Spektakel im Ersten: Der Flüchtling

Es gibt ihn in groß und in klein, in dick und in dünn, in jung und zuweilen auch in alt, er ist sympatisch oder weniger sympatisch, Syrer zumeist, gut zu Fuß, er tritt zu Hunderten oder zu Tausenden auf, er ist ein wirkliches Spektakel: Der Flüchling.

LivefeedEr, der Flüchtling, er eignet sich perfekt, um die eigene Gutheit zur Schau zu stellen. Muss es nicht furchtbar sein, vom Krieg vertrieben zu werden? Komm’ wir machen auf Mitgefühl oder besser noch: auf Empathie: “In diesen dramatischen Tagen und Wochen müssen wir Europäer uns an die Geschichte unseres Kontinents erinnern. Wir wissen, was das heißt: Krieg, Konflikte und Zustände, die einen dazu zwingen, zu fliehen.” Das sagt EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini, und die muss es wissen.

Schließlich ist die Geschichte von Krieg und Vertreibung für die meisten in Europa nur schlappe 70 Jahre her. Daran erinnert man sich leicht und schnell. Wie überhaupt, der gemeine Europäer hat natürlich einen Flüchtlings-Hintergrund, weiß, was es heißt zu fliehen, zu fliehen vor der Steuer nach Monaco, zu fliehen vor den Linken aus Leipzig, zu fliehen vor der Arbeitslosigkeit aus Ostdeutschland oder zu fliehen vor Kontinental-Sozialismus ins Vereinigte Königreich. Wir alle sind letztlich Vertriebene, Flüchtlinge im eigenen Europa: Wir sind die Flüchtlinge!

Deshalb freuen wir uns, wenn wir welche im LiveFeed sehen, die auch flüchten, denen wir unsere Empathie oder auch unsere Antipathie entgegenbringen können. Er eignet sich gut, dieser Flüchtling, für dies und das. Sein Humankapital lässt sich, wie gesagt, sehr gut einsetzen. Er ist Objekt von Hass und Liebe zugleich und damit auch jeder zugreifen kann und den Flüchtling in seinen vielen Facetten hautnah erleben kann, deshalb gibt es den LiveFeed.

Nur im LiveFeed hat man das richtige Feeling. Nur im LiveFeed kann man mitfiebern und warten, bis etwas passiert. Vielleicht fällt ja ein Flüchtling aus dem Zug. Vielleicht tauchen doch ein paar Rechte auf oder ein paar vermummte Linke, denn auf Dauer ist der LiveFeed doch etwas monoton, man sieht sich satt, am Flüchtling. Männer, Frauen und Kinder und Smartphones, Züge, Fußgänger, Busse und Polizei und Politiker, die in die Kamera grinsen und wichtiges sagen, alles im LiveFeed:

  1. syrien refugeesSPD fordert mehr Bundespolizisten (mehr zu fordern ist in)
  2. Merkel kündigt Maßnahmen noch im September an, nicht irgendwelche Maßnahmen, nein: schnelle Maßnahmen, schnell ist gut, schnell ist handlungsfähig, kompetent, schnell eben, fast so gut wie mehr.
  3. EU Staaten: Konsens über Militäreinsatz gegen Schlepper, Militäreinsatz im Mittelmeer, aber bitte im LiveFeed, live dabei sein, wie Schlepper erschossen werden – jetzt kommen wir der Sache schon näher.
  4. Brandenburg will 200 Flüchtlinge aufnehmen. Sind sie nicht goldig die Brandenburger? Sie wollen, was sie müssen.
  5. Glückliche Kinder im österreichischen Nickelsdorf: Der Flüchtling ist glücklich, glücklich und Kind – im LiveFeed glücklich. Deutschland ist glücklich. Die ARD ist glücklich.
  6. Polen will keine weiteren Migranten aufnehmen – Spielverderber!
  7. Ratlosigkeit nach EU-Außenministertreffen – Es ging um Busse, die einmalig gefahren sind, nicht zweimalig, denn zweimalig fahrende Busse haben im Gegensatz zu einmalig fahrenden Bussen eine Sogwirkung, ziehen noch mehr Flüchtlinge an.
  8. Steinmeier: Weiterreise nach Deutschland eine Ausnahme: Wegen der Sogwirkung!
  9. Erster Sonderzug mit Flüchtlingen in München eingetroffen: Flüchtlinge satt
  10. 6500 Flüchtlinge in Österreich angekommen – noch satter, richtig fett
  11. Bilanz der Nacht: 4500 Flüchtlinge in Bussen – einer geht noch?

Wie gut, dass es den gemeinen Flüchtling gibt, den fremdländischen Flüchtling, den man vorzeigen kann, den man von A nach B transportieren kann, von A, wo man sich freut, nach B, wo man sich freut. Ein Riesen-Spektakel und alles im LiveFeed. Gebührenzahlern wird etwas geboten, sie sitzen in der ersten Reihe, wenn der Flüchtling kommt.

Nur schade dass keine Rechten gekommen sind.
Und kein Buh-Ruf.
Nicht einmal eine Deutschlandfahne oder ein paar Gestalten in Springerstiefeln.
Trotz LiveFeed.
Aber vielleicht wird das ja noch. Der Livefeed, er läuft ja noch ein paar Stunden, bis zur Sondersendung:

“Brennpunkt in der ARD

Die ARD bringt nach der “Tagesschau” einen 15-minütigen “Brennpunkt”. Die Sondersendung vom Bayerischen Rundfunk heißt “Flüchtlingswelle nach Grenzöffnung” und bringt Berichte aus Ungarn, Wien und München.”

Noch einmal die Ereignisse des Tages kompakt. In der Hauptrolle: Der Flüchtling in seinen vielen Schattierungen. Aber immer der glückliche Flüchtling! Wie gut, dass es den Flüchtling gibt, zwischen den Länderspielen und vor dem Tatort – ein wahres Spektakel – auch ohne Rechte.

Und nun: Bier und Chips holen für die nächste Stunde im LiveFeed.

Es gibt Soziologen, die behaupten, Medien hätten eine Agenda Setting Funktion, sie würden Themen vorgeben, die dann gesellschaftlich bearbeitet werden. Manche Psychologen warnen davor, dass zu viel Fernsehen, die Realiltät verschwimmen und verlustig gehen läßt. Computerspiele sollen bei manchen dazu führen, dass sie nicht nur in Echtzeit spielen, sondern auch in Echtzeit denken.

Was der Realitätsverlust und die Echzeit-Welt im Hinblick auf Programmverantwortliche mit deren Agenda Setting Funktion zu tun hat, ist eine Frage, die wir im LiveFeed diskutieren sollten.

Und die Frage, wie der LiveFeed den Journalismus verändert, wie LiveFeeds immer mehr an die Stelle recherchierter Geschichten treten und über LiveFeeds der Zugriff und Durchgriff von Politik und Verwaltung auf die Bürger in Echtzeit möglich ist, ist eine Frage, die in den Sozialwissenschaften zumindest einmal gestellt werden sollte, z.B. unter dem Thema: Manipulation in Echtzeit!

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