Scheinheiligkeit: An die Lehrer der Selbstlosigkeit

Dass Friedrich Nietzsche von Linken und von denen, die ihn nie gelesen haben, als „Rechter“, als Vorbereiter der Nazis, Menschenfeind und was sonst noch alles denunziert wird, hat seinen Grund: Nietzsche war Individualist und ein Gegner von Sozialismen und Ismen aller Art. Nicht nur das, er hat die Scheinheiligkeit derer, die sich als Altruisten gerieren, die anderen in selbstloser Weise die sozialistische Freiheit im Dienst an der Gemeinschaft anerziehen wollen, enttarnt:


„A n d i e L e h r e r d e r S e l b s t l o s i g k e i t – Man nennt die Tugenden eines Menschen g u t, nicht in Hinsicht auf die Wirkungen, welche sie für ihn selber haben, sondern in Hinsicht auf die Wirkungen, welche wir von ihnen für uns und die Gesellschaft voraussetzen: – man ist von jeher im Lobe der Tugenden sehr wenig ‚selbstlos‘, sehr wenig ‚unegoistisch‘ gewesen! Sonst nämlich hätte man sehen müssen, dass die Tugenden (wie Fleiß, Gehorsam, Keuschheit, Pietät, Gerechtigkeit) ihren Inhabern meistens s c h ä d l i c h sind, als Triebe, welche allzu heftig und begehrlich in ihnen walten und von der Vernunft sich durchaus nicht im Gleichgewicht zu den anderen Trieben halten lassen wollen. Wenn du eine Tugend hast, eine wirkliche ganze Tugend (und nicht nur ein Triebchen nach einer Tugend!) – so bist du ihr O p f e r! Aber der Nachbar lobt eben deshalb deine Tugend! Man lobt den Fleißigen, ob er gleich die Sehkraft seiner Augen oder die Ursprünglichkeit und Frische seines Geistes mit diesem Fleiße schädigt; man ehrt und bedauert den Jüngling, welcher sich ‚zu Schanden gearbeitet hat‘, weil man urtheilt: ‚Für das ganze Große der Gesellschaft ist auch der Verlust des besten Einzelnen nur ein kleines Opfer! Schlimm, dass das Opfer Noth thut! Viel schlimmer freilich, wenn der Einzelne anders denken und seine Erhaltung und Entwicklung wichtiger nehmen sollte, als seine Arbeit im Dienste der Gesellschaft!“ Und so bedauert man den Jüngling, nicht um seiner selbst willen, sondern weil ein ergebenes und gegen sich rücksichtloses W e r k z e u g – ein sogenannter ‚braver Mensch‘ – durch diesen Tod der Gesellschaft verloren gegangen ist. Vielleicht erwägt man noch, ob es im Interesse der Gesellschaft nützlicher gewesen sein würde, wenn er minder rücksichtslos gegen sich gearbeitet und sich länger erhalten hätte – ja man gesteht sich wohl einen Vortheil davon zu, schlägt aber jenen anderen Vortheil, dass ein O p f e r gebracht und die Gesinnung des Opferthiers sich wieder einmal a u g e n s c h e i n l i c h bestätigt hat, für höher und nachhaltiger an. Es ist also einmal die Werkzeug-Natur in den Tugenden, die eigentlich gelobt wird, wenn die Tugenden gelobt werden, und sodann der blinde in jeder Tugend waltende Trieb, welcher durch den Gesammt-Vortheil des Individuums sich nicht in Schranken halten lässt, kurz: die Unvernunft der Tugend, vermöge deren das Einzelwesen sich zur Function des Ganzen umwandeln lässt. Das Lob der Tugenden ist das Lob von etwas Privat-Schädlichem, – das Lob von Trieben, welche dem Menschen seine edelste Selbstsucht und die Kraft zur höchsten Obhut über sich selber nehmen. – Freilich: zur Erziehung und zur Einverleibung