Wie konnte sich der wissenschaftliche Betriebsunfall “Gender Studies” ereignen?

ScienceFiles-Breakfast-Club (Diskussion vom 30. September 2015).

ScienceFiles_BreakfastclubWas uns immer wieder beschäftigt, das ist die Frage, wie war es möglich, dass sich Gender Studies an Universitäten ausbreiten? Wie konnte dieser wissenschaftliche Betriebsunfall geschehen, dessen Folgen unabsehbar sind? Wie ist es möglich, dass sich Ideologen ohne erkennbares Forschungsprogramm, ohne vorhandene Methode und Methodologie, ohne wissenschaftliche Grundkenntnisse, deren Vertreter dies durch ihre Unfähigkeit, selbst die einfachsten Fragen an die Grundlagen der eigenen doch angeblichen wissenschaftlichen Tätigkeit zu beantworten auffallen, an Hochschulen festsetzen?

Ein Grundstock an Essentialismus, der in Deutschland wie in kaum einem anderen Land vorhanden ist, eine Tradition des irrationalen und wirren Durcheinanders von Neuronen, das man nicht als Denken bezeichnen kann, ist vermutlich mindestens ein Grund dafür, wenn nicht der Grund.

Um dies zu verdeutlichen, reicht es, das Konzept der Gruppe zur Hand zu nehmen. “Gruppe” ist ein Konzept, denn eine Gruppe gibt es nicht. Sie ist eine – wie David Hume das genannt hat – abstrakte Vorstellung, die sich aus der Verknüpfung von Ähnlichkeiten ergibt.

Letzteres wird deutlich, wenn man z.B. die folgenden Begriffe zur Bezeichung von Gruppen zur Hand nimmt: Flüchlinge, Deutsche, Rechte, Berufspolitiker. Keine der so bezeichneten Gruppen ist wirklich existent. Jede wird durch Ähnlichkeiten hergestellt, durch ein Merkmal, das diejenigen, die zur Gruppe gezählt werden, teilen.

Flüchtlinge teilen z.B. das Merkmal “vor etwas zu fliehen”. Deutsche teilen das Merkmal deutscher Staatsangehörigkeit, was es voraussetzt als Kind von Deutschen geboren zu werden. Rechte teilen das Merkmal, dass sie Linken irgendwie als von sich aus gesehen rechts vorkommen, und Berufspolitiker könnte man über das Merkmal bestimmen, dass sie über keinen richtigen Beruf, keine entsprechende Ausbildung und häufig über einen durch den Diebstahl geistigen Eigentums zu Stande gekommenen akademischen Titel verfügen.

Nun sind die beschriebenen Gruppen in sich sehr heterogen: Die vorgestellte Gruppe der Deustchen umfasst Linke, Rechte, Dicke, Dünne, Berufspolitiker, Flüchtlinge, Krebskranke, Intelligente, Dumme, Lügner, Wissenschaftler, Genderisten, Gärtner, Betrüger, selbst Mathematiker und zuweilen rationale Denker finden sich in der Gruppe der Deutschen. Die Vielfalt der Merkmale, mit denen die Mitglieder der vorgestellten Gruppe “Deutsche” untereinander differenziert werden können, macht deutlich, dass es viel mehr gibt, das Deutsche trennt als sie eint.

Das kann auch gar nicht anders sein, denn Gruppen sind immer vorgestellte Entitäten, die auf Grund von einem oder zwei Merkmalen zusammengefasst werden. Dass Menschen nicht duch ein oder zwei Merkmale erschöpfend beschrieben werden können, ist eigentlich offensichtlich, so offensichtlich wie die Tatsache, dass Gruppen nicht über das Merkmal, das genutzt wurde, um sie zu bilden, hinausweisen können.

Deutsche sind eben diejenigen, die per Geburt eine deutsche Staatsangehörigkeit haben – nicht mehr. Flüchtlinge sind auf der Flucht, das beschreibt die Gruppe der Flüchtlinge, die wie die Gruppe der Deutschen in hohem Maße heterogen ist und Linke, Rechte, Dicke, Dünne, Dumme und Intelligente, Berufspolitiker, Flüchtlinge, Krebskranke, Lügner, Wissenschaftler, Genderisten, Gärtner, Betrüger, Mathematiker und rationale Denker umfasst.

