Experten des großen Mauls: Geschichtsklitterung durch Anbiederung am Zeitgeist

Wer kann sich noch an die Zeiten erinnern, als Stammtisch-Politiker und, wichtiger noch, Stammtisch-Fußballexperten die Kneipen Deutschlands bevölkert haben: Fischer, Müller oder Klose Imitationen, die natürlich alles besser gemacht hätten als die Originale? In den empirischen Wissenschaften gibt es ein ähnliches Phänomen. Dabei wird natürlich nicht von Stammtisch-Wissenschaftlern gesprochen, sondern von Sessel-Experten, die im Trockenen sitzen und die Arbeit, die andere im Feld, als Ethnologe in Afrika oder als Soziologe bei der Polizei gemacht haben, beurteilen und natürlich alles besser wissen, als diejenigen, die in den Bezügen vor Ort gelebt haben.

Vermutlich waren diese Sessel-Experten der Beginn einer Bewegung, die man nicht anders als Unkenntnis-Experten bezeichnen kann: Leute, die zu allem und jedem eine dezidierte Meinung haben, aber in der Regel zu wenig bis nichts, zu dem sie eine Meinung haben, Wissen. Sicher hat der radikale Konstruktivismus, dessen Vertreter alles, außer den eigenen Bezügen anzweifeln, dazu beigetragen, dass die informierte Debatte in der Öffentlichkeit durch das Gebrüll der uninformierten Großmäuler erstickt wurde. In jedem Fall ist die Tatsache, dass der Appell an Emotionen in öffentlichen Debatten, das „wir brauchen“, viel häufiger als das auf Fakten basierende Argument zu finden ist, eine Folge des Genderismus und des Einzugs von Frauen (und feministischen Männerdarstellern), deren Professionalität sich auf Intuition in Abwesenheit von Vernunft und Wissen beschränkt.

Das Resultat ist eine Situation, in der fast jeder zu allem etwas zu sagen hat, eine Situation, in der eine Meinung eine Aussage ist, die in der Regel bar aller Bezüge zu Wissen und Fakten auskommt, eine Situation, in der selbst Kinder und Jugendliche als Experten für dies und das ausgegeben und von Medien hofiert werden können – ohne dass sich die Medienschaffenden damit nach ihrer Ansicht lächerlich machen.

Öffentliche Debatten finden als Folge immer auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Kenntnis statt, und der kleinste gemeinsame Nenner findet sich regelmäßig im von keinerlei Kenntnis getrübten Schwadronieren.

So dürfen Schüler, die besser für die nächste Klassenarbeit lernen würden, in Medien über die Alten schwadronieren, die ihnen angeblich die Zukunft stehlen, weil sie nicht das gegen den vermeintlich menschengemachten Klimawandelt tun, was die jeweiligen Schüler für richtig halten, Schüler, die sich großmäulig eine Meinung zu einem Thema anmaßen, zu dem man sich ohne Kenntnis davon, wie Simulationsrechnungen funktionieren, auf welchen Annahmen sie basieren, welche Fehler mit einer bestimmten Simulation verbunden sind, welche Variablen überhaupt in der Simulation berücksichtigt sind, nicht äußern kann. Aber heute glaubt jeder alles zu wissen, und deshalb dürfen Schüler, die seit ihrer Geburt auf Kosten derer leben, von den Arbeitsleistungen der Alten leben, die sie nun bezichtigen, ihnen die Zukunft zu stehlen, über eben diese Alten herziehen. Deshalb kann jeder Neunmalklug, der noch nie etwas von einem Null-dimensionalen Modell, geschweige denn von einem rotating radiative-convective-equilibrium gehört hat, seinen Senf zum Kohleausstieg geben und Kritik an der Absicht der Bundesregierung üben, den Weg zurück in ein vorindustrielles Zeitalter erst 2038 beginnen zu wollen.

Diejenigen, deren vollmundige Aussagen durch keinerlei Wissen getrübt oder in Grenzen gehalten werden, haben heute Konjunktur, und es ist kein Wunder, dass Kinder mit ihren angeblichen Meinungen die Medien erobern, denn ihre vermeintlichen Meinungen sind genauso unfundiert, genauso wenig von Wissen belastet, wie die Meinungen derer, die als Politdarsteller in Parlamenten ihr Unwesen treiben.

