Nationalismus: infantiler Kampfbegriff

Plastikwörter nennt Uwe Pörksen jene Bestandteile der deutschen Sprache, die allgegenwärtig zu sein scheinen, ständig benutzt werden und von denen dennoch kaum bekannt ist, was sie eigentlich bezeichnen. Solidarität ist ein solches Wort. Nationalismus ein anderes.

Poerksen PlastikwoerterNationalismus und Solidarität, sie wirken nicht über ihren Inhalt, sondern über die Vorstellung, die man damit verbindet. Solidarität, der Begriff, den Linke so gerne im Mund führen, er zeigt an, dass man gut ist, solidarisch eben. Solidarisch sein ist kein Problem. Es bedarf einer verbalen Bekundung, zuweilen auch eines kleinen Spaziergangs durch ein paar Straßenzüge. Mehr nicht. Solidarisch kann man anstrengungslos sein.

Nationalismus wirkt auf der affektiven Ebene ähnlich, jedoch ist sein affektiver Gehalt umstritten, d.h. eigentlich ist er nicht umstritten, denn Nationalismus ist böse. Das scheint die Losung zu sein, die für den öffentlichen Diskurs an Medien aller Art ausgegeben wurde. Die entsprechende Umsetzung reicht von dem Motto „Deutschland, Du mieses Stück Scheiße“, über die absurde Verbindung von Deutschlandfahnen und Nationalismus bis zur Bezeichnung der AfD als nationalistische Partei.

Jenseits des Versuches, Worte nicht mehr über ihren semantischen Gehalt, sondern über ihre affektive Ladung zu definieren, stellen wir hier einmal die Frage: Wir wird Nationalismus definiert?

Die erste Antwort, die noch wenig über den Inhalt von Nationalismus aussagt, sie lautet: Nationalismus ist eine latente Variable. Denn: offensichtlich gibt es Nationalismus nicht bei Lidl zu kaufen, man kann ihn nicht trinken, nicht verdauen, man kann ihn nicht abwiegen oder als Ablagerung im Herzen eines Menschen feststellen. Nationalismus ist schlicht nicht existent in der materiellen Welt. Nationalismus ist ein ideelles Konzept, das, wie Gott oder die Wirkung von heilenden Steinen davon lebt, dass man daran glaubt.

Nun gibt es Sozialwissenschaftler, die angetreten sind, Nationalismus dingfest zu machen, also den Glauben an Nationalismus, wie ihn ein Teil der Bevölkerung haben mag. Zu diesem Zweck wird Nationalismus zunächst einmal als Verbundenheitsgefühl mit der eigenen Nation bestimmt. Das macht ihn nicht greifbarer, aber es macht ihn operationalisierbar, denn von einem Verbundenheitsgefühl kann man sich überlegen, wie es sich äußert und auf welche Objekte es sich richtet. Matthias Mader hat sich dies in einem Beitrag für die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie überlegt und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es eine Reihe von Objekten und Verbundenheit auslösenden bzw. ausdrückenden Indikatoren gibt.

Diese hier:

  1. Stolz auf die Art und Weise, wie die Demokratie funktioniert.
  2. Stolz auf die sozialstaatlichen Leistungen in Deutschland.
  3. Stolz auf die gerechte und gleiche Behandlung gesellschaftlicher Gruppen.
  4. Wichtig für Deutschsein: In Deutschland geboren.
  5. Wichtig für Deutschsein: Kenntnis der Sitten und Gebräuche.
  6. Wichtig für Deutschsein: Vorzug für deutsche Filme im Fernsehen.
  7. Wären Menschen in anderen Ländern wie Deutsche, die Welt wäre besser.
  8. Deutschland ist ein besseres Land als andere Länder.

Finden Sie sich wieder, als Nationalist?

Tatsächlich finden sich oben drei Dimensionen von Nationalismus: 1-3 stellen die Operationalisierung von patriotischem Nationalstolz dar. Da sich dieser Nationalstolt auf die Demokratie richtet oder den Sozialstaat, wird er von Mader positiv bewertet. Anders die folgenden beiden Dimensionen. 4-6 sind Ausdruck einer völkisch-kulturalistischen Haltung und entsprechend … Na? Negativ. Richtig. Das Adjektiv „völkisch“ bringt das Negative deutlich zum Ausdruck. Schließlich findet sich in 7 und 8 reiner Chauvisnismus, wie Mader befindet, denn wer denkt, ein deutsches Wesen ist anderen überlegen, ist ein Chauvinist, ein deutscher Chauvinist.