Gender Studies BraunschweigNur ein Essentialist kann hinter einer Gruppe mehr sehen als das Merkmal, das genutzt wurde, um sie zu beschreiben. Nur ein Essentialist kann denken, dass Deutschsein mehr ist, als eine deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen, dass die Gruppe der Flüchtlinge mehr zusammenfasst als diejenigen, die auf der Flucht sind, oder dass die Gruppen von Männern und Frauen durch mehr voneinander getrennt sind als das biologische Geschlecht.

Und hier kommen wir wieder zurück zu den Gender Studies, jenem Betriebsunfall der Wissenschaft, der den Erkenntnisprozess in die Zeiten des Gottesbeweises zurückversetzt, als nicht die Erkenntnis, die uns über die Eindrücke, die wir wahrnehmen, erreicht, das bestimmt hat, was wir wissen, sondern die Einbildung. Z.B. die Einbildung, dass die Gruppen der Männer und Frauen außer den entsprechenden Spezialisten der medizinischen Zunft noch andere interessieren sollten.

Oder die Einbildung, dass Frauen eine homogene Gruppe seien, die sich aus Opfern zusammensetzt, die sich in nichts unterscheidet und die durch ihr Frausein bestimmt sind als ewige Opfer der Gruppe der Männer, die ebenso homogen ist und Mörder, Kriegstreiber, Gewaltherrscher, also ausschließlich Täter umfasst. Die Dummheit, die hinter solchen Annahmen steht, ist kaum mehr zu überbieten, der Essentialismus auf die Spitze getrieben. Er ist in einer Weise auf die Spitze getrieben, die darauf hindeutet, dass diejenigen, die homogene Gruppen von Frauen und Männern sehen, nicht auf diesem Planeten unterwegs sein können. Sie können in ihrem Leben noch nie einen Vertreter beider Gruppen als Mensch wahrgenommen haben. Sie können immer nur Geschlechtsteil und Täter oder Geschlechtsteil und Opfer erkennen.

Es handelt sich bei Ihnen ihnen um eine hochneurotische und psychologisch gestörte Population, die die Komplexität der Außenwelt nicht aushält, die Kompmlexität, die darin besteht, dass z.B. die Gruppe der Männer vom kurzsichtigen Scheidungsvater mit lichtem Haar, der selbstmitleidg und abgelegt sein Dasein fristet bis zum Hobbyarchäologen reicht, den sein Alter und seine Arthritis nicht daran hindern, jede freie Minute im Norden von Wales nach dem einen Schatz der Kelten zu suchen, der sein Leben auf einen Schlag verändern würde.

Menschen, die die Komplexität der Welt, die sie umgibt, nicht aushalten, sind psychisch krank. Menschen, die nicht mehr merken, dass Gruppen keine Existenz haben, sondern Zusammenfassungen von Menschen über Ähnlichkeiten sind, und zwar auf Grundlage zumeist nur eines Merkmals; Menschen, die nicht mehr wissen, dass Gruppenmitglieder, die ein Merkmal gemeinsam haben, Unmengen von weiteren Merkmalen besitzen, die sie voneinander unterscheiden, sie haben ein Problem mit dieser Welt. Sie versuchen dieses Problem dadurch zu bewältigen, dass sie die Realität zu einer Travestie machen, einer kaum mehr erkennbaren Vereinfachung dessen, was uns umgibt.

GenderforschungNun sind Wissenschaftler in der Regel Menschen, die von der Vielfalt, der Komplexität der Welt, die sie umgibt, fasziniert sind. Sie sind in keinem Fall Menschen, die versuchen, die Pluralität der Lebensformen auf zwei Geschlechter zu reduzieren, denen sie Myriaden von geschlechtsbasierten Phantasien zuschreiben. Insofern sind Gender Studies nicht nur ein Betriebsunfall der Wissenschaft, sie sind mit Wissenschaft nicht vereinbar, das gilt sowohl für den Inhalt als auch für die Betreibenden.

Und wie konnte es zu den Gender Studies kommen?

Erklären wir es mit einer Analogie: So wie Pflanzen zuweilen anfällig für Blattkrankheiten sind, so haben auch die Wissenschaften eine Schwäche, die in ihrer Liberalität besteht, darin, dass Wissenschaft als Wettbewerb der Ideen geführt wird. Und wenn im Rahmen dieses Wettbewerbs vergessen wird, dass Ideen nicht um ihrer selbst Willen geäußert werden, sondern zum Erkenntnisgewinn beitragen sollen, wenn die Methodologie, die Wissenschaft von Nichtwissenschaft unterscheidet, zeitweise in Vergessenheit gerät, dann schaffen es Ideologien wie die Gender Studies sich festzusetzen und sich auszubreiten.

