Ausgelaufen: Ostermärsche sind out

Nostalgie in den Medien: “Tausende demonstrieren für Frieden und Abrüstung!”

Es ist Ostermarschzeit und diejenigen, die in den 1970er und 1980er Jahren sozialisiert wurden, sie denken mit Wehmut an die Zeit, als noch 100.000e gegen den Nato-Doppelbeschluss und natürlich für den Frieden demonstriert haben.

Wahre Happenings waren das.
Ostermarschieren war in.
Dabeisein war alles.
Gesehen werden war Pflicht.

Nun sind Ostermärsche nicht die Rolling Stones oder ACDC, die selbst als Greise noch die Massen begeistern. Ostermärsche sind out, es hat sich ausgelaufen. Da hilft auch die ultra-positive Schlagzeile: „Tausende demonstrieren für Frieden und Abrüstung“ nichts.

stell_dir_vorZwar stimmt es, dass in Stuttgart rund 2000 Leutchen zum Demonstrieren zusammengekommen sind und in München so um die 1000, aber das waren die Highlights neben denen die 600 Hanseln in Berlin oder die 50 bis 100 Engagierten, die in Kaiserslautern erwartet werden, die triste Realität des Ostermarschierens beschreiben. Linke, IG-Metall, ver.di, sie alle versuchen, Marschierer für Ostern zu rekrutieren – weitgehend vergeblich. Ostermarschieren ist out.

Niemand will mehr Ostermarschieren.

Es hat sich ausgelaufen.

Warum?

Weil das Happening fehlt. Heutigen Demonstranten muss man etwas bieten: Randale wie bald beim G20 in Hamburg. Es muss um etwas gehen, wofür es sich zu demonstrieren lohnt. Gegen Rechte oder gegen Scheißbullen oder gegen Bonzen, gegen Atomkraft, gegen Trump – dagegen kann man demonstrieren. Gegendemonstrieren. Nicht für, für Frieden, für Abrüstung.

Wer bitte, demonstriert für Frieden?

Dieselben Leutchen, die das auch schon in den 1970er und 1980er Jahren getan haben. Nur sind sie zwischenzeitlich gealtert. Äußerlich, nicht innerlich und schon gar nicht in ihrem Denken, das immer noch in der pazifistischen Idylle gastiert, in einer Traumwelt, in der es nur gute Menschen und keinen Grund gibt, sich zu bewaffnen und auf der Hut zu sein.

Und so fordern die Häuflein Ostermarschierer, die sich nach Stuttgart oder München oder Berlin verlaufen haben, Waffenexporte zu stoppen und Verantwortung für den Frieden zu übernehmen.

Das ist rührend. Fast so rührend, wie für eine Welt ohne Kriminalität, ohne Trittbrettfahrer und ohne Regen zu demonstrieren und genauso umsonst, so umsonst wie das sprichwörtliche Kinderweinen auf dem Atlantik.

Wie die Geschichte der Menschheit zeigt, gibt es immer diejenigen, die sich nicht an Regeln halten, die versuchen, sich auf Kosten anderer und wenn es sein muss auch mit Gewalt durchzuschlagen. Daran ändert kein Ostermarsch etwas.

Ostermarsch.pngAber das soll er auch nicht. Ostermärsche sind Nostalgie. Für manchen Redakteur sind sie Erinnerung an die Zeit, als er noch jung war und gelebt hat. Für die Teilnehmer sind Ostermärsche rituelle Reinigungen, aus denen sie moralisch gesäubert und gestärkt hervorgehen, und für uns Beobachter der Ostermärsche sind sie ein Zeichen dafür, dass Irrationalität nicht ausstirbt, nicht einmal dann, wenn überdeutlich zu erkennen ist, dass Gewalt ein Grundbestandteil der menschlichen Spezies ist, auf den man besser vorbereitet ist, aus Gründen der Abschreckung.

Zeit, Helmut Schmidt zu loben. Er hatte Recht. Der Nato-Doppelbeschluss und die Nachrüstung, sie waren notwendig, um den Frieden in Europa zu sichern. Und das sagen Ostermarschierer von damals.

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