Die drei Dimensionen von Nationalismus machen mehrerlei deutlich: Zum einen ist Stolz nur im Hinblick auf das erlaubt, was unter Leuten, die einer bestimmten ideologischen Ausrichtung angehören, positiv besetzt ist: Demokratie, Sozialsysteme und Gleichheit, zum anderen ist es aus dieser ideologischen Ecke heraus undenkbar, dass man aus anderen als niederen Motiven der Ansicht sein könnte, in Deutschland geboren zu sein, deutsche Sitten und Gebräuche zu kennen oder wertzuschätzen, sei für die Bestimmung „deutsch“ wichtig oder dass es tatsächlich jemanden geben könnte, der deutschen Filmen im Fernsehen den Vorzug geben will (so unwahrscheinlich es auch ist). Entsprechend steht die Bewertung dessen, was man messen will, am Anfang der Messung, was deutlich zeigt: Hier wird nicht das Konzept des Nationalismus operationalisiert, hier werden die eigenen Stereotype und Bewertungen davon, was Nationalismus sein soll, operationalisiert – damit Nationalismus aus der eigenen ideologischen Ecke heraus negativ bewertet werden kann.

Hätte ein Angehöriger eines anderen ideologischen Lagers versucht, Nationalismus zu operationalisieren und messbar zu machen, er wäre zu gänzlich anderen Indikatoren gelangt und zu einer gänzlich anderen Bewertung der entsprechenden Indikatoren.

Ergo ist Nationalismus ein Konzept, das man nicht (mehr) deskriptiv fassen kann. Sofern es jemals ein deskriptives und damit ein nützliches Konzept war, hat es in der öffentlichen Diskussion der letzten Jahre solchen Schaden genommen, dass man es nicht mehr verwenden kann, es sei denn, man verfolgt als Wissenschaftler keine deskriptive, sondern eine normative Zielsetzung, will also nicht Forschen was ist, sondern entweder beklagen, was ist oder vorgeben, was sein soll. Weder das Beklagen von Zuständen noch die Normierung dessen, was sein soll, ist Wissenschaft. Ersteres gehört in den Bereich von Ideologie und Politik und, Letzteres ist reine Ideologie.

Entsprechend kann man zu keinem anderen Urteil als dem kommen, dass Nationalismus, wie viele andere Begriffe, z.B. der Begriff der Solidarität oder der Begriff der sozialen Gerechtigkeit, nurmehr politischer Kampfbegriff ist, der keinerlei sinnvolle inhaltliche Bestimmung mehr erfahren kann. Er gehöret in den Bereich der Wortmagie, denn diejenigen, die sie verwenden, hoffen, bei den Adressaten entweder panisches Erschrecken oder verbale Liebkosung auszulösen. Da die Kommunikation unter Erwachsenen eine Argumentation bzw. den Austausch von Begriffen mit einem kognitivem Gehalt voraussetzt, ist die weite mediale und vermeintlich wissenschaftliche Verwendung der entsprechenden Plastikwörter oder Kampfbegriffe – wie Nationalismus oder Solidarität – nichts anderes als ein neuerlicher Beleg für die Infantilisierung der deutschen Gesellschaft.

Mader, Matthias (2016). Stabilität und Wandel der nationalen Identität in der deutschen Bevölkerung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Online Publication.


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4 Responses to Nationalismus: infantiler Kampfbegriff

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  2. ein stein says:

    Ja klar, warum einfach, wenn es auch umständlich geht – man kann dabei erwünschte Ideologien transportieren und unerwünschte verbergen. Mein guter alter Webster bietet dagegen nur zwei einfache Definitionen für Nationalismus an:

    N1: An extreme form of patriotism marked by a feeling of superiority over other countries

    N2: Advocacy of political independence for a particular country

    Dazu benötigt man noch die Definition des Patriotismus:

    P: Vigorous support for one’s country

    Und schon laufen die Punkte 1-6 nicht mehr unter Nationalismus, sondern unter schlichtem altbackenen, von positivem Denken durchzogenen Patriotismus. Und selbst die „extreme Form“ des Patriotismus 7-8, den man wohl Nationalismus nennen sollte, bringt in seiner Albernheit noch die Idee der Entwicklungshilfe in Richtung „schlechterer Länder“ hervor.

    Wer sich als „Nationalist“ aber nur in der Unterstützung der (politischen) Unabhängigkeit des eigenen Landes wieder findet, kommt bei Mader gar nicht vor.

    Diesem Wunsch nach Souveränität geht nämlich ein intuitives Gemeinschaftsgefühl voraus – eine eigenständige Identität, die man bei Kurden, Samen, Basken oder Tibeter selbstverständlich für schützenswert hält, nur bei den Deutschen nicht. Die sollen alles aufgeben, ihren hart erarbeiteten mäßigen Wohlstand, ihre Souveränität und sogar ihre Identität – zugunsten von sie sukzessive ersetzenden Völkern mit einer über alle Landesgrenzen hinausgehenden Identität (Muslime, zum Beispiel).

    Nur ihr Vertrauen in die EU sollen sie nicht aufgeben – sie sollen sein wie Gänse mit einem unerschütterlichen Glauben an den höheren Sinn einer Daunenfabrik.

  3. Theo Kruse says:

    Leider sind die aktuellsten Zahlen von Herrn Mader aus 2014. Sollte man Meinungsäußerungen von Lesern/Konsumenten deutschsprachiger Blogs, Presseerzeugnisse und dem ÖR auch nur ein kleines bißchen Relevanz zugestehen, müßte der Herr Mader wohl spätestens ab Mitte 2015 einen DEUTLICHEN Niedergang seiner als Anzeichen für “positiven Nationalismus” gedeuteten Indikatoren 1-3 konstatieren.