Das wiederum macht es einfach, Wissenschaften von Gender Studies und anderen Ideologien, von Essentialismen aller Art, zu denen auch Biologismen gehören, die uns neuerdings erzählen wollen, alles sei in Genen und Biologie angelegt und die menschliche Entwicklung gleiche dem Spiel von Marionetten, die an geschlechtssensiblen Fäden hängen, zu befreien. Es reicht, sich auf das zurückzubesinnen, was Wissenschaft ausmacht: Nachvollziehbarkeit der Aussagen, Prüfbarkeit der Aussagen und die Notwendigkeit, Aussagen so zu fomulieren, dass sie an der Realität scheitern können.

Methodologie war noch immer das beste Heilmittel um geistige Verwirrungen, die den wissenschaftlichen Geist irritiert haben, aufzuklären.

Print Friendly, PDF & Email

About Michael Klein
... concerned with and about science

24 Responses to Wie konnte sich der wissenschaftliche Betriebsunfall “Gender Studies” ereignen?

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Wie konnte sich der wissenschaftliche Betriebsunfall “Gender Studies” ereignen?

  2. rote_pille says:

    Fragen Sie doch die UN und die Internationalsozialisten.

  3. zrwd2 says:

    ‘Was uns immer wieder beschäftigt, das ist die Frage, wie war es möglich, dass sich Gender Studies an Universitäten ausbreiten?’
    nun, weil der irrationale Wissenschaftsbegriff der Sozial- und Geisteswissenschaften eben keinen Unterschied zwischen dem dümmlichen Gelaber eines Schamanen ode reiner Genderwissenschaftler*In und echter Wissenschaft macht und weil dieser irrationale Wissenschaftsbegriff der Sozial- und Geisteswissenschaften von Politik und der Öffentlichkeit zu-mindestens insofern akzeptiert wird, dass man ihn mit Steuergeldern unterfüttert und seine Forschungsergebnisse akzeptiert.

    Die Deutschen hatten nach dem zweiten Weltkrieg die Chance sich vom irrationalen Wissenschaftsbegriff der Sozial- und Geisteswissenschaftenden und seiner totalitären nationalsozialistischen und marxistischen Folgen zu befreien, entschieden sich im Positivismussstreit der 60er jedoch nicht für Popper und Albert, sondern für die alte Naziphilosophie Heideggers und Gadamers, selbstverständlich mit kritisch theoretischem Feigenblatt versehen.

    • Das verkürzt die Geschichte erheblich, denn die Tradition von Popper und Albert findet sich in Deutschland nach wie vor. Ehemalige Mitarbeiter von Hans Albert wie Hans-Jürgen Wendel haben heute Philosophielehrstühle inne und machen wichtige Arbeit an der Moritz Schlick Forschungsstelle und davon abgesehen ist ScienceFiles ein lebendiges Beispiel dafür, dass der Einfluss und die Lehre von Popper und Albert weiterhin vorhanden sind.

  4. MURAT O. says:

    Hat dies auf MURAT O. rebloggt.

  5. Heiner says:

    Ich finde es toll, daß sich die Redaktion der Entstehung des Genderismus widmet. Aber an dieser Stelle wird man mit logischem, wissenschaftlichen Herangehen scheitern müssen.
    Unsinn kann man nicht logisch erklären.

    Also nähern wir uns der Antwort mit der Methode “Unsinn am besten durch Unsinn erklären”

    Bob Marley sang “No Women, no cry”. Da Genderismus stupide ist, übersetzen wir diese Zeile auch stupide mit “Keine Fraun, kein Geschrei”.

    Kurz: Es war der Versuch, keifende Weiber in Ecken und geschlossenen Bereichen wegzusperren, wo einem deren Gekeife nicht auf den Senkel ging. Die mittelalterliche Halsgeige für Zankweiber konnte nach der Strafrechtsreform leider keine Anwendung mehr finden, außerdem wurden die Märkte in den Städten für den Konsum gebraucht und Zankweiber halten vom Kaufen ab.

