Sozialwissenschaften am Ende – Professor schlägt Alarm

Als es noch möglich war, wissenschaftliche Themen um der Erkenntnis willen zu behandeln, hat Thomas Kuhn ein Buch veröffentlicht, das seinerzeit einige Wellen Kuhngeschlagen hat: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Darin beschreibt er einen Zyklus der wissenschaftlichen Entwicklung, der mit der vorwissenschaftlichen Phase beginnt, in der die wissenschaftliche Methode noch nicht ausgereift und der Wissenskern, den Kuhn Paradigma nennt, noch nicht bestimmt ist. In der Normalwissenschaft ist diese Bestimmung erfolgt und die Art und Weise, in der Erkenntnis produziert wird, die wissenschaftliche Methode, ist festgeschrieben. Entsprechend ist die Normalwissenschaft dadurch gekennzeichnet, dass nützliches Wissen und Erkenntnis produziert wird, dass Rätsel gelöst werden, wie Kuhn das nennt. Doch die Normalwissenschaft gerät über kurz oder lang in Schwierigkeiten. Anomalien, Beobachtungen, die auf Grundlage des vorhandenen theoretischen Wissens nicht gelöst werden können, häufen sich. Ist der Berg der Anomalien zu hoch, erfolgt eine Revolution und ein neues Paradigma ersetzt das alte. Eine neue Normalwissenschaft tritt an die die Stelle der alten Normalwissenschaft.

Und hier irrt Kuhn.
Thomas Kuhn ist davon ausgegangen, dass Wissenschaftler ein Erkenntnisinteresse teilen. Weil sie dieses Erkenntnisinteresse teilen, haben sie alle das gleiche Interesse daran, wissenschaftliche Methoden zu bestimmen, die die Erkenntnis der Wissenschaften über die Einsichten des Alltagsverstandes erhebt. Und weil Wissenschaftler ein gemeinsames Erkenntnisinteresse haben, werden sie versuchen, den theoretischen Korpus weiterzuentwickeln (am Paradigma arbeiten, wie Kuhn das nennt), um die Menge vorhandener Erkenntnis zu vergrößern.

Kuhn konnte sich nicht vorstellen, dass einige Jahrzehnte nach der Veröffentlichung seines Buches, vor allem die Sozialwissenschaften von Ideologen überschwemmt werden, deren Interesse eben nicht darin besteht, sich auf Methoden des Erkenntnisgewinns zu einigen, die intersubjektiv und nachvollziehbar sind und es damit erlauben, wissenschaftliche Ergebnisse zu prüfen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass diese Ideologen, die nicht nach Erkenntnis suchen, weil sie sich im Besitz der Wahrheit wähnen, die Wissenschaft inkubieren und von innen heraus zersetzen, willkürlich und letztlich lächerlich machen. Kuhn konnte sich nicht vorstellen, dass Wissenschaftler zu politischen Aktivisten degenerieren, dass Studenten zu fanatisch-religiösen Anhängern von Heilsideologien werden. Und er konnte sich nicht vorstellen, dass Ideen, das Brot der Wissenschaft in erlaubte und verbotene getrennt werden. Kuhn hat im 20. Jahrhundert geschrieben und die Errungenschaften der Aufklärung, die Trennung von Wissenschaft und Kirche für unumkehrbar gehalten.

Er hat sich – wie gesagt – geirrt.
Und weil er sich geirrt hat, fehlt in seiner Darstellung die Möglichkeit, dass eine Wissenschaft, die es eigentlich in die Normalwissenschaft geschafft hat, die Methoden und Standards entwickelt hat, um den eigenen Gegenstandsbereich von Scharlatanerie und Willkür zu trennen, zurückfallen kann, in die vorwissenschaftliche Zeit, dass eine solche Wissenschaft beliebig werden kann, zum Sammelbecken für wissenschaftliche Imitatoren aller Art, die ihre Ideologen feilbieten, Sozialismus und Genderismus predigen und ihre sexuellen Störungen an Hochschulen ausleben.

Aber genau so weit ist es mit den deutschen Sozialwissenschaften gekommen. Standards empirischer Arbeit wurden aufgelöst und durch die Willkürlichkeit dessen ersetzt, was ein Wissenschaftler-Imitator gerade mag. Theorien will niemand mehr prüfen und erweitern, denn dazu wäre empirische Forschung notwendig und die betreibt kaum mehr jemand, um Hypothesen zu prüfen. Empirische Forschung findet weitgehend als Legitimationsforschung statt, die staatlichen Auftraggebern dazu dient, ihren neuesten Spleen mit vermeintlich wissenschaftlicher Forschung zu legitimieren. Die Sozialwissenschaften sind ein Sammelbecken für Unsinn aller Art geworden, ein Ort, an dem manche ihre psychische Störung ausleben, andere ihre wahre sexuelle Bestimmung finden und wieder andere gegen diejenigen agitieren, die angeblich dem falschen Glauben anhängen. Nur eines sind die Sozialwissenschaften nicht mehr: ein Ort, an dem Wissenschaft betrieben wird.

