Archäogenetik und Anthropogenetik: „Harte“ Wissenschaft in „weichen“ Disziplinen ist nur teilweise willkommen

von Dr. habil. Heike Diefenbach

In der Alltagserfahrung „lernen“ wir aus Erfahrung (oder meinen, aus ihr zu lernen), indem wir vermuten, dass unsere Erfahrung auf einen bestehenden Zusammenhang hinweist. D.h. wir verallgemeinern unsere Erfahrung, um in Zukunft auf vergleichbare Fälle vorbereitet zu sein. Was wir tun, ist, induktive Schlussfolgerungen zu ziehen, die auch gehaltserweiternde Schlussfolgerungen genannt werden, weil sie über unsere konkrete Erfahrung hinauszureichen versuchen. Und genau das ist das Problem mit der induktiven Schlussfolgerung, dass sie über das hinausreicht, was wir tatsächlich wissen. Und wir können nicht wissen, ob sich unsere aus vergangener oder aktueller Erfahrung gewonnenen Einsichten auch in Zukunft bewähren bzw. wieder als zutreffend erweisen werden. Wir vermuten es, eben aufgrund vergangener Erfahrung, aber wir können es nicht wissen, denn in Zukunft könnte sich bislang für richtig Gehaltenes als falsch erweisen oder bislang für falsch Gehaltenes als richtig.

Wissenschaft versucht, hier Klarheit zu schaffen, indem auf der Grundlage vergangener Erfahrungen bzw. Beobachtungen Vorhersagen darüber gemacht werden, ob bzw. wann oder wie sich ein bestimmtes Phänomen oder ein bestimmter Zusammenhang wieder beobachten lassen müsste. Sie zieht deduktive Schlussfolgerungen, d.h. sie leitet aus einem allgemeinen Satz, von dem angenommen wird, dass er zutrifft, Vorhersagen darüber ab, was sich wann wie in verschiedenen konkreten Anwendungsfällen beobachten lassen müsste. Die deduktive Schlussfolgerung ist dennoch nicht gehaltserweiternd, nämlich weil sie keine Aussagen macht, die über sich hinausweisen, sondern – im Gegenteil – eine allgemeine Regel spekulativ formuliert und dann systematisch nach Fällen sucht, die unter diese Regel fallen müssten, also sozusagen unterhalb der Regel als ihre speziellen Fälle angesiedelt sind. Es wird dann ebenfalls systematisch beobachtet, ob diese Fälle sich wie erwartet, also gemäß der vermuteten Regel, verhalten oder nicht, und das ist der Grund, warum Wissenschaft, um Wissenschaft zu sein, immer den Bezug zur beobachtbaren Realität wahren muss, also empirisch, sein muss, und nicht in noch so beeindruckend klingenden, vielleicht wortgewaltigen oder emotional ansprechenden verbalen Schöpfungen zum Ausdruck kommt.

Welche Erkenntnisse man durch Wissenschaft gewinnen kann, hängt direkt davon ab, welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um bestimmte Annahmen oder vermutete Zusammenhänge an der Realität zu überprüfen. Annahmen über Krankheitserreger, die so klein sind, dass man sie nicht mit bloßem Auge sehen kann, waren so lange nicht wissenschaftlich prüfbar, wie es keine Hilfsmittel gab, die – vermuteten – kleinen Krankheitserreger sichtbar zu machen.

Die Genetik kann in diesem Sinn vielleicht als das Mikroskop unserer Zeit bezeichnet werden. Ihre Entwicklung hat während der vergangenen Jahrzehnte, insbesondere im Rahmen des Human Genome Project, die Möglichkeit an die Hand gegeben, Annahmen über bestimmte Sachverhalte und Zusammenhänge zu überprüfen, die vorher kaum oder gar nicht überprüft werden konnten. Insofern bedeutet die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und damit die Möglichkeit genetischer Analysen einen enormen Fortschritt für die Wissenschaft, und nicht nur als „harte“ Wissenschaft im Dienst anderer „harter“ Wissenschaften wie z.B. die Pathologie oder Virologie, sondern auch für traditionell „weiche“ Wissenschaften wie die Geschichte, die Archäologie und die Kulturanthropologie. Und tatsächlich wurden die Möglichkeiten genetischen Testens während des letzten beiden Jahrzehnte zunehmend dazu genutzt, um Fragen dieser „weichen“ Wissenschaften, d.h. Fragen, die in diesen Fächern bearbeitet werden, zu beantworten.

Diese Fragen mussten entweder bis dahin offen bleiben, weil es vorher einfach keine Möglichkeit gab, vermutete Antworten zu überprüfen, oder sie wurden auf der Grundlage der vorhandenen Prüfungsmöglichkeiten so gut wie bis dahin möglich beantwortet, blieben aber mit einem Zweifel behaftet, weil diese Möglichkeiten als nicht gänzlich befriedigend empfunden wurden, die „Beweis“führung nicht als zwingend, wie dies in den „weichen“ Wissenschaften, in denen vergleichsweise viel Spielraum – sogar mit Bezug auf die Messdaten selbst – ist auf einer bestimmten Stele ein Schamane mit seltsam geformten Tanzhut abgebildet oder ein Astronaut? – bleibt, oft der Fall ist.

