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Spiegel versucht sich in Logik und scheitert grandios: So entlarvt sich ein Schwätzer

Bekanntlich leben wir in einer Welt, in der wir alle alles können und schon deshalb alle gleichwertig sind. Kinder sind neuerdings Experten für Klimawandel (Wer braucht schon mathematische Klimamodelle), Politdarsteller sind Experten für alles und jedes und vor allem für Grenzwerte (Wer braucht schon Sachverstand oder eine Idee, wie Grenzwerte berechnet werden) und – weil es immer noch nach unten geht: Schreiber des Spiegels sind neuerdings Experten für Logik.

Christian Stöcker hat sich zum „Logiker“ aufgeschwungen, es wirkt, wie ein Ginger-Salto, bei dem der Stöcker mit dem Kinn auf der Stange aufschlägt.

Klimadebatte – so entlarven Sie Schwätzer“, schreibt Stöcker und schreitet fort, um „vier Debattenkniffe“ zu entlarven, mit denen angeblich nachweislich unsinnige Argumente gemacht würden, um von der Klimakatastrophe abzulenken. Denn wie jeder, der mit einer Wahrnehmungsstörung gesegnet ist, wie sie Stöcker offensichtlich hat, sehen kann, befinden wir uns inmitten einer Klimakatastrophe, die Vegetation um uns herum stirbt, die Politdarsteller haben sich in ihre unterirdischen Bunker zurückgezogen und die Tiere wurden von Aliens gerettet und auf den Mars, dessen Klima im Vergleich zur Erde geradezu menschenlos ist, umgesiedelt. Wer das nicht sieht, der hat eben eine andere Wahrnehmung als Stöcker …

… als Stöcker, der möchte-gern-Logiker.

Kehren wir, nach diesem kurzen Ausflug in die Wahrnehmungspsychologie zu den vier Kniffen zurück, die Stöcker mit den logischen Kenntnissen, die ihm zur Verfügung stehen, als „nachweislich unsinnige Argumente“ entlarven will. Kehren wir zurück, zur intellektuellen Katastrophe, die im Spiegel wieder einmal und wieder einmal trotz der dort vorhandenen Qualitätssicherung, Text geworden ist.

 

  1. Katastrophe: Stöckers vergeblicher Kampf mit dem logischen Schluss

Die Welt habe Greta Thunberg, dem schwedischen Gör, das von einer PR-Industrie zum Klima-Messias aufgebaut werden soll (wie es mit Messiassen endet, das wissen wir alle), „gönnerhaft“ dafür gelobt, dass sie „öffentlichkeitswirksam den Zug genommen habe“. Und die Grüne Katharina Schulze habe sich Kritik ausgesetzt gesehen, weil sie per Flugzeug in den kalifornischen Urlaub geflogen sei: Wasser predigen und Wein trinken, so der Vorwurf.

Nach Ansicht von Stöcker sind beides „unsinnige Reaktionen“. Wir zitieren, weil man sich das wirklich nicht ausdenken kann, wenn man nicht Stöcker ist:

„Beide Reaktionen sind unsinnig. Beide implizieren nämlich, dass ab jetzt vorrangig diejenigen ein Recht haben, sich gegen den Klimawandel einzusetzen, die selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Al Gore fliegt doch selbst dauernd! Der soll mal den Mund halten!“

Das ist vollkommener Unsinn.

Die Implikation der Aussage, dass jemand sich nicht so verhält, wie er anderen sagt, dass sie sich verhalten sollen, ist nämlich ein argumentum ad absurdum. Wenn Y behauptet, ein Verhalten X sei wichtig, um den Planeten zu retten, sich selbst aber anders verhält, dann kann das Verhalten X nicht wichtig sein, um den Planeten zu retten, oder das Verhalten von Y ist für die Rettung des Planeten nicht relevant, was, wenn es sich bei Y um einen Menschen handelt, auch für alle anderen, die der Klasse „Mensch“ zuzuordnen sind, gilt. Abermals folgt, dass das Verhalten X für die Rettung des Planeten irrelevant ist.

Stöcker begeht den Fehler, den viele der Logik Unkundigen begehen: Er denkt, die Logik eines Arguments hänge mit dem Inhalt des Arguments zusammen. Das tut sie nicht.

 

  1. Katastrophe: Stöckers Kampf mit dem argumentum ad hominem

„ Es geht dabei nicht darum, das Argument des Gegenübers zu entkräften, sondern die inhaltliche Auseinandersetzung zu umgehen, indem man die Person attackiert. Die konkrete Figur vom Format “du bist doch selbst nicht besser!” hat noch einen Spezialnamen: tu-quoque-Argument (du auch).

