Der Meinungsforschungskrieg um die Lügenpresse

Der Stachel der Lügenpresse, er sitzt tief im Fleisch öffentlich-rechtlicher Anstalten und ihrer Vertreter.

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht versucht, wird, den Begriff Lügenpresse und die, die ihn verwenden, zu diskreditieren und im Gegenteil zu zeigen, dass die Medien eine Wahrheitspresse sind.

Der neueste Versuch stammt vom Westdeutschen Rundfunk. Dieses Mal wurde nicht Forsa mit einer Meinungsumfrage betraut, sondern Infratest dimap. Die Infratest-Umfrage ist besser gemacht als die Umfrage von Forsa. Nichtsdestotrotz sind die Elemente der Manipulation klar erkennbar.

Verweilen wir zunächst beim Begleitbericht des WDR, in dem Folgendes zu “Lügenpresse” zu lesen steht:

WDR infratest“So teilen auch 72 Prozent den Vorwurf der “Lügenpresse” nicht – ein nationalsozialistischer Schmäh- und Kampfbegriff, der vor allem bei den “Pegida”-Protesten verwendet wird. Nur 20 Prozent gaben an, dass sie persönlich von “Lügenpresse” sprechen würden, wenn sie an Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland denken.”

Nun Lügenpresse ist nicht nur ein Schmäh- und Kampfbegriff, den die Nazis verwendet haben. Tatsächlich haben ihn auch die Nazis verwendet.

Verwendet haben ihn außerdem, wie Wikipedia unter Angabe von Quellen zeigt: “Organisationen der Arbeiterbewegung zur Abwertung von als bürgerlich oder kapitalistisch wahrgenommenen Teilen der Presse sowie …[die] Exilpresse als Bezeichnung für die gleichgeschalteten NS-Medien …. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kam das Wort zunächst nur mehr sporadisch vor. Die ab August 1945 erscheinende Frankfurter Rundschau verstand sich explizit als Gegenentwurf zu „Hugenbergs Lügenpresse“. In den Medien der DDR wurde das Wort im Kalten Krieg gelegentlich zur Herabsetzung der westdeutschen Presse benutzt. Für die Westdeutsche Studentenbewegung lässt es sich im Rahmen der Anti-Springer-Kampagne nachweisen”.

Kurz: Lügenpresse ist weder eine Erfindung der Nazis noch der Pegida, es ist ein Begriff, der immer dann auftaucht, wenn Teile der Bevölkerung sich aus einer einseitigen Berichterstattung ausgeschlossen fühlen, den Eindruck haben, sie sollen manipuliert werden oder ideologisch unpassende Inhalte ihrerseits abwerten wollen.

Nun zur Umfrage von Infratest dimap, die nach Ansicht eines anonym gebliebenen Schreibers des WDR zeigt, dass der “überwiegende Teil der Bundesbürger” es völlig “anders sieht als Pegida”. Wobei anders meint: dass der überwiegende Teil der Bevölkerung keine Verachtung gegenüber den Medien hat.

Infratest dimap hat gerade einmal 750 Befragte zusammen bekommen, 750 Deutsche aus der wahlberechtigten Bevölkerung ab 18 Jahre. Ein Anteil von einem Prozent entspricht somit 7-8 Befragten, immer vorausgesetzt, dass alle Befragten auch auf alle Fragen geantwortet haben.

Jeder, der sich schon einmal mit quantitativen Befragungen beschäftigt hat, weiß, dass Befragte nicht zu allen Fragen etwas sagen. Generell kann man drei Gruppen von Befragten unterscheiden:

  1. Schnell hill esserBefragte, die ein Interview zu Ende führen und zu jeder Frage etwas Inhaltliches sagen.
  2. Befragte, die ein Interview zu Ende führen aber nicht zu jeder Frage etwas Inhaltliches sagen.
  3. Befragte, die ein Interview nicht zu Ende führen, es abbrechen, weil sie über eine Frage verärgert sind oder keine Lust oder keine Zeit mehr haben, um das Interview zu Ende zu führen oder die zu keiner Frage eine inhaltliche Angabe machen.

Als Konsequenz gibt es fehlende Werte. Auf Frage 5 haben vielleicht 700 der 750 Befragten eine inhaltliche Antwort gegeben, 50 Befragte haben weiß nicht, keine Ahnung oder nichts gesagt, was sich als Antwort verwerten lässt. Die Anzahl der Befragten, die Frage 5 beantwortet haben, ist demnach um 6,7% geringer als die Anzahl der Befragten in der Gesamtstichprobe. Nur: Das sagt natürlich kein Meinungsforschungsinstitut. Alles, was man von Meinungsforschungsinstituten zu lesen bekommt, ist die Anzahl der insgesamt Befragten. Wie viele davon auf die jeweiligen Fragen geantwortet haben, wie viele als so genannte “missing values” klassifiziert werden mussten, weil sie keine inhaltliche Antwort gegeben haben, das sind Fragen, auf die Meinungsforschungsinstitute keine Antwort geben.

Das Verheimlichen relevanter Informationen, die notwendig sind, um die Qualität einer Befragung zu beurteilen, ist dann eine Form der Manipulation, wenn es absichtlich erfolgt. Man muss davon ausgehen, dass es absichtlich erfolgt, da die entsprechende Angabe zum grundlegenden Handwerkszeug gehört, das ein empirischer Sozialforscher während seiner Ausbildung an Hochschulen erlernt, und die Meinungsforschungsinstitute, sie beschäftigen doch nach eigenen Angaben wissenschaftlich ausgebildete Mitarbeiter.