Häufig wurde und wird aber auch gar nicht ernsthaft versucht, diese Fragen zu beantworten. Vielmehr wird eine Erzählung kreiert, in die Artefakte oder Befunde nach gusto eingepasst werden (wenn möglich), und was nicht passen will, wird, ebenso wie alternative Interpretationen derselben Artefakte oder Befunde, einfach ignoriert. Diese Erzählungen sind Produkte persönlichen Geschmacks bzw. persönliche Vorurteile. Oder sie werden als bereits tradierte Erzählungen unkritisch übernommen und wiedererzählt. Ein Beispiel für traditionelle, aber haltlose Interpretationen in der Archäologie sind Behauptungen darüber, dass Funde fettleibiger Frauenfiguren auf eine kultische Verehrung einer Mutter-/Erdgöttin oder gar eine besonders angesehene Stellung „der Frau“ in der entsprechenden Gesellschaft schließen lassen. Ob zukünftige Generationen von Archäologen aufgrund von Funden pornographischer Erzeugnisse aus der Jetztzeit annehmen werden, es habe in ihr eine kultische Verehrung von Fertilitätsgöttern und entsprechende orgiastische Zusammenkünft der Anhänger des Kultes gegeben? Und ob sie aus dem Fund des Spielzeugpferdes von Sohnemann in einer Grube, die einmal ein Sandkasten war (oder so etwas in der Art) schließen werden, dass es einen Pferde-Kult – vielleicht in direktem Anschluss an den Kult der keltischen Göttin Epona – im Mittteleuropa des 21. Jahrhunderts gegeben hat?

Ein weiteres Beispiel für – Entschuldigung, ich weiß keinen gleichermaßen angemessenen Ausdruck – haltlosen Quatsch, der als Wissenschaft ausgegeben werden soll, sind Behauptungen darüber, dass im Neolithikum Gesellschaften der Gleichen, ohne soziale Hierarchisierung, gelebt hätten, was man daran erkennen könne, dass die Häuser in einer bestimmten Siedlung gleich groß seien, wobei nicht nur umstandslos angenommen wird, dass eine gleich große Anzahl von Menschen in jedem dieser Häuser bei gleicher materieller Ausstattung derselben gelebt haben müssten, eine Annahme, die durch nichts gestützt ist, sondern auch als selbstverständlich vorausgesetzt wird, soziale Hierarchie müsse sich notwendigerweise in Differenzen der materiellen Lebensumstände äußern und könne sich nicht in gänzlich anderer Weise äußern. Dies illustiert nicht nur, dass Archäologen dringend einer ethnographischer Bildung bedürfen, sondern gibt auch einen Hinweis darauf, wes ideologischen Geistes Kind Leute sind, die solche haltlosen Behauptungen formulieren; sie müssen immerhin eine ideologisch bedingte, sagen wir: materialistische Schlagseite haben ….

Als ein letztes Beispiel für ideologischen Unsinn, den Archäologen von sich geben zu können glauben, soll hier noch die Behauptung genannt sein, Steinzeitmenschen sei die Errichtung von bis zu acht Meter hohen Megalithen aus purem Willen, im Bewusstsein, an einem kollektiven Projekt für die Ewigkeit mitzuarbeiten, gelungen. Dabei sollte doch wohl für jeden ohne Weiteres ersichtlich sein, dass der Wille allein die für eine bestimmte Leistung notwendigen Techniken bzw. notwendige Technologie weder herbeiwünschen noch ersetzen kann. Diese Behauptung basiert anscheinend auf einem festen Glauben an die transzendentale Kraft eines reifizierten Kollektivs, eine Vorstellung, die eher ein Fall für die Psychotherapie als für die Archäologie sein dürfte,. Aber vielleicht illustriert diese Behauptung weniger ideologisch verbrämten Unsinn als vielmehr eine bemerkenswerte Bereitschaft, sich vor Fragen, die (jedenfalls von demjenigen, der solchen Unsinn von sich gibt, und vielleicht einfach noch) nicht vernünftig beantwortet werden können, zu drücken.

Solche Behauptungen sind aber nicht haltlos genug und anscheinend denjenigen, die sie vorbringen, nicht peinlich genug, um nicht auch heute noch mit dem Anspruch, ernstgenommen zu werden, vorgebracht zu werden, wie z.B. eine relative aktuelle Dokumentation aus dem Jahr 2018, die die Deutsche Welle zu verantworten hat, belegt.