    Wie so oft in der Wissenschaft gibt es Fehlversuche, dieser hat sich leider verselbständigt. 🙂

  6. GixGax says:

    So wichtig ich das Thema für unser Wissenschaftsverständnis (und dessen Rettung) finde, so problematisch verkürzend erscheint mir die Analyse. Es dürften neben Essentialismus bzw. ‘Gruppismus’ noch ganz pragmatische machtpolitische Faktoren eine Rolle gespielt haben.

    1.) Verlust des politischen Rückhalts für die Linke nach dem Untergang des Staatssozialismus post 1990 und folgend der rettende ‘gender-turn’ in deren ‘Gesellschafts/Systemkritik’ – womit sie übrigens auch wieder konsumerabel für den “Kapitalismus” wurden: Eine ‘zahnlose’ akademische Linke, die die Eigentums- und Klassenfrage nicht mehr zu stellen braucht (weil sie selbst über den ‘Dummy’ Genderequality an die Tröge der öffentlichen Hand gebracht wird usw. usw.
    2.) Feminismus hat noch diverse Spielarten (u.a. marxistisch, esoterisch, befreiungstheologisch usw. usf), aber hierbei steht letztlich der klassische ‘Gruppismus’ aus Ihrem Artikel im Zentrum: “Alle Macht den (bislang vermeintlich) Machtlosen!”. Bei den Genderwissenschaften ist die Sachlage komplexer: Hier wird der Geschlechter-Gruppismus der (westlichen) Kultur ja geradewegs in Zweifel gezogen und die als konstitutiv für Gesellschaft verstandene “Geschlechter-Ordnung” (Als Machtverhältnis) aufzulösen versucht. Auch wenn hier Chimären gejagt werden – es sind noch andere als im ‘klassischen’ Feminismus: Die ‘Erfmächtigung der Frau’ wird durch die ‘Ermächtigung der/des Genderisten’ ersetzt
    3.) Genderwissenschaften wären eine esoterische ‘Befreiungslehre’ geblieben, wenn sie nicht funktional für ‘etwas in unserer Gesellschaft’ sein würden. Aus meiner Sicht kann diese Funktionalität nicht allein durch den Komplex von 1968 und seinen Akteuren erklärt werden. Es müssen auch (bestimmte) wirtschaftliche Interessen (etwa an der umfassenderen Verwertung von Arbeitskraft usw.) in Rechnung gestellt werden.
    4.) Auf der Ebene der Universität als Institution sind Genderprofessuren allerdings (in)direktes Produkt feministisch geprägter Fachprofessuren (Post-1968), deren Adeptinnen wiederum ‘irgendwie’ ins Karrierespiel gebracht werden mussten. Dann, wenn diese nicht fachwissenschaftlich mithalten konnten, bot sich die Kombination eines ‘echten’ Themas mit dem ‘Jokersignum’ “….. & Gender” geradezu an.
    Mir sind sicherlich nicht alle relevanten Punkte eingefallen, aber es dürften sicher noch einige sein. In jedem Falle sollten sie nur bedingt Berührungspunkte mit der Eigenlogik des Wissenschaftssystems aufweisen, viele hingegen mit informellen (Macht-)Strukturen, die sich in Tradierungslinien einzuschreiben suchten (und erfolgreich damit waren, als Ihr ‘Angebot’ auf eine ideologisch ‘Nachfrage’ bei anderen einflussreichen Akteuren der Gesellschaft traf…
    Last not least gilt es unbeding, den ‘Vorbildcharakter’ der US-Unis in diesem Spiel mit zu würdigen!

  7. Chaeremon says:

    Die Anzahl der Studiengängen (16.000 gem. hochschulkompass.de) spricht doch eher gegen eine Bevorzugung von Genderquatsch; wer hat denn etwas davon wenn jedes Jahr dieselben Gesalbten Pseudo”lehr”bücher und Vorgedeuteten Prämissen (etc) auf die Neuankömmlinge (und in folgenden Semestern immer so weiter) durchgedrückt werden, bis hin zu Pop-Sci Magazinen mit Photoshop-erfundenen unsichtbaren Schwarzen Löchern.

    Mir fallen nur zwei Nutznießer ein: die Holtzbrinck(ler) und die akademischen Schamanen die die Quellen der Dogmen erstellen und rein halten für die Absatzkanäle der ersteren (ein tolles Team, hält zusammen bis über das Peer-Review hinaus). Jeder Versuch der wissenschaftlichen Kritik trifft bei so einem Business-Schema immer nur auf Akademiker und Forschungs-förder-töpfe bei denen Wissenschaftstheorie nicht gebraucht werden kann oder soll (wie bei eg. den apokalyptisch tödlichen CO2 Strahlen).

