanced question”, zu Deutsch: “ausbalancierte Frage(formulierung)” stellen. Eine ausbalancierte Frageformulierung würde mit Bezug auf das oben gewählte Beispiel z.B. lauten: “Hat (Ihrer Meinung nach) die Mitgliedschaft in der EU für Deutschland eher Vorteile oder eher Nachteile?”, und die Antwortvorgaben für diese Frage müssten lauten: “eher Vorteile” und “eher Nachteile”. Und im Rahmen des EU-Referendums könnte eine ausbalancierte Frage lauten: “Soll das Vereinigte Königreich [Deutschland …] weiterhin Mitglied der EU bleiben, oder soll es nicht weiterhin Mitglied der EU bleiben?”

Es scheint, dass ausbalancierte Frageformulierungen die Zustimmungstendenz tatsächlich reduzieren, aber sie können unnötig lang und umständlich formuliert auf die Befragten wirken. Deshalb sind einige Studien durchgeführt worden, die testen, ob oder welche Unterschiede es macht, wenn die Balance in Frageformulierungen unterschiedlich hergestellt wird. Man unterscheidet inzwischen zwischen vollständiger und minimaler Balance und erfreulicherweise haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass es keinen nennenswerten Unterschied macht, ob eine vollständige oder eine minimale Balance in der Frageformulierung verwendet wird (Schaeffer et al. 2005).

Eine vollständig balancierte EU-Referendums-Frage könnte lauten:

“Soll das Vereinigte Königreich [Deutschland …] weiterhin Mitglied der EU bleiben, oder soll es nicht weiterhin Mitglied der EU bleiben?”, und die Antwortvorgaben müssten lauten: “Es soll weiterhin Mitglied in der EU bleiben”, und “Es soll nicht weiterhin Mitglied in der EU bleiben”.

Eine minimal balancierte Formulierung könnte lauten:

“Soll das Vereinigte Königreich [Deutschland …] weiterhin Mitglied der EU bleiben oder nicht?”, und die Antwortkategorien könnten lauten: “soll Mitglied bleiben” und “soll nicht Mitglied bleiben”.

Weil die Forschung Belege dafür erbracht hat, dass die Zustimmungstendenz besonders bei Fragen zu beobachten ist, denen dichotome Antwortvorgaben wie “ja” und “nein” oder “stimme zu” und “stimme nicht zu” beigegeben sind (Krosnick 1999), ist es tatsächlich eine brisante Frage, wie eine Frage im Rahmen eines Referendums gestellt wird, ob also z.B. gefragt wird: “Soll …. aus der EU austreten?” oder “Soll … Mitglied in der EU bleiben?”. Wer sich nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, er wolle die Befragten in Richtung einer bestimmten Entscheidung “drücken”, muss daher eine minimal balancierte Frageformulierung verwenden.

Im Vereinigten Königreich sollte dementsprechend nicht gefragt werden:

“Should the UK remain a member of the EU?” (“yes”/”no”),

sondern

“Do you think the UK should or should not remain a member of the EU?” (“should”/”should not”).

Number 10Diese Frageformulierung ist hinreichend kurz und verständlich und sie ist geeignet die Zustimmungstendenz zu verringern. Falls man sich in Number 10 Downing Street dennoch aus strategischen Gründen entschließen sollte, die erste Frageformulierung zu wählen, so ist dies zwar ein Verstoß gegen die Regeln der Kunst der empirischen Sozialforschung, aber dieselbe bietet dennoch Trost: In der Studie über Antwortmuster der Befragten in sechs EU-Staaten von Herk et al. (2004) hat sich gezeigt, dass “… British tended to display the lowest acquiescence of all EU repondents” (357).

Wen wundert’s? Uns nicht. Und die Deutschen werden ja ohnehin nicht danach gefragt, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht – außer von uns.

