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Keine “Rückkehr der Willkommenskultur” durch Junk Science

In der Süddeutschen Zeitung sind es die „meisten Deutschen“, die eine Willkommenskultur wollen – eine glatte Lüge, wie wir gleich zeigen. Im Deutschlandfunk kehrt die „Willkommenskultur“ zurück. Im „MiGazin“ ist von „wieder mehr Zustimmung für die Willkommenskultur“ die Rede. Die Pressewelt ist sich wieder einmal einig und treibt wieder einmal eine Reifikation am Begriffshimmel durch die Deutschen Lande, denn was diese „Willkommenskultur“ sein soll, das weiß mit ziemlicher Sicherheit keiner der Journalisten, die aktuell darüber berichten. Es ist ein positiv besetzter Begriff, und nur darauf kommt es an.

Herein, Herein. Die andere Willkommenskultur!

Auch die zugehörige Pressemeldung der Mercator-Stiftung zu „Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit“, der Studie, die Mercator an der Universität Bielefeld im Abstand von zwei Jahren finanziell unterstützt, also finanziert, ist seltsam vage. Die Umfrage, auf der die Ergebnisse basieren, ist natürlich repräsentativ. Die Behauptung genügt, um das Informationsbedürfnis der meisten deutschen Journalisten zu stillen. Sie hat irgendwie die „Befürwortung von Integration und Teilhabe von Migranten“ erhoben. Die Zivilgesellschaft, so heißt es weiter, könne sich „auf eine gegenüber Vielfalt positiv oder neutral eingestellte Mehrheit in der Bevölkerung stützen“ Und „80 Prozent der Befragten lehnen eine homogene Beziehungsstruktur ab“. Derartige Sprachfetzen, sinnlos hingeworfene Begriffe, die niemandem etwas sagen können, oder wissen sie etwa, was es mit der „Beziehungsstruktur“ oder der „Willkommenskultur“ oder der “Teilhabe” auf sich hat, sind der sprachliche Junk, aus dem in deutschen Redaktionsräumen der inhaltsleere Blödsinn zusammengeschrieben wird, der den Lesern dann zugemutet wird.

Den Vogel schießt dabei der Deutschlandfunk ab. Der Text „Die Willkommenskultur kehrt zurück“, ein angebliches Interview mit Andreas Zick, der für die „Umfrage“ verantwortlich und in der Zunft nicht unbedingt als Star der empirischen Sozialforschung bekannt ist, gibt die folgenden Leerformeln an die Leser weiter:

„Die Willkommenskultur kehrt wieder und die Integrationsorientierungen nehmen nach einem Einbruch in 2016 wieder deutlich zu. Jeder zweite Befragte wolle mehr Vielfalt in Deutschland und nicht weniger, betonte er gegenüber Deutschlandfunk Kultur. … Die Zivilgesellschaft ist insofern gemäßigter, als sie deutlich mehr Willkommenskultur möchte. Bei den Kriterien, wer dazugehört, sagen 80 Prozent der repräsentativ Befragten: in Deutschland zu Hause fühlen“.

Es scheint, als stamme der „repräsentativ Befragte“ von Zick. Wenn noch ein Beleg notwendig war, um zu zeigen, dass Zicks Ahnung von empirischer Sozialforschung sich in sehr engen Grenzen bewegt, hier ist er. Wir werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass Repräsentativität die Eigenschaft einer Stichprobe ist. Letztere ist repräsentativ, wenn die Elemente, die in die Stichprobe gelangen, zufällig ausgewählt wurden und alle Elemente der Grundgesamtheit dieselbe Wahrscheinlichkeit hatten, in die Stichprobe zu gelangen. Aufgrund dieser Bedingung ist es unmöglich, eine repräsentative Stichprobe der deutschen Bevölkerung zu ziehen. In kurz: Es gibt keine repräsentativ Befragten, es gibt nur die meist enttäuschte Hoffnung, eine repräsentative Stichprobe gezogen zu haben. Wer von repräsentativ Befragten spricht, der hat keine Ahnung, wovon er spricht.

Aber er hat natürlich auch kein Risiko. Denn Unsinn wird nur dann als solcher entlarvt, wenn er gegenüber Personen geäußert wird, die entsprechende Kompetenzen haben, um den Unsinn als solchen zu erkennen. Ein kaum vorhandenes Risiko wenn das Gegenüber ein Journalist ist.

