Wer solche Wissenschaftler hat, der braucht keine Ideologen – Trotz Hufeisen(theorie) kein Glück beim Denken

von Dr. habil. Heike Diefenbach

Am 19. Februar 2020 hat sich jemand namens Johannes Wallat in einem Text mit dem Titel „Extremismus – links ist nicht gleich rechts von n-tv.de in den Dienst der Verbreitung von fake news gestellt (oder stellen lasen), deren Urheber der seit 2010 im Ruhestand befindliche Hajo Funke ist, der vor seinem Übergang in den Ruhestand Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin lehren und betreiben sollte.

Die FU Berlin stellt noch immer eine Seite für Hajo Funke bereit, obwohl er seine Anstellung beim Kultusministerium in Berlin seit nunmehr zehn Jahren nicht mehr inne hat. Dennoch wird er auf den entsprechenden Seiten der FU Berlin ebenso wie von Johannes Wallat, dem Verfasser des oben genannten Textes auf n-tv.de, als „Professor Funke“ dargestellt, was einen Mißbrauch von Titeln und Kennzeichen darstellt, denn „Prof.“ bezeichnet ja eben das Angestelltenverhältnis eines Hochschullehrers und ist kein akademischer Titel. Wer nicht als Hochschullehrer an einer Hochschule angestellt ist bzw. eine Anstellung mit Bezahlung nach entsprechender Gehaltsliste innehat, der ist kein „Professor“. Der höchste akademische Titel , den Herr Funke führt und als solchen unabhängig von einem Angestelltenverhältnis führen darf, lautet „Dr.“

Offensichtlich basiert die Titelwischerei, die hier betrieben wird, auf der Annahme vieler Ewiggestriger, nach der irgendjemand jemand anderem einfach deshalb glauben würde, was er von sich gibt, weil er an einer Hochschule angestellt ist und nach Professorentarif bezahlt wird. Und dieser Auffassung entspricht der Verweis auf der Dr. Funke-Seite der FU Berlin, dass man doch „Interviewanfragen an Prof. [!] Funke […] bitte an die FU-Pressestelle [richten]“ solle.

Dem Ruheständler Dr. Funke werden auf der Seite der FU Berlin die folgenden (ehemaligen) „Arbeitsschwerpunkte“ zugeschrieben:

• Vergleichende Politische Kulturforschung
• Autoritarismus, Rechtsextremismus
• Migration, Fremdendenfeindlichkeit und Antisemitismus
• Verarbeitung der beiden deutschen Diktaturen
• Analyse von Staatsautoritarismus und Genozidpolitik

Wallat bezeichnet Dr. Funke in seinem Text als „Politikwissenschaftler und Extremismusforscher“, und unterschlägt dabei, dass Dr. Funke kein Extremismusforscher ist (ich würde auch Ersteres bestreiten, aber dazu später), sondern jemand, der sich überhaupt nicht für Extremismus als solchen interessiert, sondern ausschließlich für Rechtsextremismus. Die Publikationsliste, die für Dr. Funke auf der entsprechenden FU Berlin-Seite präsentiert wird, belegt dies auf eindringliche Weise:

Publikationen
Eigene Publikationen
• Gott Macht Amerika. Ideologie, Religion und Politik der us-amerikanischen Rechten. Berlin, 2006, Verlag Hans Schiler, Schriftenreihe Politik und Kultur, Band 7.
• Der amerikanische Weg. Hegemonialer Nationalismus in der US-Administration. Berlin, 2003, Verlag Hans Schiler, Schriftenreihe Politik und Kultur, Band 5.
• Paranoia und Politik: Rechtsextremismus in der Berliner Republik. Berlin, 2002, Verlag Hans Schiler, Schriftenreihe Politik und Kultur, Band 5.
• Zusammenhänge zwischen rechter Gewalt, Einstellungen in der Bevölkerung sowie der Verantwortung von Öffentlichkeit und Politik”, in: Christoph Butterwegge/Georg Lohmann: Jugend, Rechtsextremismus und Gewalt. Analysen und Argumente (Opladen: Leske & Budrich, 2001), S. 61 – 80.
• “Wir haben sechs Juden erschossen: So steht es im Tagebuch. Ich weiss es nicht.” In Schuld verstrickt, die nicht tilgbar ist?”, in: Hildegard Kramer (Hrsg.), Die Gegenwart der NS- Vergangenheit (Berlin: Philo Verlag, 2001).
• Hajo Funke, Thomas Skelton-Robinson, “Versenkt das Schlachtschiff Auschwitz.” David Irving – eine Karriere im braunen Netz. Berlin, 2002 (im Erscheinen)
• Hajo Funke, Alexander Rhotert, Unter unseren Augen: Ethnische Reinheit. Die Politik des Milosevic- Regimes und die Rolle des Westens. Berlin: Verlag Das Arabische Buch (Schriftenreihe Politik und Kultur am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin, Bd. 2, 1999)
• “Die Republikaner”, in: Jens Mecklenburg (Hrsg.), Die braune Gefahr (Berlin: Elefanten Press, 1999).
Co-Publikationen mit Dr. Lars Rensmann
• Hajo Funke, Lars Rensmann, Micha Brumlik, Umkämpftes Vergessen: Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik (Berlin: Das Arabische Buch (Schriftenreihe Politik und Kultur am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften Bd.3, 2000).
• Hajo Funke, Lars Rensmann: “Kinder der Einheit: Die soziale Dynamik des Rechtsextremismus”, Blätter für deutsche und internationale Politik 9 (2000), S. 1069 – 1078.
• Hajo Funke, Lars Rensmann, Hans-Peter Waldhoff: “Neuer Rechtsextremismus in Deutschland: Zeitgenössische Erscheinungsformen, Ursachen, Dynamiken”, (Berlin 2002, im Erscheinen)

Konnten Sie eine Arbeit zu „Extremismus“ als solchem finden oder speziell zu Linksextremismus? Nein? Ich auch nicht. Dr. Funke mag ausschließlich die „braune Gefahr“ beschwören, aber keine „rote“ oder „grüne“. Das sagt, wenn nicht alles, so doch sehr viel, und ist als Hintergrundinformation zu den „fake news“, die Wallat Dr. Funke für n-tv.de verbreiten lässt, unerläßlich.

Nun zum Text von Wallat auf n-tv.de. Der Text dient allein dazu, den Lesern von der vermeintlichen Autorität, die sich aus einer ehemaligen Anstellung an einer Universität und einer „Extremismus“-Publikationsliste mit erheblicher ideologischer Schlagseite erschöpft, mitteilen zu lassen, dass Linksextremismus ganz anders sei als Rechtsextremismus. Damit das Ganze wissenschaftlich klingt, wird eine „Hufeisentheorie“ beschrieben, die Dr. Funke so beschreibt (wohl im mündlichen oder schriftlichen Interview; das bleibt unklar):

„In diesem Modell ziehen sich die beiden extremen Enden des politischen Spektrums an oder ergänzen sich sogar und bewegen sich wie Magnete aufeinander zu. Man unterstellt, dass rechts ist wie links, rechtsextrem wie linksextrem und dass beide für Gewalt und gegen den Verfassungsbogen des demokratischen Zentrums oder der demokratischen Mitte sind”.

So weit, so gut, auch, wenn es für einen angeblichen Wissenschaftler ziemlich ungewöhnlich ist, von “unterstellen“ mit Bezug auf eine wissenschaftliche Theorie zu sprechen (– “unterstellt” werden normalerweise die Prämissen, auf denen Theorien und Hypothesen beruhen, während Theorien aufgestellt oder formuliert werden). Man darf unterstellen, dass die Verwendung des Verbes „unterstellen“ im Text von Wallat ein Ausdruck der Ablehnung der so beschriebenen Theorie ist.

Und tatsächlich:

„Unter Politikwissenschaftlern und Extremismusforschern gilt das Modell weithin als überholt und als zu eindimensional, um die politische Realität zu beschreiben. Trotzdem wird die Hufeisentheorie immer wieder herangezogen”.

