Prid Mihangel’s letzte Weisheit

Das Wort zum Wochenende:

Der „Schuld-durch-Assoziation-Fehlschluss“ (Reihe: Politische Korrektheit)

Im letzten Post unserer kleinen Reihe „Politische Korrektheit“ haben wir die psychotische Argumentation dargestellt. Deren Charakteristikum ist es, dass keinerlei Bezug auf Inhalte genommen wird. Vielmehr attackiert der psychotisch Argumentierende das, was er hinter einem Argument, einer Meinung vermutet. Psychotisch Argumentierende sind nicht in der Lage, zwischen dem, was Gesagt wurde und ihrer Bewertung dessen, was Gesagt wurde, zu unterscheiden. Diese psychologische Unfähigkeit, einem Argument rational zu begegnen, hat zur Folge, dass nicht das Argument, sondern eine Reihe von Phantasmen des psychotisch Argumentierenden in den Vordergrund treten:

  • Er hetzt gegen das, was seiner Ansicht nach hinter einem Argument steht –auch wenn nichts hinter einem Argument steht oder selbst wenn etwas hinter einem Argument steht, und er nicht wissen kann, was hinter einem Argument steht, und selbst wenn er es wissen könnte, dann wäre das, was hinter einem Argument, steht doch vollkommen irrelevant für die Entscheidung der Frage der Gültigkeit des Arguments;
  • Er wendet sich gegen den, der das Argument vorgebracht hat (ad hominem), diffamiert ihn, versucht ihn lächerlich zu machen oder auf andere Weise zu diskreditieren, so als wäre die Frage, ob ein Argument richtig ist oder nicht davon abhängig, wer es vorbringt, was natürlich nicht der Fall ist.

Zwei weitere Varianten der psychotischen Argumentation sind in Deutschland sehr verbreitet. Wir fassen sie unter der Bezeichnung „Schuld-durch-Assoziation-Fehlschluss“ zusammen. Da psychotisch Argumentierende nicht in der Lage sind, rational auf Argumente zu reagieren, weil es ihr Zustand nur zulässt, emotional zu reagieren, müssen sie versuchen, Argumente auf anderen Wegen als rational zu begegnen. Zwei Methoden des Versuchs, Argumente zu diskreditieren, ohne auf sie einzugehen, haben wir oben bereits dargestellt. Zwei weitere Methoden finden sich in Behauptungen wie:

  • X schreibt auch für den Kopp-Verlag,
  • X hat der rechten Zeitung „Freie Welt“ ein Interview gegeben;
  • Was X sagt, das hat auch Adolf Hitler schon einmal gesagt;

Die drei Beispiele stehen für den Versuch, das Argument, das man rational nicht entkräften kann, dadurch madig zu machen, dass man denjenigen, der es vorgebracht hat, durch eine Assoziation mit einem negativ bewerteten Akteur (jedenfalls in den Echozimmern, in denen sich die psychotisch Argumentierenden befinden) madig zu machen versucht. Damit verbindet sich die geradezu mystische Hoffnung, dass die negative Bewertung dessen, mit dem man X in Verbindung gebracht hat, sich wie von Geisterhand geführt, auf X und dessen Argument überträgt. Dass solche psychotische Argumentationsformen nur bei Menschen funktionieren können, deren IQ nicht den normalen Standards gerecht wird, ist offenkundig.

Die Varianten, die der Schuld-durch-Assoziation-Fehlschluss annehmen kann, sind oben bereits implizit angesprochen. Er kann versuchen:

  • die Person A in Verbindung zu einem Objekt zu bringen, von dem der psychotisch Argumentierende denkt, es sei negativ konnotiert und geeignet, die Person A in Diskredit zu bringen;
  • das von einer Person A Gesagte in eine Reihe mit Gesagtem zu stellen, das von einer Person B, von der der psychotisch Argumentierende denkt, dass sie negativ konnotiert und geeignet sei, die Person A in Diskredit zu bringen.