Dokumentationen wie diese, die dem Bereich der Archäologie verbunden sein sollen, dokumentieren die favorisierten Interpretationen und dementsprechend fortwährend wiederholten Erzählungen derer, die eigentlich Wissenschaft betreiben sollen, aber oft genug vorrangig an der Erzählung selbst zur Stützung ideologischer Inhalte interessiert sind. Aber sie dokumentieren nicht die Geschichte der Menschheit. Sofern man sich nicht speziell für die Frage nach der Ideologie, der solche Erzählungen entspringen oder die solche Erzählungen stützen sollen, interessiert, oder man nicht im Selbstversuch testen möchte, wie kognitiv oder emotional ansprechend oder abstoßend es wirkt, wenn absurde Behauptungen, mit schönen Bildern, aber auch mit albernen Animationen, die offensichtlich das kindliche Gemüt ansprechen sollen, sowie Bombast-Musik unterlegt, als Wahrheiten präsentiert werden, kann man sie getrost ignorieren.

Wer Lust und Zeit hat, kann sich den Spaß machen, das argumentative Niveau der Dokumentation der Deutschen Welle, in der eine Reihe von Personen mit Anstellung an europäischen Universitäten vorkommen, an den Stellen, an denen überhaupt argumentiert – und nicht bloß behauptet – wird, mit dem Niveau der Argumentation z.B. bei Ben von Uncharted X, einem sogenannten alternativen Forscher, in einem seiner Fragen-und-Antworten-Videos zu vergleichen;

Aber nicht alles, was in der mitteleuropäischen Archäologie traditionell erzählt wird, ist dermaßen haltlos. Geht man weit genug zurück in der Zeit, so findet man in den „weichen“ Disziplinen eine ganze Reihe von Arbeiten von Personen, die mit Hilfe der damals zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, ernsthaft versucht haben, Erkenntnisse über ihren Gegenstand zu gewinnen, ihn betreffende Fragen bestmöglich zu beantworten. In der Ur- und Frühgeschichte waren für lange Zeit die hauptsächlich zur Verfügung stehenden Mittel die Altphilologie und, sofern vorhanden, Artefakte, die die materielle Kultur bestimmter Gruppen von Menschen in bestimmten Regionen dokumentierten.

Ein Beispiel hierfür ist der Prähistoriker Vere Gordon Childe, über den wir hier auf Sciencefiles vor Kurzem berichtet haben. Zu seiner These von einer „… Aryan invasion of India“, die er im Jahr 1926 aufgestellt (bzw. publiziert) hat, ist er aufgrund sorgfältiger vergleichender Betrachtung alter Sprachen und materieller Kulturgüter gekommen, und sie wurde im Jahr 2018 durch ein Team von 92 Autoren,die genetisches Material von 362 „ancient individuals“ von nahezu überall auf der Erde analysiert haben, also durch „harte“ Wissenschaft, bestätigt (Narasimhan et al. 2018).

Ein weiteres Beispiel dafür, dass „harte“ Wissenschaft traditionelle Erzählungen aus den „weichen“ Wissenschaften bestätigen kann, ist die Frage nach der Herkunft der europäischen Roma und ihrer Wanderungsbewegung. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts haben Christian Wilhelm Büttner (1771: 4) und Johann Christian Christoph Rüdiger (1782: 77; 81) auf der Basis des Vergleiches der Sprache der Roma u.a. mit dem „Indostanisch“, d.h. Sanskrit,eine Herkunft der Roma aus Indien vermutet, und im Jahr 1844 hat August Friedrich Pott festgehalten:

„Wir glauben … versichern zu können, dass der romsche Sprachtypus … ein Indischer sei, und durch ein engeres Anschließen nicht so sehr an das Sanskrit als vielmehr an die schon verwahrloseteren Formen Indischer Volksmundarten wirklich als aus Indien ausgewandert ansehen werden müsse“ (Pott 1844: 58)

Seitdem wird die Erzählung, nach der die europäischen Roma vor langer Zeit aus Indien zugewandert sind, quasi-faktisch behandelt, aber „handfeste“ Belege, wie sie „harte“ Wissenschaft erbringen kann, haben für über 150 Jahre gefehlt. Erst in den 2000er-Jahren haben Analysen genetischen Materials von Roma in verschiedenen europäischen Ländern (Gresham et al. 2001; Gusmao et al. 2008; Kalaydjieva et al. 2001; Kalaydjieva, Gresham &Calafell 2001; Mendizabal et al. 2012) belegt, dass die Vorfahren der europäischen Roma tatsächlich aus Nordindien gekommen sind. So berichten z.B. Mendizabal et al. (2012: 2342):

“Our analyses based on genome-wide data from 13 Romani groups collected across Europe suggest that the Romani diaspora constitutes a single initial founder population that originated in north/northwestern India ~1.5 thousand years ago (kya). Our results further indicate that after a rapid migration with moderate gene flow from the Near or Middle East, the European spread of the Romani people was via the Balkans starting ~0.9 kya”.

Auch mit Bezug auf die Frage nach der Herkunft und Wanderung der europäischen Roma hat die Anthropogenetik mit „harten“ wissenschaftlichen Mitteln bestätigt, was vor mehr als 150 Jahren anhand der damals verfügbaren Mittel argumentiert wurde.

Anthropo- oder Archäogenetik dürften im universitären archäologischen, historischen oder kulturanthropologischen „establishment“ willkommen sein, wenn sie traditionelle Erzählungen bestätigen, Bekanntes ergänzen oder Neues produzieren, das nicht gegen liebgewonnene Vorurteile geht, nicht politisch inkorrekt ist und nichts aufrührt, was man im „establishment“ lieber ruhen lassen würde.

