Ein Volk der Gestörten: „Sie sind süchtig, sie müssen in eine Therapie!“

Das Verwunderliche an der Moderne ist, dass es noch Menschen gibt, die tatsächlich der Meinung sind, sie seien gesund, nicht krank, nicht gestört, nicht süchtig, nicht abhängig, nichts, einfach nur nichts. Diese Menschen, die nicht begriffen haben, dass es integraler Bestandteil eines modernen Menschen ist, etwas an der Krankheitsfront vorweisen zu können, sie sind ein Ärgernis, gegen das etwas getan werden muss.

Also werden munter Krankheiten, Störungen und Süchte erfunden, die man bereits feststellen kann, wenn man ein halbes Semester in Psychologie studiert oder im Selbststudium einen Therapieberuf ergriffen hat und vom Bundesministerium für Gesundheit finanziert wird: Spielsucht, Händewaschsucht, Onlinespielsucht, Sexsucht, Internetsucht, Handysucht, Kaffeesucht, Zigarettensucht, Fitnesssucht, Schwätzsucht …

erste-hilfe-internetsuchtDer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wie einfach es ist, mit einer als Scherz gedachten Sucht, wie der Internetsucht, eine Sucht zu erfinden, die bei Politikern so sehr ankommt, dass sie Steuergelder zu Fördergeldern erklären und mit beiden Händen aus dem Fenster werfen, sieht man am Beispiel des Universitätsklinikums Tübingen. Dort hat man schon früh das Geschäft erkannt, das sich hinter der Internetsucht verbirgt, jener Sucht, die man allesgläubigen Politikern, die von wenig bis gar nichts eine Ahnung haben, so leicht unterschieben kann. Nachdem mit STICA, der Studie zur Internet- und Computersucht, bereits vom Bundesministerium für Bildung und Forschung Steuergelder eingeworben, wie das so schön heißt, werden konnten, finanziert das Bundesministerium für Gesundheit eine vom Universitätsklinikum Tübingen betriebene Online-Seite, die der Bekämpfung von Online-Sucht, von Internetsucht gewidmet ist. Wenn es darum geht, an Steuergelder zu kommen, macht man in Tübingen auch vor einem Widerspruch nicht halt, und warum soll man nicht Internetsucht mit Internetangeboten bekämpfen, Spielsucht mit Spielen, Alkoholsucht mit Alkohol, Rauschgiftsucht mit Heroin?

Eben!
Wenn es um Steuergelder geht, ist jedes Mittel recht, um an Steuergelder zu kommen.

Und so wird die erst unlängst erfundene Internetsucht auf der neuen Webseite groß inszeniert, zu einem Problem stilisiert, das furchtbare Folgen für den Süchtigen hat, der doch tatsächlich das Internet seiner Familie vorzieht. Unvorstellbar. Kern der neuen Webseite ist ein Onlinetest, mit dem jeder feststellen kann, ob er internetsüchtig ist, und zwar auf Grundlage von 14 Fragen, die jedem Sozialforscher ob der in ihnen dokumentierten Ahnungslosigkeit die Tränen in die Augen treiben, nicht Tränen der Trauer übrigens, sondern Tränen des Zorns, eine Ambivalenz, auf die wir noch zurückkommen werden.

Die 14 Fragen dienen dazu, nahezu jeden, der sie beantwortet, zum Internetabhängigen zu erklären und anschließend seinem eigentlichen Zweck zuzuführen: als Hilfesuchender zum willigen Opfer zu werden, an dem sich die Hilfe Anbietenden, die man praktischer Weise gleich auf der Homepage finden kann, eine goldene Nase verdienen.

Testen wir, ob Sie vom Internet abhängig sind, so wie das das Universitätsklinikum Tübingen finanziert vom Bundesministerium für Gesundheit tut. Wir haben den Test der Uniklinik originalgetreu übernommen, versehen ihn mit unseren methodischen Anmerkungen (oder Vernichtungen) und geben Ihnen die Möglichkeit, ihre Sucht zu erkennen, denn süchtig, das können wir Ihnen schon vor dem Test sagen, sind sie alle. Dafür sorgt der Test. Wer tatsächlich nicht süchtig ist, soll sich bei uns melden. Wir stellen ihn dann als Anomalie aus.

Und so geht’s: Für jede der folgenden Fragen stehen die Alternativen: nie, selten, manchmal, häufig und sehr häufig zur Verfügung.