So verkündet Wallat; löblicherweise wollte sich zu dieser vollmundigen – und sachlich falschen – Behauptung Dr. Funke nicht hergeben. Dass die Behauptung sachlich falsch ist, darf man schon deshalb vermuten, weil es Wallat nicht gelungen ist, auch nur einen einzigen der angeblich vielen „Politikwissenschaftler und Extremismusforscher“, die angeblich dieses Modell „überholt“ finden, und eine einzige entsprechende Arbeit zu finden.

Vielleicht hat er es auch gar nicht versucht. Vielleicht hat er dem Fehlschluss ad auctoritatem den Fehlschluss der falschen Generalisierung hinzugesellt, sofern Dr. Funke Anlass gegeben haben sollte, die starke Behauptung wie oben zitiert, zu suggerieren. Hat er? Nein. Das hat er tatsächlich nicht. Vielmehr fährt Wallat fort mit

„Beliebt ist sie vor allem in rechten Kreisen mit bipolarer Weltsicht, erklärt Funke:

“In Deutschland ist sie unter anderem verbunden mit dem rechtskonservativen Theoretiker Eckhard Jesse, der aus einem Kalten-Kriegs-Verständnis der 80er- und frühen 90er-Jahre heraus argumentiert und den Rechtsextremismus wie auch die AfD relativiert. Dieses Konzept tut so, als sei es ganz neutral, tatsächlich richtet es sich aber vor allem gegen die Linke. Es kann die Unterschiede zwischen einer pragmatischen Linken, einer extremen Linken und einer gewaltbereiten Linken nicht erfassen”

Weder Wallat noch Funke sind also willens oder im Stande, auch nur einen einzigen Beleg dafür vorzubringen, dass angeblich „[u]nter Politikwissenschaftlern und Extremismusforschern […] das Modell weithin als überholt und als zu eindimensional [gilt]“. Statt dessen wird als Kritik an der „Hufeisentheorie“ von Dr. Funke – wie die Anführungszeichen anzeigen – genannt, dass es verbunden sei mit jemandem, den Dr. Funke „rechtskonservativ“ findet und den er anscheinend – deshalb ?! – nicht mag, und dass das „Konzept“, das gerade noch eine Theorie war – Wissenschaftler kennen normalerweise den Unterschied –, ein hinterlistiges, böses kleines Konzept ist, das Leute täuscht, indem es vorgibt, „neutral“ zu sein, aber es eigentlich gar nicht ist, denn es richte sich angeblich „vor allem gegen Linke“ – „Linke“ wohlgemerkt, nicht gegen „Linksextreme“, wie man meinen würde, wenn Dr. Funke die Hufeisentheorie richtig beschrieben haben sollte.

Aber wo erläutert Dr. Funke den Lesern den Unterschied zwischen einer pragmatischen Rechten, einer extremen Rechten und einer gewaltbereiten Rechten? Hier ermangelt es ihm anscheinend an differenziertem Denken, ist er – um die logisch falsche Formulierung von Wallat zu entleihen – „zu eindimensional“ (logisch falsch, denn etwas ist entweder eindimensional oder mehrdimensional, es kann nicht „zu“ eindimensional sein!).

Ihr Geschimpfe gegen ein anscheinend belebtes Konzept, das eine Theorie ist (oder auch nicht), aber jedenfalls böse, weil gegen „Linke gerichtet“, ist, erschien unseren neutralen Gesinnungsaufklärern Wallat und Funke wohl selbst nicht besonders überzeugend, denn Wallat setzt in seiner argumentativen Hilflosigkeit nach:

„Kritiker der Theorie sind sich einig: Die Unterschiede zwischen Rechts- und Linksextremismus sind größer und wiegen schwerer als ihre Gemeinsamkeiten, etwa in Bezug auf Verfassungsfeindlichkeit, Gewalt oder Antisemitismus“

Abgesehen davon, dass Wallat wieder ein argumentum ad auctoritatem versucht, aber keinen einzigen „Kritiker“ dieser „Theorie“, die doch gerade eben in ein „Konzept“ mutiert wurde, nennen kann, wird ein anderer billiger rhetorischer Trick angewendet – ob wissentlich oder aus genuiner kognitiver Beschränkung heraus, bleibt unklar:

