Forscher fordern: Benzinpreis erhöhen!

Dass wir das noch erleben müssen.
Es ist, als wären wir in der Zeit zurück gebeamt worden.

Montreal, 1998: 13. Weltkongress der International Sociological Association.
Sektion soziologische Theorie; Vortrag aus Deutschland; Ergebnis der Anwendung der Rational Choice Theorie; Wenn es regnet, dann fahren weniger Studenten mit dem Rad zur Universität, vielmehr nutzen Sie den Bus oder die Straßenbahn.

Wow. Wer hätte das gedacht?

Und warum tun sie das?

Damit sie nicht nasswerden.

ISANun verpacken wir die ganze Trivialität noch in eine entsprechende Sprache und sehen, dass die Entscheidung, mit dem Rad zur Universität zu fahren, von Randbedingungen beeinflusst wird, die die Kosten für die Verwendung des Rades bei gleichzeitigem Konstanthalten des Nutzens steigen lassen. Das Prinzip der Nutzenmaximierung besagt, dass man die Alternative wählt, die mit der höchsten Wahrscheinlichkeit den größten Nutzen erbringt. Eh voilá. Ein perfektes Beispiel dafür, wie man Trivialitäten unter Missbrauch von Theorien zu einem Popanz stilisiert, der die Augen derer tränen lässt, die tatsächlich an wissenschaftlicher Erkenntnis interessiert sind und die entsprechenden Theorien zur Erklärung von sozialen Tatsachen benutzen, nicht dazu, die eigene Einfallslosigkeit zu kaschieren.

Reisen wir wieder in die Jetzt-Zeit.
Informationsdienst Wissenschaft; 3. August 2016: Höhere Benzinpreise animieren zum Umstieg auf das Rad – aber nur in Städten!

Wow. Wer hätte das gedacht.

Aber eine Trivialität bleibt selten allein:

“Ein Anstieg der Benzinpreise um einen Euro würde die Nutzung von Fahrrädern in privaten Haushalten um 14,4 Prozentpunkte erhöhen, allerdings nur in urbanen Räumen. In ländlichen Räumen ist dagegen kein signifikanter Effekt zu erwarten. Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer aktuellen RWI-Studie, der rund 16 300 Beobachtungen zum Mobilitätsverhalten deutscher Haushalte für die Jahre 1999 bis 2013 zugrunde liegen“.

Und deshalb:

Prof Facepalm„Auf Basis dieser Ergebnisse schlagen wir vor, die Kraftstoffpreise weiter zu erhöhen“, so die Autoren der Studie, Prof. Manuel Frondel und Prof. Colin Vance. Dies würde nicht nur die Autofahrer zum Umstieg auf das Rad bewegen, sondern auch zu zusätzlichen Steuereinnahmen führen. „Diese Einnahmen könnte die Politik dazu benutzen, das Radfahren sicherer und angenehmer zu machen, indem sie zum Beispiel in zusätzliche, gut markierte Radspuren auf den Fahrbahnen investiert, die die Radfahrer deutlich von den Autofahrern trennen.“

So einfach geht das. Und die Radfahrerlobby reibt sich natürlich die Hände ob dieses Coup der angeblichen Forscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V.

Natürlich ist diese Form des politisch-korrekten Nudgings, dessen Zweck darin besteht, Bürgern vorzuschreiben, was sie zu tun haben und sich selbst bzw. seinen Auftraggebern oder Kumpanen ein nettes Nebenverdienst zu verschaffen, mit einigen Problemen behaftet, deren Übersehen man früher mit dem Elfenbeinturm, in dem Wissenschaftler vermutet wurden, erklärt hat. Eine Erklärung, die dem Tunnelblick, der heutige angebliche Wissenschaftler auszeichnet, nicht mehr gerecht wird.

Der Tunnel, an dessen Ende Radfahren als einzig erstrebenswertes Ziel zu finden ist, das mit keinerlei Nachteilen verbunden ist, er scheint sich in einem entsprechenden Kurzschluss von Neuronen in den Forschergehirnen wiederzuspiegeln, der sich daraus erklärt, dass Forscher in der Regel in Städten wohnen, sich für links halten, die entsprechende politisch-korrekte Etikette herbeten können und deshalb denken, wenn sie der Etikette entsprechen, erhalten sie Brownepunkte.