Hindenburgdamm

Nicht nur in Deutschland: Auch in Finnland. Dort hat das Experiment „Grundeinkommen“ gerade mit der Erkenntnis geendet, dass dann, wenn man Menschen die Notwendigkeit, sich einen Job zu suchen, durch ein festes Grundeinkommen nimmt, die nämlichen Menschen die Notwendigkeit, sich einen Job zu suchen, nicht mehr sehen.

Angeblich leben wir in einer Wissensgesellschaft. Ob es eine Wissensgesellschaft ist, sei dahingestellt, in jedem Falle ist es möglich, politische Konzepte, die so idiotisch sind, dass sie nur ideologische Spinner begeistern können, in die Realität umzusetzen, um dann herauszufinden, dass die Ergebnisse, die Sozialpsychologie und Ökonomie konstant seit etwas mehr als 100 Jahren produzieren und die in der Philosophie seit mehreren tausend Jahren bekannt sind, tatsächlich richtig sind: Wenn Menschen keinen Anreiz haben, etwas zu tun, dann werden sie auch nichts tun.

Ob die Finnen demnächst eine Expedition losschicken, um herauszufinden, ob man am Ende von Finnland von der Erde fällt, ist uns nicht bekannt. Indes muss man die Finnen loben, denn sie haben zumindest die vorhersehbaren Ergebnisse anerkannt, die ihr Experiment in der Empirie gezeitigt hat und daraus praktische Konsequenzen gezogen. Bei deutschen Ideologen, die es schaffen, fast auf unbegrenzte Zeit ihre Ideologie gegen die Realität zu verteidigen, tatsächlich gehen wir davon aus, dass auch im Jahre 2050 noch ein Irrer herumlaufen und vom Gender Pay Gap fabulieren wird, wäre das nicht der Fall.

Denn bei ihnen geht es um das Fabulieren, nicht um die Realität. Die Realität ist eher hinderlich, weil sie die Angewohnheit hat, der eigenen Meinung zu widersprechen. Was ließe sich nicht alles behaupten und zusammenspinnen, wenn nicht immer wieder einer oder zwei des Weges kämen und darauf hinwiesen, dass die eigene Meinung nach allen Kriterien, die man so an Meinungen anlegen kann, einfach nur falsch ist?

Und so kommen zum Beispiel wir des Weges und staunen über den unglaublichen Unsinn, den Martin Habersaat, der stellvertretende Vorsitzende der SPD im Kieler Landtag, von sich gibt:

„”Hindenburg gehörte zu denen, die die Demokratie auf dem Gewissen haben. Da besteht heute keine Veranlassung, ihn mit Namensgebungen oder Ehrenbürgerschaften ein Denkmal zu setzen”, sagt Martin Habersaat, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag.“

Denn:

„Er ist gut elf Kilometer lang, verbindet die Insel Sylt mit dem Festland – und trägt den Namen des ehemaligen Reichspräsidenten, der alles andere als ein Demokrat war und Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte: der Hindenburgdamm. Dieser Name sorgt für Diskussionen. Die SPD-Fraktion im Landtag sowie der Grünen-Politiker Andreas Tietze wollen die Verbindung nach Sylt gern umbenennen.“

Jeder weiß heute eben alles.

Wahlplakat der SPD zur Präsidentschaftswahl 1932
Quelle

Besagter Paul von Hindenburg, war Reichspräsident von 1925 bis zu seinem Tod im Jahre 1934. Im Jahre 1932 war Paul von Hindenburg der gemeinsame Kandidat ALLER demokratischen Parteien der Weimarer Republik, von der SPD, über die Reste von DDP und DVP und das Zentrum bis zur DNVP. Durch diese große Koalition gelang es, Adolf Hitler als Reichspräsidenten im Jahre 1932 zu verhindern. Zum Zeitpunkt der Wahl, 1932, war Paul von Hindenburg 85 Jahre alt. Der betagte Reichspräsident, über dessen Beeinflussbarkeit durch die Herren von Papen und Meißen es viele lesenswerte Stellen bei denen zu finden gibt, die sich mit der Weimarer Republik auskennen, allen voran, Karl-Dietrich Bracher, war sicher kein Demokrat. Er war wohl bis zu seinem Lebensende ein Monarchist.