Artefakte der Beaker-Kultur

Das ist aber nicht immer der Fall, wie im Zusammenhang mit der „Beaker bombshell“ (bzw. die Beaker-Bombe) sehr deutlich wurde.

Sie besteht im Kern in dem aufgrund genetischen Materials gewonnenen Befund, nach dem die steinzeitliche Bevölkerung Europas und besonders die steinzeitliche Bevölkerung auf den Britischen Inseln, die (vermutlich) Stonehenge und andere Henges errichtet hat, nicht (weit mehrheitlich) die Vorfahren derer stellen, die heute Europa bzw. die Britischen Inseln bevölkern (Olalde et al. 2018), sondern, besonders auf den Britischen Inseln (so gut wie) ausgestorben ist.

Wenn man vorausschickt, dass ein großer Teil des genetischen Materials, das von Individuen im Kontext mit Artefakten aus dem sogenannten Bell Beaker- oder kurz: Beaker- und im Deutschen: Glockenbecher-Komplex (so benannt nach der charakteristischen Form der entsprechenden Keramik) entnommen wurde, auf Vorfahren dieser Individuen aus den eurasischen Steppengebieten hinweist, lässt sich die Studie von Olalde et al. vermutlich am besten im Originalton durch die Forscher selbst beschreiben:

“From around 2750 to 2500BC, Bell Beaker pottery became widespread across western and central Europe, before it disappeared between 2200 and 1800BC. The forces that propelled its expansion are a matter of long-standing debate, and there is support for both cultural diffusion and migration having a role in this process. Here we present genome-wide data from 400 Neolithic, Copper Age and Bronze Age Europeans, including 226 individuals associated with Beaker-complex artefacts. We detected limited genetic affinity between Beaker-complex-associated individuals from Iberia and central Europe, and thus exclude migration as an important mechanism of spread between these two regions. However, migration had a key role in the further dissemination of the Beaker complex. We document this phenomenon most clearly in Britain, where the spread of the Beaker complex introduced high levels of steppe-related ancestry and was associated with the replacement of approximately 90% of Britain’s gene pool within a few hundred years, continuing the east-to-west expansion that had brought steppe-related ancestry into central and northern Europe over the previous centuries” (Olalde et al. 2018: 190; Hervorhebung d.d.A.).

Insofern als

“[t]he presence of large amounts of steppe-related ancestry in British Beaker-complex-associated individuals … contrasts sharply with Neolithic individuals from Britain (n = 51), who have no evidence of steppe genetic affinities and cluster instead with Middle Neolithic and Copper Age populations from mainland Europe …”,

sagen die Autoren damit, dass in dem Zeitraum, in dem sich der Beaker-Komplex auf den britischen Inseln verbreitet hat (der seinerseits von Menschen transportiert wurde, deren Vorfahren aus den eurasischen Steppengebieten kamen), etwa 90 Prozent des Gen-Pools der bis dahin die Birtischen Inseln bewohnenden Bevölkerung ausgetauscht wurde. Oder anders gesagt: die Bewohner der Britischen Inseln, die vor der Ausbreitung des Beaker-Komplexes dort gelebt haben, wurden genetisch gesprochen von den Trägern des Beaker-Komplexes verdrängt. Die Autoren sprechen diesbezüglich von einem „[n]early complete turnover of ancestry in Britain“.

Obwohl sie in ihrer Studie ausschließlich von Migration sprechen und sich nicht dazu äußern, wie diese Migration erfolgt ist oder welche Folgen sie gehabt haben mag, also inwieweit sie z.B. Krankheiten oder gar Epidemien oder Gewalt beinhaltet hat oder haben kann, fällt der eine oder die andere vielleicht der Phantasie zum Opfer und sieht das Wort „Genozid“ in bedrohlichen Lettern an die Wand gezeichnet – und will deshalb nichts von der Studie wissen, wird das frühe Neolithikum doch von entsprechend Interessierten gerne als neue Stufe der Zivilisiertheit angesehen und –irgendwie – mit sozial gleichen, kooperativen, friedliebenden Menschen assoziiert (wer’s nicht glaubt, der möge die Dokumentation der Deutschen Welle ansehen, die oben verlinkt ist). So war es Neil Carlin, der an der School of Archaeology am University College in Dublin Studenten unterrichtet, ein Bedürfnis zu bemerken:

„… evidence for increased violence at this time is lacking and the aDNA analysis shows that both men and women [und nicht nur Männer, denen einfach unterstellt wird, nur sie, aber nicht Frauen, könnten brandschatzen oder morden,] with ‚Steppe‘ genes came to Britain“ (Carlin 2020: 32).

Zumindest mit Bezug auf die Studie von Olalde et al. ist diese Bemerkung vollkommen unnötig, denn die Autoren bringen ausschließlich ihre deskriptiven Ergebnisse mit Bezug auf Migration vor.Was außer einer angstbesetzten Beziehung zum eigenen Fach aufgrund des Wissens um die Unvereinbarkeit fachlichen Wissenszuwachses mit bestimmten ideologischer Erzählungen löst solche unangepassten Reaktionen aus!?