Diese Form der Argumentation gilt in Philosophie und Rhetorik als unzulässig, und zwar aus gutem Grund. Ob Greta Thunberg Bahn fährt oder nicht, ob Katharina Schulze in den Urlaub fliegt oder nicht: Wenn beide davor warnen, dass der Klimawandel zu furchtbaren Katastrophen führen wird und deshalb dringend etwas dagegen getan werden muss, haben sie recht.“

Bei einem argumentum ad hominem wird geschlossen, dass eine Aussage falsch ist, WEIL sie von einer bestimmten Person gemacht worden ist. Insofern ist das argumentum ad hominem das Gegenstück zum argumentum ad auctoritatem. Während bei Letzterem behauptet wird, dass ein Argument p wahr sei, weil X (die Autorität) es gemacht hat, wird beim argumentum ad hominem behauptet, dass ein Argument p falsch sei, weil X (die nicht-Autorität) es gemacht hat. In beiden Fällen wird die Person, nicht das Argument zum Gegenstand der Auseinandersetzung gemacht.

Der Gegensatz zwischen beiden, wird im Herumstöckern des Spiegel-Schreibers in der Logik sehr deutlich. Zunächst sind die Aussagen, dass sich jemand „öffentlichkeitswirksam“ inszeniert oder nicht so verhält, wie er anderen sagt, dass sie sich verhalten sollen, kein argumentum ad hominem, denn sie weisen auf eine Diskrepanz zwischen Reden und Verhalten (im zweiten Fall) hin bzw. stellen eine Bewertung dar. Dann ist der Hinweis, dass der „Klimawandel zu furchtbaren Katastrophen führen wird“ das Fragment eines argumentums ad auctoritatem, denn damit ein Argument daraus wird, bedarfs es noch eines (empirischen) Belegs. Die Behauptung als solche kann nur ausreichend finden, wer wie Stöcker blind an den menschengemachten Klimawandel glaubt und der Ansicht ist, der höheren Wahrheit seines Glaubens könne durch Menschen nicht widersprochen werden. Insofern hat das argumentum ad auctoritatem bei Stöcker wirklich die göttlichen Höhen eines Naturgesetzes erklommen. Das wiederum sind Höhen, auf die sich kein normaler Mensch begibt.

Dass Stöcker tatsächlich kein Logiker ist, ist jetzt schon klar. Dass er ein Gläubiger ist, wird wenige Zeilen weiter klar, wenn er schreibt: „Die Weltgemeinschaft hat sich bekanntlich längst darauf verständig, dass die menschengemachte Temperaturerhöhung …“. Abermals wird ein argumentum ad auctoritatem von Stöcker angeführt, um seine windige Argumentation, auf die wir gleich zu sprechen kommen, zu stützen.

 

  1. Katastrophe: Tu quoque Brute?

Das Argument “tu quoque” ist in der Tat eine Sonderform des argumentum ad hominem, dies aber nur soweit es ein Argument für ungültig erklärt, weil derjenige, der es macht, sich gegen sein eigenes Argument verhalten hat. Zuweilen wird der Zusammenhang auch etwas gelockert und – wie dies z.B. bei Robert Churchill der Fall ist, ein tu quoque als eine Argumentform bezeichnet, bei der nicht auf den Inhalt eines Argumentes eingegangen wird, sondern auf eine Schwäche des Gegenübers verwiesen wird.

Über tu quoque, und das argumentum ad hominem gibt es Streit insofern als die Behauptung, ein Argument sei falsch, wenn es von X gemacht werde, dann kein ad hominem darstellt, wenn X ein bekannter Lügner ist, so dass man davon ausgehen muss, dass auch das neuerliche Argument des Lügners X falsch ist. Faktisch kann man diese Probleme jedoch leicht umgehen, wenn man das Argument würdigt und an ihm entscheidet, ob eine Argumentation korrekt ist oder nicht. So betrachtet macht sich jeder, der nicht das Argument, sondern die Person des Argumentierenden betrachtet, eines ad hominem schuldig.

Bei tu quoque ist dies anders.