Aber was sich Personen wie Habersaat in ihrem Bemühen, Effekte mit unsinnigen Zeitgeist-Maßnahmen zu erheischen und aufgrund schlicht nicht vorhandener Kenntnisse nicht vorstellen können: Hindenburg war dennoch eine tragende Säule der Weimarer Republik. Ohne seine Unterstützung der Präsidialkabinette Heinrich Brünings, ein Politiker des katholischen Zentrums, nebenbei bemerkt, wäre die Weimarer Republik schon zu Beginn der 1930er Jahre gescheitert. Mit Hindenburgs Unterstützung konnte Brüning von März 1930 bis März 1932 zumindest versuchen, die Weimarer Republik zu retten. Ohne die Abneigung, die der alte General, der Reichpräsident geworden ist, gegen den Gefreiten Hitler hatte, wäre es Otto Meissner und Franz von Papen schon früher gelungen, Hitler im Amt des Reichskanzlers zu installieren. Hindenburg ist beileibe keiner, der die Demokratie auf dem Gewissen hat.

Wer das behauptet, ist entweder ein politischer Opportunist, dessen Bösartigkeit nicht davor zurückschreckt, das Andenken an Menschen, deren Lebensleistung um einiges größer ist als die seine es je sein wird, zu beschmutzen, wenn es seinem kleinen Ego dient oder er ist schlichtweg ein Großmaul, das ohne jede Ahnung einfach Behauptungen in die Welt posaunt.

Ein Argument, das oft gegen Hindenburg angeführt wird, ist die Tatsache, dass er es Brüning, von Papen und von Schleicher ermöglicht hat, durch Präsidialerlasse, also die Nutzung des ominösen Artikel 48 der Weimarer Verfassung, gegen den Reichstag, gegen die Mehrheit des Reichstags, die aus erklärten FEINDEN DER DEMOKRATIE bestand, nämlich der KPD und der NSDAP zu regieren.

Auch diesen Vorwurf kann nur erheben, wer bar jeglicher Kenntnisse der damaligen Verhältnisse ist. So ist die Nutzung von Artikel 48, um ein Regieren gegen den Reichstag zu ermöglichen, keine Erfindung von Hindenburg, sondern eine sozialdemokratische Innovation, die Friedrich Ebert, Reichspräsident bis 1925, eingeführt hat. Hugo Preuß, der Architekt der Weimarer Verfassung hat sich nicht nur einmal empört darüber geäußert, dass Ebert eine Lücke, die Preuss nicht vorhergesehen hat, nutzte, um es den Kabinetten von Müller, Wirth und Cuno zu ermöglichen, gegen den Reichstag zu regieren.

Wie eine Vielzahl von Historikern herausgearbeitet hat, wurde Artikel 48 angewendet, weil der Reichstag voller Parlamentarier war, die keinen Hintern in der Hose und Angst davor hatten, sich mit unpopulären Entscheidungen bei ihren Wählern unbeliebt zu machen. So blieb es letztlich Ebert vorbehalten, die Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen, die die Parlamentarier abgelehnt haben, z.B. für die Steuerverordnung vom April 1924, inklusive Steuererhöhungen, für die kein Parlamentarier den Kopf hinhalten wollte. Friedrich Ebert hat in 83 Fällen mit Notverordnungen regiert.

In gleicher Weise hat Paul von Hindenburg über den Artikel 48 per Notverordnung den beiden Kabinetten von Heinrich Brüning ermöglicht, nunmehr gegen einen Reichstag, der in der Mehrzahl aus Antidemokraten bestand, zu regieren und in der Zeit der Weltwirtschaftskrise und ihrer Folgen für Deutschland fast schon stabile Regierungsverhältnisse zu gewährleisten. Wie Maurice Duverger anerkennen schreibt, gelang es Hindenburg Brüning über eine Zeit im Amt zu halten, zu der die französische Nationalversammlung fünf verschiedene Kabinette verschlissen hat.