Carlin selbst gibt Hinweise auf diese angstbesetzte Beziehung, wenn er schreibt:

„… it [das Ausmaß von Migration im 3. vorchristlichen Millenium, das die Studie von Olalde et al. belegt] also caused consternation among the archaeological community because it seemed [!?] to resurrect old-fashioned narratives about large-scale invasions and reopen old debates about the extent to which the spread of the Beaker complex was a population-based process. All of which represents topics that archaeologists have largely avoided in recent decades” (Carlin 2020: 32).

Und wir naiven Steuerzahler dachten, die Diskussion solcher Fragen sei gerade die Existenzgrundlage der Archäologie! So kann man sich irren. Anscheinend ist die Archäologie von Ideologen bevölkert, die Fragen, die unliebsame Antworten auch nur ergeben könnten, vermeiden müssen, um ihre Erzählung durchsetzen zu können. Es scheint daher, dass weite Teile der derzeitigen Archäologie korrekt beschrieben sind, wenn man sagt, dass es in ihr darum geht, neuere Erzählungen, die besser gefallen, gegen ältere, die nicht gefallen und daher nicht einfach als alt, sondern als altmodisch („old-fashioned“) bezeichnet werden, durchzusetzen, und das scheint mangels argumentativer Kraft der neuen Erzählungen nur Aussicht auf Erfolg zu haben, wenn man die älteren Erzählungen unterdrückt.

Und wenn alte, für überholt erklärte Hypothesen oder Ergebnisse von Forschern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert durch moderne Verfahren der “harten” Wissenschaften bestätigt werden, dann dürfte das zumindest für einen Teil des universitären „establishments“ nicht nur die von ihnen favorisierten für modern gehaltenen (aber tatsächlich der Folgezeit nach 1960 entstammenden) Erzählungen (mit entsprechender ideologischer Ausrichtung) beschädigen, sondern auch dazu führen, dass diese ideologisch orientierten Archäologen ihre Orientierung verlieren, sich sozusagen im zeitlichen Vakuum zwischen Altem und tatsächlich Modernem, die sich nunmehr einen Schulterschluss herzustellen anschicken, verloren fühlen. Sie müssen ihre fachliche (und vielleicht auch persönliche) Biographie aktualisieren und anerkennen, dass sich zumindest einiges vom dem, was sie bislang für modern gehalten haben, als „alter Schrott“ erweist und dementsprechend der Müllhalde der (Ideen-/)Geschichte überantwortet werden muss.

Olalde et al. bringen diesen Umstand selbst nüchtern und faktisch auf den Punkt:

“The term ‘Bell Beaker’ was introduced by late-nineteenth- and early-twentieth-century archaeologists to refer to a distinctive pottery style found across western and central Europe at the end of the Neolithic that was initially hypothesized to have been spread by a genetically homogeneous population. This idea of a ‘Beaker Folk’ became unpopular after the 1960s as scepticism grew about the role of migration in mediating change in archaeological cultures …, although even at the time it was speculated that the expansion of the Beaker complex into Britain was an exception—a prediction that has now been borne out by ancient genomic data (Hervorhebung d.d.A.).”

Und das ist das Problem, das große Teile des archäologischen „establishments“ mit den Ergebnissen dieser Studie und einiger anderer Studien und mit der latenten Bedrohung durch zukünftige anthropogenetische/archäogenetische Studien haben: Alte Thesen und Ergebnisse, über die neuere Erzählungen die Oberhand gewonnen haben (und sei es nur durch Ignoranz gegenüber dem Älteren), können nunmehr durch den Einfall moderner Verfahren bzw. „harter“ Wissenschaft in die bislang „weiche“ Archäologie, die breiten Raum für subjektive Interpretation und schlichten Geschmack gelassen hat, rehabilitiert werden.

Der „weichen“ Archäologie wird nichts anderes bleiben als die „harten“ Fakten zu akzeptieren und die eigenen Erzählungen, wenn nötig, entsprechend zu korrigieren, auch wenn der Rückzug von Schattengefechten geprägt sein wird, z.B. durch das Aufstellen und Abbrennen von Strohmännern. Ein Beispiel hierfür liefert der bereits zitierte Neil Carlin:

„Significantly, the Beaker genomics study [von Olalde et al.] also included analysis of the aDNA of 37 Beaker burials from Spain and Portugal. Those results have received comparatively less attention, even though they show that the aDNA from these Beaker burials contained very low levels of Steppe-related ancestry. Instead, their genetic profile remained the same as the preceding Neolithic population in the area. In other words, this indicates that the transmission of Beaker pottery across Europe was not exclusively driven by migration and the genetic composition of those who used Beaker pottery across Europe was quite diverse” (Carlin 2020: 32).