tugendhafter Gewohnheiten kehrt man eine Reihe von Wirkungen der Tugend heraus, welche Tugend und Privat-Vortheil verschwistert erscheinen lassen, – und es giebt in der That eine solche Geschwisterschaft! Der blindwüthende Fleiß zum Beispiel, diese typische Tugend eines Werkzeuges, wird dargestellt als der Weg zu Reichthum und Ehre und als das heilsamste Gift gegen die Langeweile und die Leidenschaften: aber man verschweigt seine Gefahr, seine höchste Gefährlichkeit. Die Erziehung verfährt durchweg so: sie sucht den Einzelnen durch eine Reihe von Reizen und Vortheilen zu einer Denk- und Handlungsweise zu bestimmen, welche, wenn sie Gewohnheit, Trieb und Leidenschaft geworden ist, w i d e r s e i n e n l e t z t e n V o r t h e i l, aber „zum allgemeinen Besten‘ in ihm und über ihn herrscht. Wie oft sehe ich es, dass der blindwüthige Fleiß zwar Reichthümer und Ehre schafft, aber zugleich den Organen die Freiheit nimmt, vermögen deren es einen Genuss an Reichthum und Ehre geben könnte, ebenso, dass jenes Hauptmittel gegen die Langeweile und die Leidenschaften zugleich die Sinne stumpf und den Geist widerspänstig gegen neue Reize macht. (…) Gelingt die Erziehung, so ist jede Tugend des Einzelnen eine öffentliche Nützlichkeit und ein privater Nachtheil im Sinne des höchsten privaten Zieles, – wahrscheinlich irgend eine geistig-sinnliche Verkümmerung oder gar der frühzeitige Untergang: man erwäge der Reihe nach von diesem Gesichtspuncte aus die Tugend des Gehorsams, der Keuschheit, der Pietät, der Gerechtigkeit: Das Lob des Selbstlosen, Aufopfernden, Tugendhaften – also Desjenigen, der nicht seine ganze Kraft und Vernunft auf s e i n e Erhaltung, Entwicklung, Erhebung, Förderung, Macht-Erweiterung verwendet, sondern in Bezug auf sich bescheiden und gedankenlos, vielleicht sogar gleichgültig oder ironisch lebt – dieses Lob ist jedenfalls nicht aus dem Geiste der Selbstlosigkeit entsprungen! Der ‚Nächste‘ lobt die Selbstlosigkeit, weil e r d u r c h s i e V o r t h e i l e h a t! Dächte der Nächste selber ‚selbstlos‘, so würde er jenen Abbruch an Kraft, jene Schädigung zu s e i n e n Gunsten abzuweisen, der Entstehung solcher Neigungen entgegenarbeiten und vor Allem seine Selbstlosigkeit eben dadurch bekunden, dass er dieselbe n i c h t g u t nennte! – Hiermit ist der Grundwiderspruch jener Moral angedeutet, welche gerade jetzt sehr in Ehren steht: die M o t i v e zu dieser Moral stehen im Gegensatz zu ihrem P r i n c i p e! Das, womit sich diese Moral beweisen will, widerlegt sie aus ihrem Kriterium des Moralischen! Der Satz ‚du sollst dir selber entsagen und dich zum Opfer bringen‘ dürfte, um seiner eigenen Moral nicht zuwiderzugehen, nur von einem Wesen decretiert werden, welches damit selber seinem Vortheil entsagte und vielleicht in der verlangten Aufopferung der Einzelnen seinen eigenen Untergang herbeiführte. Sobald aber der Nächste (oder die Gesellschaft) den Altruismus u m d e s N u t z e n s w i l l e n anempfiehlt, wird der gerade entgegengesetzte Satz ‚du sollst den Vortheil auch auf Unkosten alles Anderen suchen‘ zur Anwendung gebracht, also ein Einem Athem ein ‚Du sollst‘ und ‚Du sollst nicht‘ gepredigt!” (Die Fröhliche Wissenschaft, Erstes Buch, 21.)

