Wissenschaftler wehren sich gegen politische Einflussnahme und Zerstörung der Wissenschaft

Eines der Gründungsmotive von ScienceFiles ist der Missbrauch von Wissenschaft durch Personen, die mit Wissenschaft nichts am Hut haben. Sie sind politische Aktivisten, die Wissenschaft für ihre politischen Zwecke missbrauchen wollen.

Wenn eine Entwicklung die letzten 20 Jahre Wissenschaftsgeschichte prägt, dann ist es dieser ideologische Zugriff auf alle Bereiche der Wissenschaft.

Romer EconomicsPolitische Aktivisten versuchen ihre Ideologie als Gewissheit zu verkaufen und missbrauchen Wissenschaft um ihre Ideologie zu legitimieren. Sie nutzen den wissenschaftlichen Begriff der Expertise, um ihre Ideologie an den Leser zu bringen, betreiben Auftragsforschung mit vorgegebenem Ausgang, infiltrieren Hochschulen, um ihren Krieg gegen Wissenschaft vor Ort zu betreiben und immer bedienen sie sich einer wissenschaftlichen Mimikry zum Zweck der Täuschung.

Und so wie es uns gereicht hat, dass heutzutage jeder, der seinen Hintern irgendwie auf einen Drehstuhl in einem Gebäude gepresst hat, das zu einer Hochschule oder Universität gehört und an dessen Tür Professor für XY steht, der Ansicht ist, er sei Wissenschaftler, so reicht es immer mehr Wissenschaftlern.

Ulrich Kutschera, der dem Genderismus, dem kreationistischen Geschwür, das sich an Hochschulen ausbreitet, den Kampf angesagt hat, ist einer, Paul Romer ein anderer, dem es reicht.

Paul Romer ist nicht irgendwer. Es war 1990 als Paul Romer die ökonomische Wachstumsforschung auf neue Füsse gestellt hat, mit seinem endogenen Wachstumsmodell, das Innovationen, Wissen und Humankapital als wichtigste Triebkräften des wirtschaftlichen Wachstums identifiziert hat. Romers Karriere umfasst Stationen an den Universitäten von Chicago, Berkeley und Stanford. Heute ist er Professor an der Stern School of Business der New York University.

Und Romer reicht es.

junk scienceEr hat genug von Scharlatanen, die Wissenschaft missbrauchen, um ihre ideologischen Botschaften an den Mann zu bringen, von denen, die das wissenschaftliche Handwerkszeug nicht mehr beherrschen und entsprechend auf Effekthascherei aus sind.

Die Effekthascherei nennt er Mathiness. Sie besteht darin, dass man mit mathematischen Symbolen und Formeln Betrachter ins Boxhorn zu jagen versucht, um ihnen dann Erkenntnisse als Ergebnis der Umformung von Formeln zu verkaufen, die es nie gegeben hat. Denn: Die Effekthascherei in Formeln ist nicht die Basis zum sprachlichen Überbau, der benutzt wird, um Großes zu verkünden.

Großes, wie es derzeit in Arbeiten von Ellen R. McGrattan, Edward C. Prescott, Thomas Piketty, Gabriel Zucmann oder Robert Lucas und Benjamin Moll verkündet werden soll.

Alles keine Wissenschaft, lautet das begründet Urteil von Paul Romer, denn der sprachliche Überbau wird durch das, was angeblich mit einem elaborierten mathematischen Apparat berechnet wurde, nicht gestützt, zwischen beidem herrscht keine Verbindung.

Das Problem, dem sich Romer widmet, ist ein Problem, das sich in allen Wissenschaften stellt, in denen ein Symbolsystem oder eine Operationalisierung genutzt werden soll, um Aussagen zu prüfen, zu testen und gegebenenfalls zu falsifizieren.

Wenn man Aussagen über Rassismus machen will, darüber, ob Linke oder Rechte mehr zu Rassismus neigen, dann muss man sowohl Rassismus als auch politische Ideologie (links – rechts) operationalisieren, denn beides kann man in der Welt nicht beobachten. Rassismus ist ein latentes Konstrukt, etwas, das man nicht kiloweise im Supermarkt kaufen kann. Dasselbe gilt für politische ideologie. Also muss man sich überlegen, wie man Rassismus messen kann. Das klingt trivial, ist es aber nicht wie jeder weiß, der es schon einmal versucht hat.