Ich kann nicht nachvollziehen, warum genetisches Material in Europa als “ziemlich divers” bezeichnet werden sollte, wenn an einigen Orten in Europa „Steppe-related ancestry“ stark dominiert und an einigen wenigen anderen Orten das „genetic profile … the same as the preceding Neolithic population in the area“ geblieben ist. Weder Carlin noch ich sind Genetiker, aber für mich liest sich das (aus statistischer Sicht) wie eine ziemlich schiefe Verteilung von mehr oder weniger zwei klar voneinander unterscheidbarer Ausprägungen mit Bezug auf das genetische Material, nicht wie die Beschreibung „ziemlicher Diversität“ genetischen Materials im damaligen Europa.

Außerdem und viel wichtiger ist, dass der Verweis auf die genetische Komposition in Spanien und Portugal im damaligen Europa nur zeigt, dass dort keine oder vergleichsweise wenig Veränderung derselben durch Migration stattgefunden hat, anders als in vielen anderen Gebieten Europas, insbesondere auf den Britischen Inseln – nicht mehr und nicht weniger. Es widerlegt vor allem nicht, dass Migration nach Europa in viel größerem Ausmaß stattgefunden hat als Archäologen bislang gemeint haben (oder zugeben wollten), und an keiner Stelle haben Olalde et al. behauptet, dass die vorhergehende neolithische Bevölkerung überall in Europa gleichermaßen nahezu vollumfänglich durch Migranten ausgelöscht worden sei. Deshalb geht das, was Carlin schreibt, m.E. am Punkt vorbei.

Olalde et al. sind auch keineswegs die einzigen, deren Analysen – teilweisen, also mehr oder weniger umfassenden – Bevölkerungsaustausch in Europa im späten Neolithikum belegen. So berichten Desideri et al.:

„Data from dental anthropology support partial population renewal at the end of the Neolithic” (Desideri et al. 2012: 94),

auch für die Schweiz, und gleichzeitig gilt, dass

„[t]he pottery marks a relatively clear break in which the Final Neolithic pottery is replaced by decorated beakers and new forms” (Desideri et al. 2012: 94).

Ein anderes Schattengefecht, das Carlin liefert, bezieht sich auf das Verhältnis von Population und Kultur. Er führt einige Indikatoren dafür an, dass Artefakte der vor-migrations-neolithischen Kultur auf den Britischen Inseln dort auch noch für die Zeit zu finden sind, nachdem die Migration stattgefunden hat, und er weist – logischerweise völlig zu Recht – darauf hin, dass

„[c]ultural continuity cannot be equated with population stability. Similarly, migration in itself does not automatically result in cultural change … Therefore, it is important not to assume that a person’s genes or origins will determine their cultural traits. Nevertheless, it remains hard to understand how newcomers could have been so strongly influenced by the people of Neolithic Britain, if they had been rapidly and almost completely replaced during the introduction of the Beaker phenomenon” (Carlin 2020: 32).

Der “starke Einfluss”, den Carlin hier postuliert, besteht darin, dass die charakteristischen “Beaker”-Gefäße alltägliche und zeremonielle Funktionen erfüllt bzw. übernommen hätten, die vorher durch Gefäße der bereits Ansässigen erfüllt wurden (Carlin 2020: 32). Er sieht hierin anscheinend einen kulturellen Anschluss der Migranten an das, was sie vorfanden, der ihnen durch irgendjemanden vermittelt worden sein muss, der die vorherige neolithische Kultur repräsentiert und vermittelt hat. Es ist aber durchaus vorstellbar, dass die Migranten z.B. zum Kochen oder zum Wasser-Schöpfen die charakteristischen Beaker-Gefäße verwendeten, die sie mitgebracht haben, wo die vorher vorhandene Bevölkerung ihre eigene Keramik verwendet hatte, ohne dass ihnen von den vorher Existierenden sozusagen dauerhaft etwas vorgekocht oder vor-getragen worden sein müsse. Und dasselbe gilt m.E. für die Verwendung von Keramik im Zusammenhang z.B. mit Begräbnissen.

„The repeated discovery of Beakers and related objects at older Neolithic sites, like the West Kennet long barrow in Wiltshire, also indicates a concern with historically important places“ (Carlin 2020: 32).

Vielleicht trifft das zu. Aber wenn ja, welches “concern” mag das gewesen sein? Wir wissen es nicht. Es muss jedenfalls nicht unbedingt Wertschätzung für oder Teilhabe an den Traditionen der Vorgänger-Bevölkerung signalisieren: die spanischen Conquistadores waren ebenfalls sehr „concerned“ damit, christliche Kirchen an den Stätten zu bauen, an denen die einheimische Bevölkerung, die sie stellenweise nahezu ausgelöscht haben, ihre besonderen Stätten errichtet hatten. Dass sie dies aus Wertschätzung für die Vorgänger-Kultur oder –Bevölkerung getan hätten, ist eine Interpretation, die ich von Archäologen bislang noch nicht gehört habe.

