The Last Stand: Sozialdemokratischer Volkssturm

Bei der SPD glaubt man, einen neuen Messias gefunden zu haben:

 

Die Schwarzen, das sei all denen gesagt, die es nicht wissen, das ist die CDU, damit sind keine Schwarzen gemeint ‚Äď hoffentlich. Nein, es sind damit keine Schwarzen gemeint, denn Martin Schulz, um den es hier geht, er ist nicht als neuer Entwicklungsminister im Gespr√§ch, er ist Kanzlerkandidat der SPD.

Kanzlerkandidat. Das Wort ist eine Reminiszenz an Zeiten als die SPD noch in die N√§he von 40% gekommen ist und ihren Spitzenkandidaten mit einiger Berechtigung als Kanzlerkandidaten bezeichnen konnte. Derzeit d√ľmpelt die SPD aber bei etwas mehr als 20% in den Umfragen. Sie wissen schon: Wenn am n√§chsten Sonntag Bundestagswahl w√§re ‚Ķund so weiter. 20% sind zu wenig, um Kanzler zu werden. Das wei√ü auch Martin Schulz, trotz seiner jahrelangen Abwesenheit in der Europ√§ischen Enklave, in der Wahlprozente keine Rolle bei der Besetzung von Spitzenposten der Verwaltung spielen.

Deshalb hat sich Martin Schulz hohe Ziele gesetzt: Zur stärksten Kraft bei der Bundestagswahl will er die Genossen machen, Bundeskanzler will er werden. Warum nicht. Es gab schon unwahrscheinlichere Konstellationen. Selbst Gefreite aus dem ersten Weltkrieg haben es zum Reichskanzler gebracht, bar jeder formalen Bildung und nur mit der Kraft des eigenen oder zugeschriebenen Charisma bewaffnet.

Charisma. Hat Martin Schulz Charisma, jene Qualität die weibliche Wähler in Tränen ausbrechen lässt, wenn sie ihren Polit-Helden auch nur aus der Ferne sehen, jene Qualität, die männliche Wähler mit Stolz die Parteifahne tragen und die Reihen schließen lässt?

‚ÄěC h a r i s m a t i s c h e H e r r s c h a f t‚Äú, so hat Max Weber geschrieben, ist Herrschaft ‚Äěkraft affektiver Hingabe an die Person des Herrn und ihre Gnadengaben (Charisma), insbesondere: magische F√§higkeiten, Offenbarungen oder Heldentum, Macht des Geistes und der Rede. Das ewig Neue, Au√üerwerkt√§gliche, Niedagewesene und die emotionale Hingenommenheit dadurch sind hier Quellen pers√∂nlicher Hingebung. Reinste Typen sind die Herrschaft des Propheten, des Kriegshelden, des gro√üen Demagogen. Der Herrschaftsverband ist die Vergemeinschaftung in der Gemeinde oder Gefolgschaft. Der Typus des Befehlenden ist der F √ľ h r e r. Der Typus des Gehorchenden ist der J √ľ n g e r‚Äú (Weber 1988: 481-482).

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Plakat aus dem Jahre 1949 – Man beachte den Umfang Deutschlands

Um W√§hlerstimmen kraft Charisma einzusammeln braucht es somit z.B. magische F√§higkeiten. Zum einen leben wir in aufgekl√§rten Zeiten, zum anderen ist Martin Schultz nicht einmal mit viel gutem Willen der Gro√üe Martini. Bleiben Offenbarung oder Heldentum. Die Offenbarung, dass Martin Schulz der von den SPD-Getreuen lange erwartete sozialistische Messias ist, mag unter Genossen auf offene Ohren sto√üen, vor allem in Schleswig-Holstein soll das der Fall sein, aber im Kreise normaler B√ľrger, wird die Offenbarung eher taube Ohren vorfinden. Heldentum? Ans√§tze von Heldentum. Wer in dieser Zeit bereit ist, Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender der SPD zu sein, der muss Z√ľge von Heldentum haben, etwa in der Weise, in der der naive Siegfried Heldenz√ľge hatte. Bleiben die Macht des Geistes und der Rede. Beides ist kaum zu trennen, nicht einmal durch die Nutzung eines Ghostwriters und f√ľr beides sieht es nicht sehr gut aus:

‚ÄěWir werden die Wahlen in diesem Jahr richtig spannend machen‚Äú, verspricht Schulz, mit Themen wie Steuergerechtigkeit, also dem alten Appell an den Neid, will er die Wahl spannend machen. Und mit der Warnung vor Populisten will er die Wahl spannend machen, etwa so: ‚ÄěRattenf√§nger versuchen, auf dem R√ľcken von Fl√ľchtlingen Kapital zu schlagen. Das ist sch√§ndlich und absto√üend‚Äú. Reiner Populismus, wenn nicht gar Hate Speech, was Martin Schulz hier von sich gibt, selbstreferentieller Populismus noch dazu, denn er versucht aus Fl√ľchtlingen Kapitel zu schlagen. Er thematisiert Fl√ľchtlinge. Will sich als guten Menschen inszenieren, der gut zu Fl√ľchtlingen ist, sie f√ľr seine Zwecke benutzt, versucht, ‚Äěauf deren R√ľcken‚Äú, wie er sagt, ‚ÄěKapital zu schlagen‚Äú. Kapital schl√§gt man √ľbrigens nicht auf, sondern aus etwas. Aber das nur nebenbei. Nein. Die Verbindung von Macht des Geistes und der Rede k√∂nnen wir auch streichen. Es bleibt schlicht nichts, was als Charisma durchgehen w√ľrde.

Bleibt die Hoffnung, ohne Charisma zur st√§rksten Partei zu werden. Um zur st√§rksten Partei zu werden, muss die SPD die CDU/CSU √ľberholen, die derzeit bei rund 35% liegt. Von den 22% der SPD aus gesehen, ist also ein Zugewinn von 60% W√§hlerstimmen notwendig, um st√§rkste Partei zu werden. Das ist ein Ziel, das man getrost in das Reich der Illusion und absurden Hoffnung verbannen kann.

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Wahlplakat von 1920

Reiner Dinkel hat in den 1970er Jahren eine Theorie nach Deutschland gebracht, die recht erfolgreich ist, wenn es darum geht, den Ausgang von Hauptwahlen, also z.B. von Bundestagswahlen vorherzusagen. Diese ‚ÄěNebenwahltheorie‚Äú sieht einen zyklischen Verlauf der Stimmanteile regierender Parteien. Den Tiefpunkt in der W√§hlergunst erreichen Regierungsparteien regelm√§√üig in der Mitte der Legislaturperiode. Bis ungef√§hr zur Mitte der Legislaturperiode verlieren die Regierungsparteien in einem normalen Zyklus an Stimmanteilen, ab der Mitte gewinnen sie wieder hinzu. 41,5% hat die CDU/CSU in der Bundestagswahl 2013 erreicht, bei rund 35% wird sie derzeit gef√ľhrt. Die SPD hat ein Ausgangsniveau von 25,7% und liegt derzeit bei gut 22%, Bis zur Bundestagswahl sind es noch ein paar Monate hin und mit der der Nebenwahltheorie kann man eine recht gute Vorhersage des Ausgangs der Wahlen treffen. Die CDU/CSU wird in die N√§he von 38% gelangen, die SPD in die N√§he von 24%. Das Ziel von Martin Schulz, die SPD zur st√§rksten Partei zu machen, auf der Grundlage der Nebenwahltheorie ist es ein illusorisches Ziel.

Kein Charisma, keine Aussicht, auch nur ann√§hernd in die N√§he von 30% zu gelangen. Das Unterfangen ‚ÄěMehrheit und Kanzlerschaft‚Äú der SPD, es wirkt mehr wie das letzte Aufgebot, wie der Volkssturm der 2017er Jahre. Ein verzweifelter Versuch, den Niedergang einer ehemaligen Volkspartei dadurch zu stoppen, dass man die glorreichen vergangenen Tage beschw√∂rt und diejenigen ins Rennen schickt, die man in guten Zeiten nicht an die Wahlfront geschickt h√§tte, Leute wie Martin Schulz, z.B., die sich daf√ľr hergeben, in aussichtsloser Wahlschlacht verheizt zu werden und die sich freuen, als Sonnenk√∂nig bis zur Wahl gefeiert und in der Wahl geopfert zu werden.

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