Ende eines Mythos: Faschismus gibt es rechts UND links

Oder sprechen wir besser von Dogmatismus, also der Unfähigkeit, die eigene Überzeugung der Realität anzupassen oder dem Versuch, die Realität der eigenen Überzeugung anzupassen. Ersteres kann man im Versagen kommunistischer Systeme beobachten, die Abweichung vom Siebenjahresplan als Fehler im kommunistischen System zu erkennen. Letzteres kann man im Versagen faschistischer Systeme sehen, die eigenen Bürger nach den Vorstellungen der Ideologie zu verbiegen oder zu erziehen.

Dogmatismus muss früher oder später scheitern, entweder an der Realität von Armut oder an der Tatsache, dass es immer wieder Bürger gibt, die trotz aller Anstrengung, sie zu systemtreuen Bürgern zu erziehen, zu systemkritische Bürgern geblieben sind.

Die Forschung zu Faschismus und Dogmatismus hat eine durch einen historischen Zufall bedingte Schieflage. Als Theodor Adorno dazu genötigt wurde, gegen seine Überzeugung empirische Sozialforschung zu betreiben, um seinen Lebensunterhalt im US-amerikanischen Exil zu verdienen und sich die entsprechende empirische Forschung, an der zudem Daniel J. Levinson, R. Newitt Sanford und Else Frenkel-Brunswik beteiligt waren, als sehr erfolgreiche empirische Forschung unter dem Titel „Studien zum autoritären Charakter“ herausgestellt hat, wurde damit eine Korrelation begründet, die anschließend zu einem fast perfekten Zusammenhang von Faschismus und Rechts geworden ist .

Studien AdornoDenn: Adorno, Sanford, Levinson und Frenkel-Brunswick haben versucht zu erklären, welche charakterlichen Dispositionen dazu geführt haben, dass Nazi-Deutschland möglich war. Die Studien zum Autoritären Charakter und vor allem die in diesem Kontext entwickelten Skalen (z.B. die berühmte F-Skala zur Messung von Faschismus und ihre Teilskalen) haben sich in der Folge zum Standard der Messung von Rechtsextremismus entwickelt oder zur Grundlage, auf der andere Skalen zur Messung von Rechtsextremismus entwickelt wurden. Damit wurde eine Äquivalenz zwischen Dogmatismus und Faschismus, zwischen Intoleranz und Feindseligkeit gegenüber anderen und rechtem Extremismus begründet, der in der deutschen Forschung bis heute in einer nahezu Ausschließlichkeit fortwirkt, die beschämend ist.

Faschismus muss rechts sein. Intoleranz muss rechts sein. Dogmatismus und autoritäre Charakterzüge finden sich ausschließlich rechts auf dem ideologischen Spektrum, so kann man die brachiale Verkürzung der ideologischen Welt, wie sie in Deutschland beforscht wird, zusammenfassen.

Ein von Milton Rokeach in den 1960 Jahren ausgeführter Zwischenruf mit dem Titel, „The Open and the Closed MInd“, in dem Rokeach angemerkt hat, dass Dogmatismus und Faschismus nicht nur rechts, sondern und fast noch häufiger links zu finden sind, ist (zumindest in Deutschland) weitgehend ungelesen geblieben.

Statt dessen wird seit einigen Jahre der Unsinn auf die Spitze getrieben und der Rechtsextremismus mit einer Reihe von so genannten Mitte-Studien in die politische Mitte übersiedelt. Dahinter steckt ganz offensichtlich der Versuch, die linke Seite des politischen Spektrums zu einer Art Walhalla der Heiligen zu erklären, die in purem Altruismus und auf blanken Füßen über die Wasser des Lebens lustwandeln, um sich hier und dort zu den Gebrechlichen am Ufer zu neigen, und Gutes zu tun.

Rokeach omindDass es wieder verstärkt Forschung gibt, in der gezeigt wird, dass Faschismus und Dogmatismus in keiner Weise auf die rechte Seite des politischen Spektrums begrenzte Phänomene sind, dass die linke Seite des Spektrums vielmehr in gleicher Weise borniert und intolerant ist, ist erfreulich, dass die entsprechende Forschung nicht aus Deutschland stammt, ist wenig verwunderlich.

Eine relativ neue Untersuchung zur Frage des Faschismus/Dogmatismus kommt aus den Niederlanden und wurde von Jan-Willem van Prooijen und André P. M. Krouwel gerade in „Social Psychological and Personality Science“ veröffentlicht.

