Die Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt

Es ist schon erstaunlich, wie viele ökonomische Modelle es mittlerweile dazu gibt, welchen Effekt die Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt in Deutschland haben. Noch erstaunlicher ist die große Zahl derjenigen, die genau zu wissen scheinen, welches Bildungsniveau die Flüchtlinge haben, die nach Deutschland kommen, welche Berufserfahrung, wenn überhaupt, sie mitbringen und wie einfach bzw. wie schwer es sein wird, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren und von Nettobeziehern von Transferleistungen zu Nettoerbringern von Transferleistungen zu machen.

Um so wichtiger sind die wenigen Stimmen, die regelmäßig darauf hinweisen, dass über die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, ihre Verbleibeabsichten, ihre Ausbildung, ihren soziodemographischen Hintergrund schlicht ganz wenig bis nichts bekannt ist. Wir sind eine dieser wenigen Stimmen und haben schon vor Monaten die Frage gestellt: Wer kommt da eigentlich? Bis heute hat sich kein Ministerium oder keiner derjenigen, die Flüchtlinge so unbedingt und schnell wie möglich integrieren wollen, bei uns gemeldet, um entweder die Ergebnisse unserer Befragung von Flüchtlingen zu erfragen oder sich anzubieten, die Befragung weiter unter Flüchtlingen zu verbreiten.

ScienceFiles-Umfrage-refugeesFast, dass man den Eindruck gewinnen könnte, dass Flüchtlinge Allzweck-Mittel für die unterschiedlichsten Bedürfnisse darstellen. Politiker können sie benutzen, um sich abwechselnd als großer Humanist oder intensiver Warner vor den Folgen unkontrollierter Einwanderung zu produzieren. Andere können sie nutzen, um dies und jenes zu fordern, und zwar für sich und unter dem Vorwand, dass man Flüchtlingen helfen wolle. Wieder anderer können Flüchtlinge nutzen, um sie alle unter einen Hut zu stopfen und den Hut auf einen Strohmann zu setzen, der genutzt werden soll, um Deutsche zu erschrecken.

Um so wichtiger sind, wie gesagt, Stimmen, die darauf hinweisen, dass wir nichts über die Flüchtlinge, die derzeit nach Deutschland  kommen bzw. kürzlich gekommen sind, wissen und es deshalb notwendig wäre, etwas über Flüchtlinge in Erfahrung zu bringen.

Und jetzt kommt’s: Wir loben das DIW in Berlin, nicht das ganze DIW, sondern Julia Schmieder, die sich mit dem Stand der Erkenntnis zu den Arbeitsmarkt- und Beschäftigungseffekten beschäftigt hat, die Flüchtlinge haben können oder auch nicht.

Selbst am DIW findet sich ab und zu ein Ansatz von wissen wollen, von Wissenschaft – erstaunlich.

Die Ergebnisse, zu denen Schmieder gelangt, sind – wie es beim DIW nun einmal notwendig ist, geschmeidig gemacht, damit sie politisch erträglich sind und nicht am Ende der Eindruck entsteht, das DIW beherberge kritische Wissenschaftler. Deshalb haben wir uns die Freiheit genommen, die Ergebnisse in deutliche Sprache zu übersetzen:

DIW-Original ScienceFiles-Klartext
„In der kurzen Frist können Gruppen von einheimischen Arbeitnehmern vorübergehend negativ, andere positiv durch Einwanderung betroffen sein. Die Effekte sind heterogen und werden durch die Eigenschaften der Einwanderer relativ zu denen der Einheimischen bestimmt.“ Da wir nicht wissen, wer kommt (welche Eigenschaften Flüchtlinge mitbringen, also welche Bildung, Kenntnisse, Fähigkeiten), ist alles möglich: Bringen Flüchtlinge wenig Bildung mit, haben sie Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen und wenn sie es schaffen, dann verdrängen Sie Geringgebildete in Deutschland vom Arbeitsmarkt, bringen sie viel Bildung mit, dann integrieren sie sich relativ schnell in den Arbeitsmarkt.
„Die Flexibilität der Löhne bestimmt ob der einheimische Markt über Löhne oder Beschäftigung reagiert. Die relativ starren Löhne im deutschen Arbeitsmarkt können sich nur begrenzt anpassen. Durch den 2014 eingeführten Mindestlohn sind Löhne im unteren Einkommensbereich noch weniger flexibel geworden. Dies macht Verdrängungseffekte durch Einwanderung in diesen Lohnsegmenten wahrscheinlicher und gleichzeitig Lohneffekte unwahrscheinlicher.“ Weil Gewerkschaften durch ihr Tarifdiktat es verunmöglicht haben, dass der Preis für Arbeitskraft einen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage herstellt und vor allem der Mindestlohn dazu geführt hat, dass es für Unternehmen nicht nur unrentabel, sondern schlicht unmöglich ist, Arbeitsplätze für Geringqualifizierte zu schaffen, werden Flüchtlinge, wenn sie vornehmlich aus Geringqualifizierten bestehen, die einheimischen Geringqualifizierten verdrängen. Auswirkungen auf das Lohnniveau haben Zuwanderer nicht, können sie schlicht nicht haben, denn Gewerkschaften sehen lieber die Arbeitslosigkeit steigen als das Lohnniveau sinken.
„Die langfristigen Effekte von Einwanderung sind theoretisch unklar und konnten bisher empirisch nicht überzeugend untersucht werden. Genau dies sind jedoch die Effekte, die in der öffentlichen Debatte von Bedeutung sein sollten.“ Wie sich Flüchtlinge langfristig auf den Arbeitsmarkt auswirken, das weiß niemand, will auch derzeit niemand wissen, weil Politiker und Verantwortliche sich lieber als Pro- oder Contra-Flüchtlinge produzieren, anstatt eine Bestandsaufnahme von Bildungsniveau und Qualifikation der Flüchtlinge zu machen und auf dieser Basis konkret zu planen.

Schließlich verweist Schmieder noch auf Studien aus dem Ausland, wo man nicht in vollem Gottvertrauen eine Katastrophe, die in die Richtung des Blickenden zieht, auf sich zukommen lässt, sondern versucht, über die Gewinnung von Erkenntnis Katastrophenreduzierung zu betreiben. So haben Foged und Peri (2015) für Dänemark gezeigt, dass Flüchtlinge in das untere Arbeitsmarktsegment integriert wurden, also den Markt für Geringqualifizierte, während die dänischen Geringqualifizierten in das nächst höhere Arbeitsmarktsegment übergewechselt sind. Aber natürlich hat Dänemark eine rigidere Arbeitsmarktpolitik als Deutschland und keine großzügigen Zahlungen an Arbeitslose.

Kurz: Während in Deutschland hitzig über alles Mögliche diskutiert wird, was mit Flüchtlingen zu tun hat, vergeht weiter Zeit, wandern weiter Flüchtlinge zu, gibt es weiterhin keine Informationen, die Institutionen des Arbeitsmarkt Hinweise dazu geben könnten, wo Bedarfe und wo Überschuss zu erwarten sind, der deutsche Dampfer ist weiterhin führerlos im Atlantik des Arbeitsmarktes unterwegs. Bleibt zu hoffen, dass das Wetter nicht schlechter wird.

Literatur:

Foged, Mette & Peri, Giovanni (2015) Immigrants‘ Effect on Native Workers: New Analysis on Longitudinal Data.

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7 Responses to Die Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt

  1. Pingback: [Kritische Wissenschaft] Die Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt

  2. Peter Wörmer sagt:

    Es kommt nicht nur auf Kenntnisse und Fähigkeiten, sondern auch auf Leistungswillen an.

  3. Pingback: Die Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt | psychosputnik

  4. Bobolina sagt:

    Wer braucht schon Mitarbeiter die nicht lesen noch schreiben können?
    Wohl niemand! Das betrifft den grossen Teil dieser Leute, 3% sollen nur eine Ausblidung haben. Von einer humanistischen Bildung wollen wir erst gar nicht reden.
    Dieser Kasperle-Staat hat es nicht geschafft von den unglaubliche Arbeitslosenzahlen herunterzukommen und das soll jetzt mit Hirten und Tagelöhnern gehen, dass ich nicht lache. Das ist dummes Zeug! Auf in die Welt der Krimiallität vom Miri Clan und Co. Ich sehe es schon in den Stellenazeigen, Drogenhändler in Vollzeit gesucht…

    • Erstaunlich was Sie alles wissen. Woher beziehen Sie Ihre Kenntnisse, die außer Ihnen niemand zu haben scheint, denn, wie im Text festgestellt, es gibt keinerlei Statistik über die Bildung, die Flüchtlinge mitbringen?

  5. Pingback: News 16.01.2016 | Krisenfrei

  6. Th. Körner sagt:

    Die Arbeitskräftenachfrage wurde doch gleich zu beginn der Fachverbraucherinvasion geklärt, das in Deutschland demnähst 18 Millionen Arbeitsplätze wegfallen. Bei 40 Millionen Arbeitern halbiert sich schon die Arbeitszeit.

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