Infrastet dimap ist eines der Meinungsforschungsinstitute, die schon etwas länger auf dem Markt sind. Entsprechend sind die Methoden des systematischen Vorgaukelns von Wissenschaftlichkeit feiner entwickelt als sie das zum Beispiel bei Forsa sind. So steht zu Beginn der Befragung unter dem Stichpunkt “Untersuchungsanlage” Folgendes zu lesen:

“Fehlertoleranz: 750 Befragte: 1,2* bis 3,5** Prozentpunkte; * bei einem Anteilswert von 5% ** bei einem Anteilswert von 50%.”

Was kann damit gemeint sein? Eine Fehlertoleranz ist gemeinhin ein Bereich, in dem z.B. ein Bohrloch von seiner optimalen Tiefe abweichen kann, ohne dass das Bild von der Wand fällt, nachdem es an den Haken, der im Dübel im Bohrloch verankert wurde, gehängt wurde.

Nimmt man an, dass der Anteilswert den Anteil von Befragten meint, dann kann man errechnen, dass Antworten von 5% der Befragten, also von 37 Befragten, immer vorausgesetzt, alle haben geantwortet, mit einem Fehlerwert von 1,2% belastet sind, d.h. die Angaben, für 9 der 37 Befragten können gemessen an einer fiktiven Grundgesamtheit falsch sein. Bei 50% also wenn 375 Befragte geantwortet haben, beträgt die entsprechende Anzahl falscher Antworten: 26. Jetzt kommt der statistische Gag an der Sache, der Fehler kann eine Abweichung in entweder die eine oder die andere Richtungen zur Folge haben! Aus den 9 werden somit 18, aus den 26 52 Befragte, die falsch ausgewiesen sind.

Klingt etwas kryptisch, erschließt sich aber, wenn man weiß, dass die Befragung von Infratest dimap “repräsentativ” sein soll. Insofern geben die Fehlertoleranzen die Abweichung vom richtigen Ergebnis, wie man es finden würde, befragte man die geamte Bevölkerung, an. Ein mit 4,5% ausgewiesener Wert, hat somit einen Wertebereich von 3,3% bis 5,7%, alles, was in diesem Wertebereich liegt, kann die unter Annahme von Repräsentativität richtige Antwort sein. Stimmen 45% einer Antwortvorgabe zu, dann liegt der repräsentativ richtige Wert in einem Wertebereich von 41,5% bis 48,5%, was eine Abweichung von einmal 2,4% bis 7% (18 bis 52 Befragte) vom ausgewiesenen Wert bedeutet.

In der Befragung sagen 72% auf die Frage, “Im Zusammenhang mit den Protesten der Pegida-Bewegung wird häufiger der Begriff Lügenpresse verwendet. Wenn Sie an Zeitungen, Radio und Fernsehen in Deutschland denken, würden Sie persönlich dann von Lügenpresse sprechen oder nicht?”: “Nein, würde nicht von Lügenpresse sprechen”.

72% der Befragten, die geantwortet haben (wie viele der 750 insgesamt Befragten, das auch gewesen sein mögen), haben also “nein” gesagt. Diese 72% von bestenfalls 750 Befragten werden nun kurzerhand auf die Bevölkerung übertragen, und es wird behauptet, dass 72% der Bevölkerung “nein” sagen, was sie natürlich nicht tun, denn 72% der Bevölkerung wurden nie befragt. Würde man korrekt vorgehen, dann müsste auf Grundlage der oben angegebenen Fehlertoleranzen formuliert werden: Würde man die gesamte Bevölkerung befragen, ob sie den Begriff Lügenpresse verwenden würde, wenn sie an Zeitungen, Radio, Fernsehen in Deutschland denken, dann wäre zu erwarten, dass zwischen 68,5% und 75,5% der Bevölkerung sagen würden, dass sie diesen Begriff nicht verwenden.

Das wäre die korrekte Formulierung, wenn man repräsentative Daten hätte. Nun sind, wie wir schon mehrfach dargestellt haben, die Daten von Meinungsforschungsinstituten nicht repräsentativ, sie können es gar nicht sein, denn Repräsentativität beschreibt ein Ideal, keine empirische Realität. Aber natürlich ist die Behauptung von Repräsentativität für Meinungsforschungsinstitute sehr wichtig. Wer würde einen Pfifferling auf Ergebnisse, basierend auf 750 Befragten geben, wenn sie nicht mit der Behauptung der Repräsentativität daher kämen? Die Symbolik “Repräsentativität” schafft hier nicht nur die Bedeutung des Ergebnisses, sie sorgt auch dafür, dass man Zahlen als vermeintlich repräsentative Zahlen teuer verkaufen und anderen als Beschreibung der Realität auftischen kann.

Soweit zu einigen der technischen Tricks, die mit angeblichen repräsentativen Meinungsumfragen verbunden sind. Nun zu den inhaltlichen Tricks. Wie gesagt, die Befragung von Infratest ist gut gemacht. Der manipulative Teufel, er liegt im Detail, er findet sich in einem Hin und Her der Basis der Fragen.