Wir wollen uns an dieser Stelle mit der Frage beschäftigen, was diese Willkommenskultur eigentlich sein soll, und was es mit der Vielfalt auf sich hat, kurz: Was haben die angeblichen Wissenschaftler in Bielefeld, die wohl neben der Gehaltsliste beim BMBF auch auf der Gehaltsliste der Mercator-Stiftung sitzen, eigentlich gefragt?

Nun, zunächst fällt Folgendes auf:

Zick behauptet in seinem Interview: Jeder zweite Befragte wolle mehr Vielfalt. Dagegen heißt es in der Pressemeldung der Mercator-Stiftung, die auf denselben Daten basiert: die Politik könne sich „auf eine gegenüber Vielfalt positiv oder neutral eingestellte Mehrheit in der Bevölkerung stützen“. Offenkundig sucht sich jeder den Teil aus den Ergebnissen heraus, der ihm gerade passt. Lauter ist das nicht, aber die Umfrage ist ja auch nicht aus wissenschaftlicher Lauterkeit heraus durchgeführt worden, was man schon daran erkennt, dass keinerlei Theorie geprüft werden soll, keinerlei theoretischer Unterbau in den Kurz-, Zwischen- und Endberichten der vergangenen Jahre zu finden ist. Zur Erinnerung: Wissenschaft will Erkenntnis gewinnen, keine politisch-opportunen Umfrageergebnisse zusammenschustern. Zum Erkenntnisgewinn ist eine theoretische Fundierung unabdingbar. Da eine solche im Bielefelder Projekt offenkundig unbekannt ist, ist das Projekt auch kein wissenschaftliches Projekt. Es ist ein ideologisches Projekt, eines, das Andreas Zick, der nur noch im englischen Internetauftritt der Amadeu-Antonio-Stiftung als Vorsitzender des Stiftungsrats geführt wird, vermutlich am Herzen liegt.

Aber es ist eben keine Wissenschaft, und lauter ist es auch nicht.

Schon die Ergebnisdarstellung in der Vergangenheit wurde wissenschaftlichen Standards nicht gerecht, das fast schon als Verheimlichung zu bezeichnende Fehlen jeder relevanten Angabe zur neuerlichen Befragung ist selbst dazu noch eine Steigerung.

Versuchen wir zu rekonstruieren, was die Willkommenskultur sein soll. Der Kurz- und Zwischenbericht des Jahres 2016 hilft in beiden Fällen weiter. Die folgende Tabelle findet sich im Kurzbericht für die Befragung des Jahres 2016. Die Aussagen bilden auch im Jahr 2018 die „Willkommenskultur“. Die „Willkommenskultur“ soll mit den vier Aussagen in der Tabelle gemessen werden. Die vier Aussagen bilden in der Sprache der empirischen Sozialforschung eine Skala, d.h. aus der Kombination der vier Aussagen, soll sich die Variable „Willkommenskultur“ ergeben:

Deshalb ist es methodischer Unsinn, die angebliche Willkommenskultur, die eine latente Variable darstellt, als Aussage in die Skala einzubauen, die eigentlich „Willkommenskultur“ messen soll. Aber es ist natürlich eines jener Mittel der Befragtenmanipulation, die so häufig angewendet werden, dies zu tun. Wenn man, sagen wir 2009 Personen danach fragt, ob sie sich über eine stärkere Willkommenskultur für „die Migranten“, so als gäbe es „die Migranten“ freuen würden, was misst man damit eigentlich?

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur ein geringer Teil der Befragten mit dem Abstraktum „Willkommenskultur“ denselben Inhalt verbindet? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Mehrheit der Befragten durch „die Migranten“ auf eine bestimmte Gruppe von Migranten, die in den Medien besonders präsent sind, quasi genudged wird? Es ist methodisch unhaltbar, Befragte nach undefinierten vagen Begriffen wie „Willkommenskultur“ zu fragen, und es ist eine besonders hinterhältige Form der Befragtenmanipulation zu suggerieren, es gebe „die Migranten“. Es ist wirklich seltsam, wie schnell angebliche Forscher wie Andreas Zick ihre gefeierte Vielfalt durch Migration vergessen, wenn es wohl darum geht, Befragte zu manipulieren.

Auch die nächste Aussage ist eine suggestive Aussage: „Es gefällt mir, dass sich so viele Migranten für Deutschland als neue Heimat entscheiden“. Diese Aussage produziert einen Zustimmungsbias, der leicht zu vermeiden wäre, wenn man „so viele“ gestrichen hätte. Dass es in der Aussage enthalten ist, spricht somit Bände.