Lehrbücher des Kritischen Argumentierens oder der Logik unterscheiden zuweilen beide Varianten als personale bzw. intellektuelle Form. Diese Unterscheidung erscheint uns, ob der Dummheit des Fehlschlusses, jedoch nicht gerechtfertigt.

Varianten dieses Fehlschlusses sind unter anderem die Versuche, der Amadeu-Antonio-Stiftung oder der Heinrich-Böll-Stiftung diejenigen, die sie als ihre ideologischen Feinde ausgemacht haben, weil sie Kritik am Genderismus äußern, in entsprechenden Prangern zu sammeln.

Der Fehlschluss kann nur in Wohlfahrtsstaaten ausgelebt werden, weil man nur in Wohlfahrtsstaaten vom Staat durchgefüttert wird und gegen jede Vernunft anleben und überleben kann.

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Antisemitismus: Alle reden davon, kaum einer weiß, was es ist

Der Bundestag hat die Einsetzung eines Antisemitismus-Beauftragten beschlossen. Der Beschluss ist allen Fraktionen leicht gefallen. Antisemitismus ist ein negativ konnotierter Begriff. Wer etwas dagegen tun will, kann sich entsprechend als „gut“ ansehen. Das wollen alle Abgeordneten. Deshalb ist die Abstimmung mit großer Mehrheit zugunsten der Einsetzung eines Antisemitismus-Beauftragten erfolgt [Durchaus ein doppeldeutiger Begriff, da Nominalverbindungen gewöhnlich Genitivverbindungen sind, es sich also um einen Beauftragten des Antisemitismus handelt. Das kann man so und so verstehen …].

Dessen ungeachtet ist Antisemitismus einer der Begriffe, in dem sich viele gerne sonnen, von denen aber nur wenige überhaupt eine Vorstellung haben, was damit gemeint ist. Dass wiederum niemand so wirklich weiß, was Antisemitismus sein soll, macht den Begriff brauchbar für diejenigen, die ihr Geld damit verdienen, dass sie sich als Kämpfer gegen das Böse aufspielen und das Dach schwammiger Begriffe benutzen, um ihre Agenda (steuerzahlerfinanziert) darunter zu packen.

So vermengt Anetta Kahane in ihrem Statement für die Amadeu-Antonio-Stiftung den Begriff „Antisemitismus“ mit „Israelhass“.

„Auch jetzt wird die Diskussion um Antisemitismus dazu missbraucht, das Problem auf Migranten abzuwälzen – statt sich weitverbreiteten Israelhass, Querfrontbewegungen und Verschwörungstheorien in Deutschland anzuschauen“.

Die Gleichsetzung von Antisemitismus und Israelhass, findet sich auch im Redebeitrag von Kerstin Griese (SPD) im Bundestag in der Aussprache zum Antrag, einen Antisemitismus-Beauftragten einzusetzen:

„Es gibt Antisemitismus im Internet, und es gibt ihn, wenn israelische Fahnen und Symbole vor dem Brandenburger Tor verbrannt werden“

Der Versuch, Äpfel mit Kartoffeln zu vergleichen, findet sich auch bei Alexander Dobrindt von der CSU, der in derselben Aussprache gesagt hat:

„Meine lieben Kolleginnen und Kollegen! Die Anerkennung des israelischen Staates, der Schutz des jüdischen Volkes, der Kampf gegen jede Form von Antisemitismus, das alles gehört unauflösbar zu Deutschland.“

Dass die Verbindung von Antisemitismus und Israel keine Grundlage hat, zeigt schon ein Blick in die Statistik, denn 74,8% der Bewohner Israels sind Juden, 17,6% Muslime, 2% Christen, 1,6% Drusen und 4% gehören sonstigen Denominationen oder keiner an. Da sich Antisemitismus auf Juden bezieht, kann er sich nicht gleichzeitig auf Israel beziehen, denn dort leben nicht nur Juden. Will man den Begriff „Antisemitismus“ mit Israel gleichsetzen, dann muss man ihn entsprechend von seiner Bindung an Juden lösen.