Hier die Zusammenfassung:

  1. Bewertung der Qualität des Informationsangebot aller deutschen Medien – unspezifizierte Frage;

  2. Entwicklung des Vertrauens in alle deutsche Medien – unspezifizierte Frage;
  3. Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Informationen in allen deutschen Medien – unspezifizierte Frage;
  4. Einschätzung der Glaubwürdigkeit einzelner vorgegebener Medien – spezifizierte Frage;
  5. Bewertung genutzter Informationsquellen; – spezifzierte Frage
  6. Bewertung des Vorwurfs der Lügenpresse gegenüber allen deutschen Medien – unspezifizierte Frage;
  7. Bewertung von Lügen in deutschen Medien; spezifizierte Frage;
  8. Einschätzung von Vorgaben der Politik für die Berichterstattung in allen Medien – undspezifizierte Frage

Die Darstellung zeigt ein sehr gekonnt konstruiertes Beispiel dafür, wie man Fragen stellt, ohne die relevanten Fragen zu stellen. Wem ist zum Beispiel aufgefallen, dass die Frage nach der Lügenpresse sich auf alle deutsche Medien bezieht, eine Antwort mit “ja” somit alle deutschen Medien über einen Kamm schert, während sich der Vorwurf der Lügenpresse auf die öffentlich-rechtlichen Medien und Medien bestimmter ideologischer Färbung bezieht. Dagegen ist die Frage danach, ob man glaubt, dass in deutschen Medien absichtlich die Unwahrheit gesagt wird, nachträglich spezifiziert worden, was mit der Lügenpresse-Frage auch möglich gewesen wäre, aber nicht gemacht wurde. Insgesamt ergibt sich ein Bild der Abfolge von unspezifizierten Fragen und von spezifizierten Fragen, wobei unspezifizierte Fragen die Norm darstellen und spezifierte Fragen nachgeschoben werden.

Warum? Weil man einen Kontexteffekt ausnutzen will. Wenn man ganz allgemein und undifferenziert fragt, ob jemand alle Medien für Lügenpresse hält, hat man allein durch die Frage die Wahrscheinlichkeit einer Zustimmung verringert, denn wer würde schon alle Medien über einen Kamm scheren wollen? Um so erstaunlicher, dass 20% der Befragten tatsächlich sagen, sie würden im Zusammenhang mit allen Medien in Deutschland von Lügenpresse sprechen. Eigentlich ein Hammer und mit Sicherheit kein Grund zur Entwarnung! Hat man durch eine unspezifizierte Vorgängerfrage die Wahrscheinlichkeit bestimmter Antworten reduziert und fragt dann spezifisch nach, dann wird die Wahrscheinlichkeit reduziert, dass diejenigen, die ursprünglich “nein” gesagt haben, nun bei einer spefizischen Nachfrage “ja” sagen, sie wird deshalb reduziert, weil Befragte versuchen, konsistent zu antworten.

Der Kontexteffekt lässt sich jedoch gegen seinen Nutzer wenden, nämlich dann, wenn hoch affektiv besetzte Themen dazu führen, dass Befragte keinen besonderen Wert auf die Konsistenz ihrer Antworten legen und sich der Kontexteffekt als Folge davon abschwächt. Im Resultat würde man als Ergebnis dieser Manipulation widersprüchliche Ergebnisse erwarten, und das ist genau, was die Umfrage von Infratest dimap produziert hat:

  • 71% der Befragten halten öffentlich-rechtliches Fernsehen für glaubwürdig. 81% der Befragten halten öffentlich-rechtliches Fernsehen für vertrauenswürdig.
    • ABER: 30% der Befragten glauben, dass sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen belogen werden. Entsprechend können nicht 81% der Befragten das öffentlich-rechtliche Fernsehen als vertrauenswürdig ansehen. Ein glatter Widerspruch, der sich aus dem Hin und Her der spezifischen und unspezifischen Fragen ergibt, der versuchten Manipulation der Befragten.
    • ABER: 42% der Befragten sind der Ansicht, dass Staat und Regierung Vorgaben für die Berichterstattung in Medien machen, und 49% der Befragten sind der Ansicht, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen staatlich gelenkt ist. Abermals ist es ein glatter Widerspruch, wenn dennoch 81% sagen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen sei vertrauenswürdig oder 71% der Befragten das öffentlich-rechtliche Fernsehen für glaubwürdig halten. Es ist jedenfalls dann ein Widerspruch, wenn man die Prozentrechung im Wertebereich von 0% und 100% betreibt.

Bei derart krassen Widersprüchen fragt man sich unwillkürlich, was die Infratester da gemessen haben und wie viele Befragte jeweils Antworten auf die entsprechenden Fragen gegeben haben. Unabhängig von den Antworten auf diese Fragen kann man feststellen, dass die Befragung von Infratest dimap alles andere als valide ist. Man kann sie schlicht in den Mülleimer werfen, dorthin, wo sich der Rahmenbeitrag, den ein anonymer Schreiber des WDR geschrieben hat, um abermals ins Hirn der Leser zu nageln, dass Pegida und nur Pegida für den Vorwurf der Lügenpresse verantwortlich ist, bereits befindet.