Um vorzutäuschen, dass ein allgemeiner Satz von der Unterschiedlichkeit zweier Dinge belegt werden könne, wird eine Reihe spezieller Merkmale genannt, und in der Reihe stehen diejenigen, die das Gegenteil belegen oder die Unähnlichkeit fragwürdig erscheinen lassen, vorne, während hinten als gedanklicher „Anker“ dasjenige bleibt, was am ehesten dazu geeignet ist, sozusagen per definitionem nicht anders kann als einen Unterschied zu suggerieren. Und deshalb gehen Wallat bzw. Dr. Funke – wen, bitte, soll das überraschen!? – nicht auf Verfassungsfeindlichkeit oder Gewalt ein, sondern auf Anti-Semitismus:

„Für Hajo Funke ist der Unterschied etwa beim Antisemitismus groß:“Antisemitische Straftaten werden heute zu neun Zehntel von Rechtsextremen begangen. Wenn man nun sagt, es gibt gleichermaßen linken wie rechten Antisemitismus, so ist das auch inhaltlich meist falsch. Unter linken oder extremen Linken gibt es einen auf Israel bezogenen Antisemitismus, wenn etwa die Kritik an Israel bezogen wird auf die eigene nationalsozialistische Geschichte und das gleichgesetzt wird“

Das Hintertürchen, das hier benutzt wird, besteht in der Wahl des Wortes „inhaltlich“, denn ja, „Antisemitismus“ ist ein Inhalt, und Antisemitismus mag unter Linksextremen seltener sein als unter Rechtsextremen. Der Inhalt „Antikapitalismus“ ist ein anderer Inhalt, und er ist geradezu ein charakterisierenden Merkmal von Linksextremen, aber nicht oder nur teilweise von Rechtsextremen.


Ein Konzept wie „Extremismus“ ist aber eben das – ein Konzept. Wenn es irgendeine Relevanz für die reale Welt haben soll, muss es durch konkrete Inhalte operationalisiert werden, z.B. Antisemitismus oder Antikapitalismus, Gewaltbereitschaft, Bereitschaft, Freiheitsrechte einzuschränken, etc. Wenn ich ausschließlich Inhalte wähle, die typisch sind für das, was man mit Rechtsextremismus verbindet, aber keine, die typisch sind für das, was man mit Linksextremismus verbindet, dann „gibt“ es keinen Linksextremismus; ich habe ihn gerade hinwegdefiniert. Das ist entweder ein absichtliches Täuschungsmanöver oder ein peinlicher Anfängerfehler, jedenfalls nichts, was einem Wissenschaftler normalerweise unterläuft, denn ein Wissenschaftler kennt sein Handwerkszeug.

Tue ich Wallat und Funke vielleicht Unrecht? Immerhin geht es weiter im Text mit:

„Ähnlich verhält es sich für den Extremismusforscher beim Thema Gewalt“

Aha. Wer meint, es würden nunmehr Belege für die Nicht-Existenz von Gewalt durch Linksextreme angeführt oder für irgendwie weniger oder weniger schlimme Gewalt durch Linksextreme angeführt, der irrt. Der Text fährt statt dessen mit dem Versuch fort, allgemeine Sätze durch ein einziges Beispiel belegen zu wollen, diesmal in der dümmlichen Variante der „Mit Blick“-Sätze:

„Mit Blick auf die Situation in Thüringen rund um die Wahl von Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten, wo Linke und AfD vor allem von Vertretern von CDU und FDP als gleichermaßen extremistisch bezeichnet werden, zeige sich, dass man die Lager eben häufig nicht gleichsetzen könne: “Björn Höcke entwirft in seinem Kampfbuch ‘Nie zweimal in den gleichen Fluss’ eine Strategie der Gewalt, wenn er an der Macht ist. Er will mit ‘wohltemperierter Grausamkeit’ Millionen von Migranten aus dem Land verbannen. Das geht nicht ohne extreme Gewalt. Das finden wir bei der pragmatischen Linken, also etwa der Partei Die Linke, nicht“.