Aussage drei arbeitet mit demselben Trick, um die Zustimmung in die Höhe zu treiben. Dieses Mal soll man sich über „immer mehr“ Migranten freuen. Auch dieses Mal wäre es leicht möglich gewesen, nicht manipulativ zu fragen, „Ich freue mich, wenn sich Migranten in Deutschland zu Hause fühlen“, ist die nicht manipulative Form der Aussage.

Bleibt die letzte Aussage. Auch hier wurde in die Schmutzkiste der Befragungstricks gegriffen und das Wörtchen „noch“ vor „vielfältiger“ gebaut. Das macht mindestens 10% mehr Zustimmung als man sie mit einer nicht-manipulierten Aussage erhält, die nach der Freude fragt, die sich ergibt, wenn Deutschland vielfältiger und bunter wird.

Ob sich Zick und seine Mitarbeiter dieser Wirkung der gewählten Formulierungen bewusst sind, ist eine Frage, die man nicht so einfach beantworten kann. Wer mit Umfragen manipulieren will, der benötigt eine eingehende Kenntnis empirischer Sozialforschung. Aussagen, wie sie Zick im Interview mit dem Deutschlandfunk gemacht hat, lassen eher daran zweifeln, dass er diese eingehende Kenntnis hat. Insofern tendieren wir zu der Annahme, dass der Aussagenmüll, der hier Operationalisierung geworden ist, aus einer Mischung von ideologischem Eifer und Unkenntnis der Methoden der empirischen Sozialforschung hervorgegangen ist.

Für Letzteres spricht auch die absurde Art der Ergebnisdarstellung.

Ist jemandem aufgefallen, dass die in Tabelle 1 (oben) ausgewiesene „Gesamtskala“ in Kategorien einen höheren Prozentwert aufweist als zwei ausgewiesene Wert von Aussagen, aus denen sich die Gesamtskala zusammensetzt? Eine Gesamtskala, die offenkundig als Zustimmungsmaß konstruiert wird, indem die Befragten, die zu allen Einzelaussagen „trifft zu“ sagen, aufsummiert werden, kann im Gesamt nie einen höheren Wert ausweisen, als der geringste Wert einer Einzelaussage auf dieser Kategorie hat.

Des Rätsels Lösung findet sich im „Skalen-Durchschnittswert“, der mit 3,26 bzw. 3,06 angegeben wird. Ein solcher Mittelwert weist auf eine Likertskala hin. D.h. die Bielefelder Autoren, hier Andreas Zick und Madlen Preuß, täuschen die der Sozialforschung unkundigen Leser über das Aussehen der Antwortkategorien, denn offensichtlich gab es nicht drei Ausprägungen mit „trifft nicht zu“, „teils teils“ und „trifft zu“, sondern fünf: „trifft überhaupt nicht zu“, „trifft eher nicht zu“, „teils teils“, „trifft eher zu“, „trifft voll und ganz zu“. Versteckt haben die Autoren dies im Kleingedruckten auf Seite 2 ihres Berichts. „Teils teils“ ist der nächste Einbruch der Ideologie, bei dem die Lauterkeit der Sozialforschung auf der Strecke bleibt. Korrekt wäre ein „weder noch“. Wenn man aber ein „weder noch“ als Mittelkategorie wählt, dann kann die Mercator-Stiftung nicht melden, dass die Politik „sich … auf eine gegenüber Vielfalt positiv oder neutral eingestellte Mehrheit der Bevölkerung stützen kann“, denn weder noch ist weder der einen, noch der anderen Seite zuzuordnen und die Manipulation durch die Stiftung oder ihre Lohnforschungs-Azubis aus Bielefeld würde deutlicher. Oder wer hat gemerkt, dass man die Formulierung der Mercator Stiftung auch korrekt so hätte schreiben können, dass sich die Politik einer Mehrheit gegenübersieht, die Vielfalt negativ oder neutral eingestellt sind?

Und damit kommen wir zur letzten Manipulation: dem Rechtsruck, von dessen Ausbleiben in den Medien berichtet wird.