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Zeitungs-GEZ: Warum der deutsche Journalismus in der Krise ist

Sinkende Auflage, sinkendes Vertrauen zu Medien und ein scheidender Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbands (DJV) – was braucht es noch zu einer hausgemachten Katastrophe?

Ein Interview!

Michael Konken, die scheidende DJV-Vorsitzende, er hat es gegeben, das Interview. Kress.de hat er geantwortet und dabei den Eindruck erweckt, dass er ein paar Entwicklungen, die sich über die letzten Jahrzehnte ereignet haben, nicht mitbekommen hat.

Hier ein paar Ausschnitte aus dem Interview:

DJV“kress.de: Wo werden der DJV bzw. der Journalismus in zehn Jahren stehen?
Michael Konken: Das wichtigste Thema wird aus meiner Sicht die Finanzierung des Journalismus werden. …
kress.de: Was heißt das konkret? Wie soll diese Finanzierung aussehen?
Michael Konken: Wir werden ein ähnliches Modell wie bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten brauchen. Ich halte es für realistisch, dass eine Haushaltsabgabe für Zeitungen, egal ob sie als Printprodukte oder online erscheinen, eingeführt wird.”

GEZ für das Naumburger Tageblatt und den Schwarzwälder Boten, die Augsburger Allgemeinen Abgabe, der der Münchner Merkur Cent und das Süddeutsche Almosen. Michael Konken hat wirklich Humor oder er beweist, dass er die Grundlage der Marktwirtschaft nicht verstanden hat: Wenn ein Produkt nicht mehr nachgefragt wird, weil es uninteressant geworden ist, dann hilft es auch nichts, staatliche Subventionen einzuführen, um dieses Produkt künstlich am Leben zu erhalten. Wozu? Für wen? Für die 36000 verbliebenen Mitglieder des Deutschen Journalistenverbandes?

Wie schnell es heutzutage geht, dass Interessenvertreter wie Michael Konken ihre Finger nach dem Geld von Steuerzahlern ausstrecken, ihnen verordnen wollen, was in ihrem Interesse sei und wofür sie deshalb zur Kasse gebeten werden müssen, ob sie es nachfragen oder nicht.

Warum auch nicht? Erklären wir Zeitungen zum Kulturgut, machen BILD, ZEIT, Welt, WAZ, Freie Presse, Leiziger Volkszeitung und Dresdner Neueste Nachrichten zum kulturellen Deutscherbe, schon weil die SPD an den meisten davon einen Anteil hat. Schon kann man begründen, warum Zeitungen, die offensichtlich immer weniger lesen wollen, von allen Steuerzahlern und gerade von denen, die sie nicht lesen wollen, bezahlt werden müssen.

Seit die DDR untergagengen ist, will die Klassiker des Marxismus-Leninismus auch niemand mehr lesen. Wie wäre es mit einer entsprechenden Druck-Abgabe oder der Verpflichtung, mindestens einen Band der sozialistischen Hochkultur pro Jahr zu erwerben? Nennen wir das den sozialistischen Kultur-Buchclub.

Betrachtet man diesen Vorschlag, einer staatlich geregelten Finanzierung von Zeitungen, mit etwas Abstand, dann wird die ganze Erbärmlichkeit von Vertretern einer Zunft offensichtlich, die die Zeit überholt haben.

Nun stehen sie da, und versuchen aufzuhalten, was nicht aufzuhalten ist, denn es gibt zu viele Quellen der Information, die den Printmedien längst den Rang abgelaufen haben. Die Bloggosphere ist nur ein Beispiel dafür. Aber, Journalismus-Lobbyisten wie Konken sind auch selbstkritisch. Damit der Vertrauensverlust in Medien und Journalismus behoben werde, müsse man “wieder wahrhaftiger … berichten” [Was auf der Prämisse basiert, dass derzeit nicht wahrhaftig berichtet wird – Lügenpresse?]. Man müsse “Journalismus so … betreiben, wie wir das alle einmal gelernt haben”. Die Glaubwürdigkeit wird wiedergewonnen, so meint Konken, “[i]ndem wir die Qualität hochhalten” und außerdem haben Journalisten “eine Kontrollfunktion für die Öffentlichkeit wahrzunehmen”.

Da hat er Recht der Herr Konken. Zeitungen hätten eigentlich eine Kontrollfunktion gegenüber der Politik und dem Staat wahrzunehmen (gegenüber dem Staat, bei dem sich Konken in der Hoffnung auf den Zeitungs-Cent scheinbar andienen will) Falls Sie es also noch nicht bemerkt haben, die Ostseezeitung hat eine Kontrollfunktion und die Märkische Allgemeine, die Rheinpfalz und der Mannheimer Morgen, sie haben eine Kontrollfunktion. Das zeigt sich täglich daran, dass identische Texte, von dpa zugeschickt, die Seiten der Zeitungen ziehren.

Und dann tut Konken noch etwas dafür, die Glaubwürdigkeit des deutschen Journalismus zu beseitigen. Es liest sich so:

“Der Begriff ‘Lügenpresse’ ist üble Hetze [obwohl er selbst der Ansicht ist, man müsse wieder “wahrhaftiger” berichten], aber es gibt auch bei anderen Bürgern, die nicht den Pegida-Rattenfängern auf den Leim gehen, ein Unbehagen an manchen Veröffentlichungen. Wir müssen das als Warnung verstehen und verstärkt daran arbeiten, wieder wahrhaftiger zu berichten” [also doch Lügenpresse].