Und in diesem Zusammenhang bleibt anzumerken, dass unsere eigene Befragung nach dem Verbleib Deutschlands in der EU auch nicht den Regeln der Kunst entsprochen hat, was die Frageformulierung betrifft (was aber anscheinend niemand bemerkt hat, auch oder gerade nicht unter denen, denen das Abstimmungsergebnis nicht gefällt). Nur: Sie reduziert die Zustimmungstendenz nicht, und dennoch antworten – derzeit – knapp 93 Prozent der Befragten mit “nein”!

Literatur:

Berg, Irwin A. & Rapaport, Gerald M., 1954: Response Bias in an Unstructured Questionnaire”. The Journal of Psychology: Interdisciplinary and Applied 38,2: .475-481.

Converse, Jean M. & Presser, Stanley, 1986: Survey Questions: Handcrafting the Standardized Questionnaire. Beverly Hills: Sage.

Cronbach, Lee J., 1950: Further Evidence on Response Sets and Test Design. Educational and Psychological Measurement 10, 1: 3-31.

Cronbach, Lee J., 1946: Response Sets and Test Validity. Educational and Psychological Measurement 6, 4: 475-494.

Herk, Hester van, Poortinga, Ype H. & Verhallen, Theo M. M., 2004: Response Styles in Rating Scales: Evidence of Method Bias in Data From Six EU Countries. Journal of Cross-Cultural Psychology 35, 3: 346-360.

Krosnick, Jon A., 1999: Maximizing Questionnaire Quality, pp. 37-58 in: Robinson, J. P., Shaver, P. & Wrightsman, L. (eds.): Measures of Political Attitudes. San Diego: Academic Press.

Schaeffer, Eric M., Krosnick, Jon A., Langer, Gary E. & Merkle, Daniel M., 2005: Comparing the Quality of Data Obtained by Minimally Balanced and Fully Balanced Attitude Questions. Public Opinion Quarterly 69, 3: 417-428.

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11 Responses to EU-Referendum: Macht die Formulierung der Frage einen Unterschied?

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  2. Der Text, den ihr der Frage vorangestellt habt, hat aber schon auf das Ergebnis hingearbeitet. Außerdem sind Leser von sciencefiles mit genug Verstand ausgestattet, um keine affektiven Antworten zu geben. Die meisten jedenfalls. Welches “Qualitätsmedium” hat schon eine solch denkfähige Leserschaft?

    • @Die Kehrseite

      Wir freuen uns natürlich darüber, wenn es uns gelingt, eine überdurchschnittlich denkfähige Leserschaft anzuziehen, und tendenziell ist das vermutlich tatsächlich so.

      Wenn Denkfähigkeit mit formaler Bildung zusammenhängen würde, dann wäre mit Bezug auf Ihren Kommentar relevant, dass die Forschung gezeigt hat, dass die Zustimmungstendenz bei weniger Gebildeten etwas größer ist als bei höher Gebildeten. Aber selbst dann wäre festzuhalten, dass sie bei höher Gebildeten nicht einfach nicht vorhanden ist, sondern lediglich im Aggregat schwächer ausgeprägt.

      Denkfähigkeit als solche ist in Studien zur Zustimmungstendenz m.W. niemals gemessen worden – und der IQ m.W. auch nicht, von dem man annehmen könnte, dass er mit Denkfähigkeit oder sagen wir: Kritikfähigkeit positiv zusammenhängt. Insofern können wir also nur darüber spekulieren, ob wir bei unserer Umfrage – unter der Prämisse, dass wir es mit einer mit Bezug auf Denk- oder Kritikfähigkeit positiv selegierte Stichprobe zu tun haben – einen unüblich niedrigen Zustimmungseffekt haben und inwieweit dies, falls es so ist, mit der selegierten Stichprobe zu tun hat.