Dr. Funke hat anscheinend weder von den Opfern des Stalinismus noch von den massiven Sachbeschädigungen durch Linksextreme anläßlich des G20 in Hamburg noch von den Todesschüssen an der Mauer der DDR noch Phantasien der vielversprechenden jungen Generation, Erwachsene, die entsprechend (eben wie Erwachsene) denken, an die Wand zu stellen, gehört. Dr. Funke ist wie oben bereits berichtet seit zehn Jahren im Ruhestand – mag das eine Erklärung sein für die Übernahme seiner kognitiven Vorgänge durch ideologischen Blödsinn statt realer Fakten?!

Und dann kommt die Stelle, an der Dr. Funke im Text „die Bombe“ fallen lässt: Die „Hufeisen-Annahme“, die jetzt, nachdem sie Unterstellung, dann Theorie, dann Konzept war, eine „Annahme“ ist, ist „absurd“, denn:

„Wenn wir der Hufeisen-Annahme folgen, haben wir das erste Mal die Situation, dass die Mehrheit extrem ist und deshalb keine mehrheitsfähige Regierung zustandekommt. Das ist absurd.“

Die „Hufeisen-Annahme“ beinhaltet m.W. keine Aussage über das zahlenmäßige Verhältnis von Linksextremen, Mitte und Rechtsextremen. Ganz so, wie einige Zeitgenossen vom Spott der Menschen in Deutschland unabgeschreckt behaupteten, die „Mitte“ sei inzwischen „rechts“, müsste es – bei entsprechender inhaltlicher Operationalisierung – möglich sein, dass die „Mitte“ inzwischen linksextrem geworden ist, oder!?

Folgen von Kommunismus:
People dead from starvation during the Holodomor, Ukrainian famine/genocide dead from starvation on the streets of Kharkiv 1933

Das Problem ist hier wieder das inhaltliche Denken bzw. das Denken, nach dem dann, wenn eine „Mehrheit“ einen Standpunkt habe, dieser Standpunkt eben deshalb, weil die Mehrheit ihn hat, nicht extrem sein könne. Hier verwechseln Wallat und Dr. Funke Extremismus als Konzept mit extremen Werten in einer statistischen Verteilung bzw. einer Häufigkeitsverteilung. Wenn beides gleichzusetzen wäre, dann wäre der lange Marsch durch die Institutionen, wie Linksextreme ihn zwecks spätestens Systemüberwindung seit den 1960er-Jahren angestrebt haben, nichts anderes als eine statistische Normalisierung (links-)extremistischen Gedankengutes und entsprechender Gesellschaftspolitik, und die Nationalsozialisten wären keine Extremen irgendeiner Art gewesen, da sie sich nach allem, was wir aus zeitgeschichtlicher Forschung – einer Subdisziplin der Politikwissenschaft! – wissen, mit der Deportation von Juden, ihrer Ermordung, der Denunziation von politisch Andersdenkenden, den Rassengesetzen etc. in Übereinstimmung mit der Mehrheit der damaligen Bevölkerung in Deutschland (und nicht nur dort!) befanden. Das ist nicht absurd, sondern war todtraurige Realität.

Aber, wie ich nicht müde werde, festzuhalten: Wissenschaft ist kein Bauchladen! Wenn man mit Konzepten hantiert, dann muss man sie entsprechend der Regeln wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens behandeln und nicht als Stichwortgeber für wirre Assoziationen aller Art, die ständig in etwas anderes mutieren und nur insofern stabil sind, als sie als verbale Kampfmittel im sogenannten Meinungskampf streng auf ideologischer Linie gehalten werden.

Und deshalb muss die/das „Hufeisen“-Theorie/-Annahme/-Konzept für Wallat bzw. Dr. Funke ein böses agens sein. Sie bringen es für den Leser auf den Punkt:

„Ein Festhalten an der Theorie [gemeint ist: die „Hufeisen“-Annahme!?!?!] mache politisches Arbeiten unmöglich und spiele letztendlich den Rechten in die Hände …“,

denn dann müssten Linksextreme als Linksextreme und ihre Taten als linksextrem motivierte Taten gelten und als solche mit Rechtsextremen und rechtsextrem motivierten Taten verglichen werden, und sie müssten an denselben Maßstäben gemessen werden – Gewaltbereitschaft, Verhältnis zu Individualrechten etc. –, und dann würde sich erweisen, dass sie einander in der Tat deutlich näher stehen als freiheitlich orientierten Demokraten, dass es keinen „Block“ der Linken vs. einen „Block“ der Rechten gibt, sondern nur einen „Block“ der eine freiheitliche Verfassung und Gesellschaft samt Individualrechten bekämpfenden Extremisten verschiedener inhaltlicher Ausprägungen vs. einen Block von Demokraten, die sich für eine freiheitliche Verfassung und Gesellschaft und die Wahrung von Individualrechten einsetzen.