Es ist natürlich üble Hetze, Bürger als Deppen zu diffamieren, die Rattenfängern auf den Leim gehen, so wie es üble Hetze ist, die Pegida samt und sonders als Rattenfänger zu diffamieren. Entsprechend hat er recht, der Herr Konken, Lügenpresse ist insofern falsch, als Lügenpresse unvollständig ist. Erst mit dem Zusatz Diffamierungspresse ist Lügenpresse richtig!

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Meldet sich die FU-Berlin als erste Universität wissenschaftsfrei?

“No one would have believed in the first decade of the 21th century, that we were being watched keenly and closely by intelligences smaller than average.” [Adaptation von HG Wells]

Manchmal muss man sich vergewissern, dass man im 21. Jahrhundert lebt. Regelmäßig, wenn das Wort “Berlin” in irgend einem Zusammenhang auftaucht, bekommt man Zweifel und muss auf die zurückgestellte Sommeruhr schauen, die mit Datum und Jahreszahl, versteht sich.

Dieses Mal hat uns der Hinweis eines Rechtsanwalts und ScienceFiles-Lesers (bei dem wir uns herzlich bedanken) auf eine Pressemeldung des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg erreicht.

Gegenstand der Pressemeldung ist Axel Aino Schleusener, Vorsitzender Richter am Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg. Schleusner soll(te) Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin, im Fachbereich Rechtswissenschaften werden, so hat es sich der Fachbereich gewünscht.

FU BErlin

Statt “Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit” sollte die FU-Berlin langsam “Ideologie, Willkür, Gleichschaltung” im Logo führen.

Damit er das werden kann, muss er vom Akademischen Senat der Freien Universität Berlin mehrheitlich unterstützt werden und genau diese Unterstützung wurde dem Richter verwehrt.

Was ist passiert?
Ist der Vorsitzende Richter am Landesarbeitsgericht fachlich nicht geeignet, um Studenten zu unterrichten?

Angesichts der Tatsache, dass an der FU-Berlin seit 20 Jahren ein Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) unterhalten wird, kann das Kriterium “fachliche Eignung” bei der Ablehnung von Aino Schleusner keine Rolle gespielt haben, so denkt man und wird bestätigt:

Der Mann, der Richter, der Arbeitsrichter, er hat eine Vergangenheit und einen dunklen Fleck auf seinem weißen Richterhemd, ein dunkler Fleck, den der Akademische Senat der FU-Berlin gefunden hat.

Wir schreiben das Jahr 2008: Die Supermarktkette Kaiser’s kündigt einer Kassiererin fristlos, die Pfandbons im Wert von 1,30 Euro zu Lasten ihres Arbeitgebers unterschlagen hat. Richter Aino Schleusner hält die Kündigung für gerechtfertigt und urteilt entsprechend: Das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei zerstört.

Der Fall “Emmely”, er hat damals, 2008, Teile der Republik in ihren Grundfesten erschüttert, jene Teile der Republik, die bei Dieben nicht von deren Handlungen auf ihren Charakter zu schließen können glauben, während sie bei Richtern, Bankern und anderen ideologischen Feinden mit 100%iger Sicherheit den entsprechenden Schluss und ohne zu Zögern ziehen. Denn: Erste Regel des Gutmenschentums – ein Gutmensch ist mit den Schwachen, also mit denen, die er als schwach ansieht und unter sich ansiedelt.

Zweite Regel des Gutmenschentum: Ein Gutmensch verfolgt diejenigen, die er als Feinde der Schwachen ansieht, unerbittlich, ohne Gnade und auch noch im Jahre 7+ nach der vermeintlichen Verfehlung.

Kuehl AffenUnd so wird Axel Anio Schleusner sein Urteil aus dem Jahre 2008 vorgehalten. Nicht weil es an juristischen Maßstäben gemessen falsch gewesen wäre, sondern weil es an ideologischen Maßstäben gemessen falsch ist. Die Gruppe der Studenten im Akademischen Senat hat ein Veto gegen die Ernennung von Schleusner eingelegt. Das Emmely-Urteil hat Schleusner nämlich als Feind ausgezeichnet. Er urteilt zur Lasten der Schwachen, wenn die Schwachen eine Verfehlung begangen haben und nimmt damit den Gutmenschen jede Möglichkeit, sich gut zu fühlen, gut im Vergeben, gut im Verzeihen, gut im Entscheiden darüber, ob der Bestohlene das Recht hat, jeden weiteren Umgang mit einem Dieb zu verweigern und gut im Einbilden, dem wichtigsten Teil des Gutmenschentums: Man muss sich einbilden können, gut zu sein.

Und an einer entsprechenden Einbildung scheint es den Veto-Studenten aus dem akademischen Senat und denen, die eine Ernennung von Aino Schleusner wegen dessen Urteils aus dem Jahre 2008 verhindert haben, nicht zu fehlen. Fragt sich nur, was die Einbildung an einer Universität zu suchen hat, an einer Universität, die jedenfalls in ihrer Idealtypik ein Ort sein soll, an dem Wissen angehäuft und vermittelt und Erkenntnis erreicht werden soll.

Nicht so an der FU-Berlin.

