Münchner Amoklauf – Ursachen, keine Ursachen, Unsinn

10 Tote, 16 (27) Verletzte, die Bilanz eines Amoklaufes in München.

Nachdem sich der Schock gesetzt hat, finden sich zwischenzeitlich die Hobby-Wissenschaftler, Brachial-Psychologen und Willkür-Kausalisten ein, um ihre Meinung darüber zu geben, was denn die Ursache des Amoklaufs von München sei.

Der Minister des Innern, de Maizière zum Beispiel:

de maiziere„Der Bundesinnenminister lehnte rasche Debatten über gesetzgeberische Reaktionen auf die Bluttat mit insgesamt zehn Toten ab. “Heute ist nicht die Stunde für Konsequenzen, schon gar nicht, wo die Ermittlungsergebnisse noch nicht vollständig vorliegen.” De Maizière machte brutale Internetvideos und Computerspiele für Gewaltexzesse wie in München mitverantwortlich.“

Innenminister de Maizière weiß, dass er und all die anderen, die den Amoklauf nicht als Täter miterlebt haben, nichts über die Motive des Täters, seine Gründe, die Ursachen für seine Tat sagen können. Zeit für Spekulationen also: Brutale Internetvideos und Computerspiele sind schuld an Gewaltexzessen wie dem in München. Wenn es darum geht, Unsinn zu erzählen, dann ist de Maiziére immer vorne mit dabei.

Um es an dieser Stelle noch einmal zu sagen: Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass der Spieler von brutalen Computerspielen oder der Seher von brutalen Internetvideos deshalb zum Amokläufer wird. Um zu sehen, dass hier kein Zusammenhang besteht, muss man eigentlich nur die Zahl derer, die die entsprechenden Spiele spielen und Filme sehen, mit der Zahl der Amokläufer in Verbindung bringen. Ein Amokläufer, Millionen Spieler … Selbst dem Bundesinnenminister sollte auffallen, dass er mit seiner Aussage vollkommen daneben liegt.

Wenden wir uns daher relevanten Dingen zu, z.B. der Frage, ob der Gewaltexzess in München, so alleine steht, wie ihn der Bundesinnenminister, der doch jede Gelegenheit nutzt, um über die Verschärfung von Gesetzen nachzudenken, gerne stehen lassen will.

Die Geschichte der Amokläufe, sie ist auch für Deutschland schon etwas länger:

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    Glock 9mm

    Am 4. September 1913 hat Ernst August Wagner zuerst seine Frau und seine vier Kinder in Degerloch ermordet, um dann nach Mühlhausen zu fahren und mit einer Mauser C96 neun Passanten zu erschießen.

  • Am 11. Juni 1964 hat Walter Seifert in einer Kölner Schule mit einem Flammenwerfer, einer Lanze und einem Morgenstern 10 Menschen getötet und 22 verletzt.
  • Am 24. Dezember 1996 hat Heidrun Erika Jung zwei Handgranaten während der Christmette in einer evangelischen Kirche in einem Vorort von Hoechst gezündet und zwei Menschen getötet und 13 weitere verletzt.
  • Am 26 April 2002 hat Robert Steinhäuser mit einer Pistole (9mm Glock) und einer Shotgun (Mossberg 590) 16 Lehrer, Schüler und einen Polizeibeamten in Erfurt erschossen und eine weitere Person verletzt.
  • Am 11. März 2009 hat Tim Kretschmer in Winnenden und Wendlingen 15 Menschen mit einer Pistole (Beretta 9mm) erschossen und 9 verletzt, darunter Lehrer, Schüler und Autoverkäufer.
  • Am 22. Juli 2016: Ali David Sonboly erschießt 10 und verletzt 16 Menschen in München.

Wie man der Aufstellung entnehmen kann, kommen Amokläufe immer einmal wieder vor. Sie stellen, wenn man so will, Freak Events dar, was erklärt, warum bei Amokläufern schnell der Schluss gezogen wird, dass sie nicht mehr alle beisammen haben, dass sie psychisch gestört sind.

Die Erklärung über eine psychische Störung findet sich regelmäßig in der Literatur:

A. L. Carlisle hat 1993 vom Divided Self geschrieben, das nach seiner Ansicht die Ursache für Serienmörder und Amokläufer darstellt, als Erklärung also Schizophrenie angeboten.

C. Ray Lake (2014) hat die Annahme, dass Amokläufer schizophren sind, in Frage gestellt und argumentiert, dass sich Amokläufer durch eine bipolare Störung auszeichnen.

edison failureIn eine etwas andere Richtung geht die Erklärung von Arthur H. Garrison aus dem Jahre 1996. Garrison schließt an Fredric Wertham an, der 1937 die Theorie der Catathymic Crisis aufgestellt hat. Die Krise ist letztlich ein Prozess, in dem sich die geistige Störung eines Amokläufers oder eines Serienkillers so steigert, dass der Druck nur noch durch eine extreme Handlung, das Erschießen anderer Menschen gelöst werden kann. Da die entsprechende Aktion nur eine kurze Erleichterung der geistigen Störung bringt, wird ein Amokläufer wieder töten, bis er selbst getötet wird.