      Ihr anderer Punkt, der den Vortext zur Frage betrifft, ist vermutlich relevant: es ist (jedenfalls für mich) plausibel anzunehmen, dass sich der weitere Kontext, in dem eine Frage gestellt wird, in Antworttendenzen niederschlägt. Nur – hier begeben wir uns in sehr unsichere Gewässer, denn niemand weiß, was genau der weitere Kontext ist, von dem man annehmen kann, dass er sich auswirkt: ist es unser Vortext, ist es das, was in den Medien über die EU berichtet wird, und falls ja, welchen Zeitraum muss man diesbezüglich berücksichtigen? Oder ist es das, was man zum Frühstück gegessen hat …?

      Festhalten können wir, glaube ich, aber, dass unklar ist, wie sich Ihre beiden Punkte zueinander verhalten: WENN wir eine überdurchschnittlich denk-/kritikfähige Population in unserer Umfrage haben und dies dazu führt, dass vergleichsweise wenige oder keine “affektiven Antworten” gegeben wurden, dann könnte man argumentieren, dass es ja eigentlich mehr oder weniger egal sein sollte, wie der Vortext zu unserer Befragung lautete, sofern er Affekte auslöst. Es könnte aber auch sein, dass der Vortext, sofern er Argumente enthält, gerade auf eine denk-/kritikfähige Stichprobe einen Effekt hat, eben gerade deshalb, weil sie auf Argumente reagiert.

      Wir haben es hier also mit jeder Menge Unbekannter zu tun, und eine systematische Erforschung solcher wie der genannten möglichen Zusammenhänge wäre nicht nur sehr spannend, sondern auch sehr hilfreich für die empirische Sozialforschung, aber leider, leider gibt es derzeit in Deutschland, glaube ich, so gut wie niemanden, der methodische Forschung betreibt, ganz so, wie derzeit methodische Aspekte der Sozialwissenschaften als Rezeptbuch-Wissen behandelt werden, das man als gegeben hinnimmt und aus dem man auswählen kann, was man “mag”, ohne sich nennenswert mit Fragen der Validität oder Reliabilität von Daten zu belasten.

      Immerhin ist einiges über die Effekte von Frageformulierungen bekannt, und dies wollten wir im obigen Artikel noch bekannter machen und zu Bedenken geben.

      • Da Umfragen gewöhnlich nicht mit einer speziellen Zielgruppe durchgeführt werden, sondern sich an eine sehr heteroge Gruppe von Befragten richten, ist es für den Befrager ohne Zweifel von Vorteil, seine Fragestellung zu manipulieren, wenn er auf ein Ergebnis hinarbeitet. Ich vermute jedoch, dass das Ergebnis hier auf schiencefiles nicht viel anders ausgefallen wäre, wenn die Frage auf eine Antwort mit “Yes” hinausgelaufen wäre. Generell mag das die eine odere andere Mehrstimme bedeuten, aber hier sind wahrscheinlich zu viele Leser mit Fakten und Zusammenhängen und eben auch Denkfähigkeit gerüstet, die eine Manipulation sehr erschweren.
        Bei anderen homogenen Zielgruppen sähe die Situation anders aus. Nehmen wir den typischen AfD-Watcher zum Beispiel. Dem fehlt diese Denkfähigkeit, und er ist angewiesen auf Vorabinformationen, die seine Wahl letztlich für ihn entscheiden. Die mangelde Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken läßt bei solchen Leuten natürlich viel Spielraum für Manipulation. Man hat es ja kürzlich deutlch sehen können (ich besonders). Ich kann mir vorstellen, dass es möglich wäre, eine Gruppe von 10 typischen AfD-Watchern zu teilen, und jeweils 5 von ihnen für und gegen die EU aufzubringen.
        Bei typischen sciencefiles-Lesern wäre das nicht so einfach, da diese eben über Denkvermögen verfügen und eine Manipulation “Pro-EU” ziemlich schnell die Satire-Glocke klingeln lassen würde, unabhängig davon ob die Antwort dazu nun mit “ja” oder “nein” zu geben wäre. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, mich jemals “Pro-EU” zu entscheiden, ganz einfach weil mir die Zusamenhänge über die EU bewußt sind. Nicht so sehr die sinnlosen Aktivitäten aus Brüssel würden mir da in den Sinn kommen, als viel mehr die Unvereinbarkeit der verschiedenen Kulturen, die sehr unterschiedlichen ökonomischen Bedingungen, wie auch die sehr voneinander Abweichenden Ansprüche zu einander. Ein typscher sciencefiles-Leser kann diese komplexe Gemengelage erfassen und steht einer europäischen Vereinheitlichung kritisch gegenüber. Davon leite ich das sehr hohe Stimmverhalten gegen die EU ab, trotz der Fragestellung in Richtung “No”.