    P.S. Betrug ensteht da wo er Vorteile bringt.

    • rjb says:

      “Die Anzahl der Studiengängen (16.000 gem. hochschulkompass.de)” Ich habe mir diese Quelle nicht angesehen. Aber diese Angabe stinkt erheblich nach dem verbreiteten sinnfreien Zahlengehuber. Was ist ein Studiengang? Maschinenbau oder Maschinenbau an der Universität Rumpelheim (und Maschinenbau an der Universität Knatterstätt wäre ein anderer)? Maschinenbau oder Dampfmaschinenbau (und Elektromaschinenbau ein anderer)? Und wieviele der 16000 Studiengänge sind Genderismus, etwa in der Erscheinungsform “Geschlechtergerechtes Badewannenstöpseldesign”?

      Außerdem ist Gendergeblödel ein “Querschnittsfach”, das in jeden Studiengang hineingedrückt werden muß, so wie zu einer anderen Zeit Marxismus-Leninismus.
      Siehe http://www.gender-curricula.com/gender-curricula-startseite/

  8. Max says:

    @ Chaeremon
    “Die Anzahl der Studiengängen (16.000 gem. hochschulkompass.de) spricht doch eher gegen eine Bevorzugung von Genderquatsch”

    – Inwiefern sollte die schiere Anzahl von Studiengängen denn ein Beleg dafür sein, dass nicht der eine oder andere davon bevorzugt werden könnte?
    – Beweist die Tatsache, dass es einen Studiengang zu einem bestimmten Thema gibt, automatisch, dass es sich dabei um “Wissenschaft” handelt?
    – Wieviele andere Studiengänge versuchen gezielt derart tief in die Lebensweise der Menschen einzugreifen?
    -Welche davon haben eine eigene Agenda, die nicht hinterfragt werden darf?
    Und dort wo Sie möglicherweise vergleichbares finden- vielleicht z.B. in der Klimaforschung- ist das dann noch Wissenschaft? Oder eben doch nur ein “Studiengang”?

    Just my 2 cents…
    😉

  9. Exphilosoph says:

    “Nur ein Essentialist kann denken, dass Deutschsein mehr ist, als eine deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen.”

    Sie legen hier aber für einen durch das Wort Deutscher bezeichneten Begriff die Definition einer Behörde zugrunde. Wenn nun aber eine Gruppe das Wort “Deutscher” dem Begriff “Staatsangehöriger des Landes Deutschland mit Kenntnissen der deutschen Sprache” zuordnet, wäre sie demnach essentialistisch (nicht alle deutschen Staatsangehörigen beherschen die deutsche Sprache)? Klassisch gefragt: Wer hat hier die Defintionshoheit?
    Wäre jeder, der einem Wort einen anderen, engeren Begriff zuordnet ein Essentialist?
    Es gibt demnach das Wort Deutscher, das von unterschiedlichen Gruppen anderen Begriffen (Definitionen) zugeordnet wird. Man muß also ersteinmal klären, ob man sich über Worte oder über Begriffe streitet.
    Das Problem mit Definitionen ist eben, daß sie ein Wort mit einem Begriff und dessen Bestimmung verknüpfen. Das Wort wird oft aus der überkommenen Sprache übernommen und kann aus praktischen Gründen niemals die gesamte, teilweise widersprüchliche, Vielfalt des Gebrauches des Wortes abbilden. Idealerweise würde jeder Definition ein eindeutiger Code in einem Kalkül zugeordnet und nicht ein alltagssprachliches Wort mit unterschiedlichen Bedeutungen. Damit würden wohl 90% aller Debatten beendet. (Das ist praktisch nur in der Welt der echten Wissenschaft und Informatik möglich.)
    Wenn zB. jemand sagt, eine Deutscher sei einer, der deutschen Blutes ist, dann hat er dem Wort Deutscher einen eigenen Begriff zugeordnet und wenn er “deutschen Blutes” klar definieren kann (was zugegebermaßen schwierig, wenn nicht unmöglich ist), so hat er doch eine klare Definition gegeben, ebenso klar wie eine Behörde, die mittels eines anderen Kriteriums (Erteilung der Staatsbürgerschaft) das Deutschsein definiert.

