Humbug und Manipulation: Zur Unglaubwürdigkeit von WDR-Glaubwürdigkeitsstudien

Der Jubel ist groß.
Beim WDR und der ARD und allen, die ein (pekuniäres) Interesse am öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben.

Mehr Menschen halten Medien in Deutschland für glaubwürdig …“, so titelt der WDR. Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Wir zitieren:

  • Die Glaubwürdigkeit der Medien in Deutschland erreicht einen “neuen Höchstwert: 67 Prozent der Deutschen halten die Informationen in deutschen Medien für glaubwürdig”.
  • “Die größte Glaubwürdigkeit schreiben 81 Prozent der Befragten erneut öffentlich-rechtlichen Radiosendern zu.” 79% finden angeblich, was ihnen öffentlich-rechtliche Fernsehsender servieren, glaubwürdig.
  • “Während YouTube noch von 18 Prozent der Befragten als glaubwürdig beurteilt wird, fallen Twitter (…), Facebook (…) und Instagram (…) deutlich ab.”
  • “Hauptinformationsquellen zum politischen Geschehen bleiben für mehr als die Hälfte der Deutschen die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks”.

Genug gejubelt.



Blicken wir hinter die Kulissen.
Das ist im vorliegenden Fall nicht einfach, denn die Studie, die Infratest Dimap für den WDR durchgeführt hat, und in deren Rahmen 1001 Wahlberechtigte befragt worden sein sollen, sie ist beim WDR bislang nicht zu finden. Eine Unsitte. Man kann Ergebnisse von Umfragen nicht beurteilen, wenn man die Fragen dazu nicht kennt. In Jubelmeldungen, wie der vom WDR, davon kann man ausgehen, werden die Ergebnisse so dargestellt, dass sie maximal positiv für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind, und man kann davon ausgehen (und wir können es belegen), dass unangenehme Ergebnisse unter den Tisch gekehrt werden. Insofern ist die neue Sitte, Pressemeldung über unprüfbare Studien zu veröffentlichen und es kritischen Kommentatoren wie uns dadurch zu erschweren, die Ergebnisse auf Herz und Nieren zu prüfen, zumindest verdächtig, wenn nicht ein absichtlicher Versuch, mit den Leichen im Keller davon zu kommen.

Was also ist wirklich in der WDR-Studie, die Infratest Dimap durchgeführt hat, herausgekommen? Was wurde gefragt? Und was kann man auf Basis der Ergebnisse tatsächlich über die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aussagen?

Beginnen wir mit einer dieser Junk-Fragen, die sich seit Jahrzehnten in den entsprechenden Umfragen finden und von denen auch nach Jahrzehnten niemand weiß, was damit gemessen wird. Die Ergebnisse, die wir nun präsentieren, stammen alle von Infratest Dimap. Wenn man wissen will, was der WDR mit dem Geld der Gebührenzahler anstellt, dann muss man bei Infratest suchen, nicht beim WDR…

“In Deutschland gibt es viele und unterschliche Medienangebote …”, so beginnt die Frage, die die Befragten auffordert anzugeben, ob sie die “Informationen in den deutschen Medien alles in allem für glaubwürdig oder nicht glaubwürdig halten”. 33 Prozent der Befragten, das sind ein Drittel der Befragten, halten die Informationen, die ihnen von deutschen Medien geliefert werden, für nicht glaubwürdig. Das ist das eigentliche Ergebnis hier. Aber was sagt dieses Ergebnis aus? Was ist Gegenstand der Frage? Was sind “deutsche Medien”? Woran denken Befragte, wenn sie eine Frage zu deutschen Medien beantworten? Denken Sie an die ARD? An Tichy’s Einblick? An den Schwarzwälder Boten? Unter Umfrageforschern sind derartig allgemeine Einstiegsfragen sehr beliebt, wenngleich keiner von ihnen die Frage, was damit gemessen wurde, beantworten kann. Es ist, wie ein altgedienter Sozialforscher einst zu Dr. Diefenbach gesagt hat: “Ja, Sie haben Recht. Die Frage misst nichts. Aber wir stellen diese Frage seit mehreren Jahrzehnten und habe so eine schöne Zeitreihe.” Die vorliegende Frage ist einfach nur ein Dokument für diese Art von Fragen-Fetischismus.