Van Prooijen und Krouwel messen darin dogmatische Intoleranz, einen Teilaspekt der autoritären Persönlichkeit, die Adorno et al. untersucht haben, also den Kern von Faschismus, und zwar über die folgenden Aussagen:

  • Ich finde, jeder sollte so denken wie ich.
  • Wenn jeder über eine Sache so nachdenken würde wie ich das tue, dann käme jeder zur selben Meinung wie ich.
  • Leute, die über Dinge anders denken als ich, sind minderwertig.
  • Wie ich über Dinge denke, ist die Wahrheit.
  • Es macht mir Angst, wenn Menschen etwas anderes denken als ich.
  • Ich treffe selten Leute, die eine andere Meinung haben als ich.

Wer diesen Aussagen sechsmal zustimmt, hat sich zum dogmatisch-intoleranten Faschisten qualifiziert. In drei Untersuchungen haben Proojien und Krouwel die sechs Aussagen insgesamt 1.037 Probanden vorgelegt und eine Reihe unterschiedlicher Fragen untersucht. Dabei kamen sie u.a. zu den folgenden Ergebnissen:

  • Dogmatische Intoleranz ist unter jungen Probanden häufiger als unter alten Probanden.
  • Dogmatische Intoleranz ist unter deutschen Probanden häufiger als unter niederländischen Probanden.
  • Mit der Stärke der affektiven Bindung an eine politische Überzeugung wächst die dogmatische Intoleranz.
  • Mit zunehmender dogmatischer Intoleranz steigt – wenig überraschend – die Bereitschaft, das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken.

Das für diesen Post wichtigste Ergebnis lautet: Dogmatische Intoleranz, und damit der Kern von Faschismus, findet sich nicht nur auf der rechten Seite des politischen Spektrums, sondern auch auf der linken Seite des politischen Spektrums. Man kann dieses Ergebnis, das wir täglich anhand von linksextremer Intoleranz und Bereitschaft, die Meinungsfreiheit von Menschen mit anderer Überzeugung einzuschränken, in Aktion sehen, gar nicht häufig genug wiederholen:

prooijen-2016-dogmatic-intolerance

van Prooijen & Krouwel, 2016: 4

“… the left and right extremes reported stronger dogmatic intolerance than the political center. This suggests that, above and beyond content, extreme ideologies predict increased dogmatic intolerance” (7)

Damit wird mit einiger Verspätung gerade gerückt, was zu einem grundlegenden Mythos in vor allem der deustchen  Gesellschaft geworden ist: (Extreme) Linke sind keine besseren Menschen als (extreme) Rechte. Beide sind in der Intoleranz, mit der sie anderen gegenüber treten und im Dogmatismus, mit dem sie sich im Besitz der ewiggültigen Wahrheit wähnen, gleich. Sie sind beide Faschisten.

Van Prooijen, Jan-Willem & Krouwel, André P. M. (2016). Extreme Political Beliefs Predict Dogmatic Intolerance. Social Psychological and Personality Science. DOI: 10.1177/1948550616671403


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Unbeabsichtigte Folgen? Wie der Mindestlohn private Initiative zerstört

Im sächsischen Arzberg gibt es ein Tierheim, das auf eine private Initiative zurückgeht. Seit 2001 kümmern sich zwischen zwei und drei Freiwillige um Vera M. Besler um Fundtiere, um Igel, Katzen und Kaninchen und haben seit ihrer Gründung rund 1.500 Katzen in ein neues Zuhause vermittelt.

ArzbergInitiativen, wie die aus Arzberg sind das, was eigentlich die Zivilgesellschaft, von der Politiker so gerne schwadronieren, ausmacht. Denn die Zivilgesellschaft wird nicht von den Leuten getragen, die in staatlich geförderten Projekten staatlich vorgegebene Themen bearbeiten oder sich in staatlich gewünschter Weise innerhalb eines staatlich gesetzten Rahmens als Feigenblatt für so genannte Bürgerbeteiligung hergeben.

Eine Zivilgesellschaft entwickelt sich unabhängig vom Staat. Sie funktioniert auf Basis von Privatinitiative und basiert auf Privatinitiative, so wie das Tierheim in Arzberg, das einigen der Betreiber von ScienceFiles persönlich als eines der wenigen sauberen, gut geführten Tierheime in Deutschland bekannt ist, bei denen man nicht das Gefühl hat, man müsse die Tiere aus diesem Tierheim retten, wie dies z.B. im Tierheim Leipzig der Fall ist, das eher einer Gruft für Tiere als einem Tierheim gleicht und in dem Tiere verwaltet werden, weil die Kommune Geld dafür zur Verfügung stellt.