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Je nachdem, wie Sie die jeweilige Frage beantworten, geben Sie sich für die Antwort „nie“ immer einen Punkt, für die Antwort „selten“ immer zwei Punkte, für die Antwort „manchmal“ immer drei Punkte, für die Antwort „häufig“ immer vier Punkte, für die Antwort „sehr häufig“ immer fünf Punkte. Addieren Sie die Punkte für alle 14 Fragen und wir sagen Ihnen unten und in Übereinstimmung mit dem Universitätsklinikum Tübingen, dass Sie süchtig sind.

Los geht’s:

(1) „Fällt es Ihnen schwer, eine Internetsitzung zu beenden, wenn Sie online sind.“

[Methodische Anmerkung: (1) die Sprache ist schon verräterisch, denn Sitzungen haben u.a. Politiker oder die Kunden von Psychiatern; (2) verstößt die Frage gegen das Gebot, eindeutige Fragen zu stellen. Da man z.B. dann, wenn man im Internet das Spiel zwischen dem BVB und Leverkusen verfolgt, eher Schwierigkeiten haben wird, die „Internetsitzung“ zu beenden als dies der Fall ist, wenn man eine Plenarsitzung im Bundestag verfolgt, ist die Frage nutzlos].

(2) „Setzen Sie ihre Internetsitzung fort, obwohl Sie gerade offline gehen wollten?“

[Methodische Anmerkung: Die generalisierte Form der Frage ist insofern Unsinn, als es fast jedem schon einmal passiert ist, dass er offline gehen wollte und dann hat sich etwas ergeben, was ihn seine Absicht hat vergessen lassen, z.B. hat er eine wichtige eMail erhalten usw.]

(3) „Sagen Ihnen andere (Freunde Familie, Bekannte), Sie sollten das Internet weniger häufig nutzen?“

[Methodisch Anmerkung: Andere mit ihren Interessen sind kein Indikator für ein problematisches Verhalten bei denjenigen, die befragt werden.]

(4) „Nutzen Sie lieber das Internet, anstatt mit anderen Zeit zu verbringen?

[Methodische Anmerkung:Hier werden Menschen pathologisiert, die es vorziehen, für sich zu sein.]

(5) „Hatten Sie Mühe sich zu konzentrieren bzw. sind Sie wegen Ihrer Internetnutzung unausgeschlafen?“
[Doppelter Stimulus; Eine der Todsünden der empirischen Sozialforschung. Es besteht keine Möglichkeit herauszufinden, worauf sich die Antwort bezieht, auf die Mühe sich zu konzentrieren, die wohl jeder schon einmal hatte oder auf die Unausgeschlafenheit wegen der Internetnutzung.]

(6) Denken Sie an das Internet, obwohl Sie nicht online sind?

[Das hat sicher jeder schon einmal getan. Die schwammige Formulierung soll dazu dienen, die Wahrscheinlichkeit für die Antwortkategorien „manchmal“, „häufig“ und „sehr häufig“ zu erhöhen.]

(7) Sehnen Sie sich nach der nächsten Internetsitzung?

[Abermals ist die schwammige Formulierung dazu gedacht, die Wahrscheinlichkeit der Nennung von „manchmal“, „häufig“ oder „sehr häufig“ zu erhöhen.]

(8) Denken Sie darüber nach, das Internet weniger häufig zu nutzen?
(9) Haben Sie erfolglos versucht, weniger Zeit im Internet zu verbringen?

[Dass jemand versucht hat, weniger Zeit im Internet zu verbringen, ist kein Kriterium für eine Sucht, denn es gibt eine Myriade von Gründen dafür: Augenprobleme, Stromkosten …]

(10) Beeilen Sie sich mit ihren täglichen Verpflichtungen, um früher online gehen zu können?

[Selbst wenn das der Fall sein sollte, wäre es kein Problem, das auf eine Sucht hinweist. Es soll Menschen geben, die Dinge aus Freude tun und deshalb die täglichen Verpflichtungen schnell hinter sich bringen wollen, wobei das Adjektiv „schnell“ keinerlei Anlass zu dem Glauben gibt, dass mit „schnell“ auch „schlecht“ einhergeht.]

(11) Vernachlässigen Sie ihre täglichen Verpflichtungen (Studium, Arbeit, Freunde, Familie], weil sie lieber online gehen?
[Dass man Verpflichtungen, z.B. Kunden oder dem Studium gegenüber, an manchen Tagen vernachlässigt, ist sicher kein Grund, auf eine Sucht zu schließen, denn es soll Menschen geben, die es sich leisten können, Verpflichtungen heute und zu Gunsten einer Vorliebe, die sie vielleicht haben, zu vernachlässigen. Die Pathologisierung dieses Verhaltens ist pathologisch.]