Menschen leben nicht in atomaren Eigenzellen ohne Kontakt zu Mitmenschen, sondern in menschlichen Gesellschaften. Das Soziale beschreibt auf andere bezogenes Verhalten. Kommunikation und das Bemühen, andere von den eigenen Argumenten zu überzeugen, ist ein Bestandteil des Sozialen, der in weiten Teilen von der Glaubwürdigkeit der vorgetragenen Argumente lebt. Zuweilen werden Argumente vorgetragen, deren Richtigkeit nicht – wie Stöcker zu meinen scheint – im göttlichen Buch eingetragen ist und dort nachgelesen werden kann, z.B. unter Stichpunkt K wie Klimawandel, menschengemacht – sondern für die lediglich ein Grad der Bewährung oder die Kraft der Argumente spricht. In diesem Fall ist die Glaubwürdigkeit eines Arguments von der Glaubwürdigkeit dessen abhängig, der es ausspricht. Anders formuliert: Wer predigt, dass Flugreisen die Umwelt belasten und selbst ohne mit der Wimper zu zucken, ein Flugzeug besteigt und verreist, der muss sich nicht wundern, wenn er als unglaubwürdig gilt. Aus diesem Grund ist auch Stöckers Versuch, tu quoque zu entstellen, gescheitert.

 

  1. Läppisches als ad lapidem

Der Außenseiter unter den logischen Fehlern, das argumentum ad lapidem, wird dem englischen Poeten Samuel Johnson zugeschrieben und geht wie folgt:

“Boswell had said of Berkeley’s ‘ingenious sophistry to prove the non-existence of matter and that everything in the universe is merely ideal’ (both statements inaccurate) ‘that the doctrine could not be refuted, though we are satisfied it is not true. Johnson answered, striking his foot with mighty force against a large stone until he rebounded from it, “I refute it thus.” ‘

Es geht hier offenkundig nicht darum, eine „nicht zu leugnenden Tatsache als schlagendes Argument“ heranzuziehen, wie Stöcker meint, sondern darum, ein Argument lächerlich zu machen, ohne auf das vorgebrachte Argument einzugehen. Ein Beispiel für einen solchen Fehlschluss liefert Stöcker, wenn er mit Bezug auf ein Tweet von Donald Trump, in dem er die Kältewelle in den USA benutzt, um sich über die Idee einer menschengemachten globalen Erwärmung lustig zu machen, schreibt:

„Jedes Mal, wenn er so etwas tut, erklären im Teenager anschließend den Unterschied zwischen Wetter und Klima, aber das scheint nicht hängenzubleiben“.

Das ist ein klassischer Versuch, Trump durch den Verweis auf Dinge, die schon (indoktrinierte?) Teenager nach Ansicht von Stöcker genau wissen (weil sie es im Buch der göttlichen Wahrheit nachgelesen haben) lächerlich zu machen, ad lapidem eben.

5. Katastrophe: Appell an das Mitleid!

Stöcker beendet seinen Text mit einem Appell an das Mitleid, auch ein Fehlschluss, denn die Ungültigkeit eines Argumentes wird durch Mitleid mit dem, der schiefe Argumente macht, nicht beeinflusst. Das Mitleid mit Stöcker, der vorgibt, etwas zu beherrschen, von dem er nicht einmal entfernt eine Ahnung hat, Logik nämlich, ist jedoch fehl am Platze, beendet er seinen Text doch mit einem klassischen Fehlschluss der Bejahung des Konsequens und will damit die Begründetheit ausgerechnet eines Appells an das Mitleid nachweisen:

„Es sind ja tatsächlich die Kinder und Jugendlichen von heute, die am meisten unter den Folgen der globalen Erwärmung zu leiden haben werden“.

Da wir weder wissen, ob die Kinder und Jugendlichen von heute, morgen noch leben, noch, ob die Folgen der globalen Erwärmung so sein werden, wie sie in Modellen mit einem Fehlerterm, der einem Statistiker die Haare zu Berge stehen lässt, vorhergesagt werden, können wir auch die Feststellung, die Stöcker hier als Wahrheit verkaufen will, nicht treffen. Weder wir noch Stöcker können in die Zukunft schauen. Bestenfalls können wir Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Szenarien angeben, wobei wir berücksichtigen müssten, dass die Sonnenaktivität und die gerade heftig wandernden Pole (sowie die Neigung der Erde) einen Effekt auf das Klima haben und natürlich müssten wir auch die Arbeiten berücksichtigen, die zeigen, dass die deutliche Zunahme der Vegetation auf der Erde über die letzten Jahrtausenden auf eine Zunahme von Kohlendioxid in der Atmosphäre zurückzuführen ist und und und.

Wer dennoch versucht, auf wenigen Daten weitreichende Schlüsse zu ziehen, der kann es sich aussuchen, ob er einen Fehlschluss der unzulässigen Verallgemeinerung, einen Fehlschluss der unzureichenden Statistik, einen induktiven Fehlschluss oder einen Fehlschluss des undifferenzierten Denkens oder wie Stöcker, alle auf einmal, begehen will.

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