Reminiszenz an die Stasi: „Schnüffel-Fibel“ der Amadeu-Antonio-Stiftung erinnert an DDR

Keine Angst: Wir wollen uns die von der BILD-Zeitung zur „Schnüffel-Fibel“ ernannte Handreichung der Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS) nicht noch einmal vornehmen. Das haben wir bereit hier getan.

Schon der Titel sagt: Wessen Gesinnung nicht passt, der ist raus.

Die Inhalte dieser – wie es bei AAS heißt: „Handreichung“, sind hinlänglich bekannt, dass der Verdacht, es gehe darum Eltern auszuschnüffeln und Kinder in dem gleichzuschalten, was heute als „gut“ gilt, naheliegt, das haben wir hier begründet.

Nein. Wir wollen darauf hinweisen, dass die inhaltliche Erziehung, das Abfüllen von bereits Kleinkindern mit dem, was ideologisch gerade en vogue ist, nichts mit Demokratie, nichts mit demokratischer Erziehung zu tun hat, sondern eine Praxis darstellt, wie sie aus sozialistischen und nationalsozialistischen Systemen der Zwangsherrschaft bekannt ist.

Eine freie Gesellschaft legt Wert auf Bürger, die in der Lage sind, sich ein unabhängiges Urteil zu bilden, nicht auf Bürger, die in der Lage sind, einen Glaubenskatechismus aufzusagen. Um sich ein unabhängiges Urteil bilden zu können, benötigt man Techniken der Informationsgewinnung und Verarbeitung, Kenntnisse in Logik und kritischem Denken (hat nichts mit der Frankfurter Schule zu tun). Man benötigt FORMALE Fähigkeiten, keine inhaltlichen.

Das erschreckende an „Handreichungen“ wie der von der AAS ist deshalb, dass es nicht darum geht, formale Fähigkeiten zu vermitteln, sondern darum Kinder und Mitarbeiter in Kindertagesstätten auf die richtigen Inhalte zu trimmen, sie gerade nicht zu unabhängigen und eigenständigen Menschen zu erziehen bzw. als solche zu behandeln, sondern sie zu Marionetten, die auf Seilzug die richtige Mundbewegung ausführen, zu erziehen.

Das hatten wir schon einmal.

Inhaltliche Erziehung, die Kinder um jede Anlage eigenständigen und kritischen Denkens berauben sollte, gab es in der DDR. Die Erziehung zum sozialistischen Menschen, das DDR-Pendant zur heutigen Erziehung zum „demokratischen Menschen“ bzw. dazu, was sich Politiker und die, die ihnen nach dem Mund schwätzen, in ihrer Phantasie als Demokratie zusammenreimen, hatte klare Ziele:

„Die Erziehung zur sozialistischen Moral ist darauf zu richten, die Kinder zur Liebe zu ihrem sozialistischen Vaterland, der DDR, zur Liebe zum Frieden, zur Freundschaft mit der Sowjetunion und allen anderen sozialistischen Ländern im Geiste des Internationalismus und der Solidarität mit den unterdrückten, für Freiheit und Unabhängigkeit kämpfenden Völkern zu erziehen“, so heißt es im „Programm für die Bildungs- und Erziehungsarbeit im Kindergarten“, das vom Ministerium für Volksbildung 1985 veröffentlicht wurde.

Diesen Zielen, die mit viel Liebe daherkommen, ist der Hass schon immanent, der Hass auf alles, was vom sozialistischen Ideal abweicht, auf den Kapitalismus und die Freiheit, wie sie noch in den 1980er Jahren in westlichen Nationen zu finden war. Deutlich wird dies im selben Programm:

„Die Kinder sind zur Verachtung der Feinde der Völker zu erziehen, die den Frieden, die Sowjetunion und alle sozialistischen Länder bedrohen und die schuld daran sind, dass noch immer Menschen unterdrückt und ausgebeutet werden und deshalb in Not und Elend leben“. (aus: Schneider, 1995: 65-66)

Verachtung und Hass gegen alles, was anders ist, Liebe, Freundschaft und Solidarität für alles, was eigen ist. Die Dichotomie zwischen der guten Eigengruppe und der bösen Fremdgruppe, die Grundlage von Ablehnung, Diffamierung und Hass, sie ist Grundlage der DDR Bildungs- und Erziehungspolitik gewesen.

Und deshalb ist die Handreichung der AAS so erschreckend, denn sie basiert auf derselben Grundlage von guter Eigengruppe und böser Fremdgruppe. Die gute Eigengruppe, das sind die Kinder, die sich alle an der Hand fassen, die Kinder, die alle anderen Kinder mögen, die Kinder, die nicht aus völkischen Familien stammen, die Eltern, die nicht Bilder von eigenen anstelle von Bildern von fremden Kindern in der Kindertagesstätte aufhängen wollen. Das Ideal der guten Eigengruppe, wie es die AAS in der Handreichung entwirft, weicht FORMAL in keiner Weise vom Ideal des sozialistischen Menschen ab, wie es in der DDR Bildungs- und Erziehungspolitik gepflegt wurde.

Ersetzt man die Liebe zur Sowjetunion mit der Diversität und der Liebe zu allen fremden Menschen (Ausnahme alle rechten) wie sie in der Handreichung der AAS gepredigt wird, tauscht die völkischen und rechten Eltern und Familien mit den Ländern aus, die die Liebe zur Sowjetunion, also jetzt die Liebe zur Diversität und zu allen fremden Menschen ablehnen, dann hat man die Predigt desselben Hasses, der Gegenstand der Erziehung in den Kindergärten der DDR war.

Nun weisen Soziologen und Sozialpsychologen schon seit Jahrzehnten daraufhin, dass die frühe Kindheit als formative Phase zu betrachten ist, in der die Grundlage für die Überzeugungen und Einstellungen des späteren Lebens gelegt wird. Es scheint, dass diejenigen, die ihre formative Phase in DDR-Kindergärten erlebt haben, nicht in der Lage und nicht willens sind, den alten Hass auf alles, was von dem abweicht, was sie für richtig halten, zu überwinden.

In einer Demokratie herrscht dagegen Akzeptanz anderer Ansichten und Meinungen. Demokratische Gepflogenheiten kennen keine Versuche, andere zum richtigen Glauben zu konvertieren oder sie zu Sprechautomaten zu verkümmern, die in der Lage sind, den Katechismus der derzeitigen Travestie auf Demokratie aufzusagen, Wort für Wort, Floskel für Floskel, Buchstabe für Buchstabe, ohne Bedeutung, ohne Sinn, ohne Erkennungswert.

Schneider, Ilona Katharina (1995). Weltanschauliche Erziehung in der DDR. Normen – Praxis – Opposition. Opladen: Leske & Budrich.

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