Die im Fragebogen wohl unmittelbar folgende Frage lautet: “Ich nenne Ihnen jetzt einige Medien. Sagen Sie mir bitte jeweils, ob sie diese für glaubwürdig oder weniger glaubwürdig halten”. Im Giftschrank der empirischen Sozialforschung findet sich diese Art von Fragen unter der Rubrik “Suggestivfragen” und hier in der Unterkategorie: Wie generiere ich die gewünschte Antwort – in diesem Fall – eine gewünschte Zustimmung? Wenn Sie wollen, dass die positive Antwortkategorie am stärksten besetzt ist, dann müssen Sie einfach nur das logische Äquivalent zur positiven Alternative streichen und durch eine Abstufung der positiven Alternative ersetzen. Das suggeriert, dass es eigentlich nur positive Bewertungen gibt, “Glaubwürdigkeit” in diesem Fall und dass es nur darum geht, die Glaubwürdigkeit abzustufen. Eine äquivalente Frage wäre: Wie finden Sie die Arbeit der Bundesregierung? “Gut”, “weniger gut”. Die korrekte Alternative wäre: “schlecht”. Allein die Auslassung des negativen Pols generiert schon ein Mehr an Zustimmung. Nun muss man noch sicherstellen, dass die Zustimmung auf da anfällt, wo man sie haben will. Das funktioniert über allgemeine Kategorien, die es erlauben, alles und nichts darunter zu ordnen: öffentlich-rechtliche Radiosender, öffentlich-rechtliche Fernsehsender und es geschieht darüber, dass Äpfel mit Birnen verglichen werden.

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Allgemeine Kategorien: (1) Ich halte das ZDF für einen Schmierensender, der vollkommen unglaubwürdig ist. Aber ich will SWR, NDR und WDR nicht Unrecht tun, also sage ich “öffentlich-rechtliche Fernsehsender” seien weniger glaubwürdig. (2) Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender haben gute und schlechte Sendungen. Ich sehe nur die guten Sendungen und schon deshalb, weil ich eine Wahl getroffen habe, sind die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender glaubwürdig. Mit dieser allgemeinen Kategorisierung misst man alles, nur keine Glaubwürdigkeit einzelner Medien.

Und weil das nicht reicht, werden Äpfel mit Birnen verglichen. Für wie glaubwürdig halten Sie Facebook, YouTube, Twitter? Das ist wohl die dämlichste Frage, die wir je gesehen haben, und wir haben einiges an dämlichen Fragen gesehen. Was ist Facebook? Was ist Twitter? Twitter und Facebook haben weltweit Milliarden Nutzer. Jeder dieser Nutzer verbreitet am Tag einige Tweets. Ein Teil der Tweets ist falsch, ein anderer Teil richtig. Wie kann man die generelle Glaubwürdigkeit einer Plattform bewerten lassen? Für wie glaubwürdig halten sie die Stadtwerke Bad Dürkheim? Wie glaubwürdig sind die deutschen Hotels? Wie glaubwürdig sind deutsche Fussballstadien. Twitter und Facebook sind Utilities, Anbieter von Serviceleistungen, es sind keine Medien. Das Medium “Twitter” gibt es so wenig wie das Medium Facebook. Was also misst die Frage unten? Sie misst, ob das öffentliche Einprügeln auf Twitter und Facebook erfolgreich war, und die Reputation der beiden Plattformen gelitten hat. Mehr nicht. Die Krönung der Manipulation findet sich in der Tatsache, dass explizit nach den “Internetangeboten öffentlich-rechtlicher Sender” gefragt wird. Wo befindet sich denn ein Teil dieser Angebote? Auf Twitter? Auf Facebook? Wenn die öffentlich-rechtlichen Internetangebote sich auch auf Twitter und Facebook finden, was bedeutet es dann für diese Angebote, dass nur 7% der Befragten Twitter und Facebook als “glaubwürdig” bewerten? Es ist eben alles Humbug und Unterschlagung, aber dazu kommen wir noch.

Jucheisa, die Hauptinformationsquellen für mehr als die Hälfte der Befragten zum politischen Geschehen sind die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das ist kein Wunder, wenn man fast nur nach öffentlich-rechtlichen Angeboten fragt.