    Was ich sagen will ist: bevor man mit dem Begriff des Essentialismus argumentiert, sollte man ersteinmal klären, ob man über diesselbe Sache redet. Jede Definition ist in einem gewissen Sinne essentialistisch, so wie auch Axiome essentialistisch (nicht beweisbar) sind. Im Gegensatz zur Logik und der Mathematik stehen hinter den Axiomen und Defintionen aber immer praktische Gründe. Im Falle des Deutschseins zum Beispiel konkrete Konkurrenzkämpfe um materielle und immaterielle Ressourcen. Somit sind solcherlei Definitionen immer mehr oder weniger mit Ideologie behaftet.

    • Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, wo Ihr Problem liegt und da Sie erst im letzten Absatz selbst zu wissen scheinen, was Sie eigentlich sagen wollen, was es für mich nicht verständlicher macht, scheint mir, Sie wissen es auch nicht so wirklich. Man kann in der Tat alles hinterfragen, wobei sich die Frage stellt, ob das sinnvoll ist, denn irgendwo will man sich ja vielleicht doch verständigen und die Definition, dass der ein Deutscher ist, der als Kind deutscher Eltern geboren ist, die im Text steht, ist keine, über die man diskutieren kann, denn sie ist eineindeutig. Da gibt es nichts daran herumzudeuteln. Das hat nichts mit materiellen oder immateriellen Ressourcen zu tun und nicht mit Ideologie, sondern mit Zuordnung, empirisch operationalisierter und entsprechend als Kriterium verwendbarer Zuordnung. Das ist gerade der Unterschied zum Essentialismus, der eine Entität als grundlegend behauptet, die niemand je gesehen, gerochen oder von der jemals jemand etwas gehört hat.

      • Roland says:

        Ihre Definition gibt keine Auskunft darüber, was ein Deutscher ist. Sondern höchstens, dass ein Deutscher Eltern hat oder dass ein Deutscher eine Staatsangehörigkeit hat. Aber das haben Engländer und Japaner wohl auch. 😉
        Ihre Definition ist nicht eineindeutig sondern ein Zirkel. Man kann auch sagen: Ein Deutscher ist der, der von Deutschen abstammt. Das dürfte das Problem etwas verdeutlichen.

        Die Frage ist daher eher: Ab wann und wie wird man Deutscher. Nicht alle Deutsche sind von Geburt an deutsche Staatsangehörige oder haben deutsche Eltern. Den Verwaltungsapparat und seine Richtlinien (Kriterien) zur Einbürgerung gibt es ja auch noch.

        Allerdings hinterlassen diese Kriterien sei es Deutscher durch Geburt oder Deutscher durch Einbürgerung alle einen faden Eindruck. Was denn nun ein Deutscher sei im Unterschied zu einem Japaner oder Engländer wird dadurch nicht befriedigend beantwortet. Ich denke das ist der Grund, warum Essentialismen (gibt es das Wort überhaupt?) so beliebt sind.

        Also was zeichnet den Deutschen wesentlich aus? Was zeichnet denn einen Iatmul als wesentlich aus? Einem Anthropologen brauch man mit Kriterien wie den obigen wohl kaum kommen. Auch andere interessante Faktoren spielen eine Rolle. Ist ein Deutscher nicht irgendwo auch Angehöriger einer ethnischen Gruppe und sind ethnische Gruppen durch Rechtsgrundlagen und Verwaltungsprozedere definierbar? Die Iatmul sicherlich nicht.

        Insofern Gruppen nicht existent sind, aber es offensichtlich möglich ist Individuen in Gruppen zu klassifizieren, kann es zur Bildung von Gruppen auch nur grundlegende Entitäten geben, die abstrakt sind, also weder gerochen noch gesehen werden können. Würde man nun hingegen Oberflächenmerkmale heranziehen um eine Gruppe zu bilden, stellt sich aber immer die Frage nach welchen Kriterien diese Gruppe von Merkmalen (Typen) zur Klassifizierung herangezogen wird und nicht irgendeine andere. Das Problem wird verlagert.

        Ich denke eher das Problem liegt weniger im Vermögen Gruppen zu bilden, sondern in der Frage “Was ist ein Deutscher?”. Was will jemand, der diese Frage stellt, denn nun eigentlich wissen? Insofern diese Frage überhaupt jemals gestellt wird (ich finde sie persönlich ziemlich unsinnig), dann doch nur um eine Stereotype zu erhalten, die er als Regel für sein Umgang mit Deutschen verwenden kann.