Außerdem führt Carlin als Indikator für die kulturelle Transmission, die die längerfristige Existenz der (vorher) Einheimischen gleichzeitig mit den Migranten belegen soll, an, dass die Migranten auf den Britischen Inseln Armbänder aus einem speziellen grünen Stein angefertigt hätten, der in der Provinz Cumbria in Nordwestengland zu finden ist und die Quelle des Steins für die polierten Steinäxte der (vorher) Einheimischen gewesen ist (Carlin 2020: 32). Auch dieser Indikator ist nicht gerade überzeugend: Es besteht aber schwerlich eine notwendige Verbindung, wenn eine Gruppe von Menschen Bodenschätze an einer Stelle abbaut und daraus Artefakte, z.B. Steinäxte, anfertigt, und eine andere Gruppe von Menschen Bodenschätze an derselben Stelle abbaut und daraus andere Artefakte, z.B. Armbänder, anfertigt.

Ansonsten weist Carlin noch darauf hin, dass

„the exact timing of the genetic changes that have been identified is quite unclear … it has not yet been demonstrated that the arrival of people with Steppe genes in Britain occurred in tandem with the spread of Beaker-related material traits. These changes may not have happened at the same time or been closely interconnected“ (Carlin 2020: 33).

Die Frage ist dann aber, wer es gewesen ist, der Beaker-Gefäße in nahezu alle Regionen Europas exportiert hat, wenn es nicht Personen mit „Steppe genes“ gewesen sind. Und das genetische Material von überall aus Europa belegt nun einmal, dass Menschen mit „Steppe genes“ ab einem bestimmten Zeitpunkt ebenfalls überall in finden sind und ein erheblicher, in einigen Gebieten Europas fast vollständiger Bevölkerungsaustausch stattgefunden hat. Auch, wenn wir nicht mit Sicherheit sagen können, wann genau der genetische Austausch der Bevölkerung der Britischen Inseln stattgefunden hat, so wissen wir doch zum einen, dass er stattgefunden hat, und zum anderen wann im Rahmen eines bestimmten Zeitfensters, und dass die vorher dort lebende Bevölkerung durch Menschen mit „Steppe genes“ ersetzt wurde. Wenn diese Menschen nicht im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Beaker-Gefäße in Europa oder speziell auf den Britischen Inseln gestanden haben sollten, dann wäre ich sehr daran interessiert, zu hören, wie Archäologen die archäologischen und die genetischen Fakten alternativ erklären. Eine solche alternative Erklärung bringt Carlin jedenfalls nicht vor.

Und so sind m.E. seine Ausführung wenig mehr als die psychologische Verarbeitung des notwendigen Abschiednehmen-Müssens von ideologisch erwünschten, vielleicht auch nur gewohnten Inhalten, die sich angesichts des Einbruchs von „harter“ Wissenschaft in die schöne Welt des Interpretierens und Assoziierens zunehmend als unhaltbar erweisen. Nur so macht es (eben psychologischen) Sinn, wenn Carlin gegen Ende seines Textes darauf beharrt, dass

[t]here is insufficient evidence to indicate that population replacement occurred as profoundly or suddenly in Britain c. 2450-2200 BC as has been claimed” (Carlin 2020: 33),

denn selbst dann, wenn er bezüglich des “suddenly” Recht hätte und wenn das genannte Zeitfenster um hundert oder sogar ein paar Hundert Jahre nach oben oder unten hin verschoben werden müsste, wäre am “profoundly” schwerlich zu zweifeln. Eben den „profunden“ Bevölkerungsaustausch, in dessen Zuge mehr als 90 Prozent des genetischen Materials der Bevölkerung auf den Britischen Inseln ersetzt wurden, hat die Studie von Olalde et al. mit Mitteln der „harten“ Wissenschaft belegt, und das Zeitfenster für den Bevölkerungsaustausch wurde angesichts der derzeit zur Verfügung stehenden genetischen wie archäologischen Methoden so gut wie möglich bestimmt.

Und daher kann man Carlin nur zustimmen, wenn er am Ende seines Textes schreibt:

„Thanks to the ‚Beaker bombshell‘ study, archaeologists must now engage more deeply with the many important but unanswered questions about the Beaker phenomenon” (Carlin 2020: 33),

auch, wenn es ihnen sehr schwerfallen und unliebsam sein mag.

Während Carlin zumindest bereit ist, anzuerkennen, dass „… recent genomic studies have made a vital contribution to the understanding the human past ….“(Carlin 2020: 33), gibt es unter seinen Fachkollegen solche, die durchsetzen wollen, dass Genetik so verbindlich oder unverbindlich, jedenfalls flexibel, behandelt werden könne wie jeweils erwünscht. So beklagt K. Ann Horsburgh, dass

“… it is now privileged over other sources of data. This kind of molecular chauvinism leads to overreach in interpretation and is no less likely to hamper our progress”.