Nun ist Radfahren im universitären Umfeld sehr verbreitet und auch im städtischem Umfeld recht einfach zu bewerkstelligen, da die Entfernungen meist nicht der Rede wert und die Geländeverhältnisse in der Regel die Steigungen vermissen lassen, die für viele ländlichen Gebiete Normalität sind. Immerhin gestehen die Forscher den ländlichen Miesepetern, die das Rad trotz höherer Benzinpreise nicht in gleicher Weise mehr nutzen würden, wie die städtische Vorhut der Radfahrerschicht, zu, dass auf dem Land die „Entfernungen größer sind“. Mehr nicht.

Ein weiteres Denken findet nicht statt. Und so fragt sich niemand, wie der Arbeiter auf dem Land in seine Fabrik gelangt, wie der Bauer auf sein Feld, wie die Materialien, die man außerhalb von Universitäten für die Ausübung des eigenen Berufes benötigt, auf das Mountainbike geschnallt werden können, und wie man es bewerkstelligen kann, als Lehrer auf dem Land mit dem eigenen Rad und über teilweise von landwirtschaftlichem Verkehr eingeschlämmte Straßen in einem Zustand zur Schule zu gelangen, der einem nicht zum Gespött der eigenen Schüler werden lässt.

Derartig komplexe Gedanken daran, dass die Umwelt auf dem Land nicht der der Stadt entsprechen könnte, noch komplexere Gedanken daran, dass es selbst in einer Stadt Menschen geben soll, die anders als Universitätsangestellte nicht das Privileg genießen, in Freizeitklamotten am Arbeitsort erscheinen zu können, sie sind den beiden Professoren, ohne jeden akademischen Titel, Frondel und Vance, nicht nachvollziehbar [Früher war zum Professor eine akademische Qualifikation, die man in Form einer Dissertation und einer Habilitation nachgewiesen hat, notwendig. Heute kann offensichtlich jeder … [Beliebiges einsetzen] zum Professor ernannt werden.]

LandstrasseDenken wir an Montreal, dann werden wir heute reumütig, denn die damals Vortragenden, sie haben sich immerhin noch die Mühe gemacht, ihre Einfallslosigkeit mit dem Versuch, einer theoretischen Ummäntelung zu versehen. Die heutigen Ideologen, die sich bei Interessenverbänden und Regierungen andienen und für andere eben einmal einen höheren Benzinpreis beschließen wollen, machen sich nicht einmal diese Mühe, vermutlich einfach deshalb, weil sie es nicht können, sie sind ja schon mit dem Gedanken überfordert, dass es Menschen geben könnte, die nicht die Vorteile von Universitätsangestellten genießen.

In welcher Zeit leben wir eigentlich, in der sich angebliche Wissenschaftler dadurch hervortun, dass sie überlegen, wie man seine Mitmenschen politisch-korrekt schädigen könnte, in der es ihr Wichtigstes zu sein scheint, sich als politisch-korrekte Langweiler bei den Lobby- und Politikergruppen anzudienen, denen sie politisch nahe stehen und oft genug finanziert werden?


Helfen Sie uns dabei, ScienceFiles vom Hobby zum fest etablierten Blog zu machen. Machen Sie mit beim ScienceFiles-Projekt.

Mit Ihrer Spende können Sie dazu beitragen, dass wir uns nicht mehr nur nebenbei um ScienceFiles kümmern können und uns dem, was wir investigative Wissenschaft und angewandte Sozialwissenschaft nennen, voll widmen können.

Paypal:

PAYPAL

Spendenkonto:
Wir empfehlen Transferwise, um die horrenden Bankgebühren deutscher Banken zu vermeiden.

  • Bank: Tescobank plc.
  • Accountname: ScienceFiles-Account
  • BIC: TPFGGB2EXXX
  • IBAN: GB40TPFG40642010588246
  • Kontoinhaber: Michael Klein
  • Bankgebühren umgehen mit Transferwise
Print Friendly, PDF & Email
10 Comments

Leave a Reply to Volker Cancel reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Translate »