Letzteres will in Deutschland sicher niemand. Also muss man feststellen, dass Antisemitismus nichts mit Israel zu tun hat, sondern mit Juden. Juden leben auch in Israel, aber nicht nur da. In den USA leben mindestens so viele Juden wie in Israel (rund 6.2 Millionen), dennoch kommt niemand auf die Idee, Antisemitismus als Amerikahass zu bezeichnen. Das macht sehr deutlich, worum es denen geht, die Antisemitismus und Hass auf Israel, wie sie es nennen, unbedingt verbinden wollen. Sicher nicht darum, der Realität gerecht zu werden.

Auch Petra Pau von der Fraktion „DIE LINKE“ hat eine eigene Vorstellung davon, was Antisemitismus denn sein soll:

„Antisemitismus – verkürzt: Hass gegenüber Jüdinnen und Juden – ist ein anhaltendes Problem. Antisemitismus ist in Deutschland durch den Holocaust außerdem tödlich belastet. Und es ist so, Kollege Kauder: Antisemitismus wird von Jüdinnen und Juden direkter empfunden als von anderen“.

Wenn man in Schulen ein Beispiel für im Bundestag geäußerten Blödsinn benötigt, dann ist dieser Redebeitrag bestens geeignet. Dass Antisemitismus, der sich gegen Juden richtet, von Juden „direkter empfunden wird als von anderen“, gegen die er sich also nicht richtet, ist eine ebenso leere Aussage wie die Feststellung, dass Schwimmer Wasser direkter empfinden als Steine auf dem Mars. Pau verkürzt Antisemitismus zudem auf Hass gegenüber Juden und liegt damit abermals falsch.

Antisemitismus ist ein Begriff, der um 1879 zum ersten Mal in Deutschland aufgetaucht ist. Gemeinhin wird er dem Schriftsteller Wilhelm Marr zugeschrieben. Marr war einer derjenigen, die gegen die staatsbürgerliche Gleichstellung von Juden im Deutschen Reich zu Felde gezogen sind. Der Begriff „Antisemitismus“ wurde von diesen, wie man heute sagen würde, politischen Aktivisten, gewählt, um sich explizit von denen abzusetzen, die Juden aus religiösen Gründen abgelehnt haben. Dazu schreibt Werner Bergmann in seinem Buch „Geschichte des Antisemitismus“:

„Es handelte sich beim Antisemitismus nicht bloß um Xenophobie [Fremdenhass], oder religiöse und soziale Vorurteile, die es gegenüber Juden weiterhin gab, sondern um ein neues Phänomen: eine antiliberale und anti-moderne Weltanschauung, die in der ‚Judenfrage‘ die Ursache aller sozialen, politischen, religiösen und kulturellen Probleme sah“.

Die Antisemiten des 19. Jahrhunderts lassen sich somit eher mit Anti-Kapitalisten oder Anti-Bankern oder Feministen der heutigen Zeit vergleichen, die alles Übel der Welt entweder in der Wirtschaftsform des Kapitalismus oder im weißen Mann festmachen zu können glauben. Sie sind die eigentlichen geistigen Erben des Antisemitismus des 19. Jahrhunderts.

Aber dann gab es natürlich das Dritte Reich und seine bürokratisch und mit (damals) deutscher Gründlichkeit organisierte Form des Genozids. Diese Erfahrung und vor allem die Arbeiten von Adorno et al. haben dazu geführt, dass Antisemitismus zu einem Syndrom verflochten wurde, das Helen Fein sehr genau beschrieben hat, und zwar als:

„a persistent latent structure of hostile belief towards Jews as a collective manifested in individuals as attitudes, and in culture as myth, ideology, folklore and imagery, and in actions – social or legal discrimination, political mobilization against the Jews, and collective or state violence – which results in and/or is designed to distance, displace or destroy Jews“ (Fein, 1987: 67).