    Der Indikator 4 “Wichtig für Deutschsein: In Deutschland geboren.” ist ja total widersinnig! Ein Völkisch Denkender würde ein auf einem deutschen Flughafen bei der Zwischenlandung per Notgeburt zur Welt kommendes Kind zweier Chinesen ohne deutschen Pass wohl kaum als Deutschen ansehen!
    Der würde ein Geburts-Kriterium für’s Deutschsein wohl eher mit “Kind deutscher Eltern” verknüpfen (so, wie es lange Zeit gehandhabt wurde und m.M.n. auch logisch ist).

    Insgesamt zeigen Studien wie diese, wie man langsam, aber stetig den Wertecanon in bestimmte, politisch gewünschte, Richtungen verschieben kann. Ist das noch Social engeneering oder schon etwas Erweitertes, in Richtung totalitär abgleitendes?

  4. “Toleranz” ist ein anderes Beispiel für eines dieser Wörter, welche ich eher als Gummiwörter bezeichne, weil ihr Begriffsinhalt beständig verformt zu werden scheint. Ich glaube vor ca. 10-15 Jahren ging dieses Wort verstärkt im Sprachgebrauch auf, natürlich ordentlich ideologisch aufgeladen. Ich finde es immer wieder amüsant andere zu fragen, was denn Toleranz eigentlich bedeutet. Mit der eigentlichen Definition, die nicht zufällig mit dem rein technischen Begriff Toleranz (bspw. -grenze) sinnverwandt ist, hat da bisher keine einzige Antwort etwas zu tun gehabt.

    Was speziell das Wort Nationalismus anbelangt, orientiere ich mich an rudimentären Kentnissen anderer Sprachen (meistens Latein) sowie Etymologie.

    Nation – soviel wie Volk, Land oder Staat – oder im üblichen Kontext betrachtet: Staatsvolk. Eines der drei notwendigen Elemente eines Staates (neben Staatsgewalt und Staatsterritorium).
    “-Ismus” normalerweise ein Zusatz für Ideologie oder politische Theorie.

    Die Kombination aus beidem beschreibt entsprechend eine politische Theorie bzw. ein Konkglomerat aus Ideen in Bezug auf eine Staatsform. Es lässt sich sogar aus dem Begriff selbst sofort ersehen auf welche Staatsform es sich bezieht: den Nationalstaat (als Gegensatz zu den damals gängigen Königreichen, Kaiserreichen, etc).
    Oder kurz formuliert, beschreibt Nationalismus erstmal nicht sehr viel mehr als ideelle / politische Anhängerschaft zur Staatsform Nationalstaat.

    Chauvinismus, Patriotismus, völkischer-Kulturalismus, etc. sind lediglich Assoziationen mit Nationalismus bzw. einem der Bestandteile eines Nationalstaates: Dem Staatsvolk bzw. der Nation.
    Für diese existieren unterschiedliche theoretische und faktische Kriterien. Eric Hobsbawm’s Kriterien sind ein mir bekanntes Beispiel dafür.
    Da definiert sich eine Nation entweder über eine gemeinsame aber variable politische Haltung oder über kulturelle Eigenschaften wie Sprache oder Ethnie. Die USA ist ein Beispiel für Ersteres, Deutschland ein Beispiel für Zweiteres (obwohl man seit mehreren Jahrzehnten daran arbeitet, diese Kriterien zu ändern, mit nachvollziehbar mäßigem Erfolg). Daher kommt meiner Ansicht nach auch die schnellere Assoziation von Chauvinismus sowie Kulturalismus mit der dt. Nation als bspw. mit der amerik. Nation.

    Lange Rede kurzer Sinn: Nationalismus ist für mein Dafürhalten im üblichen Sprachgebrauch eine Verwechslung von negativen Assoziationen zur Nation bzw. soll es diese beschreiben, obwohl es dem Wort nach nur Anhängerschaft zur Staatsform Nationalstaat beschreibt.

    Abschließend noch ein gemeines Argument gegen Indikator #8.
    Die freiwillige Entscheidung in irgendeinem Nationalstaat zu leben, impliziert notwendig, dass man den jeweiligen Nationalstaat gegenüber anderen präferiert. Sonst würde man ja alles daran setzen im jeweilig präferierten Nationalstaat leben zu können. Faktisch bzw. durch konkludentes Handeln sind wir also alle chauvinistische Nationalisten, die das jeweilige Land in dem sie leben, für das beste halten.
    Auch sich immer gern als kosmopolitisch gebende, und Deutschland bei jeder Gelegenheit verächtlich machende Gutmenschen, Linke, Grüne und der Rest. Interessanterweise auch Migrationshintergründler der x-ten Generation, die eigentlich nichts und niemand davon abhält ihren Lebensmittelpunkt bspw. wieder in die schöne Türkei oder in die ach so tolle polnische Heimat zurückzuverlagern. Wird aber nicht gemacht… warum wohl… Chauvinisten! ^^

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