        • … ja, es ist durchaus möglich, dass Ihre Erklärung zutrifft oder tendenziell zutrifft – wir wissen es eben einfach nicht.

          Wir wüssten mehr, wenn bekannt wäre, wie genau sich unsere Stichprobe mit Bezug auf Denkfähigkeit zusammensetzt und wie eine – wie wir vermuten – überdurchschnittlich denkfähige Population auf Fragen in unterschiedlichen Formulierungen reagieren.

          Es wäre zweifellos interessant, das zu wissen, auch, weil es ein Licht auf die Diskussion werfen würde, die im Text nur kurz erwähnt ist, über die wir aber sonst nichts geschrieben haben, nämlich die Diskussion darüber, inwieweit und in welche Richtung Persönlichkeitsmerkmale das Antwortverhalten beeinflussen.

          In der methodischen Literatur werden ja Ergebnisse für Stichproben, also Befragte im Aggregat, berichtet, und gewöhnlich sind in ihnen Leute enthalten, die eine klare Meinung zur Sache haben, wie das – wie Sie schreiben – bei Ihnen der Fall ist mit Bezug auf die EU-Frage. Soweit ich sehe behauptet niemand in der Literatur, dass man diese Personen durch bestimmte Frageformulierungen zum Zustimmen bekommen kann. Es geht vielmehr um diejenigen, die unentschlossen sind oder in eine Richtung tendieren, aber nicht sehr stark in diese Richtung tendieren. Wenn man davon ausgeht, dass das in vielen Fällen die mehr oder weniger große Mehrheit ist, dann hängt eben doch einiges an der Frageformulierung.

          Last, but not least wollte ich noch anmerken, dass eine Frageformulierung natürlich in Manipulationsabsicht so und nicht anders gewählt werden kann, und sicherlich passiert das oft, vermutlich gerade, wenn es um ein Referendum geht, aber das scheint mir gar nicht das Hauptproblem zu sein. Das Problem ist, dass man IRGENDEINE Formulierung wählen muss, um eine Frage zu stellen, und vermutlich jede Formulierung bestimmte systematische Effekte hat, die wir meist gar nicht kennen. Aber sicherlich empfiehlt es sich doch, sich bewusst zu werden darüber, dass das so ist, und dann nach bestem Wissen und Gewissen eine Formulierung zu finden, die möglichst bestimmte bekannte Effekte minimiert.

  3. Michaela Lehmann says:

    Lieber Vorposter “Kehrseite”!

    “Welches “Qualitätsmedium” hat schon eine solch denkfähige Leserschaft?”

    Als (mit)denkfähig schätze ich mich schon ein, aber nicht als allwissend auf allen Gebieten des Lebens 😉

    Ich bin sehr froh, auf diesen Blog gestoßen zu sein, und steuere ihn jedes Mal an, wenn ich meinen Computer anwerfe. Hier habe ich schon sehr viel gelernt und bin sensibilisiert worden, viele Angelegenheiten, die mich angehen, noch genauer zu betrachten und noch kritischer mit ihnen umzugehen.

    Danke, liebe Blog-Betreiber, dass Ihr Euch so viel Mühe macht, Hintergründe von Ereignissen in unserer Welt mit Euren wissenschaftlichen Kenntnissen zu erläutern!