Es mag Horsburgh entgangen oder nicht nachvollziehbar sein, aber nicht alle Datenquellen sind gleichermaßen aufschlussreich oder zuverlässig, und warum es den Fortschritt eines Faches beeinträchtigen sollte, wenn dieses gewöhnlich recht frei interpretierende und sogar schlicht assoziierende Fach mit unabweisbaren Fakten, die nur in einem engen Korridor interpretationsfähig sind, angereichert wird, ist mir ein Rätsel. Wenn Horsburgh schreibt:

„Cultural and social inheritances are not merely a coat of paint on the surface of the interesting biological system. We have been producers of an archaeologically visible material culture for some 2.5 million years. We must take care not to underestimate the pervasiveness of the impact of cultural and societal variables on human development, phenotype and behaviour” (Horsburgh 2015: ),

mag das stimmen, aber sicherlich kann sie damit nicht ernsthaft implizieren wollen, dass Interpretationen materieller Artefakte auf der Basis kultureller und sozialer Variablen, die man als Archäologe, der in einem bestimmten Kontext forscht, ja gerade nicht kennt und notwendigerweise nicht oder nur sehr selten kennen kann, sondern sie setzen oder behaupten muss, in ihrem wissenschaftlichen Wert den Fakten gleichzusetzen seien, die die Genetik im Stande ist zu identifizieren.

Und wenn sie schreibt:

„Ancient DNA studies are especially hampered by small sample sizes” (Horsburgh 2015: 144),

dann ist man geneigt, ihr ein gehöriges Maß an Ironie oder an Bigotterie zu bescheinigen, denn die Archäologie ist bekanntermaßen nun wirklich nicht die Wissenschaft, die ihre Interpretationen normalerweise auf eine auch nur annehmbar große Fallzahl von Artefakten stützen könnte; dennoch gibt sie ihre Interpretationen regelmäßig als durch empirische Belege gut begründet, wenn nicht als feststehende Erkenntnisse aus. (Es sei in diesem Zusammenhang beispielhaft daran erinnert, dass die empirischen Belege dafür, dass die große Pyramide auf dem Gizeh-Plateau in der Lebenszeit und im Auftrag von Pharao Khufu (bzw. Cheops) erbaut wurde und er seine letzte Ruhestätte in der Pyramide fand, in erbarmungswürdiger Weise abwesend sind, dies alles aber dennoch als historische Tatsache ausgegeben wird.)

Logisch falsch ist Horsburghs Klage:

„Additionally, our abilities to effectively analyze and interpret even abundant modern genetic data now seem less secure than they once did” (Horsburgh 2015:144),

denn eine Unsicherheit von Ergebnissen genetischer Analysen machen Interpretationen und Assoziationen, die jemand aus welchen anderen Gründen auch immer an ein Artefakt heranträgt, nicht verlässlicher. Darüber hinaus dürfte selbst ein einigermaßen unsicheres Ergebnis aus genetischen Analysen in der Regel um ein Vielfaches zuverlässiger sein als die Interpretationen, die Archäologen aus ihren Assoziationen mit Artefakten aus anderen Zeiten und Kulturen zimmern.

Einstellungen wie die, die Horsburgh hier dokumentiert, sind nur dazu geeignet, den Graben zwischen „harten“ und „weichen“ Wissenschaften bzw. Methoden zu vertiefen, statt ein Bewußtsein dafür zu schaffen, dass es einzig und allein darum geht, die wissenschaftliche Methode so gut wie irgend möglich unter Zuhilfenahme der bestmöglichen verfügbaren Hilfsmittel, z.B. der Genetik, umzusetzen, um zu einer möglichst gut begündeten, informierten (aber immer vorläufigen) Antwort zu den Fragen zu kommen, die man bearbeitet. Das und nur das ist eine vernünftige Begründung für (die Notwendigkeit von) interdisziplinärer Zusammenarbeit.

Jedem dürfte nachvollziehbar sein, warum es z.B. für die Archäologie schwierig bis unmöglich ist, Kontrollgruppen in ihr Forschungsdesign miteinzubeziehen. Aber das kann keine Rechtfertigung dafür sein, der wissenschaftlichen Methode als solcher, die im Prinzip alle Wissenschaften erst zu Wissenschaften macht, eine Absage zu erteilen, indem man darauf besteht, dass alle Methoden gleichermaßen dazu geeignet seien, Wissen zu akkumulieren bzw. Wissensfortschritt zu erzeugen – einen Wissensfortschritt übrigens, der nicht linear sein muss, sondern durchaus „altmodische“ Befunde oder Thesen als zutreffend erweisen kann, ganz so, wie die Genetik dies im Bereich der Archäologie das bereits getan hat und vielleicht in Zukunft noch öfters tun wird. Wer das und die Erfordernis konkreter interdisiplinärer Zusammenarbeit nicht akzeptieren kann oder will, wird sich über kurz oder lang aus der Wissenschaftler herausselegieren, im Fall der Archäologie vielleicht gerade deshalb, weil ihm die Vorstellung von natürlicher Selektion von Theorien (oder Hypothesen) im Sinne Karl R. Poppers ebenso viel Angst macht wie die Genetik.


Literatur:

Büttner, Christian Wilhelm, 1771: Vergleichungs-Tafeln der Schriftarten verschiedener Völker in denen vergangenen und gegenwärtigen Zeiten. Erstes Stück. Göttingen und Gotha: Johann Christian Dieterich.

Carlin, Neil, 2020: Haunted By the Ghost of the Beaker Folk?The Biochemist 42(1): 30-33.

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