Wissenschaft der Tätowierung

Wenn man so alt ist, wie wir das sind, dann sind Tattoos eher etwas, was man mit ehemaligen Insassen von Gefängnissen in Verbindung bringt. Deviante Graphik, so könnte man diese Form von BodyArt, wie das wohl heute heißt, nennen. Wenn man wie Dr. habil Heike Diefenbach ethnographisch gebildet ist, denkt man an die Maori … Bleiben wir aber in Deutschland: Dass aus dem Erkennungszeichen der Knackis heute eine akzeptierte Form des, je nach Sichtweise Selbstausdrucks oder der Selbstverunstaltung geworden ist, ist wohl das, was man sozialen Wandel nennt.

Indes hat schon William Ogburn auf das cultural lack hingewiesen. Manche Einstellungen halten sich auch nach dem sich sozialer Wandel vollzogen hat. Unsere zum Beispiel, die Tattoos eher als Knastart, denn als Bodyart bewerten. Scheinbar halten sich diese Einstellungen nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen, bei Arbeitgebern zum Beispiel. Eine Reihe von Studien hat zwischenzeitlich gezeigt, dass Tätowierte auf dem Arbeitsmarkt eine geringere Chance auf eine Anstellung haben, als nich-Tätowierte (z.B. Dilllingh & Kooreman, 2016 oder Baumann, Timming & Gollan, 2016).

Eine Tätowierung hat diesen Studien zu Folge einen Effekt, der einem teilweisen Selbstausschluss vom Arbeitsmarkt gleichkommt.

Das ist so nicht richtig, behauptet Andrew Timming von der University of St. Andrews, der seine Ergebnisse gerade (am 7. September) bei einer Konferenz der British Sociological Association vorgestellt hat. Er hat 192 Managern zwei Portraits von potentiellen Bewerbern auf einen Job gezeigt und sie gebeten, den Bewerber auszuwählen, den sie am ehesten einstellen würden. Ein Bewerber hatte einen sichtbaren Tattoo am Hals, einer hatte keinen.

Ergebnis: In einer Studie bevorzugten die Manager tätowierte Bewerber, in einer Studie nicht. Tätowierte wurden eher als Barkeeper akzeptiert und eher als Bedienung abgelehnt.

Aus seinen Ergebnissen schließt Timming, dass Tätowierte nicht generell auf dem Arbeitsmarkt Nachteile hätten, sondern auch Vorteile, was sicher stimmt. Indes muss ergänzt werden, dass sich die Vorteile bislang nur dann materialisieren, wenn sich Tätowierte als Barkeeper bewerben, einfach, um bei Tätowierten keine allzugroßen Hoffnungen zu wecken.

Wer also Barkeeper werden will, der sollte sich tätowieren lassen. Es erhöht seine Chancen auf eine Anstellung. Wie groß die Schnittmenge zwischen Barkeepern und ehemaligen Insassen von Gefängnissen ist, hat Timming übrigens nicht untersucht. Er teilt wohl nicht unserer Einstellung.


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5 Responses to Wissenschaft der Tätowierung

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  2. hgb says:

    “…sind Tattoos eher etwas, was man mit ehemaligen Insassen von Gefängnissen in Verbindung bringt.”

    Wo bleibt die Romantik? Da gibt es doch noch auch die Seeleute, so wie Popeye…

  3. Klaus says:

    Als Fußball – Jungprofi scheinen intensive Tätowierungen geradezu Pflicht zu sein. Leider sind diese Jungs für viele andere Vorbilder. Die tappen dann in die Falle.

    • Bill says:

      in einigen Jahren wird fast jede(r) tätowiert sein, dann fällt auf wer nicht tätowiert ist. Wobei großflächige Tattoos im Alter nicht ansehnlicher werden.
      Und bei manchen Menschen aus der Ballonseidenfraktion beginnt “Alter” schon mit 30 Lenzen.

  4. Heiner says:

    Und der Ritter Kuniblau
    hat `ne tätowierte Frau.
    Wenn er nachts nicht schlafen kann,
    schaut er sich die Bilder an.

    🙂

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