    Michaela

    • Liebe Michaela,

      vielen Dank für das Lob! Wir freuen uns sehr darüber und uns gefällt sehr gut, wie Sie unser Anliegen auf den Punkt gebracht haben:

      “Hintergründe von Ereignissen in unserer Welt mit Euren wissenschaftlichen Kenntnissen zu erläutern”

      und – so würde ich anfügen – sie zu Bedenken zu geben und zur Diskussion zu stellen.

      Viel zu viel wird heute als eindeutig richtig, gut, bewiesen und was weiß ich noch alles präsentiert, aber Sozialwissenschaft kann für uns keine Sozialtechnologie sein, die dazu führt, eine “gute” Welt einer bestimmten weltanschaulichen Prägung zu zimmern und dann Menschen in das Puppenhäuschen zu setzen in der Annahme, dass sie funktionieren wie vorgesehen.

      Sozialwissenschaften stellen viemehr eine Sammlung von Kenntnissen über Tatsachen und Zusammenhänge bereit, die gewöhnlich vielschichtig sind, aber die man kennen sollte, wenn man vernünftige Entscheidungen – zum eigenen Wohl und dem anderer Menschen – treffen möchte. Wenn Sie diesbezüglich vom blog profitieren, ist das genau das, was wir uns vom blog erhoffen!

  4. Markus says:

    Mal abgesehen von den methodischen Schwierigkeiten sehe ich bei dem Referendum ja/nein auch eine inhaltliche Schwierigkeit. Was soll denn die Alternative zur Mitgliedschaft in der EU wirklich und konkret sein ? Eine Rückkehr zu Britannia rule the waves wird ja schwierig ?! Einem (noch) engeren Anschluss (im doppelten Wortsinn) an die USA sind ja geographisch Grenzen gesetzt, auch will der Mehrheit der Briten sie wahrscheinlich ebenso wenig wie den “Ausverkauf” an die Deutschen.
    Die Alternative des Austritts sehe ich praktisch so: GB wird weiterhin unter einem absurden, links-alternativen Brüsseler Diktat leben, allerdings ohne jegliche (auch nur minimale) Mitwirkungs- (oder im Falle der Insel: Einspruchs-) Möglichkeit.
    Warum nicht stattdessen Englands nach wie vor enormes Prestige in Europa nutzen und eine Reform der EU an Haupt- und Gliedern anstreben, v.a. im Sinne einer Beschränkungspolitik (so eine Art post-cold-war-containment) ? Ein Gegengewicht zum Geldausdemfensterwerfen á la Merkozy ?

  5. BeFree says:

    Vor einigen Tagen las ich den Vorschlag eines Kommentatoren, für die zutiefst bedauernswert glücklichen Briten, welche den größten Vorzug genießen können, der allen anderen Europäern verwehrt wird, nämlich eine eigene, individuelle, persönliche, demokratische Entscheidung zu treffen über die Mitgliedschaft ihres Landes in diesem Leviathan EURO&pa, powered by Lobby der Großkonzerne und Finanzoligarchie, unter vorsätzlicher Missachtung von Individualität, Persönlichkeitsrechten, Regionalität, Nationalität und Subsidiarität sowie jedweder Vernunft.
    Wenn also diejenigen, die aus großer Vernunft die Entscheidung treffen, diesem demokratiefeindlichen Monster den Rücken zu kehren, mit NO werden stimmen müssen, empfahl dieser o.g. Kommentator für die Campagne der NO-Protagonisten den Slogan:
    SAY YES TO NO
    Damit wären auch sie dann auf der positiv gebrandeten Seite der Jasager – ein übrigens auch in Deutschland weit verbreiteter Nachweis für politische Infantilität und Unreife – und könnten sich als positiv besetzt entspannen.

  6. SH001 says:

    Ist bei der Antwort “Should vs. Should not” nicht durch das “not” eine ähnliche Auswirkung zu befürchten wie bei einer “yes/no”-Frage, da das “not” ähnlich dem “no” auch negativ ist.

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