(12) Gehen Sie online, wenn Sie sich bedrückt fühlen?

rent-seeking-gordon-tullock-paperback-cover-art[Suggestive Frage, die das Online gehen als Mittel, um Bedrückung zu beseitigen, pathologisiert. Dieselbe Frage würde den Tübinger Verantwortlichen für diesen Blödsinn, der als Compulsive Internet-use Scale bekannt ist, nicht im Zusammenhang mit Familien einfallen: „Sprechen Sie mit ihren Eltern, wenn Sie sich bedrückt fühlen?“ Dass nur bestimmte Verhaltensweisen pathologisiert werden sollen, macht die Intention und die normative Grundhaltung hinter der Pathologisierung sehr deutlich oder wie Faust sagt: Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles …]

(13) „Nutzen Sie das Internet, um Ihren Sorgen zu entfliehen oder sich von negativen Gefühlen zu befreien?“

[Abermals ein doppelter Stimulus; ansonsten wie (12).]

(14) „Fühlen Sie sich ruhelos, frustriert oder gereizt, weil sie das Internet nicht nutzen können?“

[Wir erinnern uns an den Tag, an dem unser Provider technische Probleme hatte und wir nicht ins Internet gekommen sind. Dort haben ScienceFiles und Kundenmails gewartet, und ja, wir waren ruhelos und gereizt, aber mit Sicherheit nicht internetsüchtig.]

Geschafft.
Damit haben Sie den Mumpitz-Fragebogen „Internetsucht“, wie er vom Universitätsklinikum Tübingen im Internet vertrieben wird und vom Bundesministerium für Gesundheit finanziert wird, um die Hälfte der Bevölkerung zu Internetsüchtigen zu erklären, in Therapie bringen und auf diese Weise ein Heer von Therapeuten aus den Beiträgen der Krankenversicherten finanzieren zu können, hinter sich gebracht.

Der Beleg dafür, dass sie Internetsüchtig sind, wird nun umgehend geliefert.

Beim Universitätsklinikum Tübingen gelten Sie als internetsüchtig, wenn Sie mehr als 34 Punkte erreicht haben.

Sie haben 35 von 70 Punkten erreicht (50%)
• Laut CIUS-Fragebogen gehören Sie zu denjenigen Usern, die das Internet abhängig nutzen. Wir empfehlen Ihnen, eine Beratung aufzusuchen. Im persönlichen Gespräch können Sie sich Ihre Situation genauer anschauen und gemeinsam mit Ihrer Beraterin/Ihrem Berater über geeignete Lösungsmöglichkeiten nachdenken. In unserer Adress-Datenbank finden Sie Hilfsangebote in Ihrer Nähe.

Mehr als 34 Punkte zu erreichen, das ist problemlos möglich, wenn sie 7 der 14 Fragen mit „selten“ beantworten (macht 14 Punkte) und 7 Fragen mit „manchmal“ (macht 21 Punkte). Internetsucht liegt also schon dann vor, wenn man selten oder manchmal die Indikatoren erfüllt. Trüge man dieselben Kriterien an richtige Süchte heran, dann wäre süchtig, wer selten in Kneipen geht und dort manchmal ein Bier trinkt, wobei er selten die Kneipe der Familie vorzieht und manchmal schon gedacht hat, es wäre besser, nicht in die Kneipe zu gehen, was selten dazu geführt hat, dass er seine Kneipensitzung erfolglos vorzeitig beenden wollte und manchmal dazu, dass er in der Kneipe geblieben ist, obwohl er gehen wollte, was wiederum selten oder manchmal von seiner Familie bemängelt wurde oder von seinen Freunden, sofern sie nicht mit ihm in der Kneipe saßen. Selten war unser Kneipengänger bedrückt und manchmal hat er seine Sorgen in Alkohol ertränkt, manchmal auch gegen den Rat seiner Familie und selten hat seine Arbeit darunter gelitten, aber egal, er ist süchtig. Jedenfalls nach den Maßstäben, die die Unversitätsklinik Tübingen anlegt, um so viel wie möglich Menschen zu Internetsüchtigen erklären und an Dritte vermitteln zu können.

Ob das Universitätsklinikum Tübingen für jeden angeblichen Internetsüchtigen, den sie an das Projekt Drahtseil der inneren Mission des diakonischen Werks in Leipzig oder die AWO Jugend- und Drogenberatung Gelnhausen-Schlüchtern vermittelt, eine Provision erhält, wissen wir nicht.


Hinweise für ScienceFiles?
Schreiben Sie uns.