Park Junk ScienceDass dem so ist, dass dies so werden konnte, führt zu der Frage: Was haben die Professoren und Dozenten, denen etwas an ihrer Wissenschaft liegt, eigentlich während der letzten Jahre getan? Warum haben sie dabei zugesehen, dass Sozialwissenschaften mit Genderisten, Sozialisten und sexuell Deprivierten durchsetzt wurden, die ihren Glauben bzw. ihren Spleen als Wissenschaft verkaufen wollen? Warum haben sie geschwiegen, als staatliche Programme aufgelegt wurden, um Wissenschaft in Abhängigkeit von staatlichen Vorgaben zu bringen und Fakultäten mit weiblichen Professoren, die wegen ihres Geschlechts, nicht wegen ihrer Leistung über das so genannte Professorinnenprogramm berufen werden, zu durchsetzen? Warum schweigen sie so beredt, wenn Politiker sich wissenschaftlicher Themen annehmen, wenn Anhängsel von Ministerien wissenschaftliche Konzepte übernehmen und zur Unkenntlichkeit entstellen oder sich zu willfährigen Sprachrohren für die ideologische Nachricht machen, die Politiker gerade verbreiten wollen?

Warum schweigen Politikwissenschaftler, wenn im Namen des Kampfes gegen den Rassismus, die Demokratie beseitigt wird? Warum schweigen Soziologen, wenn die gesellschaftlichen Grundlagen, wie sie z.B. in einer unvoreingenommenen Kooperationsbereitschaft bestehen, von den Kämpfern für das Gute beseitigt werden? Warum schweigen Philosophen, wenn Konzepte wie Gerechtigkeit und Chancengleichheit in ihr Gegenteil verkehrt werden, um Ressourcen in die Taschen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu füllen? Warum schweigen Pädagogen, wenn Politiker und Landes-Kultus-Fürsten die Biographie von vornehmlich männlichen Schülern schon ab Schuleintritt zerstören? Warum schweigen Wissenschaftler, wenn sich ein gutmenschlicher Lynchmob aus politischen Kaderstudenten und außeruniversitären Parteiaktivisten am Leumund der wenigen Wissenschaftler vergeht, die es in Deutschland noch gibt?

Man könnte die Liste der Fragen noch über Seiten weiterführen und käme immer bei der generellen Frage an: Warum haben so wenige Wissenschaftler ein Rückgrat oder einen Arsch in der Hose?

Eine Antwort auf diese Frage hat Professor Dr. Martin Wagner zu geben versucht. Wagner ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung in Haar, und Wagner hat sich in einem Leserbrief an die FAZ, den uns ein Leser zugeschickt hat, wie folgt geäußert:

Martin Wagner“Je größer der Nähe des Professors zu heiklen Themen ist, desto mehr Druck wird er aushalten müssen, wenn er sich öffentlich jenseits vom Mainstream akzeptierter Meinungen äußert. Nicht nur der Osteuropa-Historiker Jörg Barberowski hat dies erfahren. Der Druck kommt von allen Seiten: von unreifen Studenten, intoleranten Kollegen, sich verweigernden Fachzeitschriften, von auf das eigene Wohl bedachten Universitätsleitungen und sogar von Regierungsvertretern. Der angepasste Professor ist letztlich ein Spiegelbild bildungspolitischer Fehlentwicklungen und demokratischer Defizite der Gesellschaft“.

Wir begrüßen, dass ein Professor wie Wagner den Mut hat, sich öffentlich in der zitierten Weise zu äußern. Aber Wagner macht es sich zu leicht. Professoren wollen die Bildungselite eines Landes darstellen. Entsprechend muss man gerade von Professoren erwarten, dass sie Fehlentwicklungen öffentlich machen, beschreiben, sich gegen Einflussnahme von außen, wie sie Wagner darstellt, verwahren, dass sie ihren Mut zusammennehmen und für das kämpfen, was ihnen wichtig, was ihnen Berufung ist. Dass deutsche Professoren in der Mehrheit schweigen und dabei zusehen, wie die Liste der Kollegen, die von einem Studentenmob zum Schweigen gebracht werden soll, von Politikern angefeindet werden oder von den Gutmenschen, die sich besonders gut fühlen, wenn sie Eigentum, Leumund oder körperliche Unversehrtheit Dritter beschädigen können, zur Zielscheibe auserkoren werden, immer länger wird, stellt ein grundsätzliches Versagen der Sozialwissenschaften als Institution dar. Es zeigt, Sozialwissenschaftler sind nicht geschlossen, wenn es darum geht, ihre Wissenschaft zu verteidigen. Es zeigt, in sozialwissenschaftlichen Fakultäten finden sich viele Ideologen, Opportunisten oder schlicht Inkompetente. Es zeigt schließlich, dass der methodische und theoretische Konsens, der die Sozialwissenschaften vielleicht in der Mitte der 1980er Jahre in ihrer Mehrheit einmal ausgezeichnet hat, verschwunden ist.

Die Sozialwissenschaften sind wieder vor-Wissenschaft und entsprechend ist der Versuch, sie zur Normalwissenschaft zu entwickeln, bis auf weiteres gescheitert.

Translate »
error: Content is protected !!
Haben Sie Lust auf Auseinandersetzung oder steht bei Ihnen eher der Frust durch Auseinandersetzungen im Vordergrund? Der individuelle Umgang mit Konfliktsituationen ist ein Feld, das in Deutschland nicht beforscht wird. Dr. habil. Heike Diefenbach ändert dies zur Zeit. Sie haben die einmalige Gelegenheit, daran mitzuwirken. Nehmen Sie an unserer Primärforschung teil. Wirken Sie mit an der Erstellung einer Skala zur Messung von Konfliktorientierung.   Zur Teilnahme geht es hier.
Holler Box
Skip to toolbar