Es ist Zeit darauf hinzuweisen, dass Infratest Dimap den Fragebogen, der dieser Suggestiv-Umfrage zugrunde liegt, nicht veröffentlicht hat. Deshalb müssen wir hier aus den vorhandenen Informationen rekonstruieren, was tatsächlich getan wurde. Offenkundig gibt es eine Frage, die der Frage oben vorausgeschaltet ist, in der Befragten angeben, ob sie verschiedene Quellen nutzen, um sich zu informieren. Dann werden alle oder nur die Befragten, die mehrere Informationsquellen nutzen, gefragt, welche Quelle, sie als Hauptquelle nutzen, “um sich über das politische Geschehen zu informieren”.  Die Liste, die den Befragten vorgelegt wird, enthält ausschließlich MS-Medien und enthält ansonsten nichtssagende Kategorien wie “soziale Netzwerke” oder “Internet allgemein”. Abermals ist der Versuch, ein möglichst positives Ergebnis für öffentlich-rechtliche Medien und ihre Hauptmarken “Tagesschau” und “heute journal”, an die viele denken werden, wenn sie eine solche Frage präsentiert bekommen, zu produzieren, unübersehbar. Was käme wohl heraus, wenn man direkt fragen würde: Wo informieren Sie sich hauptsächlich über das politische Geschehen und die Frage offen stellen würde, also ohne die Vorgaben, die oben stehen?



Mit Sicherheit ein ganz anderes Ergebnis. So wie dann, wenn die Frage nicht eine Pseudo-Liste im Bemühen präsentieren würde, um die Markenvorteile aus mehr als 60 Jahren Fernsehen zu nutzen, sondern explizit nach direkter Konkurrenz von Tagesschau und heute Journal, nach RTL aktuell, der Achse des Guten, Tichy’s Einblick, Spiegel-Online usw. fragen würde, ein ganz anderes Ergebnis am Ende stehen würde. Die Befragung von Infratest Dimap im Auftrag des WDR ist von Anfang bis Ende der Versuch, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit dem Anschein von Glaubwürdigkeit und Nachfrage zu versehen.

Dass es ausschließlich darum geht, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk positiv darzustellen, zeigt das Ergebnis, das in der Jubelmeldung des WDR über die Befragung unterschlagen oder vergessen oder übersehen wird.

Tatsächlich handelt es sich bei der folgenden Aussage um eine bewusste Täuschung:

“Dass es politische Vorgaben für die Berichterstattung der Medien gibt, vermutet gut ein Drittel der Befragten (35 Prozent) – drei Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr und damit der niedrigste Wert seit Beginn der Studienreihe.”

Täuschung deshalb, weil ein wesentliches Detail unterschlagen wird, das die Aussage revidiert:
Der Anteil derjenigen, die nicht glauben, dass es politische Vorgaben gibt, mag zwar um 3 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr gesunken sein. Der Anteil unter denen, die glauben, dass es politische Vorgaben gibt und die sagen, dass es diese Vorgaben für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt, ist aber um 4 Prozentpunkte gestiegen.

Wie seltsam, dass der WDR in seiner Pressemeldung vergisst, darauf hinzuweisen. Und weil dieses kleine, aber feine Ergebnis unterschlagen wurde, ist die Hypothese, dass die Umfrage eine Übung in Herbeimanipulation positiver Lichtstrahlen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist, gerade bestätigt. Dass es einzig darum geht, Jubel über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu suggerieren, zeigt auch die Art und Weise, in der die Ergebnisse präsentiert werden. Das wird sehr deutlich, wenn man fragt, was der Nutzen dieser Umfrage sein soll, wenn nicht Jubel herbei zu manipulieren. Normalerweise macht man eine solche Umfrage, um z.B. Hinweise darauf zu gewinnen, wo das eigene Angebot verbessert werden kann, wo Probleme bestehen, was kritisiert wird. Eine solche Umfrage hat nur dann einen materiellen Zweck, wenn daraus eine Verbesserung des Programms resultiert. Aber: Beim Auftraggeber WDR ist man ganz offensichtlich der Überzeugung, bereist das beste aller möglichen Programme zu verbreiten. Die Umfrage ist daher vergleichbar mit dem Schild “Applaus”, das dem Publikum vorgehalten wird, damit es klatscht. Es ist eine Übung in Eitelkeit, die sich gerne in fabrizierten Umfrageergebnissen sonnt.

Wir haben für solche Umfragen eine eigene Bezeichnung: JUNK-Umfrage.



Öffentlich-rechtliche Medien manipulieren.
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