Historiker und Wissenschaftstheoretiker kämpfen seit Jahrzehnten dafür, historische Ereignisse und vor allem historische Personen im Kontext ihrer Zeit zu beurteilen. Dazu benötigt man natürlich Kenntnisse über diese Zeit, über die relevanten Akteure, Strukturen, Ereignisse. Diese Berücksichtigung ist man den historischen Personen aber schuldig, die Entscheidungen getroffen haben, von denen sie dachten, sie seien die richtigen Entscheidungen, und zwar aufgrund ihrer Wahrnehmung der Randbedingungen, die zu ihrer Zeit gegeben waren.

Das ist natürlich nicht im Sinne der Selbstgerechten, die heute, weil sie keinerlei Eigenleistung vorweisen können, auf den schnellen historischen Kill aus sind, die nicht davor zurückschrecken, einen Menschen, wie Paul von Hindenburg, der sich trotz seiner Präferenz für eine Monarchie, auf ein politisches System eingelassen hat, das er wohl nicht mochte, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, nach bestem Wissen und Gewissen innerhalb der Regeln dieses demokratischen Systems tätig zu sein, zu jemandem zu erklären, der die „Demokratie auf dem Gewissen“ hat. Wie dumm man sein muss, wenn man einzelne Personen zu Lenkern der Weltgeschichte aufbauscht, ist nur eine Frage, die sich an solche Behauptungen anschließt. Wie arrogant muss man sein, wenn man glaubt, man könne auf Basis von keinerlei Kenntnis einfach mit einer Anbiederung an den Zeitgeist zu Lasten von alten weißen Männern punkten? Und was für einen Charakter muss man haben, wenn man nichts dabei findet, ein Leben, das 87 Jahre lang war, auf die eine ideologische Formel bringen zu können, die gerade zu passen scheint.

Die Siegfriedstellung, die das Deutsche Heer im Ersten Weltkrieg an der Westfront aufgebaut hat, heißt bis zum heutigen Tag bei den Alliierten „Hindenburg Line“. Egal, ob im Kieler Landtag, in dem bei der SPD ja die gesammelte Kompetenz dieses armseligen Überrests einer ehemaligen Partei versammelt ist, eine Umbenennung des Hindenburg-Damms, der Sylt mit dem Festland verbindet, in z.B. Dachdecker Erich Wall beschlossen wird, oder nicht: Die Arbeit ist damit nicht getan. Im nächsten Schritt muss Briten, Franzosen, Kanadiern, Indern, Nepalesen, US-Amerikanern usw. beigebracht werden, dass die Hindenburg-Line nicht mehr Hindenburg-Line genannt werden darf, weil Hindenburg doch die „Demokratie auf dem Gewissen“ hat.

Duverger, Maurice (1980). A New Political System Model: Semi-Presidential Government. European Journal of Political Research 8(2): 165-187.

Longerich, Peter (1992). Die Erste Republik. Dokumente zur Geschichte des Weimarer Staates. München: Piper.

Preuß, Hugo (2008 [1922]). Parlamentarismus, wie er nicht ist. In: Lehnert, Detlef & Müller, Christoph (Hrsg.). Hugo Preuß. Gesammelte Schriften. Tübingen: Mohr Siebeck, S.243-246.

Preuß, Hugo (2008 [1921]). Republik und Monarchie. Reich und Preußen. In: Lehnert, Detlef & Müller, Christoph (Hrsg.). Hugo Preuß. Gesammelte Schriften. Tübingen: Mohr Siebeck, S.185-189.

Raithel, Thomas (2005). Funktionsstörungen des Weimarer Parlamentarismus. In: Föllmer, Moritz & Graf, Rüdiger (Hrsg.). Die ‚Krise‘ der Weimarer Republik. Zur Kritik eines Deutungsmusters. Frankfurt a.M.: Campus, S.243-266.

Stirk, Peter M. R. (2002). Hugo Preuss, German Political Thought and the Weimar Constitution. History of Political Thought 23(3): 497-516.

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