Früchte des Zorns: Der Pegida-Effekt

Die deutschen Medien feiern heute den Pegida-Effekt:

“Erstmals nach sechs Jahren Wachstum sind die Touristenzahlen für die Stadt rückläufig. Insgesamt gingen im vergangenen Jahr die Übernachtungen um 3 Prozent auf 4,3 Millionen zurück, bei den Ankünften gab es ein Minus von 2,3 Prozent. Der Grund: Gäste aus dem Inland sind zurückhaltender. Ihre Zahl sank 2015 um 5,1 Prozent auf rund 3,4 Millionen.

Bei Touristen aus dem Ausland konnte Dresden dagegen zulegen. Die Zahl der Übernachtungen stieg um 6,1 Prozent auf insgesamt rund 879.000. Zu den wichtigsten Auslandsmärkten zählen demnach die USA, Schweiz und Österreich. Die Übernachtungen aus Russland brachen dagegen wegen des Rubelverfalls und der Wirtschaftskrise um knapp 28 Prozent ein.”

Dieser Text findet sich mehr oder weniger identisch, in allen deutschen Tageszeitungen von der WELT über den Merkur, die Berliner Morgenpost, die Frankfurter Rundschau bis Spiegel Online.

Dresden Marketing.pngDie Welt der Gutmenschen und Mainstream Medien, sie ist wieder in Ordnung. Endlich gibt es etwas Negatives, das man Pegida anlasten kann! Und damit es auch klar ist, hier noch einmal, damit es auch der Letzte versteht:

“Menschen haben sich in dem Zeitraum bewusst gegen einen Dresden-Besuch entschieden und ihre Privat- oder Geschäftsreise abgesagt, wie wir von Veranstaltern und Branchenvertretern wissen”, sagte DMG-Geschäftsführerin Bettina Bunge.

Nun ist die Befragung, aus der Frau Bunge diese Weisheit entnommen haben kann, bereits von Mai bis August 2015 durchgeführt worden. Und die Ergebnisse der Studie, sie wurden bereits vor einiger Zeit veröffentlich, und zwar in folgendem Tenor:

“Der Studie zufolge genießt die Markt Dresden im Vergleich zu 2010 eine stabile Attraktivität. […] Nach der Studie haben die aktuellen gesellschaftlichen Ereignisse und Strömungen das Potenzial, das Image der Stadt negativ zu beeinträchtigen. Nicht zuletzt unter anderem auch durch die Berichterstattung über die Pegida-Bewegung und ihre sogenannten ‘Montagsdemonstrationen’ hat das öffentliche Bild von Dresden – so das Ergebnis der Befragung – innerhalb Deutschlands Schaden genommen.”

Wem sich beim Lesen von “Nicht zuletzt unter anderem auch”, die Fußnägel geringelt haben, der kann sie nun wieder ausklappen und weiterlesen. Abgesehen davon, dass man sich des heftigen Eindruck nicht erwehren kann, dass man bei “Dresden Marketing” eher mit der deutschen Sprache ringt, als dass man die deutsche Sprache beherrscht, ist an dieser Stelle Folgendes wichtig:

  • Nicht auf die Pegida, sondern auf die Berichterstattung über die Montagsdemonstrationen wird das Potenzial zurückgeführt, das Image der Stadt Dresden negativ zu beeinflussen.
  • Die Berichterstattung hat zwar in der Regel Pegida zum Gegenstand, ist aber meist nicht umhin gekommen, auch die Gegendemonstrationen und die Gewalttätigkeiten am Rande der  Gegendemonstrationen anzumerken.
  • Das Potenzial, sich negativ auf das Image von Dresden auszuwirken, es geht somit nicht ausschließlich, wenn überhaupt von Pegida aus.

Der zitierte Text stammt aus dem Januar 2016. Im Februar 2016, nach Clausnitz und Bautzen, ist die Interpretation derselben Daten, die Frau Bunge vornimmt, eine andere. Warum dies der Fall ist, ist eine offene Frage. Ob man bestimmte Interpretationen bei Dresden Marketing in Auftrag geben kann, ob dpa, von denen der Text, den alle deutsche Zeitungen brav und gierig abgedruckt haben, stammt, entsprechend angefragt hat oder ob man bei Dresden Marketing von sich aus tätig geworden ist, das wissen wir nicht. Wir wissen nur, es ist unappetitlich.

Und es wird noch unappetitlicher:

Der Rückgang der Übernachtungszahlen, der der Pegida angelastet wird, er wird überall mit “Erstmals nach sechs Jahren Wachstum” eingeleitet. Das ist eine Formulierung, die stutzig machen muss. Deshalb haben wir uns bei der Stadt Dresden die Übernachtungszahlen seit 2009 besorgt. Das Ergebnis findet sich in der folgenden Abbildung:

Übernachtungen in Dresden

Nun erklärt sich auch die merkwürdige Formulierung: “Erstmals nach sechs Jahren Wachstum”: Zwar ist die Anzahl der Übernachtungen zurückgegangen, doch ist die Zahl der Übernachtungen im Jahr 2015 immer noch deutlich höher als in allen Jahren vor 2014. Überhaupt war das Jahr 2014 ein eher außergewöhnliches Jahr für Dresden, in dem die Anzahl der Übernachtungen im Vergleich zu 2013 um 7,5% angestiegen ist.

Der Rückgang in den Übernachtungen, ob er in irgend einem Zusammenhang zur Pegida steht, das ist eine Frage, auf die man nicht nur derzeit keine Antwort geben kann. Auch Frau Bunge kann das nicht, schon gar nicht auf Grundlage von Daten, die noch im Januar ganz anders interpretiert wurden. Im übrigen ist es schon seltsam, dass die Pegida inländische Gäste davon abschrecken soll Dresden zu reisen, während sie ausländische Touristen geradezu anzuziehen scheint: Ein Wachstum von 6.1% bei ausländische Gästen lässt dann, wenn man die absurde Argumentation von Frau Bunge einen Moment lang gelten lässt, nur den Schluss zu, dass die Pegida das Image Dresdens im Ausland so sehr verbessert, dass die Zahlen ausländischer Touristen, die Dresden sehen wollen, deutlich gestiegen sind (und das trotz des eingebrochenen Rubels!).

Der Pegida-Effekt, er wäre entsprechend positiv – Pegida eine Form Image-Botschafter für Dresden.

Warum es den deutschen Mainstream-Medien und der Frau Bunge plötzlich eine Herzensangelegenheit ist, den Pegida-Effekt auf Deutschland zu begrenzen, wo die internationale Presse doch genauso über Pegida berichtet wie die nationale Presse, ist eine Frage, die man wohl nur dahingehend beantworten kann, dass derzeit mit allen Mitteln daran gearbeitet wird, alle Meinungsabweicher mundtot zu machen. Offensichtlich ist dazu kein Mittel mickrig oder mies genug.

 
 

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