Das Tierheim Arzberg erhält keine Förderung von irgend einer Kommune. Die Arzberger leben von dem Geld, das ihnen gespendet wird, von wenigen Sponsoren, Paten und ab und an von einer zweckgebundenen Förderung. Derzeit wird das Tierheim, in dem rund 100 Tiere beherbergt werden, von zwei Personen, Vera M. Besler und Monika Finn im Alleingang betrieben. Sie kümmern sich um alles. Sie füttern die Katzen, reinigen die Räume, in denen sich die Katzen aufhalten, leeren die Katzenklos, überwintern nebenher Igel, versorgen die anderen Tiere, die sich noch im Tierheim befinden (Vögel, Kaninchen …) und machen dies rund um die Uhr. Urlaub ist etwas, das beide nicht mehr kennen, seit Jahren nicht mehr. Sie tun, was sie tun, um der Tiere willen, die sie aufgenommen haben. So sieht private Initiative aus. Das ist der Ausdruck einer Zivilgesellschaft.

Der Mindestlohn ist das Mittel, diese Form von privater Initiative zu zerstören.

Wer sich in seinem Leben schon einmal um Tiere gekümmert hat, der weiß, das zwei Personen, die zudem nicht mehr die jüngsten sind, nicht in der Lage sind, sich um gut 100 Tiere zu kümmern, nicht einmal, wenn sie rund um die Uhr arbeiten. Deshalb müssen sie, von den Geld, das dem Tierheim gespendet wird und nicht für den Unterhalt der Tiere und des Heims aufgewendet werden muss, Minijober finanzieren.

Bei einem Stundenlohn von 8,50 Euro würden wir für einen Minijob für 150 Euro gerade mal für 17 Stunden im Monat jemanden einstellen können. Das wären vier Stunden in der Woche. Das würde uns nicht helfen. Wir bräuchten jeden Tag Hilfe, doch das ist finanziell für unseren Tierschutzverein zur Zeit nicht zu stemmen“, rechnet Vera M. Besler grob durch und fügt hinzu: „Wir werden auch nicht jünger. Ausfallen darf von uns keiner, es ist schon jetzt kaum zu schaffen.“

Was keiner der Funktionäre in Politik und Gewerkschaften kennt, schon weil es keinen interessiert, sind derartige Beispiele, die zeigen, wie Mindestlohn dazu führt, private Initiative zu ersticken und auf lange Sich unmöglich zu machen. Ob dies der absichtlichen Ignoranz der entsprechenden Funktionäre geschuldet ist oder ob ihnen ein Staat vorschwebt, in dem nur noch passiert, was im staatlichen Plan vorhanden ist und z.B. als staatlich geförderte Zivilgesellschaft von Politikern angesehen wird, ist weitgehend egal, denn letztlich steht in jedem Fall am Ende eine zivilgesellschaftliche, standardisierte Wüste.

Man kann sich diese Wüste gut vorstellen, wenn man sich die Themen vergegenwärtigt, die Politiker derzeit interessant finden. Dies wären die Themen, die in einer Gesellschaft, in der private Initiative nicht mehr möglich ist, als Möglichkeit eines zivilgesellschaftlichen Engagements angeboten würden. Allein die Vorstellung reicht dazu aus, die Nackenhaare zu stellen, und wem sie sich nicht stellen, der soll sich die Spießigkeit und Trostlosigkeit des öffentlichen Lebens in der ehemaligen DDR vor Augen führen. Dann stellen sich seine Nackenhaare.

Maßnahmen wie ein Mindestlohn, der in einem rigide verfassten Arbeitsmarkt wie dem deutschen, so etwas wie der Todesstoß für wirtschaftliche Privatinitiative ist und mit erklärt, warum Deutschland zu den Ländern mit der geringsten Quote von Selbständigen gehört, machen das öffentliche Leben ein Stück trostloser und führen dazu, dass echtes zivilgesellschaftliches Engagement bald unmöglich sein wird.

Den Funktionären in Parteien und Gewerkschaften, deren Ziel wohl in einer kompletten Gleichschaltung der Gesellschaft besteht, wird es recht sein.

Privaten Initiativen, die mit viel Einsatz an Zeit und mit viel persönlichen Opfern verbunden sind, machen die staatlichen Gängeleien den Garaus. Wer dazu beitragen will, dass Initiativen wie das Tierheim in Arzberg überleben können, wer dem Tierheim als Sponsor unter die Arme greifen will oder eine der im Tierheim lebenden Katzen, die nicht vermittelt werden können, weil sie alt, krank oder Menschen nicht gewöhnt sind, als Pate finanzieren will, der kann dies hier tun und sich als Mitglied der Zivilgesellschaft, wie sie von staatlichen Stellen nicht gewollt ist, zeigen.

Wer Lust hat, auch anderen Folgen eines Mindestlohns nachzulesen, der kann das hier tun:
Wirtschaft f Dummies

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