Warum die deutsche Politikwissenschaft aus dem letzten Loch pfeift: Thüringer Nachlese

[vielleicht auch “auf”, aber “aus” klingt irgendwie treffender…]

Die ARD hat viel mit einem Weihnachtskalender gemeinsam. Jeden Tag macht ein Redakteur ein Türchen auf und heraus kommt ein Experte oder ein Philosoph oder ein Politikwissenschaftler und von allen hat man bis dato in der Regel noch nichts gehört.

Hochrechnung 18:45 Uhr

Heute hat man bei der ARD das Türchen aufgemacht, hinter dem Astrid Lorenz auf den Einsatz gewartet hat. Und weil man bei der ARD wohl – zurecht – denkt, mit Lorenz kann niemand etwas anfangen, wird in einem eigenen Kasten zusammengeschrieben, was Politikwissenschaftler Lorenz von der Universität Leipzig, die ansonsten eine rein Humboldt-Berlin-Sozialisation erfahren hat, dazu qualifiziert, in der ARD nun Antworten auf langweilige Fragen zu geben.

Durch die Antworten von Lorenz sind wir heute um die folgenden Informationen reicher:

  • Die LINKE ist in Thüringen nicht der „klare Wahlsieger“. Das ist die CDU.

Das glauben Sie nicht?

Hier der Originalton:

„Zunächst mal ist am Wahlergebnis interessant, dass die Linkspartei keineswegs der klare Gewinner ist, wenn man sich die Direktmandate anschaut. Denn davon gingen auch viele an die CDU.”





Weiter geht es mit den Erkenntnissen:

  • Eine Minderheitsregierung „ist sicher nichts, was irgend einer der Beteiligten möchte“ …

Wer hätte das gedacht, dass Parteien zu Wahlen antreten, um Wahlen zu gewinnen, nicht etwa, um sie zu verlieren und dann als „klarer Loser“, wie man sagen könnte, auf die Tolerierung durch andere Parteien angewiesen zu sei?

  • Eine Koalition zwischen LINKE und CDU ist in Thüringen möglich, vielleicht wahrscheinlich, vielleicht auch nicht. Eine Antwort, wie sie in eindeutiger Unklarheit nur Schwätzperten geben können.
  • Auf Dauer könne man die AfD von der Regierungsbildung ausschließen, aber ihre Themen, die müsse man übernehmen.

Und nun ausführlich, das ganze Elend der deutschen Sozialwissenschaften, in diesem Fall der Politikwissenschaften, deren Personal … aber lesen Sie selbst:

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„tagesschau.de: Die Wähler der AfD haben sich von eine[m] rechts-nationalen Spitzenkandidaten, wie Björn Höcke es ist, nicht abschrecken lassen. Kann man da noch von Protestwählern sprechen?

Lorenz: In den Umfragen zeigt sich immer noch, dass Protest beziehungsweise Unzufriedenheit mit der Politik ein ganz wichtiges Motiv ist – neben der Programmatik. Allerdings sind das nicht unbedingt verfestigte Positionen. Das kann man auch ableiten aus dem unterschiedlichen Stimmenanteil von Frauen und Männern bei der AfD. Die Männer, die AfD gewählt haben, haben nicht selten eine Frau zu Hause, die nicht AfD gewählt hat.

Das zeigt, dass diese Wähler nicht in abgeschotteten Milieus sind, sondern im Gespräch mit anderen Personen, die andere Parteien wählen. Und man hat da nach wie vor die Möglichkeit, ein verändertes Wahlverhalten zu bewirken. Im Osten haben wir vielfach ungebundene Wähler, die von Wahl zu Wahl neu entscheiden, wem sie ihr Vertrauen aussprechen. Das heißt, die AfD ist nicht die neue Volkspartei des Ostens, sondern ihr Ergebnis kann sich bei den nächsten Wahlen auch wieder ändern.“

Also wenn Ehemänner die AfD wählen und Ehefrauen (wir bleiben einmal im konservativen Milieu) die LINKE oder die Grünen, dann sind die Ehemänner, nicht etwa die Ehefrauen in keinem abgeschotteten Milieu und dann kann man hoffen, dass die Ehefrauen das Wahlverhalten der Ehemänner verändern, nicht etwa umgekehrt, denn natürlich sind Frauen, die Grüne oder LINKE wählen, im Gegensatz zu Männern, die AfD wählen, sakrosankt.