Haben Sie den vier Aussagen irgendeinen Bezug zu „Rechts“ entnehmen können, einen, der als Maß für einen „Rechtsruck“ gelten könnte? Nein? Dann geht es Ihnen wie uns. Es handelt sich abermals um eine ideologische Zuschreibung, denn wer die „Willkommenskultur“ nicht willkommen heißt, der muss rechts sein. Dass sich unter den 2009 Befragten, die sich dem Umfrage-Junk unterzogen haben, Personen finden könnten, die die vier Aussagen ablehnen, weil ihnen deren manipulative Formulierung aufgestoßen ist, dass man sich nicht darüber freut, dass Deutschland bunter und vielfältiger wird, weil man damit nicht Migranten, sondern sexuelle Spinner aller Variation assoziiert, dass man sich nicht darüber freut, wenn immer mehr Migranten als von staatlichen Stellen bevorzugte Konkurrenten auf dem Wohnungsmarkt auftauchen, dass man, die verbale Farce der Willkommenskultur ablehnen kann, weil man konkrete Probleme im Leben hat und dennoch nicht rechts ist, das ist eine Idee, die den Autoren und dem Verfasser der Mercator-Pressemeldung mit dem Titel “Kein Rechtsruck in den Einstellung zur gesellschaftlichen Vielfalt in Deutschland” nicht in die Enge der jeweiligen Hirnschale passt. Einen besseren Beleg dafür, dass sie Ideologen sind, kann man nicht finden.

Bleibt noch auf die Selektivität, mit der sich Zick und Mercator-Stiftung herausgreifen, was ihnen gerade in den Kram passt, um das „Integrationsklima“ oder die „Befürwortung von Integration und Teilhabe von Migranten“ gutzureden, hinzuweisen. Selektivität ist wohl mit Ideologie und dem Bemühen, der Öffentlichkeit ein X für ein U vorzumachen, nicht aber mit Wissenschaft zu vereinbaren.

„Bei den Kriterien, wer dazugehört, sagen 80 Prozent der repräsentativ Befragten: in Deutschland zu Hause fühlen“.

Dass Zicks Kenntnisse davon, was Repräsentativität ist, sich rechtsschief asymptotisch der x-Achse annähern (unterstellt eine normale Fähigkeitsverteilung), darauf haben wir bereits hingewiesen. Weisen wir nun auf die Kriterien hin, die Zick hinter „bei den Kriterien“ versteckt. Die Ergebnisse stammen aus dem Kurzbericht 2016 (Ergebnisse für Befragte ohne Migrationshintergrund)  bzw. soweit sie veröffentlicht wurden der Pressemeldung der Mercator-Stiftung (Ergebnisse für Befragte mit und ohne Migrationshintergrund). Es ist nicht zu erwarten, dass die Ergebnisse 2018 stark von den Ergebnissen für 2016 abweichen:

Zustimmungswerte:

Zicks zitierte Aussage: …sich in Deutschland zu Hause fühlen: 86,5%.

Die von Zick nicht zitierten Aussagen:

… die deutschen politischen Institutionen und Gesetze zu achten: 97,2% (2016); 86,7% (2018);

… Deutsch sprechen zu können: 92,5% (2016); 91,4% (2018);

… erwerbstätig zu sein: 82,8% (2016);

… deutsche Werte und Traditionen anzuerkennen 79,4% (2016);

… sich aktiv für die Allgemeinheit einzusetzen: 77,1% (2016)

Warum Zick nicht darauf hinweist, dass eine große Mehrheit der Befragten der Ansicht ist, die Achtung von politischen Institutionen und Gesetzen (zwei Stimuli in einer Aussage ist natürlich Dilettantismus, ein weitere Beleg dafür, dass die Bielefelder nicht wissen, was sie tun), das Sprechen der deutschen Sprache, Erwerbstätigkeit, deutsche Werte und Traditionen für wichtig hält, sondern sich ausgerechnet das Heimatgefühl herausgreift, das ist eine Frage, die jeder für sich selbst beantworten kann. Die Antwort hängt mit der Parteipräferenz von Andreas Zick zusammen. Dass die Grünen seine Parteipräferenz sein dürften, ist eher ein offenes Wahlgeheimnis.

Zusammenfassend kann man somit feststellen, dass 63,1% der von den Bielefeldern auf Rechnung der Mercator-Stiftung Befragten sich negativ oder nicht zustimmend gegenüber einer Willkommenskultur aussprechen, dass die meisten Befragten ohne Migrationshintergrund, Sprachbeherrschung, Anerkennung deutscher Institutionen, Werte und Traditionen, sowie eine Erwerbstätigkeit der Migranten als Kriterien der Integration von Migranten angeben und dass es keinen Grund gibt, eine Steigerung in der Zustimmung zu einer über manipulative und suggestive Techniken erhobene Willkommenskultur von läppischen 14 Prozentpunkten als “deutliche Zunahme” und nicht als Frageartefakt und somit Ergebnis von Zufall zu bewerten.

 

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