Hier zählen keine akademischen Kriterien. Hier ist es egal, welche Fähigkeiten und Kompetenzen Aino Schleusner in die Waagschale werfen kann, welcher Nutzen durch seine Ernennung zum Honorarprofessor und seine Lehre and er FU-Berlin den dortigen Studenten entsteht. Das ist intellektueller Firlefanz.

An der FU-Berlin zählt die Ideologie. Aino Schleusner hat sich aus dem Kreis der Gutmenschen entfernt, indem er Recht nach den Buchstaben angewendet hat und nicht in der Weise, wie es die Willkür der Gutmenschen erfordert, jene Willkür, deren Zweck vornehmlich darin besteht, das eigene Ego aufzublasen.

“Die getroffene Entscheidung [die Ablehnung von Aino Schleusner]”, so schreiben die Richter des Landesarbeitsgerichts in ihrer Pressemeldung, “stellt jedoch nach Auffassung des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg eine sachwidrige Maßregelung des betroffenen Richters dar, die weder durch die universitäre Selbstverwaltung noch durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt wird. Sie schaden nicht nur der Unabhängigkeit der Justiz, sondern auch der Qualität und Unabhängigkeit der universitären Lehre”.

Das ist eine vornehme, vermutlich justitiable Art und Weise zu umschreiben, dass der ideologische Mob die Herrschaft an der FU-Berlin, zumindest im dortigen akademischen Senat übernommen hat. Wissenschaftliche Kriterien sind dort außer Kraft gesetzt, es herrscht die gerade opportune Auslegung der dehnbaren ideologischen Lehre. Ziel ist es, eine Gleichschaltung in Ideologie zu bewirken, die verhindert, dass Richter Urteile fällen, die mit dem Recht, aber nicht mit der Ideologie konform sind. Eine Beseitigung der richterlichen Freiheit. Ziel ist es weiter, die universitäre Lehre in ideolgischer Gleichsschaltung zu vernichten und nur noch den Einheitsbrei des eigenen Glaubensbekenntnisses zuzulassen.

Auf dem Weg zur Wissenschaftsfreiheit ist die Freie Universität durch diese Abstimmung im Akademischen Senat schon ein gutes Stück voran gekommen. Es würde uns vor diesem Hintergrund nicht wundern, wenn sich die FU-Berlin demnächst zur wissenschaftsfreien Zone, sich als “wissenschaftsfrei” erklärt.

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“Wir sind für Meinungsfreiheit, aber … ” – Anonyme Parteilinge von der traurigen Gestalt

Man sollte abends nicht mehr in die Mailbox sehen. Dort findet man nur Hinweise auf “deutsche Zustände”. Der folgende Hinweis stammt von einem alten Mann mit Blog:

“Wir fordern daher die Universität Witten / Herdecke auf, Daniele Ganser wieder auszuladen und sich von ihm und seinen Thesen zu distanzieren. Wir sind für Meinungsfreiheit, halten aber die Kongresse und die Verschwörungstheoretiker-Szene, in der er sich bereits freiwillig regelmäßig bewegt, für einen passenderen Rahmen für seine abwegigen Thesen.”

Das schreiben die SPD Witten, Bündnis90/Die Grünen Witten, die Piratenpartei NRW (ja, die gibt es noch), die Jusos Witten, die Grüne Jugend Witten, das Antifabündnis Witten und “Trotz Allem – Soziokulturelles Zentrum Witten”. Sie fordern es in einem offenen Brief, und sie fordern mit Bezug auf einen Vortrag von Daniele Glaser mit dem Titel: “Wer kontrolliert die Vierte Gewalt?

Witten herdeckeNa dann, kann man nur sagen, und dem Rektor der Universität Witten/Herdecke empfehlen, diesen offenen Brief, der nicht einmal eine Unterschrift trägt, weil das die Übernahme von Verantwortung bedeutet und man sich heute lieber hinter Organisationen versteckt, wenn man feige andere beschimpft, dann kann er den “offenen Brief” getrost ad acta legen. Denn: Wer sind schon die SPD oder die Jusos oder die Grünen oder ihre Wittener Jugend, und was haben sie mit der Universität Witten-Herdecke zu schaffen?

In jedem Fall sind diejenigen, die nicht mutig genug sind, mit ihrem Namen zu unterschreiben und denken, ihre Organisation verleihe ihnen das ansonsten fehlende Gewicht, an Universitäten im Allgemeinen und der Universitäten Witten/Herdecke vollkommen irrelevant.

Doch verweilen wir kurz bei der Anklage, die Daniele Ganser im offenen Brief von unbekannten Parteilingen, denen der Mut zur Verantwortung fehlt, gemacht wird.

Verfehlung 1:
Daniele Ganser untersucht Verschwörungstheorien und sagt, sie seien Erklärungsansätze, über die man in der Wissenschaft diskutieren müsse.

Verfehlung 2:
“Daniele Ganser tritt regelmäßig mit anderen bekannten Verschwörungstheoretikern auf, so etwa mit Jürgen Elsässer, dem Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins Compact …”

Verfehlung 3:
“Das Publikum, das sich von Gansers Thesen angesprochen fühlt, dürfte dementsprechend zum größten Teil aus PEGIDA- und AfD-Anhängern und einem irrlichtenden Verschwörungstheoretikermilieu bestehen”.