Nebenbei bemerkt ist es natürlich ein ökologischer Fehlschluss, von den Anteilen der Frauen und Männer, die AfD gewählt haben, darauf schließen zu wollen, dass Männer, die AfD gewählt haben, „nicht selten eine Frau zu Hause“ haben, die nicht AfD gewählt haben. Hier ist wohl der Wunsch mit Lorenz durchgegangen, was einmal mehr zeigt, Gefühlchen und Logik passen nicht zusammen.

Das ist wieder so ein Fall, wo man feststellt: Jede Universität ist für die Berufungen, die sie vornimmt, selbst verantwortlich und Studenten haben zum Glück die Möglichkeit, bei einem richtigen Politikwissenschaftler zu studieren. Wir empfehlen die Universität Mannheim oder die Universität Würzburg für alle, die sich mit dem Gedanken tragen, Politikwissenschaft zu studieren.

Wenn angebliche Wissenschaftler wie Lorenz ihre Prämissen so offen vor sich hertragen, so offen zeigen, dass sie keine Politikwissenschaftler, sondern Ideologen sind, die ihre eigenen politischen Präferenzen nicht vom Job trennen können, dann ist es (nicht nur) für Studenten das Beste, diese Ideologen zu meiden. Besonders dann, wenn Ideologie mit Plattitüden gemischt wird, die die Vermutung nahelegen, dass man es mit dem zu tun hat, was man im englischen not-bright nennt, einem bestenfalls mittelmäßig kognitiv begabten Ideologen.

Die Frage, ob die AfD eine Volkspartei ist, stellt sich einem normalen Politikwissenschaftler nicht. Natürlich ist die AfD keine Volkspartei, so wenig, wie die LINKE, die CDU oder die SPD eine Volkspartei sind. Das Konzept der Volkspartei stammt von Otto Kirchheimer. Er beschreibt damit eine Partei, die ihr Themenangebot so sehr verwässert, dass jeder etwas finden kann, wenn er möchte. Zu diesem Zweck wird die eigene Programmatik vornehmlich auf Themen reduziert, die wenig Aufregungspotential mit sich bringen. Auf die Programmatik der AfD trifft dies sicher nicht zu. Es trifft auf die Programmatik aller Altparteien zusammengenommen zu, die so etwas wie eine neue programmatisch leere Einheitsfront aus Blockparteien bilden. Denn wenn es möglich ist, dass über eine Koalition zwischen CDU und LINKE spekuliert wird, ohne dass der Spekulant sich lächerlich dabei vorkommt, dann ist offenkundig eine so große inhaltliche Annäherung zwischen beiden Parteien erfolgt, dass man bei beiden von einem sehr verwässerten und auf unstrittige und gemeinsame Themen reduzierten Angebot ausgehen muss.

Zur Erinnerung für diejenigen, die den Begriff „Volkspartei“ so gerne gebrauchen. In seiner ursprünglichen Form ist er gar nicht positiv gemeint. Otto Kirchheimer hat das, was er Volkspartei genannt hat, wohl eher verachtet. Aber Kirchheimer war Wissenschaftler. Deshalb merkt man seinen Schriften nicht an, ob und wenn ja, wie sehr er „Volksparteien“ verachtet.

Aber es kommt noch schlimmer, denn Lorenz scheint „Volkspartei“ mit Partei, die von Stammwählern gewählt wird, zu verwechseln, wie die Passage:

„Das heißt, die AfD ist nicht die neue Volkspartei des Ostens, sondern ihr Ergebnis kann sich bei den nächsten Wahlen auch wieder ändern.“

vermuten lässt. Als Stammwähler gilt in der Wahlforschung ein Wähler, der bei zwei aufeinanderfolgenden Wahlen dieselbe Partei gewählt hat. Und die Spekulation, dass sich das Ergebnis der AfD bei den nächsten Wahlen auch wieder ändern könne, ist eine der Plattitüden, die am Verstand dessen, der sie ausspricht, zweifeln lassen. Gab es schon jemals eine Wahl, außerhalb der DDR und anderer sozialistischer Systeme, in denen das Wahlergebnis vorgegeben wird, deren Ergebnis dem einer vorausgehenden Wahl entsprochen hätte? Es ist gerade der Witz an Wahlen, dass sich Stimmanteile ständig ändern, sehr zum Leidwesen der SPD, die gerne auf 40% gebucht wäre. Und natürlich ändert sich das Ergebnis der AfD bei der nächsten Wahl in Thüringen, so wie es sich bei der letzten Wahl im Vergleich zur vorletzten Wahl geändert hat: Die AfD hat dazugewonnen.

Ein Gedanke, der Lorenz nicht kommt, weil sie ihre Vorlieben nicht von ihrem Job trennen kann. Das Elend der deutschen Politikwissenschaft in einem Satz.



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