Antisemitismus ist somit nicht nur Judenhass. Damit von Antisemitismus gesprochen werden kann, bedarf es einer Reihe von Voraussetzungen:

Individuen, die Juden als Gruppe vereinheitlichen, etwa so, wie es diejenigen tun, die Antisemitismus bekämpfen wollen und diese Vereinheitlichung mit negativen Attributen verbinden.
Kulturelle Vorgaben in Mythen, Ideologie oder Folklore, die das negative Bild des Juden aufrechterhalten und unterstützen;
Staatliche Reglementierungen, die darauf ausgelegt sind, Juden zu diskriminieren und von bestimmten Posten fernzuhalten, die Gewalt gegen Juden legitimieren und die dem Ziel dienen können, Juden aus dem öffentlichen Leben zu beseitigen;

Von diesen Voraussetzungen ist in Deutschland bestenfalls die erste Voraussetzung erfüllt. Das reicht nicht, um von Antisemitismus zu sprechen und es verwischt das, was für Antisemitismus so maßgeblich ist: Staatliche Akteure, die versuchen, Juden durch Diskriminierung und andere Maßnahmen von einer Teilnahme am öffentlichen Leben auszuschließen.

Auch Definitionen deutscher Autoren, die sich mit „Antisemitismus“ beschäftigt haben, umfassen die Verbindung von Einstellung und Handeln, schon deshalb, weil die Gedanken eines Menschen niemandem schaden können, die Handlugen schon. So definiert Armin Pfahl-Traughber, der in keiner Gefahr steht, als Rechter zu gelten, in seinem Buch „Antisemitismus in der Deutschen Geschichte“ Antisemitismus wie folgt:

„Antisemitismus soll hier verstanden werden als Sammelbezeichnung für alle Einstellungen UND Verhaltensweisen, die den als Juden geltenden Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund dieser Zugehörigkeit in diffamierender und diskriminierender Weise negative Eigenschaften unterstellen, UM DAMIT eine Abwertung, Benachteiligung, Verfolgung oder gar Vernichtung ideologisch ZU RECHTFERTIGEN. Derartige Praktiken können aus unterschiedlichen inhaltlichen Begründungen abgeleitet werden. Ihnen allen ist das pauschalisierende und stereotype Negativ-Bild von ‚dem Juden‘ oder „der Juden“ eigen und HANDLUNGSleitend“. (Pfahl-Traughber 2002: 9; Hervorhebungen von uns). [Das Fehlen der Rolle staatlicher Institutionen in der Definition von Antisemitismus ist historisch begründet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist ausgerechnet der Hinweis, dass Antisemitismus nur mit der Unterstützung staatlicher Institutionen gelingen kann, irgendwie verpönt oder auf der Strecke geblieben.]

Insofern sich die deutsche Diskussion von Antisemitismus ausschließlich auf Einstellungen und nur gelegentlich auf Handlungen bezieht und keinerlei Zusammenhang hergestellt wird, zwischen seltenen Handlungen und angeblich bei so vielen vorhandenen Vorurteilen gegen Juden, entlarvt sich die sogenannte Antisemitismus-Forschung als Mittel, um entweder Politiker in Hysterie zu versetzen oder um Politiker zu Verbündeten zu machen, wenn es darum geht, Steuergelder dafür einzuwerben, dass man den furchtbaren deutschen Antisemitismus, den es auf Grundlage keiner der oben genannten Definitionen gibt, den man also als Chimäre bezeichnen muss, zu bekämpfen. Das Schöne daran, wenn man viel Geld einsetzt, um etwas zu bekämpfen, das es nicht gibt: Man kann keinen Misserfolg haben – jedenfalls dann, wenn man mit der eigenen Tätigkeit keine perversen Effekte zeitigt.

Aber das ist ein anderes Thema.


Literatur:

Bergmann, Werner (2004). Geschichte des Antisemitismus. München: CH Beck.

Fein, Helen (1987). Dimensions of Anti-Semitism. Attitudes, Collective Associations and Actions. In: Fein, Helen (ed.). The Persisting Question: Sociological Contexts of Anti-Semitism. Berlin: DeGruyter.

Pfahl-Traughber, Armin (2002). Antisemitismus in der Deutschen Geschichte. Berlin: Landeszentrale für Politische Bildung.

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