Die Anklage ist leider rechtsfehlerhaft und belegt erhebliche intellektuelle Probleme auf Seiten der Ankläger:

Verfehlung 1: Damit hat Daniele Ganser recht. Der Gegenstand wissenschaftlicher Analyse und der Wissenschaft an sich, besteht darin Aussagen über die Wirklichkeit aufzustellen und zu prüfen. Wenn es möglich ist, aus Verschwörungstheorien Hypothesen abzuleiten, die der empirischen Prüfung zugänglich sind, dann sind die entsprechenden Verschwörungstheorien Gegenstand wissenschaftlicher Beschäftigung und sofern die Hypothesen falsifizierbar und nachvollziehbar sind: wissenschaftlich.

Logik der ForschungVerfehlung 2: Ein plumper Fehlschluss, denn die Tatsache, dass Ganser mit “bekannten Verschwörungstheoretikern” auftritt, hat keinerlei Einfluss auf die Validität seiner Argumente. In der Logik nennt man den Fehlschluss einen Fehlschluss ad hominem. Wäre es kein Fehlschluss, dann müsste man Richter und Staatsanwälte verhaften, weil sie regelmäßig gemeinsam mit Gewalttätern, Dieben und Betrügern auftreten.

Verfehlung 3: Eine Verunglimpfung auf Basis von Phantasie, denn erstens können die anonymen Unterzeichner des “offenen Briefes” nicht wissen, wer sich vom Vortrag Gansers an der Universität Witten-Herdecke angesprochen fühlt. Zweitens obliegt es gerade den Unterzeichnern des anonymen Briefes nicht, ihre Unkenntnis darüber, wann eine Verschwörungstheorie eine wissenschaftliche Aussage begründet, auf andere zu übertragen und diesen vorzuwerfen.

Abschließend noch zur besten Stelle aus dem offenen Brief:

“Innerhalb der seriösen akademischen Welt ist es unbestrittener Konsens, dass nicht jeder kruden These unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ein Forum geboten wird.”

Wir bezweifeln, dass die Anonymen, die sich hinter den Partei- und Organisationsbezeichnungen verstecken, überhaupt eine Ahnung davon haben, was die seriöse akademische Welt ist.

Wir wissen, dass die anonymen Parteilinge keine Ahnung von Wissenschaft haben, denn die krude These, die “mutige Antizipation” wie sie Popper genannt hat, sie ist das Mark der Wissenschaft. Was denken diese Parteilinge eigentlich, woher Wandel, Entdeckungen und Entwicklungen kommen? Sicher nicht davon, dass man an Universitäten Parteiprogramme liest. Das führt eher zu einem mentalen Regress, wie man an den anonymen Unterzeichnern sehen kann, die Fehler über Fehler in die Öffentlichkeit posaunen. Dass sie indes nicht wissen, was eine “mutige Antizipation” ist, ist vermutlich kein Zufall, nicht wegen Antizipation, sondern wegen “mutig”.

Es wäre daher ratsam, dass die anonymen Parteilinge in Zukunft ihre Zuckungen beherrschen und sich aus Angelegenheiten, die sie zum einen nichts angehen und von denen sie zum anderen nicht verstehen, heraushalten.

Wen es jetzt juckt, sich den Vortrag von Daniele Ganser anzuhören, der muss auf YouTube ausweichen, denn Gansers Vortrag war heute um 18.00 Uhr, und zwar zu folgenden Thema:

“In seinem Vortrag wird Ganser zeigen, welche Recherchemöglichkeiten das Internet an die Hand gibt und wie man zwischen Fakten, Meinungen und Propaganda unterscheiden kann.

Klicken Sie, um in die richtige Richtung geschubst zu werden!

Klicken Sie, um das Lied auch akkustisch zu genießen!

Anhand konkreter Beispiele aus den letzten 25 Jahren (Krieg um Kuwait 1990, Terroranschläge vom 11. September 2001, Krieg in der Ukraine 2014/15) wird Ganser kritisch auf die Leitmedien blicken und Bausteine an die Hand geben, mittels derer sich jeder selbst ein eigenes Urteil bilden kann.”

Schade dass die anonymen Parteilinge nicht Manns genug sind, zum Vortrag zu gehen. Sie hätten dort etwas lernen können, und sie hätten dort ganz offen, ihre Kritik, sofern sie welche haben, vortragen können. Aber dazu braucht man Mut und Verantwortungsbewusstsein. Beides scheint bei den anonymen Parteilingen nicht vorhanden zu sein, wohl ebensowenig wie die Bereitschaft, zwischen Fakten, Meinungen und Propaganda zu unterscheiden.

Und dass Parteilinge nicht darauf erpicht sind, sich ein eigens Urteil zu bilden, wo doch die Partei, die Partei, immer Recht hat, ist auch offensichtlich.

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Wolfsburger Killer: Studie lastet Volkswagen mindestens 59 vorzeitige Tode an

“If only everything in life was as reliable as a Volkswagen.”
“It’s not a car, it’s a Volkswagen!”