        • Ah, ein Sucher nach dem Essentialismus, nach dem, was den Deutschen im Kern ausmacht, nach seiner Essenz. Sie sind ein gutes Beispiel für den Essentialismus, um den es uns im Text geht. Deutsch ist also für Sie mehr als eine Staatsangehörigkeit. Dann bin ich schon gespannt, was dieses “Mehr” ausmacht, das den Deutschen erst zum Deutschen macht.

          • Roland says:

            Lesen sie nochmal genauer.
            Wenn sie jemand fragt, was einen Engländer zu einem Engländer macht, geben sie ihm tatsächlich die Antwort: “Na eben die englische Staatsangehörigkeit”? Und meinen sie diese Antwort auch ernst? Dann wird der Fragende sie daraufhin sehr verdutzt anschauen. Diese Antwort wäre absolut uninformativ, wenngleich sie die einzige wahre wäre.

            Aber würden Sie dieses strikte Definieren konsequent beibehalten, dürften Sie nicht sagen, dass Genderisten Essentialisten wären. Denn sie können nicht mit absoluter Sicherheit davon ausgehen, dass dies auf konsequent alle Gender Studies “Forscher” zutrifft. Da Essentialismus selbst etwas ist, was man weder riechen noch schmecken kann ist es selbstverständlich eine abstrakte Entität. Sie vermuten demnach mehr als da ist.

            Sie begehen also einen performativen Selbstwiderspruch, wenn sie hinter der Gruppe der Geschlechtsforscher mehr sehen als eben nur Forscher die sich für Geschlechtsverhältnisse interessieren. Sie sehen dahinter obendrein Essentialisten.

            Nun ist diese Einsicht aber informativ, wenngleich überpauschalisierend.
            Ich möchte damit weder Essentialismus verteidigen noch den Sinn von Gender Studies gutquatschen. Sie haben am Ende des Artikels den Nagel ja sowieso auf den Kopf getroffen: Wo Essentialismus blüht, fehlt eine methodologische Vorgehensweise bzw es fehlt schlicht eine Wissenschaft. Es ist eher verwandt mit Stammtischpalaver und genau dort hat Essentialismus auch seinen Platz.

            Doch tautologe (erkenntnislose) Definitionen bringen auch Sie nicht weiter, wenn sie etwas Interessantes berichten wollen. Ein Ticken Essentialismus schlummert in allen von uns und er kommt zum Vorschein wenn wir über Gegenstände sprechen, die nicht Gegenstandsbereich einer Wissenschaft sind. Der Gegenstand Genderstudies ist selbst kein Gegenstand einer systematischen/methodologischen Wissenschaft.

            Kurzum:
            Man kann durchaus sagen für mich ist Deutsch “Mehr” als die nackte Staatsangehörigkeit. Und der Blitz soll mich aufm Lokus treffen, wenn das nicht auch für Sie gilt. Dieses “Mehr” wird immer das sein, wovon ich ausgehe, was mein Hörer für hilfreich oder interessant oder dergleichen halten wird.

            • Actually fragen sich die Engländer selbst, was sie zum Engländer macht und sie kommen nicht einmal entfernt auf die Idee, es könnte eine Eigenschaft sein, die tief in Ihnen schlummert. Sie schauen auf die Waliser und deren Stolz auf Wales:

              Oder auf die Schotten mit ihren entsprechenden credentials:

              Und was den Engländern dann einfällt, um sich zu differenzieren, ist:

              Und in keinem Fall kommt irgend ein Bezug auf eine nicht messbare Variable, die “Englischsein” oder “Welshness” begründet. Wer sich als freies Individuum entscheidet, in Wales zu leben, der gilt als Waliser, solanger er nicht von sich sagt, er sei “english”, that is a different ball game.

              Kurzum,
              die Einbildung, dass Deutsch mehr sein soll als eine Staatsangehörigkeit, dass Deutschtum im Blut pulsiert, ist für einen Briten, BRITEN, nicht nachvollziehbar – jedenfalls habe ich noch keinen getroffen – nicht einmal Nigel Farage kommt auf die Idee Britishness als irgend eine innere, nicht messbare und bestimmbare Eingeschaft zu fassen.