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Hausfrauenwissenschaft von Hausfrauenwissenschaftlern

Faktenfinder, die von sich denken, sie könnten verstehen und in einem Beitrag zusammenstellen, wofür andere Jahre studiert haben.

Angebliche Wissenschaftler, die in einem Satz darauf hinweisen, dass Männer als Gruppe zu heterogen sind, als dass man von „den Männern“ sprechen könne, um im nächsten Satz davon zu schwadronieren, dass etwas „die Frauen“ benachteiligen würde.

Angebliche Forscher, die noch nie etwas davon gehört haben, dass es eine „Methodologie der empirischen Sozialforschung“ gibt, dass sich Generationen von Wissenschaftlern mit der Frage, wie man Befragungen durchführt, welche Form der Befragung für welche Themen geeignet ist, wie man Fragen formuliert, wie man Interviewereffekte mimimiert, beschäftigt haben.

Professoren, die denken, ihre Position mache jeden Unsinn, den sie von sich geben, zur Wissenschaft, erlaube es ihnen, sich in Assoziationsketten zu verlieren und Unfug auf Blödsinn folgen zu lassen und dennoch zu reklamieren, das sei Wissenschaft, eben, weil sie eine Position in der institutionellen Wissenschaft besetzen.

Professoren, die noch nie davon gehört haben, dass Wissenschaft eine Methode ist. Dass Wissenschaft dem Ziel dient, Erkenntnis zu gewinnen. Dass man deshalb Aussagen aufstellen muss, die von anderen nachvollzogen, kritisiert und falsifiziert werden können, weil Wissenschaft ein kumulativer Prozess ist, an dem viele beteiligt sind und keine Form der Selbstverwirklichung für schräge Vögel mit schrägen Ideen.

Es vergeht eigentlich kein Tag, an dem wir uns nicht über den Verfall der institutionellen Wissenschaft oder des Niveaus des öffentlichen Diskurses, soweit er in Mainstream-Medien stattfindet, unterhalten. Und gestern, beim Abendessen, da war einer der Momente, die in Erinnerung bleiben, einer dieser Aha-Momente, wenn man plötzlich einen Begriff findet, der all das, was man aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet hat, all die unterschiedlichen Aspekte der Entprofessionalisierung und des intellektuellen Verfalls, die oben beschrieben wurden, umfasst.

Dr. habil. Heike Diefenbach hat ihn geprägt, und er trifft den Nagel auf den Kopf:

Hausfrauenwissenschaft!

Um nicht falsch verstanden zu werden: Der Begriff richtet sich nicht gegen eine Hausfrau, die ihren Haushalt im Griff, das Kochen perfektioniert, das Putzen systematisiert hat. Der Begriff „Hausfrauenwissenschaft“ oder „Hausfrauen-Wissenschaftler“ richtet sich auf diejenigen, die ihre Hausfrauenmentalität auf Bereiche übertragen, in denen sie fehl am Platze ist.

Vor Jahren haben wir 30 Fragen aufgestellt und an Gender Studierte geschickt. Gender Studies wollen ein wissenschaftliches Fach sein, und auch wenn hier Liliputaner in Übergrößen schlüpfen wollen, soll man fair sein und ihnen eine Chance geben. Also haben wir den Gender Studierten 30 Fragen geschickt, die ein Wissenschaftler im Schlaf beantworten kann, weil er weiß, was er warum und wie erforscht. Gender Studierte können es nicht. Sie wurden von den 30 Fragen vollkommen kalt erwischt, denn sie sind keine Wissenschaftler, sie sind Hausfrauen, die ihrem Haushalt entflohen sind und nun versuchen, Sozialwissenschaft als Form von Kaffeegespräch zu praktizieren.

Nicht nur, sind sie mit ihrer Hausfrauenmentalität fehl am Platze, sie sind auch nicht in der Lage rudimentäre Hausfrauentätigkeiten auszuführen. Deshalb tischen sie kalten Kaffee auf. Entdecken Konzepte und bestaunen sie als ihre vermeintlich neue Erfindung, wie die Intersektionalität, obwohl Wissenschaftler schon vor Jahrhunderten entdeckt haben, dass schon zwei dichotome Variablen eine Vierfelder-Matrix beschreiben.

Sie bringen nicht nur nicht die Mentalität mit, die außerhalb ihres Haushalts nachgefragt wird, sie verhalten sich auch wie Mutationen von Kaspar Hauser, die Bestaunen, was für andere keiner Erwähnung mehr wert ist. Wissenschaft sei gar nicht objektiv, verkünden Queere oder andere, die eine Position an einer Hochschule zugestanden bekommen haben und meinen, sie hätten das, was die wissenschaftliche Welt im Innersten zusammenhält, erschüttert. Und Erschütterung lösen sie tatsächlich mit ihren Aussagen aus, Erschütterung darüber, dass man tatsächlich so dumm sein kann, anderen zu unterstellen, sie seien der Meinung, Wissenschaft sei ein objektives Unterfangen, in dem die Wahrheit gefunden werde. Erst die Queeren und anderen, die Foucault ständig im Munde führen, aber nie gelesen haben, hätten entdeckt, dass jeder Forscher und jeder Beforschte ein eigenes Subjekt sei und als solches seine Sicht an den Forschungsgegenstand herantrage. So ist das eben, wenn man keine Ahnung von Wissenschaft hat; noch nie etwas von Methoden und Verfahren gehört hat, die es erlauben, Subjektivität in intersubjektiven Grenzen zu halten. So ist das, wenn man Zahlen fürchtet und die Wissenschaft der weißen Männer ablehnt, weil man sie nicht versteht. So ist es, wenn man das eigene dumme Geschwätz zu Wissenschaft erklären will, obwohl man keine Idee davon hat, warum gerade das eigene dumme Geschwätz Wissenschaft sein soll.

Hausfrauenwissenschaftler eben, die versuchen, in einer Kapelle mitzuspielen, obwohl sie kein Instrument beherrschen.

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