87% sehen Spiegel und Stürmer auf der selben Wellenlänge

Gestern haben wir unsere Leser gefragt, ob sie einen Unterschied zwischen dem Spiegel und dem Stürmer sehen. Hintergrund der Frage ist das Spiegel-Cover, das Donald Trump mit IS-Fanatikern gleichsetzt und ihn zeigt, nachdem er die Freiheitsstatue geköpft hat. Für viele Leser sind mit diesem Cover nicht nur eine Geschmacks und eine Anstandsgrenze überschritten, dieses Cover zeigt für sie auch, dass Spiegel und Julius-Streichers Stürmer nichts mehr trennt.

stuermer-spiegel-trumpVon den 1.056 ScienceFiles-Lesern, die bislang an der Befragung teilgenommen haben, sind 401 (38%) der Ansicht, es gebe keinen Unterschied zwischen dem Stürmer und dem Spiegel. 518 (49%) sind gar der Ansicht, der Spiegel sei schlimmer als der Stürmer. 114 ScienceFiles-Leser (11%) sind der Ansicht, man könne den Spiegel nicht mit dem Stürmer vergleichen, und 23 (2%) Leser haben eigene Gedanken zu unserer Befragung formuliert, z.B.: „Das Layout im Spiegel ist besser“, „Der Spiegel ist teurer“ oder „Der Spiegel nähert sich dem Stürmer“.

Damit ist das Votum im Hinblick auf das Spiegel-Cover, das Anlass für unsere Befragung war, eindeutig. Mit dem Cover, so die Meinung von 87% der ScienceFiles-Leser, macht sich der Spiegel mit dem Stürmer gemein, schon weil die Methoden in beiden Blättern dieselben sind, geht es doch nicht darum, Informationen und Argumente bereit zu stellen, auf deren Grundlage sich Leser von Spiegel oder Stürmer ein eigenes Urteil bilden können, sondern darum, den Lesern das Urteil gleich mitzuliefern, sie zu framen. Im Dritten Reich war die affektive Botschaft, die gänzlich ohne Begründung vom Stürmer verteilt wurde. Die Juden sind unser Unglück. Die Meldung, die der Spiegel mit seinem Trump-Cover verbreiten will, lautet wohl: Donald Trump ist unser Unglück. Wie beim Stürmer gibt es keinerlei Begründung.

Damit teilen Spiegel und Stürmer das Ziel, ihre Leser affektiv anzusprechen und die Abneigung gegen Donald Trump bzw. Juden zu schüren. Beide Ziele sind keine statthaften Ziele eines ernsthaften Journalismus, es sind faschistoide Ziele eines ideologisch verbrämten Journalismus, der jede Informations- und Argumentationsfunktion aufgegeben hat. Auch deshalb ist das Spiegel-Cover ein Symbol für die Armseligkeit, die Journalismus in weiten Teilen in Deutschland zur Schau stellt und für die offenen Versuche, Stimmung gegen Personen zu machen, als Surrogat dafür, dass die entsprechenden Personen derzeit dem Zugriff der Spiegel- oder Stürmer-Häscher entzogen sind.

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Was wir in diesem Zusammenhang vermissen, ist die Aufregung im Justizministerium. Heiko Maas, der keine Gelegenheit ausgelassen hat, sich gegen vermeintlich rechte Hate-Speech zu positionieren, hat nicht einem Mucks von sich gegeben, um das Cover des Spiegels als das, was es ist, zu bezeichnen: Der Ausdruck von Hass und einzig dazu intendiert, affektive Stimmung gegen Donald Trump zu machen, etwa in der Weise, wie man Stimmung macht, um einen Lynchmob zusammenzutrommeln, ein Unterfangen, das in Deutschland eine lange Tradition hat und am 9. November 1938 erstmals mit großem Erfolg und nach jahrelanger Vorbereitung auch oder gerade im Stürmer inszeniert wurde.

Keiner der Politiker [wer einen kennt, die Kommentarfunktion ist offen], die ihre besorgten Gesichter zu Gedenkveranstaltungen am Tag der Reichskristallnacht aufsetzen, hat ´den Mut aufgebracht, das Spiegel-Cover als die hasserfüllte Geschmacklosigkeit zu verurteilen, die es ist. All diejenigen, die wilde Phantasien darüber verbreitet haben, wie durch Gedankenflug eine Pegida-Demonstration zu brennenden Asylbewerberheimen geführt haben soll, scheinen die entsprechenden Phantasien zu vergessen, wenn es um den Spiegel und sein Trump-Cover geht. Und die selben Politiker sind die ersten die wollen, dass Schüler aus der Geschichte lernen.

Wie wäre es, die gegen Hate Speech Engagierten gingen mit gutem Beispiel voran und würden aus der Geschichte lernen, jener Geschichte, die zeigt, dass dann, wenn Anstandsgrenzen überschritten werden und dann, wenn affektive Stimmungsmache an die Stelle rationaler Argumentation tritt, in Deutschland alles möglich ist, auch ein Holocaust.