  10. Gender Studies sind soz. eine `Verallgemeinerung der besonderen Art´.
    Sie haben für mich keinerlei Relevanz.
    Also: abgekakt und schon vergessen!
    PJP

    • Roland says:

      Das werden die Genderisten aber nicht zulassen. Nach deren paternalistischen Weltschau geben die nicht eher Ruhe bis sich nicht jeder ihren “fürsorglichen” Willen unterworfen hat.

  11. Jens Kleinikauf says:

    Das Hauptproblem dürfte wohl sein, dass an zu vielen Universitäten angesichts der immer größer werdenden Anzahl an Studenten die Methodenlehre als erstes unter die Räder geriet. Schon zu meiner Zeit an der Uni (Ende der achtziger Jahre) musste man sich Methodenlehre und Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit selbst aneignen (z.B. durch Vorlesungen in mehreren! anderen Fachbereichen), zusammenhängendes gab es dazu nicht. Das, was einem befähigen soll, wissenschaftlich zu arbeiten, war im Vergleich zum reinen Faktenwissen zweitrangig. Wenn schon Professoren dieses „Spiel“ damals mitgemacht haben und ihre Studenten mit einem Diplom (oder sogar mehr) in die wissenschaftliche Welt entlassen haben, wie sollen sich diese Professoren dann später gegen die Berufung „ihrer eigenen ehemaligen Studenten“ wehren? Wer selbst ein Problem mit verschuldet hat (und sei es durch Schweigen), ist meist nicht daran interessiert seine eigene Schuld an der Situation zu offenbaren. Darum schweigen viele, und so ganz unkomfortabel ist eine Professur ja auch nicht. Der heutige Elfenbeinturm ist halt ein anderer als noch vor 50 Jahren, ein Elfenbeinturm ist aber immer noch.

  12. EinInformatiker says:

    Ich denke auch, dass es einerseits die Gutmütigkeit war die dazu geführt hat, dass sich die “Gender Studies” entwickeln konnten. Aber die Gutmütigkeit hätte nur so weit reichen dürfen, als methodisches Arbeiten nachgewiesen worden wäre. In diesem Sinne wäre auch ich gutmütig gewesen. Aber dann hätte ich zurückgezogen. Ich war auch tatsächlich mal 1 Jahr in einem anderen ideologischen Zusammenhang gutmütig, aber dann habe ich zurückgezogen. Seitdem weiß ich, wenn man Ideologen oder kranken Menschen ein Zugeständnis macht nehmen sie immer mehr (und man kann mit ihnen während dieser Zeit u. U. gut auskommen) : “If you give them an inch they take a mile”. Es muß also noch weitere (Un)Verantwortlichkeiten geben bzw. gegeben haben. Wahrscheinlich waren sich die Sozialwissenschaften hinsichtlich ihrer Methode nicht gewiß, so dass sie den Eintritt nicht verwehrt haben. Ich kenn das aus der Mathematik, da verstand man manchmal nicht warum man keine Punkte hatte und protestierte. Aber am Ende hat man sich der Macht des Faktischen gebeugt, man wußte ja vorher, dass die Sache zu 100% zu klären sein würde. In den Sozialwissenschaften gibt es diese Macht des Faktischen so nicht (warum weiß ich nicht, denn für mich existiert sie da eigentlich auch, aber sie ist nicht durchsetzbar). Und jetzt sind sie entweder zu feige oder bereits komplett unterwandert um das Terrain zurück zu gewinnen. Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

  13. Pingback: Der Mythos von der “sozialen Konstruktion” | ScienceFiles

Bitte keine Beleidigungen, keine wilden Behauptungen und keine strafbaren Inhalte ... Wir glauben noch an die Vernunft!

Translate »
error: Content is protected !!
Haben Sie Lust auf Auseinandersetzung oder steht bei Ihnen eher der Frust durch Auseinandersetzungen im Vordergrund? Der individuelle Umgang mit Konfliktsituationen ist ein Feld, das in Deutschland nicht beforscht wird. Dr. habil. Heike Diefenbach ändert dies zur Zeit. Sie haben die einmalige Gelegenheit, daran mitzuwirken. Nehmen Sie an unserer Primärforschung teil. Wirken Sie mit an der Erstellung einer Skala zur Messung von Konfliktorientierung.   Zur Teilnahme geht es hier.
Holler Box
Skip to toolbar