Mit diesen Slogans hat Volkswagen im angelsächsischen Ausland seine Fahrzeuge beworben. Zeitweise hat sich Volkswagen in seinen Werbespots einen richtig witzigen und ganz und gar undeutschen “touch” gegeben.

used VwDoch das könnte alles für die Katz’ gewesen sein, denn Volkswagen steht neuerdings für Betrug, dafür, dass mit Hilfe von Software Abgaswerte vorgegaukelt werden, die nicht vorhanden sind, um die entsprechenden Grenzwerte virtuell, wenn schon nicht materiell zu unterschreiten.

Der Betrug ist zwischenzeitlich aufgeflogen und Volswagen sieht sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, alleine in den USA rund 482.000 Dieselfahrzeuge zurückzurufen und umzurüsten.

Die Kosten für die Umrüstaktion sowie die zu erwartende Strafe durch die US-amerikanische Environmental Protection Agency werden das Defizit von 3,5 Milliarden Euro im Dritten Quartal 2014 weiter steigen lassen, und ob die 6,7 Milliarden Euro ausreichen, die VW zurückgelegt hat, um die Kosten zu decken, die aus dem Abgas-Betrug entstehen werden, ist fraglich.

Und als wäre dies nicht schon genug, kommt nun noch eine Studie von MIT und der Harvard University dazu, eine Studie, die Steven Barrett, Raymond L Speth, Sebastian D. Eastham, Irene C. Dedoussi, Akshay Ashok, Robert Malina und David W. Keith in den Evironmental Research Letters veröffentlicht haben.

Die Studie trägt den Titel “Impact of the Volkswagen emissions control defeat device on US public health“. Und es ist eine gut gemachte Studie – das gleich vorweg.

Ausgangspunkt sind drei Variablen:

  • Durch den Betrug hat VW rund 482.000 Autos in den USA abgesetzt, die rund 40Mal so viel Stickoxid, Ozon und letztlich Feinstaub produzieren, wie gesetzlich erlaubt ist.

Die zusätliche Belastung durch Feinstaub haben die Autoren mit

  • Verkaufszahlen von VW für die Zeit von 2008 bis 2015 kombiniert
  • sowie mit einer Schätzung der Kilometerzahl, die ein VW im Verlauf eines Jahres durchschnittlich zurücklegt.

Auf Grundlage dieser Variablen wurden dann im nächsten Schritt die zusätzliche Belastung mit Feinstaub für Regionen der USA und auf Grundlage lokaler Verkaufszahlen berechnet und mit bekannten Daten zum Gesundheits- bzw. Todesrisiko, das von der Feinstaubbelastung ausgeht, ins Verhältnis gesetzt.

Rund 59 zusätzliche Tote durch die Feinstaubbelastung, die VW mit seinem Betrug verursacht hat, sind das Ergebnis der Berechnung. 59 Personen werden als Folge der höheren Belastung mit Feinstaub im Durchschnitt ein bzw. zwei Jahrzehnte früher sterben als sie ohne die höhere Belastung mit Feinstaub gestorben wären.

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Figure 1. Annual excess VW light duty diesel vehicle NOx emissions in kilotonnes (million kg). Results from 2008 through 2015 (blue) are estimates of actual excess emissions. Results from 2016 onward (red) are forecast based on the existing in-use vehicle fleet assuming no new sales of non-compliant vehicles from September 2015 and no retrofitting (used to calculate the benefit of a return to compliance). The shaded region indicates the 95% confidence interval. The discontinuity is due to the difference in the baseline for past (based on FTP-75 drive cycle measurements) and future (based on a return to regulatory limit) emissions. Barrett et al. (2015).

“We estimate that ~59 early deaths will be caused by 2008–2015 excess emissions with a monetized cost of ~$450m. (…) Morbidity impacts include ~31 cases of chronic bronchitis, ~34 hospital admissions, ~120 000 minor restricted activity days, ~210 000 lower respiratory symptom days, and ~33 000 days of increased bronchodilator usage.”

Die Berechnungen machen deutlich, wie wichtig es für Volkswagen sein wird, die 482.000 Volkswagen, die in den USA die Abgasnorm nicht erfüllen, so schnell wie möglich umzurüsten, um zusätzliche Kosten zu vermeiden:

“If no recall is made we estimate that the existing affected vehicles will cause ~140 early deaths from 2016, with a monetized cost of ~$910m. However, if the vehicles are recalled and brought into compliance by the end of 2016 then 93% of these deaths and 92% of the costs can be avoided. … , this means that bringing the vehicles into compliance in 2016 can avert 66% of total early deaths and 62% of monetized costs.”

Die Schätzung von Kosten in Höhe von 910 Millionen US-Dollar, Kosten, die durch den vorzeitigen Tod von Personen entstehen, sollten Volkswagen Beine machen, denn die in den USA notorisch hohen Schadensersatz- und Schmerzensgeldzahlungen sind darin noch gar nicht enthalten, und man kann sicher sein, dass findige Anwälte, die auf der Suche nach einem hohen Einkommen sind, die Angehörigen von vorzeitig an Bronchitis oder sonstigen Erkrankungen der Atemwege, die auf Feinstaub zurückgeführt werden können, Verstorbenen zusammentrommeln werden, um eine Sammelklage gegen VW anzustrengen – und das wird dann richtig teuer.

Barrett, Steven R. H., Speth1, Raymond L., Eastham2, Sebastian D., Dedoussi, Irene C., Ashok, Akshay, Malina, Robert & Keith, David W. (2015) Impact of the Volkswagen emissions control defeat device on US public health.

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