Und siehe da: Dr. Funke spricht sich am Ende des Textes tatsächlich dafür aus,

„… das Blockdenken aufzugeben und stattdessen zu einem pragmatischen Umgang miteinander zu kommen“

Wie schade, dass vom Versuch, das „Blockdenken“ zu überwinden, in der Publikationsliste von Dr. Funke keine Spur zu finden ist. Entweder Dr. Funke wurde am Ende wider Erwarten von Altersweisheit ereilt, oder er hat ein Interesse daran, „Blockdenken“ zu überwinden, seit klar ist, dass Linksextreme in denselben „Block“ gehören wie Rechtsextreme.

Ach ja, fast hätte ich vergessen, Belege hierfür anzufügen, die im Übrigen zeigen, dass die Phantasien von Wallat und Funke über die Einschätzung der „Hufeisen“-Theorie einer angeblichen Vielzahl oder gar Mehrheit von „Politikwissenschaftlern“, „Extremismusforschern“ oder „Kritikern“ der Theorie eben das sind: Phantasien, und das ist das freundlichste Wort, das ich für das, was Wallat und Funke der Öffentlichkeit in diesem Text zugemutet haben, finden kann.

Wie auch immer man es noch bezeichnen könnte; in jedem Fall handelt es sich zum „fake news“, denn es gilt:

Extremismus: Links ist ziemlich gleich Rechts!

Es folgen Argumentationen und empirische Befunde zur Ähnlichkeit von Links- und Rechsextremen – die ein „Politikwissenschaftler und Extremismusforscher“ kennen sollte:

Auf ScienceFiles erschienen:

ScienceFiles-Serie “Eineiige Zwillinge: Was unterscheidet Rechte und Linke?”

Sonstige Literatur:

Benjamin, Arlin James, Jr., 2014: Chasing the Elusive Left-wing Authoritarianism: An Examination of Altemeyer’s Right-Wing Authoritarianism and Left-Wing Authoritarianism Scales. National Social Science Journal 43(1): 7-13.

Crawford, Jarret T. & Pilanski, Jane M., 2014: Political Intolerance, Right and Left. Political Psychology 35(6): 841-851.

Dallago, Francesca & Roccato, Michele, 2010: Right-Wing Authoritarianism, Big Five, and Perceived Threat to Safety. European Journal of Personality 24(2): 106-122.

Eysenck, Hans J., 1954: The Psychology of Politics. London: Routledge & Kegan Paul.

Lindner, Nicole M. & Nosek, Brian A., 2009: Alienable Speech: Ideological Variations in the Application of Free-Speech Principles. Political Psychology 30(1): 67-92.

Milburn, Michael A., 1991: Persuasion and Politics: The Social Psychology of Public Opinion. Pacific-Grove: Brooks-Cole.

Nelson, Noelle M., 2007: Authoritarian Personality. In: Baumeister, Roy F. & Vohs, Kathleen D. (eds.): Encyclopedia of Social Psychology, Volume 1.Thousand Oaks: Sage, pp. 81-83.

Rokeach, Milton, 1960: The Open and Closed Mind: Investigations into the Nature of Belief Systems and Personality Systems. New York: Basic Books.

Thorisdottir, Hulda, Jost, John T., Liviatan, Ido & Shrout, Patrick E., 2007: Psychological Needs and Values Underlying Left-Right Political Orientation: Cross-National Evidence from Eastern and Western Europe. The Public Opinion Quarterly 71(2): 175-203.

Van Hiel, Alain, Duriez, Bart & Kossowska, Malgorzata, 2006: The Presence of Left-Wing Authoritarianism in Western Europe and Its Relationship with Conservative Ideology. Political Psychology 27(5): 769-293.




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