Adam Lankford (2014) ist aufgrund seiner Analyse von Amokläufern zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich bei Amokläufern um Menschen handelt, die alle Charakteristiken eines Selbstmörders aufweisen, die jedoch nicht alleine sterben wollen. Der Suizid wird von geistigen Störungen oder persönlichen Lebenskrisen ausgelöst, was dazu führt, dass ein Amokläufer nicht nur sich, sondern auch anderen Menschen umbringt, kann Lankford nicht angeben.

Robert L. Hale (1993) ist der Ansicht, dass Amokläufer ihr Verhalten erlernen. Entsprechend sieht er einen Amoklauf nicht als irrationales Ereignis an, sondern als Ereignis, das aus Sicht des Amokläufers eine logische Abfolge aufweist und rational erklärt werden kann. Die rationale Erklärung ist eine idiosynkratische, die die jeweiligen Lebensumstände des Amokläufers berücksichtigen muss. Auch Eric Madfis (2016) ist der Ansicht, dass Amokläufe keine sinnlosen Ereignisse darstellen. Vielmehr könne man Muster und Beweggründe finden, die unterschiedliche Amokläufer teilen. Die geteilten Muster, die Hale anbietet, beziehen sich auf die sozialen Klasse, die Lebensumstände und die soziale Einbindung der Amokläufer, sind also dermaßen grob, dass sie nicht unbedingt weiterhelfen.

Ramachandran (2001) hat einen Catch-All-Ansatz entwickelt und Amokläufer als Menschen mit Problemen in der Kindheit, mit Schwierigkeiten in der Schule, mit mentalen Problemen, mit sozialer Entfremdung und vielen anderen Variablen in Verbindung gebracht. Was Ramachandran indes nicht erklären kann: wieso unter all den Menschen, die z.B. Probleme in der Kindheit hatten, nur selten einer ist, der Amok läuft.

Schließlich hat Eric Harris, der gemeinsam mit Bennet Klebold am 20. April 1999 das so genannte Columbine (Colorado) Schulmassaker ausgeführt hat, in dessen Verlauf 13 Menschen getötet und 24 verletzt wurden, in sein Tagebuch geschrieben:

“… don’t blame my family, they had no clue and there is nothing they could have done, they brought me up just fucking fine, don’t blame toy stores or any other stores for selling us ammo, bomb materials or anything like that because it’s not their fault … don’t blame the school … just because we went on a killing spree doesn’t mean everyone else will …” (zitiert in Knox, 2012) „

Vielleicht muss man es aushalten, dass es immer einmal wieder einen gibt, der durchknallt und um sich schießt. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, die wir zusammengetragen haben, legen diesen Schluss nahe, denn eine Erklärung dafür, dass Amokläufer Menschen umbringen, hat alle wissenschaftliche Forschung bislang nicht zustande gebracht. Wir wissen schlicht nicht, was den Ausschlag gibt, damit aus einem geistig oder psychisch Gestörten oder einem potentiellen Selbstmörder ein Amokläufer wird.

Halt, stimmt nicht: Thomas de Maizière weiß es: Computerspiele sind die Ursache, sind das, was aus einem Schizophrenen oder einem Borderliner einen Amokläufer macht. De Maizière muss es wissen, denn er scheint ein intellektueller Amokläufer zu sein.

Literatur

Carlisle, A. L. (1993). The Divided Self: Toward an Understanding of the Dark Side of the Serial Killer. American Journal of Criminal Justice 17(2): 23-36.

Garrison, Arthur H. (1996). The Catathymic Crisis: An Explanation of the Serial Killer. Journal of Police and Criminal Psychology 11(1): 5-12.

Hale, Robert L. (1993). The Application of Learning Theory to Serial Murder or You Too Can Learn to be a Serial Killer. American Journal of Criminal Justice 17(2): 37-45.

Knox, Sara (2012). Random School Shootings, Teen Culture and the Representation of Violence. In: Saltmarsh, Sue, Robinson, Kerry H. & Davis, Cristyn (eds.). Rethinking School Violence. Berlin: Springer, pp.149-166.

Lake, C. Ray (2014). Psychotic Rampage Murderers, Part II: Psychotic Mania, Not Schizophrenia. Psychiactric Annals 44(5): 226-235

Lankford, Adam (2014). Précis of the Myth of Martyrdom: What Really Drives Suicide Bombers, Rampage Shooters, and Other Self-Destructive Killers. Behavioral and Brain Sciences 37(4): 351-362.

Madfis, Eric (2016). In Search of Meaning: Are Schools Rampage Shootings Randim and Senseless Violence? Journal of Psychology (online first).

 


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