Denn: man kann nicht einfach fragen: Sind Sie rassistisch, wenn ja, auf einer Skala von 1 bis 10, wie sehr? (Man kann es eigentlich nicht. Die EU-Kommission macht es dennoch, wie Dr. habil. Heike Diefenbach vor einigen Jahren feststellen musste). Die Konvention will es, dass Rassismus über eine Reihe von Aussagen gemessen wird, z.B.:

  • Welche Aussage trifft zu: Schwarze sind intelligenter, nicht so intelligent oder ungefähr so intelligent wie Weiße.
  • Wie stark würden Sie sich wiedersetzen, wenn ein Schwarzer/Weißer mit einem Familienmitglied befreundet ist?
  • In den letzten Jahrzehnten hat die Regierung Weiße/Schwarze mit mehr Zuwendungen versehen, als ihnen zusteht.
  • Schwarze/Weiße sind zu fordernd, wenn es darum geht, gleiche Rechte für alle durchzusetzen.

Offensichtlich ist die Qualität dessen, was später über Rassismus gesagt wird, die Qualität der Zusammenhänge, die für Rassismus aufgezeigt werden, von der Qualität der Messung, der Qualität der Operationalisierung von Rassismus abhängig. Offensichtlich ist die Messung, die Operationalisierung umso besser, je präziser die Umsetzung des abstrakten “Rassismus” in konkret messbare Aussagen gelingt.

Und es ist die Präzision dieser Umsetzung, die Verbindung zwischen theoretischem Konstrukt und seiner Messung, die nach Ansicht von Paul Romer im Argen liegt.

Politischen Zwecken ist mehr durch vage und mehrdeutige Konzepte gedient. Mit ihnen lässt sich mehr Unfrieden stiften und Ungleichheit herbeireden als mit konkreten, präzisen und somit prüfbaren Konzepten. Deshalb benutzen die Scharlatane in der Wissenschaft schwammige und vage Konzepte. Deshalb zeigen sie keinerlei Anstalten mehr, die Verbindung zwischen ihren vollmundigen Aussagen und dem, was sie empirische gemessen oder in mathematischen Modelle gezaubert haben, herzustellen:

“Academic politics, like any other type of politics, is better served by words that are evocative and ambiguous, but if an argument is transparently political, economists interested in science will simply ignore it. The style that I am calling mathiness lets academic politics masquerade as science. Like mathematical theory, mathiness uses a mixture of words and symbols, but instead of making tight links, it leaves ample room for slippage between statements in natural versus formal language and between statements with theoretical as opposed to empirical content.”

Die Vorspiegelung falscher wissenschaftlicher Tatsachen, um Eindruck zu machen und die eigene politische Agenda durchzusetzen, sie macht Wissenschaft zu einem Market for Lemons – eine Entwicklung, die man in den deutschen Sozialwissenschaften bereits in voller Blüte beobachten kann.

Leser sogenannter Studien, die nicht mehr die rudimentärsten Standards an eine wissenschaftliche Methodologie erfüllen, nehmen die entsprechenden Studien nicht mehr ernst, als Folge wird die Erwartung, in einem sozialwissenschaftlichen Text wissenschaftliche Standards erfüllt zu sehen, gar nicht erst an die entsprechenden Texte herangetragen, die Texte werden belächelt und als Reaktion darauf ziehen sich diejenigen, die die Standards noch beherrschen, aber sich immer öfter mit den sozialwissenschaftlichen Lemons in einem gemeinsamen Korb geworfen sehen, aus den Sozialwissenschaften zurück. Die Sozialwissenschaften verkommen entsprechend zu Schwätzclubs, in denen man sich die letzten Anekdoten vom Kaffeekränzchen erzählt, das man, zwecks Effekthascherei als “Experteninterview” bezeichnet.

Paul Romer sieht eine analoge Entwicklung für die Ökonomie, eine Entwicklung an der die oben Genannten ihren Anteil und ihre Verantwortung tragen und deren Ursache darin zu suchen ist, dass politische Ideologien immer offener Einzug in die Wissenschaften halten, sich der Wissenschaften bemächtigen, um ihre ideologischen Behauptungen als Gewissheit verkaufen zu können. Dass sie dabei den Wirt fressen, von dem sie sich ernähren, trägt natürlich den Samen ihres eigenen Scheiterns in sich, ist für diejenigen, die Wissenschaft für zu wichtig halten, als dass sie politischen Aktivisten zum Frass überlassen werden könnte, jedoch kein Trost.

Gut, dass es nun schon zwei institutionalisierte Wissenschaftler gibt, die den Mut haben, wie ScienceFiles gegen die feindliche Übernahme der Wissenschaften Stellung zu beziehen.

Nur: Es bräuchte viel mehr Paul Romers und Ulrich Kutscheras.

Romer, Paul (2015). Mathiness in the Theory of Economic Growth. American Economic Review: Papers & Proceedings 105(5): 89-93.

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